Der erste Knall
Der Anfangsknall im FPÖ-Krimi kam mit einem Wahlergebnis. Die Grazer FPÖ verlor bei der Gemeinderatswahl 2021 5,25 Prozentpunkte und flog aus der Stadtregierung. Wenig später landeten Screenshots von Excel-Dateien aus der Klub-Buchhaltung bei Medien – auch bei Stoppt die Rechten. In den Tabellen standen auffällige Zahlungen an den Ex-Vizebürgermeister Mario Eustacchio, Zubrote für den Ex-Klubchef Armin Sippel, Zuschüsse für Auslandsreisen und seltsame Geldflüsse an diverse, vor allem burschenschaftliche Vereine.
Eustacchio soll sich allein 2019 zusätzlich zu seinem Gehalt rund 50.000 Euro aus Partei- und Klubgeld verschafft haben. Sippel soll über Jahre hinweg ein monatliches Zubrot über den parteinahen Verlagsverein erhalten haben; dazu kamen weitere Buchungsvermerke für „Forschungsarbeit“, politische Beratung und Repräsentation. Aus der Wahlniederlage wurde binnen weniger Tage ein FPÖ-Krimi mit Verdacht auf systematischen Griff in Kassen, die aus öffentlichem Geld gespeist wurden. Eustacchio und Sippel nahmen ihren Hut, der erste sang- und klanglos, Sippel mit der Bemerkung: „So viel Brutalität hält auch der stärkste Charakter nicht aus.“

Die Selbstanzeige und die Suche nach dem Maulwurf
Nach dem Leak folgte Matthias Eder mit einer Selbstanzeige. Der damalige Finanzreferent und Klubdirektor gab an, über Jahre Gelder veruntreut zu haben, und hinterlegte 700.000 Euro als Rückzahlung. Die Selbstanzeige brachte keine Ruhe, denn parallel stand längst der Verdacht im Raum, dass die Affäre mehr als einen Mann betraf. Sogar der anonyme Hinweisgeber meldete sich später mit der Frage, warum Eustacchio und Sippel weiter gedeckt würden.
Parteiintern begann bald die fieberhafte Suche nach der undichten Stelle. Der Konflikt um den damaligen FPÖ-Gemeinderat Roland Lohr, den der eigene Gemeinderatsklub ausschloss, weil er verschwiegen hatte, Klub-Finanzreferent und Rechnungsprüfer eines begünstigten Vereines gewesen zu sein, uferte aus, indem die FPÖ-Spitze ihrerseits fast alle Mitglieder des Gemeinderatsklub ausschloss.
Der durch Eustacchios und Sippels Abgang zum Klubchef aufgerückte Alexis Pascuttini und andere bildeten danach den „Korruptionsfreien Gemeinderatsklub“ (KFG). Erst Jahre später sollte Pascuttini in einer Einvernahme offenbaren, dass er der anonyme Whistleblower gewesen ist – bei der Informationsbeschaffung hätten ihm enge Vertraute des heutigen Landeshauptmanns Mario Kunasek geholfen. Damit bekam die Geschichte ihren zweiten Täterkreis: nicht nur jene, gegen die ermittelt wird, sondern auch jene, die Interna nach draußen trugen, Unterlagen kopierten und die Stadtpartei damit in den Abgrund rissen.
Die Justizspur und ein Toter
Auch die Justiz spielt in dieser Causa eine Hauptrolle. Zuerst ermittelte die Staatsanwaltschaft Graz. Nach rund einem Jahr musste sie das gesamte Verfahren wegen Befangenheit nach Klagenfurt abtreten. Aber auch dort gingen die Ermittlungen nur schleppend voran. Damit nicht genug: Ein enger Mitarbeiter aus Eustacchios Büro, der an einer Schaltstelle der Finanztransfers saß, suizidierte sich im April 2024. Er wurde zuvor nie einvernommen, erst nach seinem Tod folgten in seinem Anwesen Razzia und Sicherstellung von Unterlagen.
Ab Herbst 2024 kam etwas mehr Bewegung in der Causa: Die bisher zuständige Staatsanwältin wechselte von Klagenfurt ins Ministerium nach Wien, ein anderer Staatsanwalt übernahm das Verfahren.
Seitenarme der Causa
2023 saß ein naher Verwandter des damaligen Grazer FPÖ-Chefs Axel Kassegger wegen des Verdachts auf Crystal-Meth-Produktion in Untersuchungshaft. Er war selbst Parteimitglied, Delegierter beim Stadtparteitag 2022 und gehörte, sogar als Obmann, derselben Burschenschaft an, die in Graz als FPÖ-Kaderschmiede gilt. Für seine Drogengeschäfte kassierte er fünf Jahre Freiheitsstrafe. Gleichzeitig liefen Ermittlungen wegen mutmaßlich millionenschweren Krypto-Betrugs: 3,7 Millionen Euro an Investorengeldern sollen in einen Fonds in der Karibik verschwunden sein.
Ein anderer Seitenarm führte zu Roland Lohr. Bei ihm wurden tausende Dateien mit offenkundig nationalsozialistischem Hintergrund gefunden. Später wurde bekannt, dass mehr als 24.000 pornografische Bilddateien, darunter 353 Dateien mit sexualbezogenem Kindesmissbrauch, bei ihm aufgestöbert wurden. Er wurde dafür zu einer bedingten Haft- und einer unbedingten Geldstrafe verurteilt.
Der Würstelstand, das Spesenkonto und Drohungen
Im Frühjahr 2024 legte ein mitgeschnittenes Würstelstand-Gespräch eine Szene frei, die in jedem Krimi kurz vor dem Schluss kommen würde. Eder, der von einigen Mitgliedern des KFG zu später Stunde in illuminiertem Zustand am Grazer Hauptplatz angetroffen wurde, sagte sinngemäß, er habe für die anderen den Kopf hingehalten und könne unmöglich allein 700.000 Euro genommen haben. Seine Würstelstand-Geständnisse widerrief er, sein Anwalt legte das Mandat nieder.
Dann wurden neue Details zu Eustacchios Spesenkonto öffentlich. Es sollen von dort 32.497,44 Euro alleine für Weineinkäufe weggegangen sein. Dazu kamen weitere dubiose Ausgaben, ein strukturelles Defizit und Einzahlungen unbekannter Herkunft. Über das Konto liefen auch Zuwendungen an rechtsextreme Projekte. Im Jänner 2025 folgte ein steuerliches „Missverständnis“: Eustacchio hatte Ausgaben in Steuererklärungen geltend gemacht, die bereits über das Spesenkonto rückverrechnet worden waren. Seine Erklärung lautete, es habe ein „Kommunikationsproblem“ mit dem Steuerberater gegeben.

2025 meldete Pascuttini gegen sich gerichtete Drohungen: ein durchgeschnittener Ölschlauch, eine manipulierte Haustür, zwei Gewehrpatronen vor der Tür. Im März 2026 wurde ein von der Staatsanwaltschaft Klagenfurt beauftragtes neues Gutachten zu den Finanzflüssen publik: Der Gutachter ortete Bareinzahlungen auf Konten von Eder, Eustacchio und Sippel, deren Herkunft unklar blieben, Hinweise auf Verschleierungsbemühungen und vernichtete Dokumente. Kurz darauf gerieten auch die Südamerika-Reisen einiger Grazer FPÖ-Funktionäre nach Paraguay, Argentinien, Panama und Chile ins Visier, die laut Pascuttini ausschließlich privaten Charakter gehabt haben sollen, aber möglicherweise aus der Klubkasse mitfinanziert wurden.
Der endlose FPÖ-Krimi
Viereinhalb Jahre nach dem Leak ist nun zwar klar, wer den Grazer Parteimist an Staatsanwaltschaft und Medien verraten hat, ein Ende des Krimis mit Anklagen und Prozessen ist aber noch immer nicht in Sicht. Eines ist zumindest fix: Im Juni wird in Graz ein neuer Gemeinderat gewählt, und der als Parteifreier 2024 in den Gemeinderat zurückgekehrte Mario Eustacchio wird als Politiker Geschichte sein.
Für alle strafrechtlich relevanten Vorwürfe gilt die Unschuldsvermutung!
Stoppt die Rechten bisher über den Grazer FPÖ-Krimi:
2021:
➡️ Sippel & Eustacchio: So viel Brutalität!
➡️ FPÖ Graz (Teil 1): Sippel und sein seltsamer Verlagsverein
➡️ FPÖ Graz (Teil 2): Die unbekannten blauen Vereine
➡️ FPÖ Graz (Teil 3): Schwamm drüber?
➡️ FPÖ Graz (Teil 4): Tote, Sucht & Forschungen?
➡️ Graz-Hermagor: zwei blaue Abgänge
➡️ FPÖ Graz: Verräter gesucht
2022:
➡️ FPÖ Graz: schwarzes Loch in der blauen Parteikasse wird immer größer
➡️ FPÖ Graz auf alten Pfaden
➡️ Wenn die blauen Fetzen fliegen
➡️ Der Tod der Grazer FPÖ
➡️ FPÖ Graz: Never ending Ausschlüsse
➡️ Graz: Freiheitliche sehr einsam
➡️ FPÖ Graz (II): Razzia mit NS-Fund
2023:
➡️ FPÖ Graz: Braune Funde und „Nicht ohne mein Handy“
➡️ FPÖ-Steiermark: Ermittlungen gegen den Landesparteiobmann
➡️ Steiermark: Landtag beschließt Aufhebung der Immunität von FP-Chef Mario Kunasek
➡️ FPÖ Stmk: Neue Vorwürfe in der Causa Finanzskandal
➡️ Crystal Meth, Krypto-Betrug und die Grazer FPÖ
➡️ Graz: Gutachten zu FPÖ-Finanzskandal
2024:
➡️ Braune Literatur bei Grazer Ex-FPÖler gefunden
➡️ Graz-Klagenfurt: MKÖ zum Grazer FPÖ-Finanzaffäre: „Jeder Anschein von Verschleppung wäre fatal“
➡️ Grazer FPÖ in Bredouille
➡️ FPÖ Graz: Lohr ging, Eustacchio kam
➡️ FPÖ Graz: Würstelstand-Geständnisse und ein Todesfall
➡️ FPÖ Graz: Hausdurchsuchung bei totem Blauen
➡️ Der sexuell auffällige Ex-FPÖ-Gemeinderat
➡️ Graz: Die ewige FPÖ-Finanzaffäre
➡️ Stmk: Etwas Bewegung in FPÖ-Finanzaffäre
➡️ Mario Eustacchios Spesenkonto: Alimentierung von rechtsextremen Projekten
➡️ FPÖ Stmk: Mehr im Finanzskandal Beschuldigte als Frauen im Landtag
➡️ Graz: Eustacchios Missverständnis, Finanzbeschlüsse und ein Doppelmandatar
2025:
➡️ Graz-Klagenfurt: Staatsanwaltschaft will gegen FPÖ-Landtagspräsidenten ermitteln
➡️ Graz: Drohungen gegen Gemeinderat Alexis Pascuttini
2026:
➡️ Graz-Klagenfurt: Gutachten in der Grazer FPÖ-Finanzaffäre: Follow the money!
➡️ Graz-Klagenfurt: Ermittlungen wegen Südamerika-Reisen der FPÖ
➡️ Die Maulwürfe aus der FPÖ Graz
Unabhängige Recherche ermöglichen...
Jetzt unterstützen »


