Wochenrückblick KW 43/22 (Teil 1)

Lesezeit: 7 Minuten

Wie jah­re­lan­ge Hetz­kam­pa­gnen wir­ken, hat sich in der letz­ten Woche in den USA gezeigt, als ein rechts­extre­mer Ver­schwö­rungs­an­hän­ger ins Haus von Nan­cy Pelo­si ein­ge­drun­gen ist und deren Mann mit einem Ham­mer schwer ver­letzt hat. Dazu pas­sen drei Bei­spie­le aus den letz­ten Tagen von dehu­ma­ni­sie­ren­der Spra­che: aus der FPÖ, von Fer­di­nand Weg­schei­der und von Fried­rich Merz.

Kla­gen­furt: Brau­ne Nach­rich­ten mit Bundesheer-Kumpel
Wien: U‑Bahn-Pas­sa­gier bespuckt und bedroht
Wie­der ein­mal ATV!
St. Geor­gen im Attergau/OÖ: Geka­per­te Demo
Kla­gen­furt: Stol­zer SS-Vete­ran Her­bert Bell­schan-Mil­den­burg tot
USA: Nan­cy Pelo­si im Visier von Rechtsextremen
Dehu­ma­ni­sie­ren als recht(sextrem)e Strategie

Kla­gen­furt: Brau­ne Nach­rich­ten mit Bundesheer-Kumpel

Auf­ge­flo­gen war der 50-jäh­ri­ge Kärnt­ner nur des­halb, weil bei einem Bur­gen­län­der, ein Kum­pel aus Bun­des­heer-Zei­ten, mit dem er brau­ne Chat­nach­rich­ten aus­ge­tauscht hat­te, eine Anzei­ge wegen des Besit­zes von Wein­fla­schen mit Nazi-Eti­ket­ten daher­ge­kom­men war. „‚Wir haben kaum noch Kon­takt’, schil­dert der 50-Jäh­ri­ge. Der Freund aus dem Bur­gen­land, bei dem 130 Nazi-Nach­rich­ten sicher­ge­stellt wur­den, erhielt bereits eine ein­jäh­ri­ge beding­te Frei­heits­stra­fe.“ (krone.at, 24.10.22) Auch der Kärnt­ner ern­te­te einen Schuld­spruch und die Min­dest­stra­fe über zwölf Mona­te bedingt – nicht rechtskräftig.

Wien: U‑Bahn-Pas­sa­gier bespuckt und bedroht

Ein Wie­ner, der am Natio­nal­fei­er­tag in der U‑Bahn unter­wegs war, wur­de Opfer eines üblen Angriffs. Der Aus­lö­ser: Er trug eine Mas­ke, zumal er zur Grup­pe der Hochrisikopatient*innen zählt. I. G. schil­dert den Vor­fall gegen­über „heu­te“ so: „Ich war gera­de am Rück­weg von mei­nem kran­ken Vater, da setz­te er sich zu mir und frag­te nach mei­ner auf­fäl­li­gen Mas­ke. Als ich es ihm erklär­te, brüll­te er los und nann­te mich einen Krüppel.“

Es folg­ten, auch nach­dem der Zug­füh­rer geholt wur­de, der es offen­bar vor­zog, nicht ein­zu­schrei­ten, wei­te­re Beschimp­fun­gen und Bespu­ckun­gen. „Obwohl ich mich weg­ge­setzt habe kam er dann zu mir vor dem Aus­stei­gen, hat mir den Flucht­weg ver­sperrt & sich zu mir nie­der­ge­beugt mich wei­ter her­ab­ge­wür­digt und aus nächs­ter Nähe ange­spuckt. Das war NACH mei­nem Hil­fe­ruf an @wienerlinien“, schil­dert G. auf Twit­ter. Er hat den Vor­fall auf­ge­nom­men und Anzei­ge erstattet.

Zu einer Dis­kus­si­on kam es, weil der Täter eine (alte?) Bun­des­heer-Uni­form trug. Schließ­lich stell­te sich her­aus, dass der, nach G. „ein­schlä­gig amts­be­kann­te“ Täter Ange­hö­ri­ger des wehr­po­li­ti­schen Ver­eins „Deutsch­meis­ter Schüt­zen­korps“ ist bzw. war: Er wur­de laut einem Vor­stands­mit­glied ausgeschlossen.

St. Geor­gen im Attergau/OÖ: Geka­per­te Demo

Das Desas­ter war vor­her­seh­bar: Alle im St. Geor­ge­ner Gemein­de­rat ver­tre­te­nen Par­tei­en (ÖVP, Grü­ne, FPÖ, SPÖ) hat­ten für den Natio­nal­fei­er­tag zu einer Pro­test­kund­ge­bung gegen die Auf­stel­lung von Zel­ten für Geflüch­te­te auf­ge­ru­fen. Bereits eine Woche zuvor began­nen Rechts­extre­me, allen vor­an die Iden­ti­tä­ren, für die Teil­nah­me an der Kund­ge­bung mobi­li­sie­ren, ohne dass die Gemein­de­füh­rung dar­auf effi­zi­ent reagier­te. Die Ver­samm­lung vor dem Rat­haus geriet daher zu einer von Rechts­extre­men gepräg­ten, ras­sis­tisch moti­vier­ten Kund­ge­bung, bei der zuerst der ÖVP-Bür­ger­meis­ter die hoh­le Phra­se, gegen jeden Extre­mis­mus, egal von wel­cher Sei­te, zu sein, vom Sta­pel ließ. Es folg­ten Reden wei­te­rer Par­tei­en­ver­tre­ter, wonach der Grü­ne Gemein­de­rat von der Ver­an­stal­tung mit Poli­zei­es­kor­te ver­schwin­den muss­te. Der Rest der poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen mach­te plan­ge­mäß von Rechts­extre­men beglei­tet einen Marsch durch die Ortschaft.

„Auf die Fra­ge, wie­so die Ver­an­stal­tung dann trotz­dem von Rechts­extre­men geka­pert wer­den konn­te, ent­geg­net der Bür­ger­meis­ter, dass er ‚auch kein Pro­fi’ sei und nicht gewusst habe, wie man ‚in so einer Lage mit 1.000 Leu­ten umgeht’. Jeden­falls wol­le er nicht ‚in so eine Sze­ne rein­ge­rückt wer­den’.” (derstandard.at, 27.10.22) Viel­leicht soll­ten er und der Rest der Gemein­de­ver­tre­ter, die nicht „in so eine Sze­ne rein­ge­rückt” wer­den wol­len, es künf­tig unter­las­sen, Kund­ge­bun­gen die­ser Art zu ver­an­stal­ten. So bleibt als Fazit, dass sie sich zu poli­ti­schen Mario­net­ten von Rechts­extre­men gemacht haben.

Wie­der ein­mal ATV!

Bei der ATV-Serie „Forst­haus Ram­pen­sau“ ist eine Teil­neh­me­rin nach einem „Nazi-Sager“ aus­ge­schlos­sen wor­den. „ATV han­del­te nach die­ser ‚untrag­ba­ren Aus­sa­ge‘ und wirft in der nächs­ten Woche die ‚Teen­ager wer­den Mütter‘-Teilnehmerin samt Part­ner Scott aus der Show.“ (krone.at, 28.10.22)

Erst im Juli fass­te ein wei­te­rer ATV-„Star“ aus der­sel­ben Teen­ager-Serie wegen Wie­der­be­tä­ti­gung eine Ver­ur­tei­lung aus. Auch schon vor die­sen bei­den Fäl­len sind Teil­neh­mer aus ATV-Seri­en ein­schlä­gig aufgefallen.

Kla­gen­furt: Stol­zer SS-Vete­ran Her­bert Bell­schan-Mil­den­burg tot

Er war bei allen, die rechts­extrem bzw. neo­na­zis­tisch blin­ken, ein gern gese­he­ner Gast: Her­bert Bell­schan-Mil­den­burg, Jahr­gang 1924, rück­te 1942 frei­wil­lig in die Waf­fen-SS ein. „Sei­ne Beför­de­rungs­ur­kun­de zum SS-Unter­sturm­füh­rer, aus­ge­stellt von Reichs­füh­rer SS Hein­rich Himm­ler, besitzt Mil­den­burg noch heu­te im Ori­gi­nal“, schrieb „Blick nach rechts“ 2005.

Zuletzt wur­de über Bellschans mehr­ma­li­ge Auf­trit­te am rechts­extre­men Ulrichs­berg­tref­fen berich­tet, als der Ulrichs­berg-Red­ner Ste­phan Tau­schitz zum Chef des Kärnt­ner Ver­fas­sungs­schut­zes ernannt und dann nach hef­ti­ger Kri­tik wie­der abge­zo­gen wur­de. Im Mai hat­te Bell­schan noch an einer öffent­li­chen Ver­an­stal­tung des „Kärnt­ner Abwehr­kämp­fer­bunds“ am Dom­platz in Klagenfurt/Celovec und laut einem Neo­na­zi-Kanal vor Kur­zem auch noch bei einem erneu­ten Tref­fen am Fuß des Ulrichs­bergs teil­ge­nom­men. Die brau­ne Com­mu­ni­ty trau­ert um Bell­schan, der laut Bekannt­ga­be durch sei­ne Frau und sei­ne Toch­ter am 25. Okto­ber verstarb.

Neonazis trauern um Bellschan

Neo­na­zis trau­ern um Bellschan

Eini­ge Tage frü­her ist der einst als Medi­en­in­ha­ber und „Schrift­lei­ter“ von Publi­ka­tio­nen der neo­na­zis­ti­schen AfP geführ­te Her­mi­nio Redon­do im Alter von 82 Jah­ren verblichen.

USA: Nan­cy Pelo­si im Visier von Rechtsextremen

Wie Hetz­kam­pa­gnen wir­ken, ist in der letz­ten Woche am Bei­spiel der Spre­che­rin des US-Reprä­sen­tan­ten­hau­ses, Nan­cy Pelo­si, sicht­bar gewor­den. Ein Rechts­extre­mist drang mit dem Ruf „Whe­re is Nan­cy?“ in ihr Haus ein und schlug mit einem Ham­mer auf Pelo­sis Ehe­mann los, der dabei u.a. einen Schä­del­bruch erlitt. Nan­cy Pelo­si selbst war wäh­rend des Angriffs nicht anwe­send. Der Täter ist nun mit einer Ankla­ge wegen Kör­per­ver­let­zung und ver­such­ter Gei­sel­nah­me kon­fron­tiert: Er hat­te „Kabel­bin­der, Seil und Kle­be­band bei sich gehabt, erklär­te das US-Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um. Nach Anga­ben der Ermitt­ler gab der Mann nach sei­ner Fest­nah­me an, er habe Nan­cy Pelo­si als Gei­sel neh­men und mit ihr reden wol­len.” (APA via derstandard.at, 31.10.22) Der Angrei­fer zeig­te sich als Anhän­ger zahl­rei­cher Ver­schwö­rungs­my­then, wie an sei­nem per­sön­li­chen Blog zu sehen ist. Er äußer­te sich dort anti­se­mi­tisch und ras­sis­tisch und schrieb auch über QAnon.

Der Blut­tat vor­aus­ge­gan­gen waren jah­re­lan­ge Kam­pa­gnen gegen die Demo­kra­tin Pelo­si, in denen sie zum Feind­bild sti­li­siert wur­de. Allei­ne im letz­ten Jahr sei­en von den Repu­bli­ka­nern Anzei­gen um fast 37 Mil­lio­nen Dol­lar geschal­ten wor­den, die sich gegen Pelo­si gerich­tet hät­ten. 

Themen von Anzeigen durch Republikaner und Ausgabenhöhe (Grafik: Washington Post 29.10.22)

The­men von Anzei­gen durch Repu­bli­ka­ner und Aus­ga­ben­hö­he (Gra­fik: Washing­ton Post 29.10.22)

Pelo­si war eben­falls im Visier jener Rechts­extre­mis­ten, die am 6. Jän­ner 2021 mit dem Ruf „Nan­cy, Nan­cy, whe­re are you, Nancy?”gewalttätig ins Kapi­tol ein­ge­drun­gen waren. Auch Donald Trump zählt zu dem Kreis, der „pau­sen­los gegen Nan­cy Pelo­si hetzt (…). ‚Cra­zy Nan­cy‘ ist eine der Lieb­lings­ziel­schei­ben Trumps und sei­ner Anhän­ger, ihr Haus wird regel­mä­ßig in rech­ten Medi­en abge­bil­det.“ (sueddeutsche.de, 28.10.22)

Die Anzahl der Dro­hun­gen gegen Mit­glie­der des US-Kon­gres­ses sei in fünf Jah­ren nach der Wahl von Donald Trump zum Prä­si­den­ten mas­siv ange­stie­gen, führt die „New York Times“ an: The num­ber of recor­ded thre­ats against mem­bers of Con­gress increased more than ten­fold in the five years after Mr. Trump was elec­ted in 2016, accor­ding to figu­res from the Capi­tol Poli­ce, the fede­ral law enforce­ment depart­ment that pro­tects Con­gress, with more than 9,625 thre­ats repor­ted in 2021.”

Dehu­ma­ni­sie­ren als recht(sextrem)e Stra­te­gie 

Drei Bei­spie­le aus den letz­ten Tagen, wie Akteu­re von Rechts poli­tisch Anders­den­ken­de sprach­lich dehu­ma­ni­sie­ren und sich damit eines Mit­tels des Natio­nal­so­zia­lis­mus bedienen:

Der stei­ri­sche FPÖ-Lan­des­par­tei­se­kre­tär Ste­fan Her­mann mein­te über einen Gra­zer FPÖ-Bezirks­po­li­ti­ker, der Mario Kuna­seks Vor­ge­hen gegen­über den aus­ge­schlos­se­nen Gemein­de­rats­mit­glie­dern hart kri­ti­sier­te und dar­auf­hin selbst aus­ge­schlos­sen wur­de: „Das nächs­te destruk­ti­ve Ele­ment hat sich somit selbst ent­fernt.“ (Klei­ne Zei­tung, 28.10.22) 

Der Inten­dant von Ser­vus TV, Fer­di­nand Weg­schei­der, dif­fa­mier­te Journalist*innen, die sich über Diet­rich Mate­schitz anläss­lich des­sen Todes kri­tisch geäu­ßert hat­ten als „frus­trier­te Schrei­ber­lin­ge“ und: „In die­ser Woche haben mil­de Tem­pe­ra­tu­ren offen­bar dafür gesorgt, dass zahl­rei­che Schmeiß­flie­gen und ähn­li­ches Getier noch ein­mal aus ihren Löchern gekro­chen sind und in der Herbst­son­ne ihren schäd­li­chen Dreck abge­son­dert haben.“ (zit. nach derstandard.at, 30.10.22)

Der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaf­ter Fritz Haus­jell kom­men­tier­te Weg­schei­ders ver­ba­len Aus­fall auf Twit­ter mit: „Die­se Art der Dehu­ma­ni­sie­rung von Kri­ti­kern soll­te nach Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter Joseph Goeb­bels ein No-Go sein.“

Nicht ganz so klar, aber in die­sel­be Rich­tung gehend, mein­te der CDU-Chef Fried­rich Merz die Ampel-Regie­rung damit kri­ti­sie­ren zu müs­sen, indem er twit­ter­te: „Das Mus­ter der Respekt­lo­sig­keit zeigt sich bei der #Ampel schon lan­ge. Regel­mä­ßig ist die Regie­rungs­bank nicht mit Mit­glie­dern der #Bun­des­re­gie­rung besetzt, son­dern mit namen­lo­sen Gesich­tern einer unüber­schau­ba­ren Zahl von Par­la­men­ta­ri­schen Staats­se­kre­tä­ren.“ Sven Leh­mann, einer die­ser dif­fa­mier­ten Staats­se­kre­tä­re, reagier­te auf Twit­ter: „Doch, wir haben alle einen Namen. Und ver­tre­ten die Minis­te­rin­nen und Minis­ter im Par­la­ment. So will es das Gesetz. Und so war es auch unter CDU-geführ­ten Regie­run­gen. Respekt­los ist ein­zig und allein die­ser Tweet. Mal wieder.“

Tweet Merz und Reaktion Lehmann (30.10.22)

Tweet Merz und Reak­ti­on Leh­mann (30.10.22)