Die ARD-Doku „Heimat. Häkeln. Hetze. Undercover unter rechtsextremen Frauen“ nimmt die Frauengruppe Lukreta und ihr europäisches Umfeld in den Blick. Hinter Flechtfrisuren, Handarbeit und Outfit-Ästhetik steht eine Strategie, die Gewalt gegen Frauen rassistisch zuspitzt, Betroffene instrumentalisiert und den Kampfbegriff „Remigration“ normalisieren soll. Die Recherche führt dabei von Instagram-Inszenierungen über AfD-nahe Kongresse bis zu einem Treffen europäischer Rechtsextremer, bei dem NS-Begriffe fallen und ein Hitlergruß ohne erkennbare Konsequenz bleibt.
Zwischen Selbstverharmlosung und Deportationsfantasien
Lukreta präsentiert sich als „Frauengruppe“ und spricht von Sicherheit für Frauen. Auf deren Instagram-Account präsentieren sich junge Frauen auf Demonstrationen, bei Stickeraktionen, beim Karaoke, mit Frisuren und Hunden. Dazu fällt immer wieder der rechtsextreme Kampfbegriff „Remigration“, der für Massendeportationen steht.
Die politische Funktion dieser Ästhetik benennt die Rechtsextremismusforscherin Juliane Lang in der Doku klar: Lukreta sei eine „klassische Vorfeldorganisation“ im Umfeld der AfD. Junge Frauen gäben dem Rechtsextremismus ein weibliches Antlitz.
Rechtsextreme Frauen treten als zugängliche, moderne, freundliche Influencerinnen auf und transportieren zugleich ein Programm, das auf Ausgrenzung, rassistische Mobilisierung und vorgestrige autoritäre Geschlechterbilder zielt. Die Verpackung ist weichgezeichnet, der Inhalt bleibt völkisch.
AfD-Nähe bis ins EU-Parlament
Reinhild Boßdorf, Gründerin von Lukreta, ist die Tochter der AfD-Europaabgeordneten Irmhild Boßdorf und arbeitet als Assistentin des AfD-Europaabgeordneten Alexander Jungbluth – eine jener Verwandtenanstellungen innerhalb der AfD, von denen in den letzten Monaten viel die Rede war. Auch Mary Khan-Hohloch, ebenfalls AfD-Europaabgeordnete, taucht im Umfeld von Lukreta auf. Boßdorf, Jungbluth und Khan-Hohloch gehören zur Fraktion „Europe of Sovereign Nations“ (ESN), in sich rechtsextreme Parteien organisiert haben.
Über die ESN-Schiene lief auch ein Frauenkongress im Juni 2025 bei Köln. Dort sprach Boßdorf über „rechte“ Frauen. Der Kongress kreiste um „importierte Gewalt gegen Frauen“. Die einzige „Lösung“, die im Umfeld von Lukreta immer wieder angeboten wird, lautet: „Remigration schützt Frauen.“ Eine Teilnehmerin formulierte es offener: Man könne „mal ziemlich viele Leute abschieben“. Das Publikum applaudierte.
Diese Nähe zu parlamentarischen Strukturen ist ein zentraler Befund der Doku: Lukreta bewegt sich zugleich im Vorfeld der AfD und in Netzwerken, in denen neonazistische Codes und Akteure keinen Bruch markieren.
Gewalt gegen Frauen als rassistische Ressource
Die Doku zeigt gut, wie rechte Frauengruppen sexualisierte Gewalt selektiv politisieren. Gewalt gegen Frauen zählt in dieser Erzählung vor allem dann, wenn sie migrantischen Männern zugeschrieben werden kann. Gewaltstrukturen im eigenen Milieu werden ausgeblendet, verschwinden aus der Erzählung.
Dagegen steht die Aussage von „Emma“, einer früheren Szeneangehörigen. Sie berichtet von frauenverachtenden, sexualisierten und erniedrigenden Äußerungen im rechten Umfeld: „Es wurde unfassbar abartig über Frauen gesprochen“, sagt sie in der Doku. Ihre Schilderung widerspricht der Selbstdarstellung als Schutzraum für Frauen.
Das zeigt auch der Fall Marie Coquille-Chambel in Frankreich. Sie ist Betroffene sexualisierter Gewalt und wurde zur Zielscheibe rechter Hetze, weil sie sich gegen die rassistische Instrumentalisierung ihrer Geschichte wehrte. Die französische rechtsextreme Frauengruppe Némésis griff ihren Fall dennoch auf. Marie sagt in der Doku: „Ich weigere mich, meine Geschichte instrumentalisieren zu lassen.“ Danach sei sie wiederholt mit Hass und Morddrohungen konfrontiert gewesen. „Ich habe also seit ich erwachsen bin, mehr Zeit mit Morddrohungen verbracht als ohne“, fügt sie an.
Europäische Vernetzung …
Lukreta, Némésis und die britische „Women’s Safety“-Initiative treten als „Schwestern“ eines europäischen rechten Frauenmilieus auf. Beim ESN-Kongress forderte eine Vertreterin der britischen Initiative: „Massendeportation jetzt.“ Némésis wird in der Doku mit Aktionen gemeinsam mit gewalttätigen Neonazis gezeigt; bei einer Demonstration am Internationalen Frauentag steht ein Neonazi als Security. Die Gruppe pflegt zudem Verbindungen in das Umfeld der Le-Pen-Familie, darunter vor dessen Tod zu Jean-Marie Le Pen, dem Gründer des „Front National“ und verurteilten Holocaustverharmloser.
Auch Lukreta taucht im internationalen Geflecht weit rechts außen auf. Im Jänner 2026 marschieren Lukreta und Némésis gemeinsam bei einem Fackelmarsch in Paris. Fackelzüge gehören zum symbolischen Repertoire autoritärer und faschistischer Bewegungen. In der Doku erscheinen sie als Teil einer transnationalen Inszenierung, in der junge Frauen rechte Härte ästhetisch anschlussfähig machen sollen.
… und offene Neonazi-Nähe – mit Martin Sellner
Am deutlichsten wird die Neonazi-Nähe beim Kongress der portugiesischen Gruppe Reconquista im November 2025 in Porto. Auf der Gästeliste standen internationale Rechtsextreme und Neonazi-nahe Akteure: Martin Sellner, Steve Laws aus Großbritannien, der sich als „Migrantenjäger“ gefällt, den Holocaust leugnet und als „VIP-Gast” empfangen wurde; detto Keith Woods aus Irland, der sich als wüster Antisemit inszeniert sowie als Redner Jared Taylor aus den USA, ein zentraler Vertreter rassistischer Pseudowissenschaft, der zumindest bis 2021 mit einem Einreiseverbot in die EU belegt war. Der Reconquista-Gründer Afonso Gonçalves verbreitet ultranationalistische, rassistische und frauenfeindliche Positionen. Über Frauen sagt er: „Dass wir das Wahlrecht für Frauen haben, war das Schlimmste, was wir in den letzten 100 Jahren in der westlichen Zivilisation getan haben.“ Trotzdem ist Reinhild Boßdorf dort als VIP-Gast vor Ort.
Steve Laws on Hitler:
Some good policies. I wouldn’t agree with everything […] He’s very much a misunderstood politician. I’d say a lot of the stuff that he advocated for in the German people would do wonders for our people right now.
on the Holocaust:
I very much doubt the figures on that. I don’t think we should have to gas people. I just say remove them. This is my position. But I very much doubt the credibility of all that information. (zit nach hopenothate.org.uk)
Auf der Bühne wird „Blut und Boden“ zitiert, also ein Kernbegriff nationalsozialistischer Ideologie. Ein Hitlergruß bleibt ohne erkennbare Konsequenz. Martin Sellner spricht von „replacement“, also der Verschwörungserzählung vom angeblichen „großen Austausch“. Die Gesellschaft, in der er dort auftritt, belegt: Abgrenzung von neonazistischen Akteuren war gestern.
Das Fazit der Doku: Die Lukreta-Protagonistinnen bewegen sich in einem Milieu, in dem AfD-Mandate, identitäre Kader, rassistische Deportationsfantasien, NS-Symbolik und neonazistische Akteure ineinandergreifen. Die junge, weibliche Oberfläche macht diese Politik leichter konsumierbar. Der Kern bleibt radikal völkisch, antidemokratisch und antifeministisch.
Und in Österreich?
Österreich wird in der Doku bis auf die Nennung von Martin Sellner nicht angesprochen. Das ist kein Zufall: Explizit rechtsextreme Frauengruppen konnten sich in Österreich bisher nicht etablieren. Boßdorf erwähnt in einem Artikel aus 2021 aus der „Alpenrepublik“ die mittlerweile zur FPÖ-Landtagsabgeordneten avancierte Gudrun Kofler sowie die Insta-Userinnen „rechtsresi“ und „tonstrm“. „rechtsresi“ ist mittlerweile abgetaucht, „tonstrm“ verortet sich selbst in Wiesbaden.
Im September 2025 ist Lukreta in „Linz an der Donau“ auf die Pirsch nach „rechten Frauen“ gegangen. „Du bist eine junge Frau, lebst in Österreich und hast Lust dich endlich mit anderen gleichgesinnten Frauen zu vernetzen und einmal die Gesichter hinter Lukreta kennenzulernen?“, flötete Lukreta auf Instagram. Zu einer größeren Rekrutierung dürfte die Veranstaltung allerdings nicht geführt zu haben. Hierzulande bleiben die Männer tonangebend.

team.recherche: Heimat. Häkeln. Hetze. Undercover unter rechtsextremen Frauen (SR 2026, 31′)
➡️ tagesschau.de (17.2.26): Wie rechtsextreme Frauen sich vernetzen
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