Braune Winde im Bierzelt

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Am Urfah­ra­ner Markt in Linz haben sich am 1. Mai Hun­der­te blaue Fans und Funktionär*innen im Fest­zelt ver­sam­melt, um „ihm“ zuzu­ju­beln. Nach Hai­der und Stra­che ist er – und nur er – ihre neue Hoff­nung. Kickl! Und der roch es auf offe­ner Büh­ne: „Da liegt was Gro­ßes in der Luft. Es wird ein ande­rer Wind wehen in die­sem Land.“ Der Wind im Bier­zelt war zwar nicht groß, eher ziem­lich tief und roch sehr streng.

War­um sich die bei blau­en Fes­ti­vi­tä­ten wohl unver­meid­li­che John-Otti-Band als Intro aus­ge­rech­net den Song „Iko Iko“ aus­ge­sucht hat, weiß sie wohl sel­ber nicht. Ist auch bes­ser so. Sonst hät­ten sich eini­ge Anwe­sen­de wohl ver­kutzt, wenn sie gewusst hät­ten, dass da sehr viel Diver­si­tät drin­steckt: fran­zö­si­sches Kreo­lisch, Yoru­ba und Chick­a­saw – alles bunt gemischt!

Der fröh­li­che Song der Diver­si­tät konn­te den Mief der fol­gen­den zwei Stun­den den­noch nicht über­de­cken. Über die Rede von Micha­el Raml, Stadt­rat der FPÖ in Linz, schwei­gen wir gnä­dig. Ihm folg­te Man­fred Haim­buch­ner, ober­ös­ter­rei­chi­scher FPÖ-Chef und stell­ver­tre­ten­der Lan­des­haupt­mann, der medi­al als libe­ra­ler Kon­trapart von Kickl gehan­delt wird. Wohl um die­sen Ein­druck pein­lichst zu ver­mei­den, stimm­te der beken­nen­de Fan des Rechts­ter­ro­ris­ten Ernst von Salo­mon (den er in letz­ter Zeit als Lieb­lings­au­tor gegen Sahra Wagen­knecht getauscht hat) das Publi­kum mit sei­nen alle­go­ri­schen Jagd­vor­lie­ben ein: „Mir gen­gan immer auf Rot- und Schwarz­wild.“ Zur Drauf­ga­be gab’s noch den Tri­but an den Küh­nen-Gruß und Stra­che: „Drei Bier gen­gan immer.“

"Lieblingsautor" von Manfred Haimbuchner: früher Ernst von Salomon, jetzt Sahra Wagenknecht (Website Land Oberösterreich)

„Lieb­lings­au­tor” von Man­fred Haim­buch­ner: frü­her Ernst von Salo­mon, jetzt Sahra Wagen­knecht (Web­site Land Oberösterreich)

Schließ­lich offe­ne Het­ze gegen Trans­ves­ti­ten und LGBTIQ-Men­schen: „Wir müs­sen unse­re Kin­der schüt­zen vor die­ser LGBTIQ+-Gemeinde.“ Neben wei­te­ren Angrif­fen und Dro­hun­gen gegen Jour­na­lis­ten („sta­li­nis­tisch“) und den ORF („Euch wer’ma die Wadln no vüre­richtn“) der wei­ner­li­che Rück­zug in die Opfer­rol­le „Für die­se Aus­sa­gen wer­den wir wie­der dämo­ni­siert in der sta­li­nis­ti­schen Medi­en­welt.

Dann der beju­bel­te Auf­tritt von Kickl, der im fast immer­glei­chen Sing­sang Het­ze, Lügen und Bös­ar­tig­kei­ten sei­nen Fans zum Fraß vor­wirft. Dehu­ma­ni­sie­ren­de Het­ze ist es wohl, wenn er die Sozi­al­de­mo­kra­ten als „dege­ne­rier­te Gestal­ten“ und „Mond­ge­sich­ter“ titu­liert und ihnen einen „dege­ne­rier­ten und wohl­stands­ver­wahr­los­ten Sozia­lis­mus“ vor­wirft. Was ist es ande­res als het­ze­ri­scher Gei­fer, wenn er den Wie­ner Bür­ger­meis­ter Lud­wig beschul­digt, dass der es „so weit gebracht hat, dass ein Mör­der, der sei­nem Opfer Hän­de und Füße abge­hackt hat, noch immer frei her­um­läuft in Wien (…) so viel zum The­ma kul­tu­rel­le Berei­che­rung“?

Dann auch noch die ver­lo­ge­ne Unter­stel­lung gegen­über Andre­as Babler: „Mir haben ein paar Vogerl gezwit­schert, dass er bis vor gar nicht all­zu lan­ger Zeit in sei­nem Büro in Trais­kir­chen eine Büs­te von Sta­lin ste­hen gehabt hat.“ Aus­ge­rech­net wäh­rend die­ser Unter­stel­lung pfuscht die FPÖ-Bild­re­gie und bringt ganz groß den „Woi­fal“ ins Bild, der mit sei­nem Han­dy filmt und ein T‑Shirt mit dem Imprint „Fuck ORF“ trägt. Kommt er ins Bild, weil er ein Brau­ner ist? Oder weil er FPÖ-Mit­glied ist?

"Woiferl" N.: "Fuck ORF."

„Woi­ferl” N.: „Fuck ORF.”

Von der Bild­re­gie weiß Kickl, der sich wenig spä­ter selbst als „Volks­kanz­ler“ titu­liert, natür­lich nichts. Aber dass der Begriff „Volks­kanz­ler“ untrenn­bar mit Adolf Hit­ler ver­bun­den ist, das weiß er. Der hät­te auch ziem­lich sicher dem fal­schen Bild zuge­stimmt, das Kickl ver­wen­det, um den „Volks­kanz­ler“ zu defi­nie­ren: „Der dreht die Din­ge um (…) nach unten wird gedient, nach oben wird getre­ten.“ Die­se Vor­stel­lung vom Volks­kanz­ler war schon bei Hit­ler ver­lo­gen und kon­tra­fak­tisch. Sie wird auch bei Kickl nicht rich­ti­ger. Wer ist noch wei­ter „oben“ als der Chef einer Regierung?

"Volkskanzler Hitler spricht" (Ankündigung eines Hitler-Auftritts am 13.2.1933 in der Stadthalle Stuttgart)

„Volks­kanz­ler Hit­ler spricht” (Ankün­di­gung eines Hit­ler-Auf­tritts am 13.2.1933 in der Stadt­hal­le Stuttgart)

Dafür beant­wor­tet Kickl schon ein­mal die Fra­ge, wen er wohl tre­ten wür­de. Die Leu­te, die für eine Kli­ma­wen­de ein­tre­ten: „Die­se Leu­te gehö­ren ent­mün­digt – das wäre die rich­ti­ge Ant­wort.“ Und noch eine Grup­pe, die er tre­ten wür­de, benennt er mit einer abso­lut zyni­schen For­mu­lie­rung: „Wir ver­zich­ten auf die fal­sche Tole­ranz im Zusam­men­hang mit der Völ­ker­wan­de­rung.“ Da kommt dann auch der auto­ri­tä­re Vik­tor Orban als Vor­bild ins Spiel: „Machen wir’s dem Orban nach – bau­en wir die Fes­tung Öster­reich.“ Auch eine Ansa­ge an sei­nen poten­zi­el­len Koali­ti­ons­part­ner ÖVP gibt es von ihm: „Gar nichts wird mich unter Kon­trol­le bringen.“ Gut zu wissen.

"Heil und Sieg dem Volkskanzler" Bräuhaus, Gentzgasse Wien (1933; ÖNB)

„Heil und Sieg dem Volks­kanz­ler” Bräu­haus, Gentz­gas­se Wien (1933; ÖNB)

Pas­sen­des Stim­mungs­bild in den Chats
Par­al­lel zum fast zwei­stün­di­gen Video über die FPÖ- und Kickl-Fei­er am 1. Mai lief ein Live-Chat, mit dem sich erkun­den ließ, wie die poli­ti­sche Kund­schaft auf die Red­ner reagiert. Neben vie­len blau­en Her­zerln waren da auch sehr ein­deu­ti­ge Prä­fe­ren­zen zu lesen: „Deutsch­land braucht einen neu­en Öster­rei­cher!!“ (in Versalien)

 

Sehr ver­wandt damit auch die direkt an Kickl in wack­li­gem Deutsch gerich­te­te Bot­schaft: „Her­bert !! alles was nicht deutsch Öster­rei­cher ist Muss unser Land ver­las­sen, ohne wenn und aber.“

Aus Nord­rhein-West­fa­len die Reichs­be­schwö­rung: „WIR gehö­ren zusam­men, wir sind ALLE Deut­sche und MÜSSEN zusammenhalten!“

Wäh­rend drin­nen im win­di­gen Bier­zelt Kickl die Ein­heit und Geschlos­sen­heit der Frei­heit­li­chen beschwört und beju­belt, machen sich die drau­ßen im Chat schon ande­re Gedan­ken: „die fpö muss sich end­lich von nepp krauss hofer usw tren­nen“, for­dert Code­Wi­th­Joe, wäh­rend der „Brau­ne von Wels“ Haim­buch­ner kein Ver­trau­en schen­ken will, dafür aber den Kickl adelt: „Her­bert Kickl wür­de ich als Hoff­nungs­trä­ger bezeich­nen bei Herrn Heim­buch­ner bin ich ande­rer Meinung.“ 

Rechts­extre­me und Neo­na­zis sind zwar nicht ganz zufrie­den mit der FPÖ, aber doch ziem­lich. Sie feu­ern noch mit ande­ren Bot­schaf­ten an: „Weg mit den Sys­tem­par­tei­en“, „VDB weg­ki­ckeln!“ Anti­se­mi­tis­mus darf natür­lich auch nicht feh­len: „Sor­os gehö­ren 51% der Tele­fon­ge­sell­schaft A1 in AT, lei­der kein Wort dar­über von der FPÖ“, „der Rab­bi, der Mos­sad und der Mord an Jörg Hai­der auf YouTube“