Rückblick KW 40/23 (II): Die FPÖ

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Kei­ne Woche mehr ohne Eklats durch die FPÖ – eine Aus­wahl: der Gene­ral­se­kre­tär, der ein Neo­na­zi-Event als „Fei­er­tag” und „Andenken” schön­re­det, ein blau­er Minis­te­ri­ums­mit­ar­bei­ter, der sus­pen­diert wur­de und ein Secu­ri­ty, der einen Jour­na­lis­ten kör­per­lich attackierte.

Wien: FPÖ-Ministeriumsmitarbeiter suspendiert
Graz: FPÖ schließt blaues Urgestein aus
Klagenfurt: FPÖ-Eklat im Kärntner Landtag und kein Parteiausschluss für Mölzer
Hartberg/Stmk: FPÖ-Security wird gegenüber Satire-Reporter Peter Klien physisch übergriffig
Hafenecker mit Nazi-Relativierung

Wien: FPÖ-Ministeriumsmitarbeiter suspendiert

Der Fal­ter am Mor­gen (3.10.23) greift die Teil­nah­me des Sport­mi­nis­te­ri­ums­mit­ar­bei­ters Tho­mas Gri­scha­ny bei einer von „Info-Direkt“ orga­ni­sier­ten Ver­an­stal­tung, wor­über „Stoppt die Rech­ten“ bereits Ende August berich­tet hat­te, auf. Neu am Fal­ter-Arti­kel ist jedoch die Infor­ma­ti­on, dass Gri­scha­nys Teil­nah­me Kon­se­quen­zen haben könnte.

Ein Mit­ar­bei­ter eines Minis­te­ri­ums, gemein­sam mit dem Iden­ti­tä­ren-Chef Sell­ner vor ein­schlä­gi­gem Publi­kum? Im Minis­te­ri­um ist man dar­über nicht gera­de amü­siert. „Der Bediens­te­te ist mit sofor­ti­ger Wir­kung frei­ge­stellt“, heißt es auf Fal­ter-Anfra­ge: „Das Minis­te­ri­um wird den genau­en Sach­ver­halt prü­fen und behält sich wei­te­re Schrit­te vor.“

Denn öffent­li­che Auf­trit­te von Mit­ar­bei­tern von Minis­te­ri­en sei­en gesetz­lich nicht erlaubt, wenn dadurch dienst­li­che Inter­es­sen oder die Auf­ga­ben­er­fül­lung beein­träch­tigt wer­den. „Das gilt auch für den Fall, dass das Ver­trau­en der All­ge­mein­heit in die Auf­ga­ben­er­fül­lung erschüt­tert wird.“ Schließ­lich sei­en die Iden­ti­tä­ren eine Grup­pie­rung, „die vom Ver­fas­sung­schutz (sic!) als rechts­extrem ein­ge­stuft wird und unter Beob­ach­tung steht“, so das Minis­te­ri­um wei­ter. (falter.at; Her­vor­he­bun­gen im Original)

Gri­scha­nys aka­de­mi­sche Kar­rie­re – er schien bis 2019 als Leh­ren­der der pri­va­ten Webs­ter-Uni­ver­si­tät auf – dürf­te mit Bekannt­wer­den sei­ner frag­wür­di­gen Akti­vi­tä­ten im Dienst der FPÖ ein Ende gefun­den haben. Auf eine Anfra­ge durch „Stoppt die Rech­ten” im Mai 2019 hat­te die Uni noch etwas aus­wei­chend geant­wor­tet. Als Stra­ches „Think Tank-Lei­ter“ muss­te der Bur­schen­schaf­ter Gri­scha­ny, der auch am FPÖ-His­to­ri­ker­bericht betei­ligt war, mit der Auf­lö­sung der Tür­kis-Blau­en Regie­rung abtan­ken. Noch knapp vor dem Regie­rungs­wech­sel wur­de Gri­scha­ny im Sport­mi­nis­te­ri­um ver­sorgt, wo er zuletzt dem FPÖ-nahen Sek­ti­ons­chef Phil­ipp Tratt­ner als Refe­rent zuge­teilt war.

Mög­li­cher­wei­se ereilt Gri­scha­ny das­sel­be Schick­sal wie jenes von Eric Wein­handl: Der wech­sel­te in den FPÖ-Par­la­ments­klub, nach­dem öffent­lich wur­de, dass er just als Mit­ar­bei­ter im Kli­ma­mi­nis­te­ri­um eine Web­site betrie­ben hat­te, die den Kli­ma­wan­del leug­ne­te, als Autor in rechts­extre­men Medi­en tätig und in dubio­se Fir­men­kon­struk­tio­nen ver­strickt war.

SdR befragt die Webster-Uni via Twitter, was sie zu ihrem Lektor Grischany sagt. Antwort der Uni: "Wir glauben, dass freie Meinungsäußerung und intellektuelle Diskussionen wichtig sind. Wir dulden jedoch nichts, was unserem akzeptierenden und inklusiven liberalen Umfeld schadet oder entgegenwirkt. Die individuellen Meinungen unseres akademischen Personals spiegeln nicht direkt die Meinung der Webster Vienna als Ganzes wider. (Twitter 10.5.19)

SdR befragt die Webs­ter-Uni via Twit­ter, was sie zu ihrem Lek­tor Gri­scha­ny sagt. Ant­wort der Uni: „Wir glau­ben, dass freie Mei­nungs­äu­ße­rung und intel­lek­tu­el­le Dis­kus­sio­nen wich­tig sind. Wir dul­den jedoch nichts, was unse­rem akzep­tie­ren­den und inklu­si­ven libe­ra­len Umfeld scha­det oder ent­ge­gen­wirkt. Die indi­vi­du­el­len Mei­nun­gen unse­res aka­de­mi­schen Per­so­nals spie­geln nicht direkt die Mei­nung der Webs­ter Vien­na als Gan­zes wider. (Twit­ter 10.5.19)

➡️ Stra­ches Think Tank-Lei­ter Gri­scha­ny: Kommt der ech­te Faschismus?

Graz: FPÖ schließt blaues Urgestein aus

Die kor­rup­ti­ons- und kri­sen­ge­beu­tel­te Gra­zer FPÖ war erst vor Kur­zem bei­na­he ganz zer­fal­len, dann unter dem neu­en Chef Axel Kas­seg­ger wie­der zur Auf­er­ste­hung ange­tre­ten, ist aber seit Som­mer mit mas­si­ven Vor­wür­fen gegen ein­zel­ne Mit­glie­der hin­sicht­lich Mil­lio­nen­be­trugs und sogar Dro­gen­pro­duk­ti­on (Crys­tal Meth) kon­fron­tiert. Die Beschul­dig­ten kom­men aus dem fami­liä­ren und poli­ti­schen Nah­feld des Chefs selbst.

Dass der lan­cier­te Neu­be­ginn auch an ande­ren Stel­len hakt, ist dar­an ersicht­lich, dass die Lan­des­grup­pe nun die FPÖ-Senio­ren­ring­lei­te­rin Rot­raud Eis­sner, die seit 1965 bei der Par­tei war, aus­ge­schlos­sen hat. Der Grund: „par­tei­schä­di­gen­des Ver­hal­ten“. Dafür reicht in den nie­de­ren Rei­hen offen­sicht­lich schon ein wenig inter­ne Kritik:

Ihr Ver­ge­hen? Sie hat bei der Face­book-Sei­te von KFG-Che­fin Clau­dia Schön­ba­cher „Gefällt mir“ geklickt und im Gegen­zug die aktu­el­le FPÖ-Obfrau in Wet­zels­dorf als „unfä­hig“ bezeich­net. Schön­ba­cher selbst wur­de ja ihrer­seits vor rund einem Jahr aus der FPÖ aus­ge­schlos­sen – gemein­sam mit Astrid Schlei­cher, Alexis Pas­cut­ti­ni und Micha­el Win­ter. Das Quar­tett hat dann den KFG gegrün­det. (kleinezeitung.at, 3.10.23)

Der Gra­zer FPÖ-Chef Kas­seg­ger selbst muss­te übri­gens vor kur­zem sei­ne Funk­ti­on als außen­po­li­ti­scher Spre­cher zurück­le­gen, weil er ursprüng­lich auf der Teil­neh­mer­lis­te des skan­da­lö­sen blau­en Afgha­ni­stan-Besuchs stand, den u.a. Andre­as Möl­zer und Johan­nes Hüb­ner Ende Sep­tem­ber unter­nom­men hat­ten. In Graz bleibt Kas­seg­ger aber trotz all die­ser offen­kun­dig „par­tei­schä­di­gen­den“ Geschich­ten am Posten.

Klagenfurt: FPÖ-Eklat im Kärntner Landtag und kein Parteiausschluss für Mölzer

Für einen Eklat sorg­te der Kärnt­ner FPÖ-Klub­chef Erwin Ange­rer, als er am 5. Okto­ber im Kärnt­ner Land­tag in Rich­tung SPÖ-Man­da­ta­re behaup­te­te, die­se woll­ten Kin­der „in kom­mu­nis­ti­sche Umer­zie­hungs­la­ger rein­set­zen und von klein gleich auf als Mar­xis­ten erzie­hen“ (kleinezeitung.at, 5.10.23). Die Aus­sa­ge trug ihm hef­ti­ge Kri­tik von allen ande­ren Par­tei­en und etli­chen Akteur*innen der Zivil­ge­sell­schaft ein. Moniert wur­de v.a., dass es sich bei Angerers Ent­glei­sung um eine gro­be Ver­harm­lo­sung des rea­len staats­so­zia­lis­ti­schen Ter­rors handle.

Ange­rer ent­schul­dig­te sich in Reak­ti­on auf den mas­si­ven Druck für sei­ne Wort­wahl: „Ich woll­te unse­ren ideo­lo­gi­schen Zugang zum Aus­druck brin­gen. Mei­ne Wort­wahl war nicht glück­lich gewählt – und die neh­me ich auch zurück.“ (Kro­nen Zei­tung, 6.10.23, S. 26) Sei­nen „ideo­lo­gi­schen Zugang“ hat er jeden­falls erfolg­reich zum Aus­druck gebracht.

Im Fall Möl­zer, dem der Bun­des­par­tei­ob­mann Kickl nach des­sen Rei­se zu den Tali­ban mit einem Par­tei­aus­schluss gedroht hat­te, wird die frei­heit­li­che Sup­pe erwar­tungs­ge­mäß weit weni­ger heiß geges­sen als gekocht.

„Für uns in Kärnten ist das der­zeit kein The­ma. Ich zweif­le, ob das parteischädigend ist und für einen Par­tei­aus­schluss reicht.” Erstaun­lich gelas­sen und klar reagier­te Diens­tag der Kärntner FPÖ-Chef Erwin Ange­rer bei einer Pres­se­kon­fe­renz auf Jour­na­lis­ten­fra­gen, ob bzw. wann Andre­as Mölzer, der frühere EU-Abge­ord­ne­te, aus der Lan­des­par­tei aus­ge­schlos­sen wird. (kleinezeitung.at, 4.10.23)

Möl­zer habe brav sei­ne Mit­glieds­bei­trä­ge über­wie­sen, führ­te Ange­rer wei­ter aus, also alles palet­ti. Damit gilt wohl frei nach Augus­ti­nus: Car­in­thia locu­ta, cau­sa finita!

Hartberg/Stmk: FPÖ-Security wird gegenüber Satire-Reporter Peter Klien physisch übergriffig

Der ORF-Sati­ri­ker Peter Kli­en ist ein bekann­tes Gesicht. Den­noch hat ein Secu­ri­ty von FPÖ-Chef Her­bert Kickl es für nötig befun­den, ihn mit kör­per­li­cher Gewalt (im „Schwitz­kas­ten“) vom Chef weg­zu­zie­hen. Der Über­griff ereig­ne­te sich beim FPÖ-Okto­ber­fest in Hart­berg, von dem Kli­en einen Bei­trag für sein TV-For­mat „Gute Nacht, Öster­reich“ dreh­te, der auch auf sei­nem You­Tube-Kanal (6.10.23) abruf­bar ist.

Zahl­rei­che Stim­men aus Poli­tik und Zivil­ge­sell­schaft ver­ur­teil­ten das gewalt­tä­ti­ge Ver­hal­ten gegen­über dem ORF-Repor­ter, den­noch ent­schul­dig­te sich die FPÖ nicht, son­dern reagier­te mit hämi­schen Kom­men­ta­ren. Der Gene­ral­se­kre­tär Hafenecker ätz­te von „eine[r] wehleidige[n] Kli­en-Insze­nie­rung“ und einem „jämmerliche[n] Bild“ des ORF (derstandard.at, 6.10.23). Der ORF-Redak­ti­ons­rat hin­ge­gen sieht eine rote Linie über­schrit­ten und fin­det kla­re Worte:

„Die Redak­ti­ons­ver­tre­tung ver­ur­teilt es auf das Schärfs­te, wenn auf Par­tei­ver­an­stal­tun­gen die kör­per­li­che Inte­gri­tät von Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten ver­letzt wird“, teil­te der ORF-Redak­ti­ons­rat in einer Aus­sendung mit. „War frü­her noch der ORF als Insti­tu­ti­on Ziel von ver­ba­len Angrif­fen von FPÖ-Poli­ti­kern, so ist die Par­tei immer mehr dazu über­ge­gan­gen, unlieb­sa­me Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten per­sön­lich zu belei­di­gen, zu ver­un­glimp­fen und zu ver­höh­nen“, hieß es. (orf.at, 6.10.23)

Hafenecker mit Nazi-Relativierung

An sich hät­te schon gereicht, dass der FPÖ-Gene­ral­se­kre­tär Chris­ti­an Hafenecker in der Pres­se­kon­fe­renz am 5. Okto­ber den jähr­li­chen neo­na­zis­ti­schen Auf­marsch in Buda­pest „Tag der Ehre” als „Fei­er­tag” titu­lier­te. Hafenecker prä­zi­sier­te jedoch schrift­lich in einer par­la­men­ta­ri­schen Anfra­ge, was er unter dem Event, bei dem hit­ler­grü­ßend und in SS-Uni­for­men geklei­det in unver­blüm­ter Wei­se dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schem Mör­de­re­gime gehul­digt wird, ver­steht: „Der ‚Tag der Ehre’ in der unga­ri­schen Haupt­stadt Buda­pest. Dabei han­delt es sich um ein Andenken an den 1945 erfolg­ten Ver­such deut­scher und unga­ri­scher Sol­da­ten, aus dem um die Stadt gezo­ge­nen sowje­ti­schen Kes­sel aus­zu­bre­chen.” (Anfra­ge 5.10.23) Ein NS-glo­ri­fi­zie­ren­der Auf­marsch ist für Hafenecker also ein bloß ein „Andenken”? Direk­ter kann eine Anbie­de­rung an den offe­nen Neo­na­zis­mus kaum noch for­mu­liert wer­den. Wäre Hafenecker nicht durch sei­ne par­la­men­ta­ri­sche Immu­ni­tät geschützt, hät­te „Stoppt die Rech­ten” eine Anzei­ge wegen des Ver­dachts auf natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Wie­der­be­tä­ti­gung erstattet.