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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 7 Minuten

Tatort Graz: Der FPÖ-Krimi ohne Schluss – ein Überblick

Seit Herbst 2021 wächst der Gra­zer FPÖ-Finanz­skan­dal in alle Rich­tun­gen: Excel-Leaks, Maul­wür­fe, Bur­schen­schaf­ten, Crys­tal Meth, Spe­sen­kon­ten, ein Toter und eine zähe Jus­tiz. Weil sich längst kaum noch jemand in dem FPÖ-Kri­mi-Gewirr aus­kennt, hier ein straf­fer Überblick.

24. Apr. 2026
FPÖ Graz Parteizentrale (© SdR)
FPÖ Graz Parteizentrale (© SdR)

Der erste Knall

Der Anfangs­knall im FPÖ-Kri­mi kam mit einem Wahl­er­geb­nis. Die Gra­zer FPÖ ver­lor bei der Gemein­de­rats­wahl 2021 5,25 Pro­zent­punk­te und flog aus der Stadt­re­gie­rung. Wenig spä­ter lan­de­ten Screen­shots von Excel-Datei­en aus der Klub-Buch­hal­tung bei Medi­en – auch bei Stoppt die Rech­ten. In den Tabel­len stan­den auf­fäl­li­ge Zah­lun­gen an den Ex-Vize­bür­ger­meis­ter Mario Eustac­chio, Zubro­te für den Ex-Klub­chef Armin Sip­pel, Zuschüs­se für Aus­lands­rei­sen und selt­sa­me Geld­flüs­se an diver­se, vor allem bur­schen­schaft­li­che Vereine.

Eustac­chio soll sich allein 2019 zusätz­lich zu sei­nem Gehalt rund 50.000 Euro aus Par­tei- und Klub­geld ver­schafft haben. Sip­pel soll über Jah­re hin­weg ein monat­li­ches Zubrot über den par­tei­na­hen Ver­lags­ver­ein erhal­ten haben; dazu kamen wei­te­re Buchungs­ver­mer­ke für „For­schungs­ar­beit“, poli­ti­sche Bera­tung und Reprä­sen­ta­ti­on. Aus der Wahl­nie­der­la­ge wur­de bin­nen weni­ger Tage ein FPÖ-Kri­mi mit Ver­dacht auf sys­te­ma­ti­schen Griff in Kas­sen, die aus öffent­li­chem Geld gespeist wur­den. Eustac­chio und Sip­pel nah­men ihren Hut, der ers­te sang- und klang­los, Sip­pel mit der Bemer­kung: „So viel Bru­ta­li­tät hält auch der stärks­te Cha­rak­ter nicht aus.“

Zwei Hauptakteure im FPÖ-Krimi: Mario Eustacchio und Armin Sippel (Screenshot Steiermark 1-TV, 2012)
Zwei Haupt­ak­teu­re im FPÖ-Kri­mi: Mario Eustac­chio und Armin Sip­pel (Screen­shot Stei­er­mark 1‑TV, 2012)

Die Selbstanzeige und die Suche nach dem Maulwurf

Nach dem Leak folg­te Mat­thi­as Eder mit einer Selbst­an­zei­ge. Der dama­li­ge Finanz­re­fe­rent und Klub­di­rek­tor gab an, über Jah­re Gel­der ver­un­treut zu haben, und hin­ter­leg­te 700.000 Euro als Rück­zah­lung. Die Selbst­an­zei­ge brach­te kei­ne Ruhe, denn par­al­lel stand längst der Ver­dacht im Raum, dass die Affä­re mehr als einen Mann betraf. Sogar der anony­me Hin­weis­ge­ber mel­de­te sich spä­ter mit der Fra­ge, war­um Eustac­chio und Sip­pel wei­ter gedeckt würden.

Par­tei­in­tern begann bald die fie­ber­haf­te Suche nach der undich­ten Stel­le. Der Kon­flikt um den dama­li­gen FPÖ-Gemein­de­rat Roland Lohr, den der eige­ne Gemein­de­rats­klub aus­schloss, weil er ver­schwie­gen hat­te, Klub-Finanz­re­fe­rent und Rech­nungs­prü­fer eines begüns­tig­ten Ver­ei­nes gewe­sen zu sein, ufer­te aus, indem die FPÖ-Spit­ze ihrer­seits fast alle Mit­glie­der des Gemein­de­rats­klub ausschloss.

Der durch Eustac­chi­os und Sip­pels Abgang zum Klub­chef auf­ge­rück­te Alexis Pas­cut­ti­ni und ande­re bil­de­ten danach den „Kor­rup­ti­ons­frei­en Gemein­de­rats­klub“ (KFG). Erst Jah­re spä­ter soll­te Pas­cut­ti­ni in einer Ein­ver­nah­me offen­ba­ren, dass er der anony­me Whist­le­b­lower gewe­sen ist – bei der Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung hät­ten ihm enge Ver­trau­te des heu­ti­gen Lan­des­haupt­manns Mario Kuna­sek gehol­fen. Damit bekam die Geschich­te ihren zwei­ten Täter­kreis: nicht nur jene, gegen die ermit­telt wird, son­dern auch jene, die Inter­na nach drau­ßen tru­gen, Unter­la­gen kopier­ten und die Stadt­par­tei damit in den Abgrund rissen.

Die Justizspur und ein Toter

Auch die Jus­tiz spielt in die­ser Cau­sa eine Haupt­rol­le. Zuerst ermit­tel­te die Staats­an­walt­schaft Graz. Nach rund einem Jahr muss­te sie das gesam­te Ver­fah­ren wegen Befan­gen­heit nach Kla­gen­furt abtre­ten. Aber auch dort gin­gen die Ermitt­lun­gen nur schlep­pend vor­an. Damit nicht genug: Ein enger Mit­ar­bei­ter aus Eustac­chi­os Büro, der an einer Schalt­stel­le der Finanz­trans­fers saß, sui­zi­dier­te sich im April 2024. Er wur­de zuvor nie ein­ver­nom­men, erst nach sei­nem Tod folg­ten in sei­nem Anwe­sen Raz­zia und Sicher­stel­lung von Unterlagen.

Ab Herbst 2024 kam etwas mehr Bewe­gung in der Cau­sa: Die bis­her zustän­di­ge Staats­an­wäl­tin wech­sel­te von Kla­gen­furt ins Minis­te­ri­um nach Wien, ein ande­rer Staats­an­walt über­nahm das Verfahren.

Seitenarme der Causa

2023 saß ein naher Ver­wand­ter des dama­li­gen Gra­zer FPÖ-Chefs Axel Kas­seg­ger wegen des Ver­dachts auf Crys­tal-Meth-Pro­duk­ti­on in Unter­su­chungs­haft. Er war selbst Par­tei­mit­glied, Dele­gier­ter beim Stadt­par­tei­tag 2022 und gehör­te, sogar als Obmann, der­sel­ben Bur­schen­schaft an, die in Graz als FPÖ-Kader­schmie­de gilt. Für sei­ne Dro­gen­ge­schäf­te kas­sier­te er fünf Jah­re Frei­heits­stra­fe. Gleich­zei­tig lie­fen Ermitt­lun­gen wegen mut­maß­lich mil­lio­nen­schwe­ren Kryp­to-Betrugs: 3,7 Mil­lio­nen Euro an Inves­to­ren­gel­dern sol­len in einen Fonds in der Kari­bik ver­schwun­den sein.

Ein ande­rer Sei­ten­arm führ­te zu Roland Lohr. Bei ihm wur­den tau­sen­de Datei­en mit offen­kun­dig natio­nal­so­zia­lis­ti­schem Hin­ter­grund gefun­den. Spä­ter wur­de bekannt, dass mehr als 24.000 por­no­gra­fi­sche Bild­da­tei­en, dar­un­ter 353 Datei­en mit sexu­al­be­zo­ge­nem Kin­des­miss­brauch, bei ihm auf­ge­stö­bert wur­den. Er wur­de dafür zu einer beding­ten Haft- und einer unbe­ding­ten Geld­stra­fe verurteilt.

Der Würstelstand, das Spesenkonto und Drohungen

Im Früh­jahr 2024 leg­te ein mit­ge­schnit­te­nes Würs­tel­stand-Gespräch eine Sze­ne frei, die in jedem Kri­mi kurz vor dem Schluss kom­men wür­de. Eder, der von eini­gen Mit­glie­dern des KFG zu spä­ter Stun­de in illu­mi­nier­tem Zustand am Gra­zer Haupt­platz ange­trof­fen wur­de, sag­te sinn­ge­mäß, er habe für die ande­ren den Kopf hin­ge­hal­ten und kön­ne unmög­lich allein 700.000 Euro genom­men haben. Sei­ne Würs­tel­stand-Geständ­nis­se wider­rief er, sein Anwalt leg­te das Man­dat nieder.

Dann wur­den neue Details zu Eustac­chi­os Spe­sen­kon­to öffent­lich. Es sol­len von dort 32.497,44 Euro allei­ne für Wein­ein­käu­fe weg­ge­gan­gen sein. Dazu kamen wei­te­re dubio­se Aus­ga­ben, ein struk­tu­rel­les Defi­zit und Ein­zah­lun­gen unbe­kann­ter Her­kunft. Über das Kon­to lie­fen auch Zuwen­dun­gen an rechts­extre­me Pro­jek­te. Im Jän­ner 2025 folg­te ein steu­er­li­ches „Miss­ver­ständ­nis“: Eustac­chio hat­te Aus­ga­ben in Steu­er­erklä­run­gen gel­tend gemacht, die bereits über das Spe­sen­kon­to rück­ver­rech­net wor­den waren. Sei­ne Erklä­rung lau­te­te, es habe ein „Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­blem“ mit dem Steu­er­be­ra­ter gegeben.

Ausgaben Spesenkonto Eustacchio (Zusammenstellung rechtsextreme Projekte SdR)
Aus­ga­ben Spe­sen­kon­to Eustac­chio (Zusam­men­stel­lung rechts­extre­me Pro­jek­te SdR)

2025 mel­de­te Pas­cut­ti­ni gegen sich gerich­te­te Dro­hun­gen: ein durch­ge­schnit­te­ner Ölschlauch, eine mani­pu­lier­te Haus­tür, zwei Gewehr­pa­tro­nen vor der Tür. Im März 2026 wur­de ein von der Staats­an­walt­schaft Kla­gen­furt beauf­trag­tes neu­es Gut­ach­ten zu den Finanz­flüs­sen publik: Der Gut­ach­ter orte­te Bar­ein­zah­lun­gen auf Kon­ten von Eder, Eustac­chio und Sip­pel, deren Her­kunft unklar blie­ben, Hin­wei­se auf Ver­schleie­rungs­be­mü­hun­gen und ver­nich­te­te Doku­men­te. Kurz dar­auf gerie­ten auch die Süd­ame­ri­ka-Rei­sen eini­ger Gra­zer FPÖ-Funk­tio­nä­re nach Para­gu­ay, Argen­ti­ni­en, Pana­ma und Chi­le ins Visier, die laut Pas­cut­ti­ni aus­schließ­lich pri­va­ten Cha­rak­ter gehabt haben sol­len, aber mög­li­cher­wei­se aus der Klub­kas­se mit­fi­nan­ziert wurden.

Der endlose FPÖ-Krimi

Vier­ein­halb Jah­re nach dem Leak ist nun zwar klar, wer den Gra­zer Par­tei­mist an Staats­an­walt­schaft und Medi­en ver­ra­ten hat, ein Ende des Kri­mis mit Ankla­gen und Pro­zes­sen ist aber noch immer nicht in Sicht. Eines ist zumin­dest fix: Im Juni wird in Graz ein neu­er Gemein­de­rat gewählt, und der als Par­tei­frei­er 2024 in den Gemein­de­rat zurück­ge­kehr­te Mario Eustac­chio wird als Poli­ti­ker Geschich­te sein.

Für alle straf­recht­lich rele­van­ten Vor­wür­fe gilt die Unschuldsvermutung!

Stoppt die Rechten bisher über den Grazer FPÖ-Krimi:

2021:
➡️ Sip­pel & Eustac­chio: So viel Brutalität!
➡️ FPÖ Graz (Teil 1): Sip­pel und sein selt­sa­mer Verlagsverein
➡️ FPÖ Graz (Teil 2): Die unbe­kann­ten blau­en Vereine
➡️ FPÖ Graz (Teil 3): Schwamm drüber?
➡️ FPÖ Graz (Teil 4): Tote, Sucht & Forschungen?
➡️ Graz-Her­ma­gor: zwei blaue Abgänge
➡️ FPÖ Graz: Ver­rä­ter gesucht

2022:
➡️ FPÖ Graz: schwar­zes Loch in der blau­en Par­tei­kas­se wird immer größer
➡️ FPÖ Graz auf alten Pfaden
➡️ Wenn die blau­en Fet­zen fliegen
➡️ Der Tod der Gra­zer FPÖ
➡️ FPÖ Graz: Never ending Ausschlüsse
➡️ Graz: Frei­heit­li­che sehr einsam
➡️ FPÖ Graz (II): Raz­zia mit NS-Fund

2023:
➡️ FPÖ Graz: Brau­ne Fun­de und „Nicht ohne mein Handy“
➡️ FPÖ-Stei­er­mark: Ermitt­lun­gen gegen den Landesparteiobmann
➡️ Stei­er­mark: Land­tag beschließt Auf­he­bung der Immu­ni­tät von FP-Chef Mario Kunasek
➡️ FPÖ Stmk: Neue Vor­wür­fe in der Cau­sa Finanzskandal
➡️ Crys­tal Meth, Kryp­to-Betrug und die Gra­zer FPÖ
➡️ Graz: Gut­ach­ten zu FPÖ-Finanzskandal

2024:
➡️ Brau­ne Lite­ra­tur bei Gra­zer Ex-FPÖ­ler gefunden
➡️ Graz-Kla­gen­furt: MKÖ zum Gra­zer FPÖ-Finanz­af­fä­re: „Jeder Anschein von Ver­schlep­pung wäre fatal“
➡️ Gra­zer FPÖ in Bredouille
➡️ FPÖ Graz: Lohr ging, Eustac­chio kam
➡️ FPÖ Graz: Würs­tel­stand-Geständ­nis­se und ein Todesfall
➡️ FPÖ Graz: Haus­durch­su­chung bei totem Blauen
➡️ Der sexu­ell auf­fäl­li­ge Ex-FPÖ-Gemeinderat
➡️ Graz: Die ewi­ge FPÖ-Finanzaffäre
➡️ Stmk: Etwas Bewe­gung in FPÖ-Finanzaffäre
➡️ Mario Eustac­chi­os Spe­sen­kon­to: Ali­men­tie­rung von rechts­extre­men Projekten
➡️ FPÖ Stmk: Mehr im Finanz­skan­dal Beschul­dig­te als Frau­en im Landtag
➡️ Graz: Eustac­chi­os Miss­ver­ständ­nis, Finanz­be­schlüs­se und ein Doppelmandatar

2025:
➡️ Graz-Kla­gen­furt: Staats­an­walt­schaft will gegen FPÖ-Land­tags­prä­si­den­ten ermitteln
➡️ Graz: Dro­hun­gen gegen Gemein­de­rat Alexis Pascuttini

2026:
➡️ Graz-Kla­gen­furt: Gut­ach­ten in der Gra­zer FPÖ-Finanz­af­fä­re: Fol­low the money!
➡️ Graz-Kla­gen­furt: Ermitt­lun­gen wegen Süd­ame­ri­ka-Rei­sen der FPÖ
➡️ Die Maul­wür­fe aus der FPÖ Graz

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Schlagwörter: FPÖ | Korruption/Betrug/Untreue | Missbrauch/Missbrauchsdarstellungen | Steiermark

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