Die Bleiburg-Pilger*innen

Wie jedes Jahr sind auch 2017 ca. 10.000 Rechte aus Kroa­t­ien und der kroat­is­chen Dias­po­ra ganz Europas nach Bleiburg/Pliberk gepil­gert, um ein­er „Gedenkver­anstal­tung“ für die Ustaša und den faschis­tis­chen NDH-Staat beizu­wohnen. Ein Blick auf Hin­ter­gründe, Beteili­gung und Reak­tio­nen auf das diesjährige Tre­f­fen. Ein Gastbeitrag.

Warum Bleiburg ein Mythos ist
Laut dem revi­sion­is­tis­chen „Mythos Bleiburg“ sollen auf dem Loibach­er Feld tausende Kroat*innen von jugoslaw­is­chen Partisan*innen hin­gerichtet wor­den sein. Dass am Loibach­er Feld Massen­er­schießun­gen stattge­fun­den haben sollen, ist jedoch falsch: Bleiburg ste­ht sym­bol­isch für die Weigerung der britis­chen Armee die Kapit­u­la­tion der vor den Partisan*innen flüch­t­en­den Kolonne kroat­is­ch­er Stre­itkräfte, Ustaša und teils Zivilist*innen anzuerken­nen. Am Loibach­er Feld haben höch­stens einige hochrangige Armeeange­hörige Selb­st­mord began­gen um der Vergel­tung der Widerstandskämpfer*innen zu entkom­men. Die nach Jugoslaw­ien zurückge­drängten Zivilist*innen wur­den großteils ins Lan­desin­nere trans­portiert und nicht, wie das revi­sion­is­tis­che Nar­ra­tiv behauptet, massen­haft in Bleiburg ermordet. Die Per­so­n­en, an denen die Partisan*innen Vergel­tung übten, waren haupt­säch­lich Kriegsver­brech­er der kroat­is­chen Armee und Ustaša bzw. all­ge­mein kroat­is­che Stre­itkräfte, die sich dem faschis­tis­chen NDH-Staat verpflichtet fühlten. Trotz dieser erwiese­nen Tat­sachen wer­den die Geschehnisse auf eine Art und Weise dargestellt, die es den Ustaša-Sympatisant*innen ermöglicht, die Ermorde­ten – und im Umkehrschluss auch sich selb­st – als Opfer zu betra­cht­en. Dass es sich beim NDH-Staat um ein mit den Nationalsozialist*innen kol­la­bori­eren­des, faschis­tis­ches Regime han­delte und, dass in diesem das einzige von den Nazis unab­hängige KZ Jasen­o­vac betrieben wurde, wird dadurch in den Hin­ter­grund gerückt, ver­harm­lost und teils schlicht gutgeheißen.

Während der Prozession im Jahr 2017 wurde wie immer jenes Gemälde herumgetragen, das für die angereisten Feiernden für die historische Realität gehalten wird: Tausende Partisan*innen schlachten Zivislist*innen ab, das Bleiburger Feld ist Blutgetränkt, die britische Armee schaut dem hämisch zu.

Während der Prozes­sion im Jahr 2017 wurde wie immer jenes Gemälde herumge­tra­gen, das für die angereis­ten Feiern­den für die his­torische Real­ität gehal­ten wird: Tausende Partisan*innen schlacht­en Zivislist*innen ab, das Bleiburg­er Feld ist Blut­getränkt, die britis­che Armee schaut dem hämisch zu.

Dieses verkehrte Geschichtsver­ständ­nis ermöglicht in weit­er­er Folge die Dämon­isierung der Partisan*innen und die gle­ichzeit­ige Rel­a­tivierung und teils auch Reha­bil­i­tierung der faschis­tis­chen Ustaša und deren Ver­brechen an Rom­n­ja und Roma sowie Jüd*innen und Serb*innen. Mit­tels der Täter*innen-Opfer-Umkehr geht eine ide­ol­o­gis­che Umdeu­tung von­stat­ten, die den pos­i­tiv­en Bezug auf den NDH-Staat ermöglicht. Das Regime der Ustaša wird so im revi­sion­is­tis­chen Nar­ra­tiv schlicht als erster unab­hängiger kroat­is­ch­er Staat verk­lärt und so als Vor­bild für den aktuellen Staat herangezogen.

Vom Min­is­ter bis zum Bischof
Anlässlich des run­den Jubiläums ver­sam­melten sich Jahr 2015 in Bleiburg/Pliberk um die 30.000 Per­so­n­en, während es 2016 ca. „nur“ 15.000 waren und in diesem Jahr ist die Besucher*innenanzahl laut Polizeiangabe auf ca. 10.000 gesunken. Das struk­tur­tra­gende Ele­ment der Gedenkver­anstal­tung beste­ht in ein­er Grab­wei­hung am Loibach­er Fried­hof mit anschließen­der religiösen Prozes­sion und ein­er Messe, die von einem, am Feld erbaut­en, Altar aus gele­sen und durch poli­tis­che Reden abgerun­det wird. An dieser Messe nehmen neben Lai*innen auch eine Vielzahl hoher religiös­er Wür­den­träger, Priester und Non­nen teil.

Räum­lich getren­nt vom religiösen Teil des Tre­f­fens ver­sam­meln sich auch eine Vielzahl rechter, recht­sex­tremer, neon­azis­tis­ch­er Besucher*innen und Neo-Ustaša, die um einiges weniger um die Ver­hül­lung bzw. Verk­lausulierung ihrer Gesin­nung bemüht sind — im Ver­gle­ich zu jenen Per­so­n­en, die auss­chließlich an den religiösen Riten teil­nehmen. Die Zurschaustel­lung von Sym­bol­en, die in Kroa­t­ien teils ver­boten sind und die Ustaša und den NDH-Staat ver­her­rlichen, unter­stre­ichen dies und und zeigen, worum es am Tre­f­fen eigentlich geht: Von his­torischen faschis­tis­chen Uni­for­men, Klei­dungsstück­en mit den Sym­bol­en der Ustaša und des NDH-Staates bis hin zu Sym­bol­en wie Hak­enkreuze etc., find­et sich fast die gesamte Band­bre­ite recht­sex­tremer Sym­bo­l­ik. So darf es nicht über­raschen, dass auch Neon­azis aus dem Spek­trum des Net­zw­erks „Blood and Hon­our“ wie Gre­gor T. oder Markus F. regelmäßig teil­nehmen und das Tre­f­fen als Möglichkeit zur Ver­net­zung mit Gle­ich­gesin­nten nutzen.

Die regelmäßige Teil­nahme hoher Politiker*innen wie z.B. der führen­den Ange­höri­gen der zur Zeit regieren­den Kroat­is­chen Demokratis­chen Union (HDZ) und anderen Mit­gliedern der Regierung neben Per­sön­lichkeit­en wie dem Zagre­ber Bischof zeigt, dass das Tre­f­fen keines­falls nur in der extremen Recht­en Anklang find­et, son­dern weit in der Gesellschaft Kroa­t­iens ver­ankert ist, und fast wie ein Nation­alfeiertag zu werten ist. Dieses Jahr nah­men u.a. fol­gende namhafte kroat­is­che Politiker*innen am Tre­f­fen teil: der Abge­sandte der Staat­spräsi­dentin Kolin­da Grabar-Kitarovic (HDZ) und Min­is­ter für Staat­seigen­tum Goran Mar­ic (HDZ); der Gesund­heitsmin­is­ter Milan Kujudznic (HDZ); stel­lvertre­tend für den Pre­mier Andrej Plenkovic (HDZ) der Vet­er­a­nen­min­is­ter Tomo Medved (HDZ); der Par­la­mentspräsi­dent und ehe­ma­lige Außen­min­is­ter Gor­dan Jan­drovic (HDZ) als Vertreter des kroat­is­chen Par­la­mentes, das auch dieses Jahr die Schirmherrschaft über das Bleiburg­er Tre­f­fen über­nom­men hat; der ehe­ma­lige recht­sex­treme Kul­tur­min­is­ter Zlatko Hasan­be­gov­ic (HDZ). Darüber hin­aus reiste auch das Mit­glied des Bosnis­chen Staat­sprä­sid­i­um Dra­gan Cov­ic (Kroat­is­che Demokratis­che Union in Bosnien und Herze­gow­ina) zu dem Tre­f­fen an. Für die Katholis­che Kirche war als höch­ster Wür­den­träger der Erzbischof der Erzdiözese Djako­vo-Osi­jek Djuro Hran­ic anwe­send, der auch als Leit­er der Gedenk­feier im Vorder­grund stand.

In den Zelten wurden auch während der Ustaša-Feier 2017 faschistische Lieder gesungen und dutzendfach Hitlergrüße gezeigt.

In den Zel­ten wur­den auch während der Ustaša-Feier 2017 faschis­tis­che Lieder gesun­gen und dutzend­fach Hit­ler­grüße gezeigt.

Nur ein Gottesdienst?
Die Geschehnisse auf der diesjähri­gen Gedenkver­anstal­tung haben ein­mal mehr gezeigt, dass die Tren­nung zwis­chen den Gläu­bi­gen am Feld und Recht­sex­tremen in den Festzel­ten nur eine augen­schein­liche ist. Während der gesamten Messe weht­en inmit­ten der Gläu­bi­gen drei riesige Fah­nen der Neo-Ustaša-Partei HSP (Kroat­is­che Partei des Rechts) und zahlre­iche Per­so­n­en mit ein­schlägi­gen Sym­bol­en und Auf­schriften waren zudem über­all in der Men­schen­masse zu erken­nen. Spätestens am Ende der Messe wurde der wahre Charak­ter der gesamten Ver­anstal­tung offen­sichtlich: nach­dem der Chor und die Besucher*innen die Kroat­is­che Hymne gesun­gen hat­ten, hob eine große Anzahl an Per­so­n­en auf dem Feld unver­hohlen die Hand zum Hit­ler­gruß. Hier han­delte es sich keineswegs nur um ein­deutig Recht­sex­treme, son­dern schlicht um „ganz nor­male“ Gläu­bige. Dadurch zeigt sich ein­mal mehr, dass es nicht möglich ist, den faschis­tis­chen Ton der Ver­anstal­tung vom religiösen zu tren­nen, wie es die Kärnt­ner Diözese in ein­er frag­würdi­gen Presseaussendung gemacht hat.

Die Kirche beteiligt sich ent­ge­gen der Behaup­tun­gen der Diözese oder der Vertreter der Kroat­is­chen Kirche selb­st nicht nur trotz son­dern auch wegen der faschis­toiden Zügen des Gedenkens am Tre­f­fen. Es war schließlich der faschis­tis­che kroat­is­che Priester Vil­im Cecel­ja, eine zen­trale Fig­ur in der Rat­ten­lin­ie für die flüchti­gen Kad­er der Ustaša-Bewe­gung und des NDH-Staates nach der Kapit­u­la­tion, der sich nach 1945 in Salzburg nieder­ließ, sich erfol­gre­ich für die Erhal­tung der Bleiburg­er Gedenk­feier und für die Ein­führung der Messe während des Tre­f­fens ein­set­zte. Auch während der Wei­hung des Erzbischofs eines Grabes im Loibach­er Fried­hof – das der Erin­nerung an gefal­l­ene Ustaša-Sol­dat­en dient – zeigte, dem Augen­zeu­gen und Vice-Jour­nal­is­ten Paul Don­ner­bauer zufolge, ein Mann in Ustaša-Uni­form unter einem Kreuz sitzend wieder­holt den Hit­ler­gruß, ohne neg­a­tive Reak­tio­nen bei anderen Per­so­n­en zu erzeu­gen. Dass der in Sichtweite ste­hende Ver­fas­sungss­chutz darauf nicht reagierte, ist nicht über­raschend. (1)

Rei­bungslos­er Ablauf
Wie mehrere Augenzeug*innen berichteten, ließ sich das diesjährige Auf­gabenge­bi­et der anwe­senden Verfassungsschützer*innen und Polizeibeamt*innen nach kürzester Zeit auf einen Haupt­tätigkeits­bere­ich ein­gren­zen: der Schutz der faschis­tis­chen Gedenk­feier vor kri­tis­chen Journalist*innen und anderen nicht­faschis­tis­chen Besucher*innen. Das wieder­holte Täti­gen von Hit­ler­grüßen und Zeigen von Hak­enkreuzen und anderen ver­bote­nen Sym­bol­en in Bleiburg nahm in diesem Jahr insofern eine ganz andere Dimen­sion an, als es vor den Augen einiger weniger Journalist_innen sowie den Behör­den geschah. Bish­er von ein­er kri­tis­chen Öffentlichkeit ver­schont, hat sich das Tre­f­fen zu einem faschis­tis­chen Karneval entwick­elt, in dem die Beamt*innen auss­chließlich für den rei­bungslosen Ablauf des Spek­takels zuständig zu sein scheinen. Mehr nicht. Das belegt vor allem die völ­lige Inak­tiv­ität der anwe­senden Polizist*innen gegenüber den dutzen­den Hit­ler­grüßen, die über den gesamten Tag hin­weg getätigt wur­den. Auch das Tra­gen von T‑Shirts mit der Auf­schrift „Panz­er Divi­sion“, „Afri­ka Korps“, dem Ustaša‑U oder dem Bild eines KZs, schienen nie­man­den zu stören. Einige Beamt*innen hat­ten auch kein Prob­lem mit Mit­gliedern des faschis­tis­chen Ustaša-Rit­teror­den „H.V.R Čuvari Domovine“ für ein Foto zu posieren.

Reak­tio­nen
Nur langsam bildet sich von ver­schiede­nen Ver­bän­den und Organ­i­sa­tio­nen Wider­stand gegen das revi­sion­is­tis­che Tre­f­fen. Während im Jubiläum­s­jahr 2015 trotz der 30.000 Besucher*innen das Tre­f­fen kaum kri­tisch beleuchtet wurde und die Berichter­stat­tung in nicht-kroat­is­ch­er Medi­en weit­ge­hend aus­blieb, zeich­net sich dieses Jahr ein völ­lig anderes Bild: Das Doku­men­ta­tion­sarchiv des öster­re­ichis­chen Wider­standes (DÖW), die Gew­erkschafts­frak­tion AUGE-UG und die Israelitis­che Kul­tus­ge­meinde (IKG) macht­en mit der Forderung zur Unter­sa­gung der Bleiburg­er Gedenk­feier auf sich aufmerk­sam. Hinzu kam ein Appell mit knapp 30 unterze­ich­nen­den Organ­i­sa­tio­nen. Schließlich gab es von Seit­en ver­schiede­nen Medi­en schon im Vor­feld sowie in der Nach­bere­itung eine weit regere Berichter­stat­tung als es in den ver­gan­genen Jahren je der Fall war. (2)

Diese zunehmend kri­tis­che Berichter­stat­tung zeigt schon Wirkung. Neben recht unbe­holfe­nen Dis­tanzierungsver­suchen von einzel­nen Behördenvertreter*innen hat sich auch die Ulrichs­bergge­mein­schaft, die seit Jahrzehn­ten das größte SS-Vet­er­a­nen­tr­e­f­fen Öster­re­ichs am Ulrichs­berg organ­isiert, zu Wort gemeldet: In ein­er Presseaussendung bekun­dete sie gegenüber dem „Bleiburg­er Ehren­zug“ ihre Sol­i­dar­ität. So kommt erneut zusam­men, was zusam­men gehört: unter dem medi­alen Druck rück­en die Organisator*innen zweier revi­sion­is­tis­ch­er Gedenkver­anstal­tun­gen mit neon­azis­tis­ch­er bzw. neo-Ustaša Beteili­gung, näher zusam­men und offen­baren die enge Ver­wandtschaft ihrer Gesin­nung und Aktivitäten.

Trotz der wach­senden Kri­tik an der revi­sion­is­tis­chen Gedenk­feier hat sich auch dieses Jahr gezeigt, dass diese ein­er­seits weit­er­hin ihren Charak­ter als größtes faschis­tis­ches Tre­f­fen Europas unbe­strit­ten beibehält und ihr ander­er­seits immer noch große Bedeu­tung in der kroat­is­chen Innen­poli­tik zukommt. Bevor dieses Tre­f­fen wie das am Ulrichs­berg in die Unbe­deut­samkeit ver­ban­nt wer­den kann, bedarf es noch an zahlre­ich­er Ini­tia­tiv­en und eine deut­lich größeren kri­tis­chen Öffentlichkeit. Den­noch kann zumin­d­est die kri­tis­che Bericht­ser­stat­tung öster­re­ichis­ch­er Tageszeitun­gen als pos­i­tive Entwick­lung gese­hen werden.

Ver­weise:
(1) Paul Don­ner­bauer für Vice am 15.05.2017, Link.
(2) Vgl. ORF Kärn­ten am 13.05.2017, Link. Anja Melz­er in News am 18.05.2017, Link. Tan­ja Malle im Stan­dard am 19.05.2017, Link.