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Lesezeit: 3 Minuten

Wenn die blauen Fetzen fliegen

Bei der Gra­zer FPÖ dreht sich das Per­so­nal­ka­rus­sell inzwi­schen so schnell, dass es schwer ist nach­zu­voll­zie­hen, wer gera­de von wem abmon­tiert wur­de. In anony­men Emails, die auch SdR vor­lie­gen, wer­den har­te Vor­wür­fe geäu­ßert. Und intern flie­gen des­halb die Fetzen.

28. Sep. 2022

Es begann mit Infos eines Whist­le­b­lo­wers zur Finanz- und Spe­sen­af­fä­re rund um Ex-Par­tei­chef Mario Eustac­chio und Ex-Klub­chef Armin Sip­pel, die dann bei­de von der poli­ti­schen Büh­ne abtre­ten muss­ten. Eustac­chio ist inzwi­schen aus der FPÖ aus­ge­tre­ten, über Sip­pel ist nichts der­glei­chen zu hören. Die FPÖ ver­sprach Auf­klä­rung, schweigt seit­her jedoch, war aber offen­bar sehr bemüht, intern aus­fin­dig zu machen, wer denn die mut­maß­lich miss­bräuch­li­che Ver­wen­dung der Gel­der nach außen getra­gen hat.

Wäh­rend die Kla­gen­fur­ter Staats­an­walt zur blau­en Finanz­af­fä­re ermit­telt – die Gra­zer Behör­de muss­te die Agen­den wegen Befan­gen­heit nach Kärn­ten abtre­ten –, wur­de in einem Par­tei­tag eine Neu­auf­stel­lung voll­zo­gen. Ganz neu war sie dann doch nicht, und des­halb wird inner­halb der Par­tei mit har­ten Ban­da­gen weitergefochten.

In der ver­gan­ge­nen Woche hat­te der blaue Gemein­de­rats­klub Roland Lohr „wegen ‚schwer­wie­gen­der Ver­feh­lun­gen‘ im Zusam­men­hang mit dem Finanz­skan­dal“ (Klei­ne Zei­tung, 27.9.22, S. 16) aus­ge­schlos­sen. Lohr werk­te zuvor als Finanz­re­fe­rent der Gra­zer Par­tei und war im März am Par­tei­tag noch wegen sei­ner Auf­klä­rungs­ar­beit expli­zit gelobt wor­den. Lohr dach­te nicht dar­an, sein Man­dat abzu­ge­ben und blieb wil­der Gemein­de­rat, wodurch sich die blaue Frak­ti­on auf mage­re vier Mit­glie­der dezi­mier­te. Nur eine Woche spä­ter, am 26. Sep­tem­ber, wur­de in der Sit­zung der Gra­zer Stadt­par­tei­lei­tung der Beschluss des Gemein­de­rats­klubs over­ru­led: Statt eines Par­tei­aus­schlus­ses gab’s „die Emp­feh­lung, der FPÖ-Klub möge ihn wie­der auf­neh­men“ (Kl. Ztg.).

Doch damit nicht genug, denn die Stadt­par­tei­lei­tung sprach im Gegen­zug der erst im März gekür­ten Par­tei­che­fin und Stadt­rä­tin Clau­dia Schön­ba­cher mehr­heit­lich das Miss­trau­en aus. Schön­ba­cher war zusam­men mit dem FPÖ-Natio­nal­rat Axel Kas­seg­ger an die Spit­ze der kri­sen­ge­schüt­tel­ten Par­tei gehievt wor­den. Kas­seg­ger soll nun, so wird gemun­kelt, die Par­tei allei­ne über­neh­men. Kas­seg­ger kommt wie Eustac­chio und Sip­pel aus der bur­schen­schaft­li­chen Frak­ti­on, was gewis­se Affi­ni­tä­ten zu den Zurück­ge­tre­te­nen ver­mu­ten lässt, zumal diver­se Kor­po­ra­tio­nen vom Geld­ab­fluss aus der Par­tei pro­fi­tiert haben sollen.

Schön­ba­cher war in am Wochen­en­de unter „fpoegra­zwatch“ ver­schick­ten Mails beschul­digt wor­den, sie sei mit ihrem Ehe­mann „über jah­re hin­weg selbst eine der gro­ßen pro­fi­teu­re des spe­sen­sump­fes rund um Eustac­chio und Sip­pel“ gewe­sen. Denn der Gat­te habe um min­des­tens 7.000 Euro Pro­sec­co an die Gra­zer FPÖ ver­ti­ckert, „zu einem ‚freund­schafts­preis‘ (also höher als üblich)“, wie der Mail­ab­sen­der behaup­tet. Das wie­der­um bestrei­tet die im anony­men Mail als „Pro­sec­co-Clau­dia“ titu­lier­te Schönbacher.

„Mein Mann ist ein Geschäfts­mann. Wenn sich jemand für sei­ne Ware inter­es­siert, dann ver­kauft er sie natür­lich. Wenn man Pro­sec­co-Rech­nun­gen im Wert von 4.000 Euro inner­halb von drei Jah­ren als Spe­sen- oder Pro­sec­co-Skan­dal bezeich­nen möch­te, dann kann ich nur dar­über lachen“, erklärt Schön­ba­cher. (steiermark.orf.at , 27.9.22)

Prosecco-Verkostung beim Vizebürgermeister Eustacchio 2018 mit frischem Kommentar durch Schönbacher: "Mittlerweile ein Skandalfoto" (Screenshot FB)
Pro­sec­co-Ver­kos­tung beim Vize­bür­ger­meis­ter Eustac­chio 2018 mit fri­schem Kom­men­tar durch Schön­ba­cher: „Mitt­ler­wei­le ein Skan­dal­fo­to” (Screen­shot FB)

Eben­falls unter Beschuss steht Astrid Schlei­cher, Gemein­de­rä­tin seit 2013 und im noch ver­blie­be­nen Klub-Quar­tett Gesund­heits­spre­che­rin ihrer Frak­ti­on. Sie habe, so in einem bereits vor eini­gen Wochen ver­schick­ten anony­men Mail, „zum engs­ten Kreis rund um Eustac­chio“ gehört, habe jedoch, als die Mal­ver­sa­tio­nen bekannt wur­den, schnell die Sei­ten gewech­selt und des­halb gegen Eustac­chio und Sip­pel Ver­leum­dungs­ak­tio­nen gestar­tet, wes­we­gen sie „letz­te Woche anonym bei der Staats­an­walt­schaft Graz wegen Ver­dacht auf Ver­leum­dung ange­zeigt“ wor­den sei. Dem Mail bei­lie­gend fand sich tat­säch­lich eine gegen Schlei­cher gerich­te­te Sachverhaltsdarstellung.

Anonym eingebrachte Sachverhaltsdarstellung gegen Astrid Schleicher wegen des Verdachts auf Verleumdung
Anonym ein­ge­brach­te Sach­ver­halts­dar­stel­lung gegen Astrid Schlei­cher wegen des Ver­dachts auf Verleumdung

Für wei­te­ren Wir­bel ist gesorgt, und der wird beim kom­men­den außer­or­dent­li­chen Par­tei­tag qua­si auf offe­ner Büh­ne aus­ge­tra­gen wer­den. Aber viel­leicht kann bis dahin Gesund­heits­spre­che­rin Schlei­cher die Par­tei­t­rou­bles ja weg­me­di­tie­ren, wie­wohl sie beim Ver­such, das Coro­na-Virus im März 2020 mit­tels einer Mas­sen­me­di­ta­ti­on zum Ver­schwin­den zu brin­gen, geschei­tert ist. Soll­te eine kol­lek­ti­ve Medi­ta­ti­on nicht hel­fen, kann sich die Trup­pe noch immer bei einem gemein­schaft­li­chen Pro­sec­co-Gela­ge einen blau­en Fet­zen antrin­ken. Das hilft zumin­dest für eini­ge Stunden.

Prosecco-Verkostung bei Eustacchio 2021 (Screenshot FB)
Pro­sec­co-Ver­kos­tung bei Eustac­chio 2021 (Screen­shot FB)

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