Sippel & Eustacchio: So viel Brutalität!

Die Graz­er FPÖ hop­pelt der Wiener hin­ter­her: Sie wird kurz nach der Gemein­der­atswahl, die einen Ver­lust von 5,25%-Punkten und den Raus­flug aus der Stadtregierung brachte, von ein­er Spe­se­naf­färe einge­holt. Aus Partei- und Klubgeldern sollen sich u.a. der noch amtierende Vize­bürg­er­meis­ter Eustac­chio und der Klubchef Armin Sip­pel bedi­ent haben. Sie haben nun den Hut genom­men. Wegen „so viel Bru­tal­ität“, wie Sip­pel lamentierte.

„Es genügt nicht zu wollen, man muss es auch tun”, ist laut Stadtweb­site das Lebens­mot­to von Mario Eustac­chio. Eine Affinität zum Geld scheint er schon rein beru­flich mitzubrin­gen: Er war Bankangestell­ter, bis er 2008 in die Graz­er Stadt­poli­tik wech­selte. Das Geld, das er als Stad­trat und dann als Vize­bürg­er­meis­ter ver­di­ente, schien ihm nicht zu reichen: Er wollte mehr ein­nehmen und tat es, indem er sich mut­maßlich Kör­berl­gelder aus der Parteikasse, die bekan­nter­maßen aus Steuergeld genährt wird, zufließen hat­te lassen. Alleine 2019 sollen es sat­te 50.000 Euro gewe­sen sein, die Eustac­chio zusät­zlich zu seinen knapp 12.000 Euro-Vize­bürg­er­meis­terge­halt (14x) eingestreift hatte.

Die Liste der eige­nar­ti­gen Zuwen­dun­gen aus der Partei- und Klubförderung liest sich wie ein Pri­vat­spon­sor­ing: Armin Sip­pel, ab 2008 Gemein­der­at und Klubob­mann, fühlte sich offen­bar mit einem Gehalt eben­falls unter­dotiert. Er habe sich laut „Kleine Zeitung” zwis­chen 2012 und 2020 beim parteina­hen Steirischen Ver­lagsvere­in anstellen lassen: „ein Zubrot von net­to 1200 Euro im Monat zur Klubob­manns­gage von 4244 Euro brut­to. Dafür habe der His­torik­er am Archiv und der FPÖ-Geschichte und für die Parteizeitung gear­beit­et.“ (Kleine Zeitung, 29.10.21 S. 18) Der Vere­in wurde nun mit 12.10.21 schla­gar­tig aufgelöst.

Das scheint aber nicht alles gewe­sen zu sein: Am 10. Feb­ru­ar 2015 ist in der Excel-Datei zu Pro­tokoll gegeben: ‚Uhrturm Beratung Armin Sip­pel Steir. Ver­lagsvere­in – BELEG BEI EDER – 15.500 Euro.’ Am 11. Feb­ru­ar 2016: ‚Förderung Forschungsar­beit, Rechtsstel­lung des Bürg­er­meis­ters (Armin Sip­pel) 3000 Euro’. (Kleine Zeitung, 29.10.21 S. 18) Dem­nach hätte sich Sip­pel seine Abschlus­sar­beit bei einem Uni-Lehrgang spon­sern lassen. Zusät­zlich seien zwis­chen 2016 bis 2018 ins­ge­samt 12.500 Euro an eine nicht exis­tente Aktion „Fit for Life“ geflossen; davon sollte ange­blich auch der RFS prof­i­tieren, der jedoch wed­er vom Geld noch von „Fit for Life“ etwas weiß. Es wird nun spekuliert, dass hier Sip­pels Lehrgangskosten bezahlt wor­den sein könnten.

Doch es gibt weit­ere aufk­lärungswürdi­ge Buchungsver­merke: 2019 seien an Sip­pel 16.000 Euro „für poli­tis­che Beratung und Repräsen­ta­tion“ gegan­gen. 2017 und 2018 habe sich Sip­pel jew­eils 4.000 Euro für Del­e­ga­tion­sreisen nach Chile zuzahlen lassen. Tat­säch­lich find­en sich Spuren von Sip­pels Mis­sio­nen in Chile. 2017 begleit­ete er eine burschen­schaftlich zusam­menge­set­zte Runde mit dem Südameri­ka-Lieb­haber Mar­tin Graf, dem steirischen EU-Abge­ord­neten Georg May­er und dem Graz­er NR-Abg. Axel Kasseg­ger auf einen Tripp. Mit an Bord war auch Eustac­chios Brud­er Sandro.

Heißer Tripp nach Chile: "With the FPÖ Tour in Chili (sic!)" (Bericht Enric Ravello Barber 2017)

Schar­fer Tripp nach Chile: „With the FPÖ Tour in Chili (sic!)” (Bericht Enric Rav­el­lo Bar­ber 2017)

2018 zog es Sip­pel wieder mit May­er nach Chile, um, wie es in einem Bericht heißt,

der Han­delsver­trag von 2012 sei zwar immer noch gültig, aber man wolle mehr erre­ichen. Zum Beispiel kön­nte der europäis­che Markt für Agrar-Lebens­mit­tel-Pro­duk­te geöffnet wer­den. Um diese Frage anzuge­hen, traf sich die Del­e­ga­tion am 27. März mit dem chilenis­chen Abge­ord­neten für den 26. Bezirk, Car­los Igna­cio Kuschel. «Ich denke, der Besuch ist pos­i­tiv, sowohl für den Agrar­markt in der Region als auch den Export unser­er Agrar- und Lebens­mit­tel­pro­duk­te in den europäis­chen Markt», erk­lärte Kuschel.

Sippel mit Mayer und Holzfeind in Chile 2018 (Screenshot condor.cl)

Sip­pel mit May­er und Holzfeind in Chile 2018 (Screen­shot condor.cl)

Sip­pel gab sich also mit Graz­er Steuergeldern aus­gerech­net als Lob­by­ist für den Import von chilenis­chen Agrarpro­duk­ten in die EU? Aber dabei blieb es nicht, mann traf sich auch ein­schlägiger: „Die Del­e­ga­tion besuchte zudem die Burschen­schaft Vulka­nia, wo sie von den Mit­gliedern und dem Vor­sitzen­den des Alter-Her­ren-Ver­ban­des, Her­bert Siebert, emp­fan­gen wurde.“

Apro­pos Burschen­schaften: An Sip­pels Verbindung „Marko-Ger­ma­nia” Graz und an Eustac­chios „Stiria“ und „Alle­man­nia Mar­burg“ seien zwis­chen 2014 und 2019 mehrfach 5.000 Euro geflossen, berichtet die „Kleine Zeitung“ am 31.10.21..

Aus diesen Buchungsver­merken erschließt sich etwa auch, dass der Graz­er FPÖ-Chef und Noch-Vize­bürg­er­meis­ter Eustac­chio, Klubchef Sip­pel und der Finanzref­er­ent der Partei, Matthias Eder, in Treue und Ver­bun­den­heit ihren Burschen­schaften finanziell kräftig unter die Arme gegrif­f­en haben. Mit Steuergeld der Graz­er wohlge­merkt. Über deren „Hausvere­ine“ sind an die Stiria (die Burschen­schaft Eustac­chios und Eders) und die Marko-Ger­ma­nia (Sip­pels Verbindung) und Eustac­chios Schülerverbindung Alle­man­nia Mar­burg zu Graz von 2014 bis 2019 mehrfach 5000 Euro geflossen. (Kleine Zeitung)

Um das Haus sein­er sich in der Krise befind­lichen Bun­des­brüder „auf Vor­der­mann zu brin­gen“, wie Sip­pel in ein­er von der „Kleinen Zeitung“ zitierten Chat­nachricht (ver­mut­lich von 2020) ver­laut­barte, wolle er als Klubob­mann 3.500 bis 4.000 Euro von der FPÖ aufstellen.

Sippel im Chat an seine Bundesbrüder (Screenshot Kleine Zeitung)

Sip­pel im Chat an seine Bun­des­brüder (Screen­shot Kleine Zeitung)

Gelder sollen aber auch an die Iden­titären gegan­gen sein, was wenig ver­wun­der­lich scheint, da die Graz­er FPÖ immer beson­ders enge Beziehun­gen zu Sell­ners recht­sex­tremer Truppe pflegte.

Aber wie schon in der Ver­gan­gen­heit, als der Fal­ter pub­lik gemacht hat­te, dass Sip­pel als 25-Jähriger beim neon­azis­tis­chen Aufruhr-Ver­sand ein­schlägige Klei­dung bestellt haben soll, will der ab 17. Novem­ber Ex-Klubchef nun auch mit den finanziellen Malver­sa­tio­nen nichts zu tun haben und sieht sich ganz in Tra­di­tion sein­er Partei als Opfer. Auf Face­book klingt das so: „Ich möchte unbe­d­ingt Schaden von mein­er geliebten FPÖ abwen­den, aber auch mich selb­st aus dem Schuss­feld nehmen. So viel Bru­tal­ität hält auch der stärk­ste Charak­ter nicht aus. (…) Wer weiß was die Zukun­ft bringt? Vielle­icht gibt es ja auch wieder ein­mal ein poli­tis­ches Come­back?“ Bis es eventuell wieder so weit ist, wird sich Sip­pel wohl eine andere Liebe und andere Spon­soren suchen müssen.

Sippel am 31.10.21 auf Facebook zu seinem Rücktritt (Screenshot FB-Seite Sippel)

Sip­pel am 31.10.21 auf Face­book zu seinem Rück­tritt (Screen­shot FB-Seite Sippel)

➡️ FPÖ Graz (Teil 1): Sip­pel und sein selt­samer Verlagsverein
➡️ FPÖ Graz (Teil 2): Die unbekan­nten blauen Vereine
➡️ FPÖ Graz (Teil 3): Schwamm drüber?

➡️ zu Sip­pel und Eustac­chio: FPÖ Graz: Bewährung­steam mit iden­titärem Profil
➡️ Der Stan­dard: Die kurze Filmkar­riere des Armin Sippel