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Lesezeit: 8 Minuten

Arierknochen, Holocaust-Verherrlichung, Jobvermittlung: Die Identitären als Kaderschmiede der FPÖ-Jugend

Schädelmessungen, Holocaust-Verherrlichung, Hitlerjugend-Parole und Jobs im Parlament: Vom „Standard“ veröffentlichte interne Unterlagen legen offen, wie eng Freiheitliche Jugend und Identitäre verzahnt sind. Aus bekannten Überschneidungen tritt das Bild einer organisierten Kaderschmiede hervor, die demokratiepolitische Grenzen überschreitet.

25. Aug. 2026
Erster öffentlicher Auftritt der "Aktion 451" an der Unirampe mit Götz Kubitschek – mit dabei u.a.: Moritz Greiner, Silvio Hemmelmayr, Andreas Hinteregger, Gerwin Kowarik, Matthias Ohm, Gernot Schmidt, Martin Sellner, Jan Staudigl (Foto: Samuel Winter, 17.11.23)
Erster öffentlicher Auftritt der „Aktion 451“ an der Unirampe mit Götz Kubitschek – mit dabei u.a.: Moritz Greiner, Silvio Hemmelmayr, Andreas Hinteregger, Gerwin Kowarik, Matthias Ohm, Gernot Schmidt, Martin Sellner, Jan Staudigl (Foto: Samuel Winter, 17.11.23)

„Bitte keine FJ-Kleidung anziehen“

Es ist ein kleiner Satz, der viel erzählt. Vor der Identitären-Demo im Juli 2024 schrieb Jan Staudigl, Landesjugendsekretär der Freiheitlichen Jugend (FJ) Wien, in eine interne Chatgruppe: „Bitte keine FJ-Kleidung anziehen.“ Die Verbindung sollte an diesem Tag, zwei Monate vor der Nationalratswahl, offenbar weniger deutlich als in vorangegangenen Aufmärschen nach außen getragen werden. Das Personal blieb jedoch dasselbe.

Faschistische Schwarzhemden-Ästhetik der Freiheiltlichen Jugend (Video FJ/FPÖ-TV 27.8.23)
Jan Staudigl – Faschistische Schwarzhemden-Ästhetik der Freiheiltlichen Jugend (Video FJ/FPÖ-TV 27.8.23)

Die Recherche des „Standard“ (25.8.26) stützt sich auf interne Chats, Vortragsmitschnitte, Fotos, Videos und Aussagen mehrerer ehemaliger Beteiligter. Sie zeichnet das Bild zweier Milieus, die in Teilen längst ineinander übergegangen sind: Identitäre und die offizielle Nachwuchsorganisation der FPÖ agieren in Personalunion, nutzen dieselben Räume und Strukturen und verschaffen Aktivisten Jobs in Partei und Parlament.

Überraschend sind die Verbindungen an sich nicht. Die Massivität, die organisatorische Dichte und vor allem die Systematik, die nun aus den Enthüllungen hervorgehen, erreichen allerdings eine andere Qualität.

Schädel vermessen in der Kaderschmiede?

Eine zentrale Rolle spielt die von Martin Sellner aufgebaute „Aktion 451“, die sich an Studierende richtet und vom Verfassungsschutz als identitäre Tarnorganisation eingeordnet wird. Was als „Lesekreis“ und rechte Theoriearbeit verkauft wird, erscheint in der „Standard“-Recherche zugleich als Rekrutierungsreservoir für FJ und FPÖ.

Dort soll es eine intern „RFJ-Untersuchung“ genannte Prozedur gegeben haben. Physiognomie und Schädelprofile seien vermessen worden, darunter ein intern als „Arierknochen“ bezeichnetes Merkmal am Hinterkopf, das in der NS-Rassenlehre erfunden wurde. Bereits im Februar 2025 war bekannt geworden, dass sich die Grazer Sektion der Jungfaschisten mit pseudowissenschaftlicher Rassenlehre beschäftigt: Damals stand ein Grazer AHS-Lehrer im Fokus, der als Ansprechpartner für einen Lesekreis zum Buch „Making Sense of Race“ des britischen Rassentheoretikers Edward Dutton gedient hatte.

Noch verstörender sind die Aussagen über eine Clique innerhalb dieses Milieus. Eine Person beschreibt laut „Standard“ deren Haltung mit den Worten: „Den Holocaust leugnet da niemand. Die finden den gut und wollen den wiederholen.“ Ein führender Aktivist soll sich mit Reinhard Heydrich verglichen haben, einem Hauptorganisator des Holocaust. Das weckt Erinnerungen: Nach der identitären Sommerdemo 2024 veröffentlichte RTL eine Undercover-Recherche, in der gezeigt wurde, wie eine aus Deutschland angereiste Teilnehmerin den Holocaust als „geil“ bezeichnet hatte. Stoppt die Rechten hatte damals eine Sachverhaltsdarstellung eingebracht. Dass Aussagen dieser Art nicht nur importiert sind, scheinen Insider nun zu bestätigen.

Das „System Weinzierl“

Im Zentrum dieser Verflechtung steht FJ-Bundesobmann und FPÖ-Nationalratsabgeordneter Maximilian Weinzierl. Unter ihm wurden mehrere Männer mit identitärem Hintergrund in politische Funktionen geholt.

Laurenz Barth, Geschäftsführer und Finanzreferent der FJ, wird von Insidern als treibende Kraft der Verbindung mit „Aktion 451“ beschrieben. In einem identitären Telegram-Chat wurde 2024 darauf hingewiesen, dass nach der Nationalratswahl „beim RFJ bzw. bei der Partei“ Arbeitsstellen frei würden. Interessierte sollten sich an Barth wenden. Nach der Wahl gelangten tatsächlich mehrere Personen aus dem identitären Milieu in den Parlamentsbetrieb.

Auch der geschäftsführende Obmann der FJ Wien, Moritz Greiner, soll immer wieder bei der identitären „Aktion 451“ anzutreffen sein. Barth und Greiner wurden im 20. Bezirk, wo Weinzierl Parteiobmann ist, mit den wichtigsten Posten der Bezirksvertretung betraut: Barth als Bezirksvorsteher-Stellvertreter mit einem satten monatlichen Gehalt von fast 5.700 Euro und Greiner als Klubobmann mit rund 1.700 Euro monatlichem Gehalt. Das System zeigt sich alleine darin, dass beide nicht in jenem Bezirk wohnen, den sie vertreten sollen.

Maximilian Weinzierl selbst engagierte mit Andreas Hinteregger einen weiteren zentralen Akteur der „Aktion 451“, Sebastian Schwaighofer, geschäftsführender Bundesobmann der Freiheitlichen Jugend, den früheren Identitären Fabian Rusnjak, Michael Oberlechner holte mit Gernot Schmidt einen zentralen Wiener Identitären-Kader und der Chef der Jungfreiheitlichen in Vorarlberg, Manuel Litzke, stellte mit Gerwin Kowarik ebenfalls einen Aktivisten der „Aktion 451“ als parlamentarischen Mitarbeiter ein.

Sebastian Schwaighofer, Maximilian Weinzierl und Laurenz Barth bei der CPAC 2023 in Budapest (Screenshot Insta 19.9.23)
Sebastian Schwaighofer, Maximilian Weinzierl und Laurenz Barth 2023 in Budapest (Screenshot Insta 19.9.23)

Die DSN hielt später ausdrücklich fest, dass bei ehemaligen IBÖ-Mitgliedern oder -Aktivisten mit Zugang zu klassifizierten Informationen grundsätzlich ein Sicherheitsrisiko bestehe. Wie berechtigt diese Befürchtungen sind, lässt sich nun erahnen.

Der „Standard“ beschreibt aber auch, wie das angebliche „System Weinzierl“ in Kärnten hineinspielt. Von dort berichten Aussteiger:innen, dass der im Jänner 2026 unter Anwesenheit von Weinzierl zum FJ-Landesobmann aufgestiegene Deutsche Viktor Erdesz ein rechtsextremes Regime etabliert habe, aus dem gemäßigtere Mitglieder hinausgemobbt worden seien. Antifa-Recherchen beschrieben bereits 2017 Erdesz‘ Verbindungen zu den deutschen Identitären. Diese Allianzen scheint der Olympia-Burschenschafter in Österreich fortgesetzt zu haben. Dass Erdesz nun zwar in Kärnten aus der FPÖ ausgeschlossen wurde, zugleich aber als FJ-Obmann im Amt bleibt, deutet auf einen Machtkampf zwischen der Parteijugend und der Kärntner Mutterpartei hin.

Von der Hitlerjugend-Parole zur „Erbanlage“

Auch ideologisch verschwimmen die Grenzen. Gernot Schmidt erklärte bei einem Vortrag im Identitären-Keller 2024, es wachse zusammen, „was zusammengehört“: „Partei und Vorfeld“. Die FPÖ habe den identitären Sommeraufmarsch 2023 zumindest inoffiziell unterstützt. Das war just jene Demo, bei der Teilnehmer gleich reihenweise mit Nazi-Tattoos aufgetreten sind. Für 2024 verriet Schmidt, dass sich die FPÖ aufgrund wahltaktischer Überlegungen heraushalten werde, „eine zu offensichtliche Unterstützung“ würde „einfach Stress bedeuten für den Wahlkampf”.

Zuwanderung bezeichnete Schmidt in seinem Vortrag als „das größte Unrecht der Moderne“. Nach seiner Darstellung wäre „alles, und ich meine wirklich alles, besser ohne Ausländer“. Wien, titulierte der kinderlose IB-Kader aufgrund der Migrant:innen als „Rattenloch“, das so nicht „unseren Kindern“ hinterlassen werden dürfe. Schon zuvor hatte Schmidt eine Parole der Hitlerjugend verwendet: Die Identitären seien eine Bewegung, in der „Jugend von Jugend geführt“ werde.

Der Olympia-Burschenschafter, IB-Demoorganisator und spätere parlamentarische Mitarbeiter Gernot Schmidt bei der identitären Sommerdemo 2023 (Foto: Thomas Witzgall, 29.7.23)
Der Olympia-Burschenschafter, IB-Demoorganisator und spätere parlamentarische Mitarbeiter Gernot Schmidt bei der identitären Sommerdemo 2023 (Foto: Thomas Witzgall, 29.7.23)

Andreas Hinteregger wiederum erklärte in einem Podcast die besondere Rolle rechter Akademiker mit deren „Erbanlagen“ und der „Erblichkeit von Intelligenz“. Der spätere parlamentarische Mitarbeiter war gemeinsam mit Sellner und FPÖ-Funktionären am Aufbau der „Aktion 451“ beteiligt. Nachdem Hinteregger – der wie alle weiteren zentralen Akteure ohne eigenen Studienabschluss von der akademischen Elite faselt – als Weinzierls Mitarbeiter im Parlament das Feld räumen musste, soll er bei der FJ untergebracht worden sein.

Gewalt als Bestandteil des Milieus

Auch die Gewaltaffinität ist seit Jahren dokumentiert. Stoppt die Rechten hat erst im Juli nach dem brutalen Angriff auf einen Taxifahrer in Leoben beschrieben, wie Identitäre, Burschenschaften und FPÖ als Drehkreuze eines gewaltorientierten rechtsextremen Milieus funktionieren. Zu den Beschuldigten gehören Yannick Wagemann und Gernot S., beide zentrale Figuren der Wiener Identitären. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

Ex-IB-Sprecher Yannick Wagemann auf X zu "Juden sind keine Deutschen": "Der erste Satz stimmt zumindest" (Screenshot X 17.9.25)
Ex-IB-Sprecher Yannick Wagemann auf X zu „Juden sind keine Deutschen“: „Der erste Satz stimmt zumindest“ (Screenshot X 17.9.25)

Schon zuvor gab es die identitäre „Fight Night“, militärischen Drill, gewalttätige Auseinandersetzungen und Aktivisten mit Teleskopschlagstöcken. Selbst FPÖ-Nationalratspräsident Walter Rosenkranz musste nach Leoben einräumen, man habe gesehen, dass Mitglieder der Identitären „auch nicht nur gewaltbereit sind, sondern gewalttätig“ – was ihm Kritik durch Martin Sellner einbrachte, der zugleich zufrieden feststellte, dass Rosenkranz innerhalb seiner Partei mit dieser Zuordnung der einzige blieb.

Fast 400.000 Euro für die identitär-blaue Kaderschmiede

Die Freiheitliche Jugend ist keine private Kellergruppe. Als offizielle Parteijugend wird sie mit öffentlichen Geldern gefördert – und zwar üppig. Für 2025 summierten sich die Unterstützungen auf fast 400.000 Euro, unter anderem für außerschulische Jugenderziehung und Jugendarbeit.

Wenn dieselbe Organisation zugleich als Rekrutierungsbrücke für eine vom Verfassungsschutz beobachtete rechtsextreme Szene fungiert, ihre Funktionäre identitäre Aktionen organisatorisch absichern und in ihrem Umfeld rassistische Schädelvermessungen, NS-Bezüge und Holocaust-Verherrlichung kursieren, wird eine förderrechtliche und politische Prüfung zwingend.

Die Verbindung von FPÖ-Nachwuchs und Identitären war bekannt, ebenso die Affinität zu Gewalt und die immer wieder bis in den Neonazismus reichenden Tendenzen. Neu ist das nun erkennbare System: Kaderschulung, Rekrutierung, gegenseitige Infrastruktur, Jobvermittlung und politischer Aufstieg greifen ineinander.

An dieser Stelle rüttelt die Causa an den Grundfesten dessen, was sich ein demokratischer Rechtsstaat bieten lassen kann. Er beobachtet eine rechtsextreme Organisation als Sicherheitsrisiko und finanziert zugleich eine Parteijugend mit Hunderttausenden Euro, die nach den nun vorliegenden Unterlagen als personelle Brücke in eben dieses Milieu funktioniert.

Der „Standard“ kündigt an, dass der heute veröffentlichte Artikel erst der Beginn seiner umfangreichen Recherche sei. Doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass Konsequenzen für die FPÖ und deren Nachwuchsorganisation unvermeidlich sind.

Der „Standard“ zu Reaktionen aus der FPÖ:

Auf eine Anfrage des STANDARD reagiert Weinzierl empört: „Sie konfrontieren uns mittlerweile also mit ‚Knochenmessgeräte‘ und einer geheimen ‚RFJ-Untersuchung‘?!“ Er kenne eine solche Untersuchung „natürlich nicht“. Auf die Frage, ob es stimmt, dass ein hochrangiger FJ-Funktionär bei der Aktion 451 im Scherz als „Kreditkarte“ bezeichnet wird, antwortet Weinzierl: „Der RFJ hatte und hat keine Kreditkarte“. Es sei nie Geld von der FJ zur Aktion 451 oder zu Identitären geflossen.

„Wir werden uns daher auch nicht an politischer Kampagnenarbeit mit journalistischem Briefkopf beteiligen und jede noch so wilde Unterstellung so behandeln, als wäre sie allein deshalb seriös, weil sie aus einer Redaktion kommt“, schließt Weinzierl, der noch mit etwaigen Klagen droht und „viel Erfolg bei der weiteren Suche nach der nächsten ‚Enthüllung“ wünscht.

Die FPÖ reagierte nicht direkt und verwies bloß auf die Freiheitliche Jugend Wien.

➡️ alle Zitate aus: derstandard.at (25.8.26): Geheime Dokumente belegen braune Umtriebe und Pakt zwischen FPÖ-Jugend und Identitären

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Schlagwörter: Antisemitismus | FPÖ | Identitäre | Kärnten/Koroška | Neonazismus/Neofaschismus | Rassismus/Antimuslimischer Rassismus | RFJ | Wien

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