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Neujahrsrede Herbert Kickl: eine AnalyseLesezeit: 4 Minuten

Der aus dem ober­ös­ter­rei­chi­schem Frei­stadt stam­men­de ehe­ma­li­ge Gym­na­si­al­leh­rer und Kaba­ret­tist Ernst Aigner hat Her­bert Kick­ls Rede, die der beim FPÖ-Neu­­jahrs­­­tre­f­­fen in Prem­stät­ten gehal­ten hat, unter die Lupe genom­men und eine sehr lesens­wer­te Ana­ly­se ver­fasst. Wir ver­öf­fent­li­chen sie mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Autors. Dank FPÖ-TV kann man Her­bert Kick­ls Rede vom 13. Jän­ner 2024 ein­ge­hend studieren. […]

21. Jan 2024
Herbert Kickl 26.9.23 NR (ORF, Hintergrund entfernt)
Herbert Kickl 26.9.23 NR (ORF, Hintergrund entfernt)

Dank FPÖ-TV kann man Her­bert Kick­ls Rede vom 13. Jän­ner 2024 ein­ge­hend stu­die­ren. Ich habe das gemacht. Ich woll­te ihm auf die Schli­che kom­men, ich dach­te, der Mann, der in allen Umfra­gen führt, müs­se doch etwas an sich haben, das die Mas­sen begeis­tert. Ich wur­de eines Schlech­te­ren belehrt. Sei­ne Rede war eine rhe­to­ri­sche Null­num­mer, eine lang­wei­li­ge Anein­an­der­rei­hung unzu­sam­men­hän­gen­der Ele­men­te, ver­bun­den nur durch den Can­tus fir­mus der Bös­ar­tig­keit, vor­ge­tra­gen in einem selt­sam beleh­ren­den, künst­lich-pathe­ti­schen Ton. Die inhalt­li­che Über­ra­schung kam ganz am Ende. Sie ist der Grund, war­um ich beschloss, die­sen Kom­men­tar zu schrei­ben. Doch der Rei­he nach!

Vokabeln der alten Nazis

Von Beginn an wer­den alle ande­ren Par­tei­en beschimpft, belei­digt, ver­ächt­lich gemacht. Kein Wort­spiel ist zu bil­lig („Bla­bla“ für Andre­as Babler), um Lacher zu gene­rie­ren, selbst vor der Ver­ächt­lich­ma­chung kör­per­li­cher Merk­ma­le („fet­te Spin­ne“ für Alfred Gus­en­bau­er) schreckt Kickl nicht zurück. Er wirft alle in einen Topf, Sys­tem genannt, nennt sie Pei­ni­ger, Unter­drü­cker, Anti-Öster­reich-Front und Lis­te-Volks­ver­rat. Voka­beln der alten Nazis (Volks­kanz­ler, Kampf gegen das Sys­tem) und der Neo­na­zis (Remi­gra­ti­on) gehen ihm locker von der Zun­ge: Het­ze in Reinkultur.

Kategorischer Superlativ als Stilmittel

Kei­ne Spur von poli­ti­scher Ana­ly­se, von Pro­blem­be­wusst­sein oder Weit­blick ange­sichts der vie­len Kri­sen in der Welt. Er kennt nur Extre­me, sein Stil­mit­tel ist der kate­go­ri­sche Super­la­tiv: Die ande­ren ste­hen für das Furcht­bars­te und Unfä­higs­te, die Sei­nen sind die edels­ten Wohl­tä­ter des Vol­kes. Was beson­ders komisch wirkt in Rich­tung des stei­ri­schen FPÖ-Chefs Kuna­sek. Den Mann, der bis zum Hals in Kor­rup­ti­ons­af­fä­ren steckt, adelt er zum „Erz­her­zog Johann 2.0“. Sei­ne eige­ne Leis­tung hin­ge­gen ist gar nicht hoch genug zu prei­sen. Sei­ne Rede wer­de in die Geschichts­bü­cher ein­ge­hen, als Beginn einer neu­en Ära, sagt er gleich zu Beginn.

Von Größenwahn zerfressen

Am Red­ner­pult steht ein von Hass und Grö­ßen­wahn zer­fres­se­ner Mensch, der einem leid­tun könn­te, wenn er nicht Poli­ti­ker wäre, dem vie­le auf den Leim gehen, der nichts weni­ger plant, als in Öster­reich Demo­kra­tie, Rechts­staat und Mei­nungs­frei­heit nach unga­ri­schem Vor­bild zu rui­nie­ren. Ich habe mein Berufs­le­ben lang Geschich­te unter­rich­tet und immer vor dem Faschis­mus gewarnt. Dass des­sen Rück­kehr tat­säch­lich denk­bar ist, hät­te ich mir bis vor Kur­zem nicht träu­men lassen.

Narzisstische Selbstüberhöhung

Die ÖVP wäre gut bera­ten, zu ihren kaum mehr vor­han­de­nen christ­lich-sozia­len Wur­zeln zurück­zu­keh­ren, statt immer wei­ter nach rechts zu rücken. Soll­te sie – trotz gegen­tei­li­ger Beteue­run­gen – wie­der mit der FPÖ koalie­ren, wür­de sie nicht nur den letz­ten Rest an Selbst­ach­tung ver­lie­ren, son­dern auf län­ge­re Sicht ihre eige­ne Exis­tenz gefähr­den. Was mich als Christ aber beson­ders stört, ist Kick­ls Ver­such, sich bei Men­schen ein­zu­schmei­cheln, denen ihr reli­giö­ser Glau­be wich­tig ist. Hin­ter der lang­jäh­ri­gen Pra­xis von Stra­che und Kickl, bei Inter­views demons­tra­tiv mit „Grüß Gott“ zu grü­ßen, steckt Kal­kül. In der Neu­jahrs­re­de treibt Kickl die­ses Spiel noch wei­ter. Er spricht von einer „gehö­ri­gen Por­ti­on Gott­ver­trau­en“, die man brau­che, von einem „Bei­stand von oben“. Jemand, der Men­schen gegen­ein­an­der auf­hetzt, kann damit nicht den Gott des Chris­ten­tums mei­nen. Die Beru­fung auf Gott dient viel­mehr der eige­nen nar­ziss­ti­schen Selbst­über­hö­hung à la Trump, um sich den Anhän­gern als Gesand­ter Got­tes, als Heils­brin­ger zu insze­nie­ren. „Der Wahn­sinn hat bald ein Ende, die Erlö­sung ist in Sicht“, ver­spricht er: Kickl als Erlö­ser im Namen Got­tes. Ich bin gespannt, ob sich Ver­tre­ter der Kir­chen­ob­rig­keit end­lich ein­mal aus der Deckung wagen, um die­ser unver­schäm­ten Frech­heit entgegenzutreten.

Schönen Text für hasserfüllte Rede gekapert

Eine beson­de­re Belei­di­gung für alle, die sich wirk­lich um ein christ­li­ches Leben bemü­hen, stellt das Ende sei­ner Rede dar. Kickl liest einen Text vor, von dem er behaup­tet, man wis­se nicht, wer der Autor sei, viel­leicht sei es Franz von Assi­si. Das ist falsch. Nach 0,37 Sekun­den Goog­le-Suche hät­te er wis­sen kön­nen, dass es sich um ein Gedicht des katho­li­schen Pries­ters und Schrift­stel­lers Lothar Zenet­ti (1926 bis 2019) han­delt. Zenet­ti war ein welt­of­fe­ner, humor­vol­ler und zugleich tief­grün­di­ger Mensch. Eini­ge sei­ner Tex­te wur­den ver­tont und fin­den sich in den Lie­der­bü­chern der Kir­chen. Beson­ders bekannt wur­de das Gedicht „was kei­ner wagt, das sollt ihr wagen“. Künst­ler wie Kon­stan­tin Wecker, Rein­hard Mey oder Han­nes Wader haben es in ihr Reper­toire auf­ge­nom­men. Und die­sen schö­nen, ein­fa­chen Text kapert Kickl für sei­ne hass­erfüll­te Rede.

Parallele zu Hitler

Es gibt übri­gens eine Par­al­le­le dazu von Adolf Hit­ler: In sei­ner ers­ten Rede als Volks­kanz­ler am 10. Febru­ar 1933 im Ber­li­ner Sport­pa­last gei­ßel­te er zunächst die „Sys­tem­zeit“, und schloss, indem er eine Nazi-Vari­an­te des Vater­un­sers in den Saal krächz­te. Er beschwor das „neue deut­sche Reich der Grö­ße und der Ehre und der Kraft und der Herr­lich­keit und der Gerech­tig­keit“, und ende­te mit dem jüdi­schen Gebets­schluss „Amen“. Wir wis­sen, was folg­te. Weh­ret den Anfän­gen. Es ist höchs­te Zeit!

Die­ser Text erschien zuerst in der Bezirks­Rund­Schau Frei­stadt.

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