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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 4 Minuten

Mélange KW 36/24 (Teil 1): Patent gegen den Möchtegern-Volkskanzler

In Öster­reich for­mie­ren sich lang­sam immer mehr Initia­ti­ven, um eine etwa­ige Regie­rungs­be­tei­li­gung der FPÖ zu ver­hin­dern. Die wohl bis­lang „krea­tivs­te” Akti­on hat ein Tiro­ler Künst­ler gesetzt, indem er das Wort „Volks­kanz­ler” für zehn Jah­re paten­tie­ren hat lassen.

9. Sep. 2024
Rückblick FPÖ
Rückblick FPÖ

Graz: Die ewige FPÖ-Finanzaffäre
Kickl kennt keine Rechtsextremen, und den „Volkskanzler“ kann er sich ins Tagebuch schmieren
FPÖ-Anzeige gegen Plattform „Demokratie Österreich“ abgewiesen
Team der „Burgtheater”-Produktion warnt vor der FPÖ

 

Graz: Die ewige FPÖ-Finanzaffäre

Neu­es tut sich in der Finanz­af­fä­re der Gra­zer FPÖ, die mitt­ler­wei­le eine der gesam­ten Lan­des­par­tei gewor­den ist. Die Gra­zer FPÖ-Spit­ze trat vor fast drei Jah­ren wegen des Ver­dachts um ver­un­treu­te Gel­der und dubio­se Geld­flüs­se zurück. Die Staats­an­walt­schaft Kla­gen­furt ermit­telt inzwi­schen gegen zehn Haupt- und 18 Neben­be­schul­dig­te, dar­un­ter Mario Kuna­sek, Lan­des­par­tei­chef und Spit­zen­kan­di­dat der FPÖ für die Land­tags­wahl. Ein Whist­le­b­lower aus den eige­nen Rei­hen brach­te die Affä­re ins Rol­len, gefolgt von einer Selbst­an­zei­ge des Klub­fi­nanz­re­fe­ren­ten. Die Gra­zer Staats­an­walt­schaft muss­te wegen Befan­gen­heit das gesam­te Ver­fah­ren nach einem Jahr nach Kla­gen­furt abtre­ten. Bis­her gab es nur in zwei Neben­ver­fah­ren Ankla­gen: Eine ende­te mit einer Diver­si­on, die ande­re mit einem nicht rechts­kräf­ti­gen Schuld­spruch.

Ein enger Mit­ar­bei­ter im Vize­bür­ger­meis­ter­bü­ro von Mario Eustac­chio, der sich im April das Leben nahm, wur­de nie ein­ver­nom­men, obwohl er qua­si an einer Schalt­stel­le der Finanz­trans­fers saß. Erst nach sei­nem Sui­zid wur­den eine Raz­zia durch­ge­führt und Unter­la­gen sicher­ge­stellt. Die Staats­an­walt­schaft erklär­te, dass die Kri­mi­nal­po­li­zei auf­grund begrenz­ter Resour­cen nicht recht­zei­tig ermit­teln hät­te können.

Ein wei­te­rer Mann, der bis ins Detail die­sel­be Funk­ti­on in Eustac­chi­os Büro inne­hat­te, aller­dings viel län­ger, soll auch erst jetzt ein­ver­nom­men wer­den. Dies habe man der „Kri­mi­nal­po­li­zei expli­zit ange­ord­net”. Am Diens­tag ergänz­te die Staatsanwalt[schaft] noch, dass die Ein­ver­nah­me des zwei­ten Man­nes, wie auch jene des Ver­stor­be­nen — bereits „am 18.05.2022 ange­ord­net” wur­de. Und: „Eine wei­te­re Anfor­de­rung erfolg­te am 24.04.2024 und eine Urgenz am 28.05.2024.” (derstandard.at, 3.8.24)

Auch das Land Stei­er­mark ist mitt­ler­wei­le auf die Idee gekom­men, sich dem Ver­fah­ren als Opfer anzu­schlie­ßen, was ermög­licht, För­der­gel­der zurück­zu­for­dern und Akten­ein­sicht zu erhalten.

Kickl kennt keine Rechtsextremen, und den „Volkskanzler“ kann er sich ins Tagebuch schmieren

Her­bert Kickl behaup­te­te in einem Inter­view auf Ser­vus TV, kei­ne Rechts­extre­men in Öster­reich und Deutsch­land zu ken­nen. Die Stan­dard-Jour­na­lis­tin Colet­te Schmidt zog dar­aus drei Schlüs­se: „Ers­tens, der Mann kommt nicht viel her­um; zwei­tens, er lei­det unter Gedächt­nis­schwä­che; oder drit­tens, er hält das Wahl­volk, des­sen ‚Volks­kanz­ler‘ er wer­den will, zum Narren.“

Wäh­rend­des­sen hat sich der Tiro­ler Kul­tur­ar­bei­ter David Prieth die Wort­mar­ke „Volks­kanz­ler” bis 2034 paten­tie­ren las­sen, um deren Nut­zung zu kon­trol­lie­ren. Prieth plant, gegen die Nut­zung des Begriffs durch die FPÖ vor­zu­ge­hen. Soll­te die FPÖ den Begriff etwa auf einem Pla­kat ver­wen­den, wür­de Prith dage­gen vorgehen.

Er wird sei­ne Mar­ken­rech­te gel­tend machen, die Ver­nich­tung der Pla­ka­te for­dern – oder finan­zi­el­le Ent­schä­di­gung für die Ver­let­zung sei­nes „geis­ti­gen Eigen­tums“: „Ich will nicht in einem Land leben, in dem Volks­kanz­ler-Pla­ka­te her­um­hän­gen. Wenn jemand das macht, dann bin das ich!“, erklärt David Prieth sein Vor­ge­hen im pro­fil-Inter­view. Dafür, dass die­ses Vor­ha­ben auch recht­lich gedeckt ist, hat der 36-Jah­ri­ge Ver­an­stal­ter aus Inns­bruck die ver­gan­ge­nen sechs Mona­te gekämpft – vor dem Patent­amt. (profil.at, 4.9.24)

Priths Ziel ist es, den Begriff mit sei­ner NS-Ver­gan­gen­heit zu kon­fron­tie­ren, ihn durch künst­le­ri­sche Aktio­nen umzu­co­die­ren und wie­der „in den Unter­grund zurück zu zwin­gen“ (pro­fil). Damit kann sich Kickl vor­erst den „Volks­kanz­ler“ in sein Tage­buch schmie­ren. Wenn Prieths Mar­ken­recht in zehn Jah­ren aus­läuft, könn­te ins­be­son­de­re ange­sichts des Talents der FPÖ, sich alle paar Jah­re selbst zu zer­le­gen, auch Kickl aus­ge­lau­fen sein.

FPÖ-Anzeige gegen Plattform „Demokratie Österreich“ abgewiesen

Die FPÖ hat zwei Kla­gen auf Unter­las­sung und eine Anzei­ge wegen angeb­li­cher NS-Ver­harm­lo­sung gegen die Anti-Volks­kanz­ler-Kam­pa­gne der Platt­form „Demo­kra­tie Öster­reich“ ein­ge­reicht. Der Grund war ein Video, in dem sich Her­bert Kickl lang­sam in Adolf Hit­ler verwandelt.

Die Anzei­ge wegen NS-Ver­harm­lo­sung wur­de abge­wie­sen, weil es die­se nicht gab, erklär­te er [gemeint ist Robert Lusch­nik, einer der Initia­to­ren der Kam­pa­gne, Anmk. SdR]. Lusch­nik erwähn­te auch, dass die Vide­os noch immer auf You­tube und ande­ren Platt­for­men zu sehen sind, da die FPÖ kei­ne einst­wei­li­ge Ver­fü­gung gegen die Vide­os vor Gericht ein­ge­bracht habe. Damit es vor der Wahl kei­ne „gericht­li­che Ent­schei­dung gibt”, ver­mu­tet Lusch­nik. (derstandard.at, 5.9.24)

Die Platt­form schickt nun einen Klein-LKW mit einer Video-Wall durch ganz Öster­reich. Dort sind drei Fra­gen an die FPÖ formuliert:

Und zwar, war­um sie den „his­to­risch belas­te­ten Begriff Volks­kanz­ler ver­wen­det, der unwei­ger­lich Asso­zia­tio­nen mit der NS-Zeit weckt”; war­um sich die FPÖ wei­ter­hin nicht von den rechts­extre­men Iden­ti­tä­ren distan­zie­re; und wann sie auf­hö­re, „Bibel­zi­ta­te für den Wahl­kampf” zu miss­brau­chen. (derstandard.at, 5.9.24)

Team der „Burgtheater”-Produktion warnt vor der FPÖ

In einem Gast­kom­men­tar im Stan­dard (3.9.24) war­nen Elfrie­de Jeli­nek, Mavie Hör­bi­ger, Bir­git Minich­mayr, Caro­li­ne Peters, Claus Phil­ipp und Milo Rau vor den dra­ma­ti­schen Fol­gen einer mög­li­chen FPÖ-Regie­rung in Österreich.

Die Frei­heit­li­che Par­tei und ihr „Volks­kanz­ler” for­dern einen sofor­ti­gen Stopp der „staat­li­chen Zwangs­ab­ga­ben” (sprich Sub­ven­tio­nen) für „woke Events” wie den Euro­pean Song Con­test und die Wie­ner Fest­wo­chen – nur ein beson­ders absur­der Punkt in einem Wahl­pro­gramm, das unter dem auf Joseph Goeb­bels’ „Fes­tung Euro­pa” anspie­len­den Titel „Fes­tung Öster­reich” die Umwand­lung der Repu­blik Öster­reich in eine Art Stän­de­staat 2.0 for­dert mit auto­ri­tä­rer Regie­rung und radi­kal-natio­na­lis­ti­scher „Öster­reich zuerst”-Ideologie. (derstandard.at)

Das Team kri­ti­siert die Gleich­gül­tig­keit der Kunst- und Kul­tur­sze­ne gegen­über die­sen Ent­wick­lun­gen und ruft dazu auf, der FPÖ kei­ne Stim­me zu geben, um die Demo­kra­tie und die frei­heit­li­che Gesell­schaft zu schützen.

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