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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 6 Minuten

Mélange KW 41/23: Hitler-Tachometer

Drei Ver­ur­tei­lun­gen nach dem Ver­bots­ge­setz, zwei rech­te Betrugs- und Kor­rup­ti­ons­ver­dachts­fäl­le, ein rechts­extre­mer Ball­ver­an­stal­ter kann auf­at­men und eine gelun­ge­ne anti­fa­schis­ti­sche Intervention.

16. Okt. 2023
Rückblick
Rückblick

Ried/OÖ: Verurteilt wegen Hakenkreuzen auf den Knien
Mattersburg-Eisenstadt/B: Verurteilt wegen NS-Tattoos und WhatsApp-Bild
Wien: Hitler-Tachometer am 20. April
Wien: Ermittlungen gegen rechtsextremen „Akademikerball“-Veranstalter eingestellt
Graz: Anonyme Anzeige wegen Korruption gegen FPÖler
Klagenfurt: Mutmaßlich schwerer Betrug durch Ex-FPÖ- und BZÖ-Politiker
Deutschland: Geglückte antifaschistische Aktion

 

Ried/OÖ: Verurteilt wegen Hakenkreuzen auf den Knien

Ein 26-jäh­ri­ger Mann wur­de in einem Wie­der­be­tä­ti­gungs­ver­fah­ren von einem Geschwo­re­nen­ge­richt in Ried zu einem Jahr Haft auf Bewäh­rung ver­ur­teilt, weil er Haken­kreu­ze auf den Knien täto­wiert hat. Der geor­gi­sche Asyl­wer­ber nahm das Urteil an. Er wur­de bereits bei sei­ner Ein­rei­se im Juli auf das NS-Ver­bots­ge­setz hin­ge­wie­sen und auch ange­zeigt, das Ver­fah­ren wur­de aber ein­ge­stellt. Die Staats­an­walt­schaft hin­ge­gen gab an, eine Beru­fung in Erwä­gung zu zie­hen. (krone.at, 11.10.23)

Mattersburg-Eisenstadt/B: Verurteilt wegen NS-Tattoos und WhatsApp-Bild

Ein 38-jäh­ri­ger Mann wur­de von einem Schwur­ge­richt in Mat­ters­burg wegen NS-Wie­der­be­tä­ti­gung ver­ur­teilt. Die Anzei­ge war auf­grund sei­nes Whats­App-Pro­fil­bil­des erfolgt, wo eine Man­ga-Figur in SS-Uni­form und mit Haken­kreuz zu sehen war. Im Zuge der Ermitt­lun­gen hat­ten Polizeibeamt*innen ein­schlä­gi­ge Tat­toos auf sei­nen Unter­ar­men ent­deckt, dar­un­ter auch den Wahl­spruch der SS („Mei­ne Ehre heißt Treue“), den sich der Mann angeb­lich bereits als 17-Jäh­ri­ger täto­wie­ren hat­te las­sen. Das rechts­kräf­ti­ge Urteil lau­tet 20 Mona­te Haft auf Bewäh­rung, dazu eine Geld­stra­fe von 960 Euro und die Wei­sung, die Tat­toos unkennt­lich zu machen. Außer­dem wur­de Bewäh­rungs­hil­fe ver­ord­net. (bvz.at, 13.10.23)

Wien: Hitler-Tachometer am 20. April

Das Han­dy von Wolf­gang L. war ergie­big: Zuerst ein­mal hat es ihm selbst eine Ver­ur­tei­lung nach dem Ver­bots­ge­setz ein‑, dann aber auch jede Men­ge Chat­part­ner vor Gericht gebracht. Nicht alle hat­ten das Glück des Teu­to­nen B.M., der als prak­ti­zie­ren­der Rechts­an­walt trotz sei­ner wider­li­chen Nach­rich­ten mit einem freund­li­chen Frei­spruch davon­ge­kom­men ist.

Der 57-jäh­ri­ge Früh­pen­sio­nist Man­fred H. ver­stand sei­ne Nach­rich­ten an L. und an Ver­wand­te als Aus­druck schwar­zen Humors; er fän­de sie noch immer lus­tig. Etwa ein Bild mit einem Tacho­me­ter, auf dem Hit­lers Arm den Zei­ger dar­stellt und dazu die Text­zei­le: „Ein neu­er Tacho, seit­dem fahr ich nur mehr 40 (km/h)“, wobei der Arm zum Hit­ler­gruß gereckt ist. Das hat­te H. am 20.4.2020 u.a. an L. ver­schickt – vom sym­bol­träch­ti­gen Datum, Hit­lers Geburts­tag, woll­te der Ange­klag­te nichts gewusst haben.

Hitler-Tachometer (Symbolbild)
Hit­ler-Tacho­me­ter (Sym­bol­bild)

Die­se Ver­tei­di­gungs­stra­te­gie hat ihm am 11.10. vor dem Wie­ner Lan­des­ge­richt ver­mut­lich nicht sehr gehol­fen. Die Ver­ur­tei­lung – ein Jahr bedingt – kam H. jedoch in gewis­ser Wei­se ent­ge­gen. Sie wer­den ihn in sei­ner Ansicht, dass alle „Eli­ten“ gegen ihn und sei­ne Ansich­ten gerich­tet sei­en und er in einer „Mei­nungs­dik­ta­tur“ lebe, wohl bestä­tigt haben. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

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Wien: Ermittlungen gegen rechtsextremen „Akademikerball“-Veranstalter eingestellt

Die Staats­an­walt­schaft hat ihre Ermitt­lun­gen gegen den „Akademikerball“-Organisator und Wie­ner FPÖ-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Udo Gug­gen­bich­ler ein­ge­stellt, da sich der Ver­dacht auf NS-Wie­der­be­tä­ti­gung nicht erhär­tet habe. Aus­sa­gen von zwei Zeu­gin­nen hat­ten Gug­gen­bich­ler und die Bur­schen­schaft Albia Wien, bei der er „alter Herr“ ist, im Mai 2023 schwer belastet:

Fotos von uni­for­mier­ten Nazis mit NS-Sym­bo­len im Kamin­zim­mer, Erzäh­lun­gen über einen „alten Nazi“, der heim­lich auf dem Dach­bo­den lebe und sich so der Straf­ver­fol­gung ent­zie­he, sowie ein Buch mit Haken­kreuz auf dem Ein­band: So schil­der­te eine Frau ihre Erleb­nis­se bei der Bur­schen­schaft Albia, die sie mit dem FPÖ-Poli­ti­ker Udo Gug­gen­bich­ler besucht habe. (…)
Gug­gen­bich­ler habe ihr auch erzählt, dass in der Bur­schen­schaft geflüch­te­te Ukrai­ne­rin­nen leben wür­den. „Ich bin mir nicht sicher, was mit die­sen Frau­en pas­siert“ und ob sie aus­ge­nützt wür­den, gab die Frau gegen­über den Ermitt­lern an. (derstandard.at, 24.5.23)

Die zwei­te Anzei­ge­rin war die Ex-Par­la­men­ta­rie­rin Mar­tha Biß­mann, die pri­vat mit Gug­gen­bich­ler Bekannt­schaft pfleg­te: „auch sie habe dort [in den Räu­men der Albia, Anmer­kung SdR] Fotos gese­hen, auf denen Män­ner Jacken mit Haken­kreu­zen tru­gen. Gug­gen­bich­ler habe ihr außer­dem erzählt, dass auf dem Dach­bo­den des Hau­ses ein alter Mann woh­nen wür­de, der ein ehe­ma­li­ger SS-Funk­tio­när sei.“ (ebd.)

Gug­gen­bich­ler ist ein Mul­ti-Kor­po­rier­ter, neben der Albia ist er noch Mit­glied in drei wei­te­ren rechts­extre­men Ver­bin­dun­gen: in der Gra­zer aka­de­mi­schen Bur­schen­schaft Armi­nia sowie in zwei pen­na­len Ver­bin­dun­gen, der tech­ni­schen Ver­bin­dung Hol­len­burg (Fer­lach) und der Schü­ler­ver­bin­dung Gothia Meran. Zudem lei­tet er seit mehr als 20 Jah­ren den „Öster­rei­chi­schen Pen­nä­ler Ring“ (ÖPR). „Stoppt die Rech­ten“ hat die Vor­wür­fe vom Mai zum Anlass für eine zwei­tei­li­ge Recher­che genom­men, in der die rechts­extre­men Umtrie­be im ÖPR und in der Albia auf­ge­zeigt werden.

Graz: Anonyme Anzeige wegen Korruption gegen FPÖler

Anfang Okto­ber trat Wal­ter Rauch von sei­nen Funk­tio­nen als stell­ver­tre­ten­der stei­ri­scher FPÖ-Chef und als süd­ost­stei­ri­scher Bezirks­par­tei­ob­mann über­ra­schend zurück. Natio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­ter und Stadt­rat in Rad­kers­burg blieb er hin­ge­gen. Was zunächst den Anschein eines har­mo­ni­schen Abgangs hat­te, stand drei Tage spä­ter in einem ganz ande­ren Licht. Denn da ging eine anony­me Anzei­ge bei der Wirt­schafts- und Kor­rup­ti­ons­staats­an­walt­schaft (WKS­tA) in Wien ein, mit der Behaup­tung, Rauch habe auf­grund eines Miss­trau­ens­an­trags abtre­ten müs­sen, der im Rah­men der Bezirks­par­tei­lei­tungs­sit­zung ein­ge­bracht wur­de. Anlass für den Antrag soll eine mut­maß­li­che Ver­un­treu­ung von Par­tei­gel­dern durch Rauch gewe­sen sein.

Der Miss­trau­ens­an­trag sei mit vier zu sie­ben Stim­men gegen Rauch aus­ge­gan­gen. Die­ser habe nicht zurück­tre­ten wol­len, sei aber laut der Anzei­ge von Lan­des­par­tei­chef Kuna­sek „am Han­dy” auf­ge­for­dert wor­den, das zu akzep­tie­ren. Danach sei für alle ein „Maul­korb” ver­hängt wor­den. Es gilt die Unschulds­ver­mu­tung. (der­stan­dard, 10.10.23)

Rauch weist alle Anschul­di­gun­gen zurück, die Lan­des­par­tei bezeich­net die Vor­wür­fe als „Schwach­sinn“. Wir har­ren der Ein­schät­zung der WKStA.

Klagenfurt: Mutmaßlich schwerer Betrug durch Ex-FPÖ- und BZÖ-Politiker

Am 23. Juni wur­de am Flug­ha­fen Kla­gen­furt ein erst 25-jäh­ri­ger Ex-FPÖ- und BZÖ-Poli­ti­ker ver­haf­tet, wäh­rend er auf einen Pri­vat­jet war­te­te. Dem Mann wird vor­ge­wor­fen, zahl­rei­che unbe­zahl­te Rei­sen mit der­ar­ti­gen Jets unter­nom­men zu haben, wie „Stoppt die Rech­ten“ berich­te­te. Nun hat die Staats­an­walt­schaft Kla­gen­furt ihre Ermitt­lun­gen aus­ge­wei­tet und u.a. ein Rechts­hil­fe­an­su­chen an die Schweiz gestellt, wo der Mann etwa ver­sucht haben soll, einen Luxus­flug nach Süd­ame­ri­ka zu buchen. Die Ermittler*innen gehen inzwi­schen von gan­zen 72 Betrugs­fak­ten und einer Gesamt­scha­dens­sum­me 300.000 Euro aus, womit die dro­hen­de Höchst­stra­fe auf bis zu zehn Jah­re Haft ansteigt. (kleinezeitung.at, 11.10.23)

Der mut­maß­li­che Betrü­ger St.S. wur­de wegen einer ande­ren Hoch­sta­pe­lei übri­gens bereits ver­ur­teilt: „Der­zeit muss der Mann eine Haft­stra­fe absit­zen, zu der er im Juni 2022 wegen Betrugs ver­ur­teilt wor­den ist. Damals hat er Han­dys online ver­kauft, dafür kas­siert, aber nicht gelie­fert. Für die Straf­haft wur­de sei­ne aktu­el­le Unter­su­chungs­haft unter­bro­chen.“ (kleinezeitung.at)

Deutschland: Geglückte antifaschistische Aktion

In den Rück­bli­cken von „Stoppt die Rech­ten“ fin­det sich eher sel­ten Erfreu­li­ches. Aber heu­te schon! Der Ham­bur­ger Ver­ein „Laut gegen Nazis“ hat sich die Mar­ken­rech­te für meh­re­re neo­na­zis­ti­sche und rechts­extre­me Codes gesi­chert. Dar­un­ter etwa die Buch­sta­ben­kom­bi­na­ti­on VTR LND, die für „Vater­land“ steht und von Szeneakteur*innen ger­ne als Auf­druck auf Klei­dung genutzt wird. Wei­te­re Bei­spie­le für sol­che Codes, wo oft­mals ledig­lich die Voka­le weg­ge­las­sen wer­den, sind etwa HKN KRZ (Haken­kreuz) oder HTLR (Hit­ler). Nun kann der Ver­ein die ent­spre­chen­den Sze­ne-Shops abmah­nen, was auch seit ver­gan­ge­nem Mitt­woch for­ciert wird:

Sol­che Shop­be­trei­ber wür­den „dem­nächst eine Abmah­nung in ihren Brief­käs­ten“ vor­fin­den, infor­mier­te der Ver­ein auf sei­ner Home­page. „Da wir jetzt die Rech­te an den Codes besit­zen, sor­gen wir dafür, dass sie den betref­fen­den brau­nen Merch ver­nich­ten müs­sen“, heißt es. Soll­ten die Shops den Abmah­nun­gen nicht nach­kom­men, gebe es die Mög­lich­keit, Scha­den­er­satz für jeden ver­kauf­ten Arti­kel zu for­dern oder vor Gericht zu gehen. Mit dem Geld und mit den Spen­den wür­de sich der Ver­ein wei­te­re Mar­ken­rech­te sichern. (derstandard.at, 12.10.23)

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