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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 6 Minuten

Identitäre im Parlament: Das Sicherheitsloch mit Ansage

Der Ver­fas­sungs­schutz ord­net die Iden­ti­tä­ren von Beginn an expli­zit als rechts­extrem, völ­kisch, demo­kra­tie­feind­lich mit Ver­bin­dun­gen zum Neo­na­zis­mus ein. Den­noch arbei­ten deren Akti­vis­ten ohne Sicher­heits­über­prü­fung im Par­la­ment – ein Loch in der Sicherheitsarchitektur.

30. Apr. 2026
Parlamentsausweis ohne Sicherheitsüberprüfung (Ausweis Symbolbild; Foto Parlament: commons.wikimedia Jean Fonseca)
Parlamentsausweis ohne Sicherheitsüberprüfung (Ausweis Symbolbild; Foto Parlament: commons.wikimedia Jean Fonseca)

Beobachtet, aber ungeprüft

Der aktu­el­le Anlass ist bri­sant: ORF (28.4.26) und „Stan­dard“ (29.4.26) berich­ten unter Beru­fung auf Sicher­heits­krei­se, dass zwi­schen zehn und 20 Mit­ar­bei­ter des FPÖ-Par­la­ments­klubs von der DSN beob­ach­tet wer­den. Für Journalist:innen oder Arbeits­kräf­te von Fremd­fir­men mit Dau­er­zu­tritts­kar­te sind Sicher­heits­über­prü­fun­gen vor­ge­se­hen, für Abge­ord­ne­te und deren Mitarbeiter:innen hin­ge­gen keine.

Die Abge­ord­ne­ten Manu­el Litz­ke, Nor­bert Neme­th, Micha­el Ober­lech­ner, Sebas­ti­an Schwaig­ho­fer und Maxi­mi­li­an Wein­zierl sind 2024 neu in den Natio­nal­rat ein­ge­zo­gen. Sie alle haben Kader bzw. Akti­vis­ten der Iden­ti­tä­ren als Mit­ar­bei­ter ins Par­la­ment geholt – das, obwohl der Ver­fas­sungs­schutz seit sei­nem Bericht 2014 unmiss­ver­ständ­lich for­mu­liert, wie die Trup­pe rund um Mar­tin Sell­ner ein­zu­ord­nen ist.

Seit 2012 im Blick des Staatsschutzes

Der Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2014 ord­ne­te die „Iden­ti­tä­re Bewe­gung“ der „Neu­en Rech­ten“ zu und for­mu­lier­te scharf: Seit 2012 ver­such­ten „jün­ge­re Neo­na­zis und Per­so­nen aus dem stu­den­ti­schen und bur­schen­schaft­li­chen Milieu“ ein aus Frank­reich kom­men­des Ideo­lo­gie­kon­zept in Öster­reich zu eta­blie­ren. Die Distan­zie­rung vom Neo­na­zis­mus wer­te­te das BVT damals als „tak­ti­sches Manö­ver“, weil „sich in den Rei­hen der Bewe­gungs­eli­ten amts­be­kann­te Neo­na­zis“ (Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2014, S. 13f.) befän­den und Kon­tak­te in ande­re rechts­extre­mis­ti­sche Sze­n­e­be­rei­che bestünden.

2015 beschrieb das BVT neue asyl- und islam­feind­li­che Bewe­gun­gen als mög­li­che „Wei­ter­ent­wick­lung der in den acht­zi­ger und neun­zi­ger Jah­ren akti­ven neo­na­zis­ti­schen Grup­pen“ (S. 44). 2016 folg­te die ers­te sys­te­ma­ti­sche Iden­ti­tä­ren-Ana­ly­se: Die IBÖ sei der „erneu­te Ver­such, ein Netz­werk des moder­ni­sier­ten Rechts­extre­mis­mus zu schaf­fen“. Deren Begriff­lich­keit „Eth­no­plu­ra­lis­mus“ die­ne dazu, „den für Rechts­extre­me typi­schen Ras­sis­mus neu und weni­ger angreif­bar“ (S. 43) zu begrün­den. 2017 nann­te der VS-Bericht die IB eine der „wesent­li­chen Trä­ge­rin­nen des moder­ni­sier­ten Rechts­extre­mis­mus“ (S. 52), 2018 hielt das BVT aus­drück­lich fest: „Berüh­rungs­punk­te zwi­schen Neo­na­zis und Iden­ti­tä­ren [sind] vor­han­den.“ (S. 33)

Alte Ideologie, neue Verpackung

Die DSN als Nach­fol­ge des BVT setz­te die­se Linie fort. Im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2021 (S. 21) beschrieb sie, dass bis­he­ri­ge Ele­men­te der NS-Ideo­lo­gie durch eine neue Ter­mi­no­lo­gie ersetzt wür­den. Zugleich ver­wies der Bericht (S. 23) auch auf Ver­bin­dun­gen des IBÖ-Anfüh­rers Sell­ner zum Christ­church-Atten­tä­ter. 2022 nann­te die DSN die IBÖ als „die Haupt­ver­tre­te­rin der ‚Neu­en Rech­ten‘“ (S. 16) und stell­te neo­na­zis­ti­sche Strö­mung und Neue Rech­te im sel­ben Phä­no­men­be­reich dar. 2023 ver­schärf­te sich die For­mel wei­ter: Über­ge­ord­ne­tes Ziel neu­rech­ter Grup­pie­run­gen sei die „Über­win­dung der herr­schen­den demo­kra­ti­schen, rechts­staat­li­chen und gesell­schaft­li­chen Ord­nung“ (S. 21); IBÖ und DO5 wur­den als zen­tra­le Grup­pie­rung genannt.

2024 kam der nächs­te Schwer­punkt hin­zu: „Remi­gra­ti­on“. Die DSN erwähn­te die Wie­ner Remi­gra­ti­ons­de­mons­tra­ti­on vom 20. Juli 2024, nann­te die „Akti­on 451“ als „iden­ti­tä­re Tarn­grup­pe“ (S. 28) und hielt fest, das Teil­neh­mer­feld sei durch Per­so­nen „aus dem neo­na­zis­ti­schen Lager“ (S. 26) kom­plet­tiert wor­den. Mit Nen­nung der iden­ti­tä­ren „Fight Night“ vor der Demo 2024 wur­de Kampf­sport „als ver­bin­den­des Ele­ment zwi­schen ‚Neu­er Rech­ter‘, tra­dier­tem Neo­na­zis­mus und schla­gen­den Bur­schen­schaf­ten“ (S. 27) beschrieben.

Von den Berichten ins Gesetz: „essenzielle Gefahr für öffentliche Ruhe, Ordnung und Sicherheit“

Die stärks­te staat­li­che Ein­ord­nung steht in den Erläu­te­run­gen zur Novel­le des Sym­bo­le-Geset­zes. Dort wird das Sym­bo­le-Gesetz als Instru­ment zum Schutz der demo­kra­ti­schen Wer­te­ord­nung und gesell­schaft­li­chen Plu­ra­li­tät beschrie­ben. Die öffent­li­che Ver­wen­dung bestimm­ter Sym­bo­le stel­le ein erheb­li­ches Risi­ko für die ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­ker­te demo­kra­ti­sche Wer­te­ord­nung dar und gefähr­de öffent­li­chen Frie­den und öffent­li­che Sicherheit.

In die­se Logik nahm der Gesetz­ge­ber die Iden­ti­tä­ren auf. Die Erläu­te­run­gen nen­nen die IBÖ „rechts­extrem, ras­sis­tisch, sexis­tisch, natio­na­lis­tisch geprägt und völ­kisch ori­en­tiert“ und erfas­sen zugleich die aus ihr her­vor­ge­gan­ge­ne Ersatz- bezie­hungs­wei­se Par­al­lel­or­ga­ni­sa­ti­on „Die Öster­rei­cher“ (DO5). Damit ging es dem Staat aus­drück­lich um eine Sze­ne, deren Sym­bo­le nach den Mate­ria­li­en demo­kra­ti­schen Grund­wer­ten wider­spre­chen und in Ver­bin­dung mit extre­mis­ti­schen Grup­pen stehen.

Noch deut­li­cher wird der Neo­na­zi-Bezug im beson­de­ren Teil der Erläu­te­run­gen. Der Ursprung der Iden­ti­tä­ren wird auf den fran­zö­si­schen „Bloc iden­ti­taire“ zurück­ge­führt, gegrün­det von Anhänger:innen der wegen eines rechts­extre­mis­tisch moti­vier­ten Atten­tats­ver­suchs ver­bo­te­nen Neo­na­zi-Grup­pie­rung „Unité Radi­cale“. Die Erläu­te­run­gen spre­chen von „klas­sisch rechts­extre­men Gewalt­mo­ti­ven“, einer „Kriegs­er­klä­rung“ an Anders­den­ken­de, „Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus“ und die „68er-Gene­ra­ti­on“. In den Paro­len der IBÖ fän­den sich Gewalt­mo­ti­ve, die grund­sätz­li­che Ableh­nung plu­ra­lis­ti­scher demo­kra­ti­scher Gesell­schaf­ten, revi­sio­nis­ti­sche Erklä­rungs­mus­ter und die fun­da­men­ta­le Ableh­nung von Menschenrechtskonventionen.

Die Geset­zes­ma­te­ria­li­en beschrei­ben die Erzäh­lung vom „Gro­ßen Aus­tausch“ als zen­tra­le Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung der IBÖ, ver­bun­den mit der Vor­stel­lung eines Abwehr­kampfs Euro­pas. Gefor­dert wer­de Kon­flikt- und Kampf­be­reit­schaft, auch mit offe­nen und ver­deck­ten Gewalt­bil­dern. Die Erläu­te­run­gen ver­wei­sen zudem auf die Atten­tä­ter von Christ­church und El Paso, die sich in ihren Mani­fes­ten auf das von der IBÖ inten­siv pro­pa­gier­te Aus­tausch-Nar­ra­tiv bezo­gen. Das Gedan­ken­gut der IBÖ stel­le auf­grund sei­ner Ver­brei­tungs­art und Ver­brei­tungs­in­ten­si­tät als „geis­ti­ge Brand­stif­tung“ eine „essen­zi­el­le Gefahr für öffent­li­che Ruhe, Ord­nung und Sicher­heit“ dar.

Ein Flugblatt wie als Beweis serviert

Ein aktu­el­les Flug­blatt der „Akti­on 451“, das Uni­ver­si­tä­ten angreift, zeigt, wie die­se Tarn- und Ersatz­struk­tu­ren iden­ti­tä­re Kampf­be­grif­fe in offe­ne Droh­kom­mu­ni­ka­ti­on über­set­zen. Der Text spricht von „Bevöl­ke­rungs­aus­tausch“,„volks­feind­li­chen Ideo­lo­gien“ und einem „Hort der Indok­tri­na­ti­on“, den man „schlei­fen“ wer­de. „Euer Unter­gang ist kein Unglück, er ist eine Not­wen­dig­keit – und wir wer­den ihn tan­zend besie­geln“, for­mu­liert die poli­ti­sche Ver­nich­tung des Geg­ners als Ziel. Die Ankün­di­gung, die Uni­ver­si­tät zu „schlei­fen“, greift auf eine Spra­che der Zer­stö­rung zurück. Die Illus­tra­ti­on ver­stärkt die­se Bot­schaft: Abge­bil­det ist just das Denk­mal des Anti­se­mi­ten Karl Lue­ger. Das Flug­blatt fügt sich in das behörd­lich beschrie­be­ne iden­ti­tä­re Reper­toire: Rebran­ding an der Ober­flä­che, völ­ki­sche Feind­mar­kie­rung und Ein­schüch­te­rung bis zu Gewalt­an­dro­hun­gen im Kern.

Flugblatt „Aktion 451“: "Ihr zittertl Hinter verschlossenen Türen bastelt ihr panisch an Verboten, weil ihr die Debatte längst verloren habt. Während eure ideologischen Kartenhäuser in sich zusammenbrechen, klammert ihr euch an die Trümmer eurer Macht. Euer Untergang ist kein Unglück, er ist eine Notwendigkeit - und wir werden ihn tanzend besiegeln! Nicht die FPÖ hat dieses Land an den Abgrund geführt, sondern euer Wahn! Ihr seid die Architekten des Zerfalls: - Bevölkerungsaustausch, - kulturelle Selbstaufgabe - und die Spaltung unserer Gesellschaft sind euer einziges Erbe! Jetzt verschanzt ihr euch in eurem letzten Elfenbein-turm, der Universität. Doch die Mauern bröckeln bereits. Wir werden diesen Hort der Indoktrination schleifen! Schluss mit der Umerziehung! Volksfeindliche Ideologien raus aus unseren Universitäten! AKTIÓN451" (Screenshot 28.4.26)
Flug­blatt „Akti­on 451“: Dro­hun­gen und Zer­stö­rungs­wahn (Screen­shot 28.4.26)

Das Parlament als offenes Durchgangszimmer

Im aktu­el­len FPÖ-Par­la­ments­klub fin­det sich nun eine gan­ze Rei­he von (ehe­ma­li­gen) Kadern der Iden­ti­tä­ren und ihrer Tarn­or­ga­ni­sa­tio­nen: Juli­an Kon­rad und Fabi­an Rusn­jak als Mit­be­grün­der und frü­he Funk­tio­nä­re der Iden­ti­tä­ren, Ger­not Schmidt als Wie­ner Kader, der nicht nur Demos und Aktio­nen orches­triert, son­dern auch als Schieds­rich­ter bei den euphe­mis­tisch als „dubi­os“ zu bezeich­nen­den Box­kämp­fen im Rah­men der „Fight Night“ 2025 im Iden­ti­tä­ren­kel­ler in der Wie­ner Ram­perstorf­fer­gas­se agierte.

Andre­as Hin­ter­eg­ger ist das Gesicht der „Akti­on 451“ und war eben­falls in der „Fight Night“ 2025 als eine Art Sani­tä­ter zuge­gen. Ger­win Kowa­rik betä­tig­te sich als Anhei­zer bei der „Akti­on 451”-Veranstaltung im Novem­ber 2023 mit Götz Kubit­schek vor der Wie­ner Uni. Alle Genann­ten haben übri­gens gemein, dass sie Kor­po­ra­tio­nen ange­hö­ren: Kon­rad und Kowa­rik der Van­da­lia Wien, Schmidt der Olym­pia Wien, Hin­ter­eg­ger der Teu­to­nia Wien und Rusn­jak der Uni­ver­si­täts­sän­ger­schaft Bar­den zu Wien, bei der auch Sell­ner kor­po­riert ist.

Die mit den iden­ti­tä­ren Mit­ar­bei­tern ange­sto­ße­ne Debat­te han­delt nicht von Straf­recht, aber von Sicher­heits­ar­chi­tek­tur. Wer im Par­la­ment arbei­tet, bewegt sich im insti­tu­tio­nel­len Zen­trum der Repu­blik, in Aus­schüs­sen, Büros, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struk­tu­ren und poli­ti­schen Infor­ma­ti­ons­flüs­sen. Wenn Men­schen mit iden­ti­tä­rer Ver­gan­gen­heit oder Gegen­wart dort ohne Sicher­heits­über­prü­fung Dau­er­zu­gang erhal­ten, wäh­rend der Staat die­sel­be Bewe­gung seit Jah­ren als rechts­extre­me Gefahr beschreibt und ihre Sym­bo­le ver­bie­tet, ent­steht kein Grau­be­reich. Es ent­steht ein Sicher­heits­loch mit Ansage.

➡️ Alle zitier­ten Ver­fas­sungs­schutz­be­rich­te ste­hen hier zum Down­load bereit.

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Schlagwörter: Burschen-/Mädelschaften/Korporationen | FPÖ | Identitäre | Neonazismus/Neofaschismus | Rechtsextremismus | Verfassungsschutz

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