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Lesezeit: 6 Minuten

Doku-Tipp: Undercover unter rechtsextremen Frauen

Die Doku „Under­co­ver unter rechts­extre­men Frau­en“ zeigt, wie die rechts­extre­me Frau­en­grup­pe Lukre­ta und ver­wand­te Grup­pen Life­style und Frau­en­po­li­tik mit AfD-Nähe, euro­päi­scher Ver­net­zung und Kon­tak­ten bis in offen neo­na­zis­ti­sche Milieus ver­bin­den. Im Rah­men einer Ver­an­stal­tung ist Mar­tin Sell­ner mit einem Holo­caust­leug­ner als VIP-Gast aufgetreten.

29. Apr. 2026
Rechtsextremer ESN-Frauenkongress (Screenshot Doku "Undercover unter rechtsextremen Frauen")
Rechtsextremer ESN-Frauenkongress (Screenshot Doku "Undercover unter rechtsextremen Frauen")

Die ARD-Doku „Hei­mat. Häkeln. Het­ze. Under­co­ver unter rechts­extre­men Frau­en“ nimmt die Frau­en­grup­pe Lukre­ta und ihr euro­päi­sches Umfeld in den Blick. Hin­ter Flecht­fri­su­ren, Hand­ar­beit und Out­fit-Ästhe­tik steht eine Stra­te­gie, die Gewalt gegen Frau­en ras­sis­tisch zuspitzt, Betrof­fe­ne instru­men­ta­li­siert und den Kampf­be­griff „Remi­gra­ti­on“ nor­ma­li­sie­ren soll. Die Recher­che führt dabei von Insta­gram-Insze­nie­run­gen über AfD-nahe Kon­gres­se bis zu einem Tref­fen euro­päi­scher Rechts­extre­mer, bei dem NS-Begrif­fe fal­len und ein Hit­ler­gruß ohne erkenn­ba­re Kon­se­quenz bleibt.

Zwischen Selbstverharmlosung und Deportationsfantasien

Lukre­ta prä­sen­tiert sich als „Frau­en­grup­pe“ und spricht von Sicher­heit für Frau­en. Auf deren Insta­gram-Account prä­sen­tie­ren sich jun­ge Frau­en auf Demons­tra­tio­nen, bei Sti­cker­ak­tio­nen, beim Karao­ke, mit Fri­su­ren und Hun­den. Dazu fällt immer wie­der der rechts­extre­me Kampf­be­griff „Remi­gra­ti­on“, der für Mas­sen­de­por­ta­tio­nen steht.

Die poli­ti­sche Funk­ti­on die­ser Ästhe­tik benennt die Rechts­extre­mis­mus­for­sche­rin Julia­ne Lang in der Doku klar: Lukre­ta sei eine „klas­si­sche Vor­feld­or­ga­ni­sa­ti­on“ im Umfeld der AfD. Jun­ge Frau­en gäben dem Rechts­extre­mis­mus ein weib­li­ches Antlitz.

Rechts­extre­me Frau­en tre­ten als zugäng­li­che, moder­ne, freund­li­che Influen­ce­rin­nen auf und trans­por­tie­ren zugleich ein Pro­gramm, das auf Aus­gren­zung, ras­sis­ti­sche Mobi­li­sie­rung und vor­gest­ri­ge auto­ri­tä­re Geschlech­ter­bil­der zielt. Die Ver­pa­ckung ist weich­ge­zeich­net, der Inhalt bleibt völkisch.

AfD-Nähe bis ins EU-Parlament

Rein­hild Boß­dorf, Grün­de­rin von Lukre­ta, ist die Toch­ter der AfD-Euro­pa­ab­ge­ord­ne­ten Irm­hild Boß­dorf und arbei­tet als Assis­ten­tin des AfD-Euro­pa­ab­ge­ord­ne­ten Alex­an­der Jung­bluth – eine jener Ver­wand­ten­an­stel­lun­gen inner­halb der AfD, von denen in den letz­ten Mona­ten viel die Rede war. Auch Mary Khan-Hoh­loch, eben­falls AfD-Euro­pa­ab­ge­ord­ne­te, taucht im Umfeld von Lukre­ta auf. Boß­dorf, Jung­bluth und Khan-Hoh­loch gehö­ren zur Frak­ti­on „Euro­pe of Sove­reign Nati­ons“ (ESN), in sich rechts­extre­me Par­tei­en orga­ni­siert haben.

Über die ESN-Schie­ne lief auch ein Frau­en­kon­gress im Juni 2025 bei Köln. Dort sprach Boß­dorf über „rech­te“ Frau­en. Der Kon­gress kreis­te um „impor­tier­te Gewalt gegen Frau­en“. Die ein­zi­ge „Lösung“, die im Umfeld von Lukre­ta immer wie­der ange­bo­ten wird, lau­tet: „Remi­gra­ti­on schützt Frau­en.“ Eine Teil­neh­me­rin for­mu­lier­te es offe­ner: Man kön­ne „mal ziem­lich vie­le Leu­te abschie­ben“. Das Publi­kum applaudierte.

Die­se Nähe zu par­la­men­ta­ri­schen Struk­tu­ren ist ein zen­tra­ler Befund der Doku: Lukre­ta bewegt sich zugleich im Vor­feld der AfD und in Netz­wer­ken, in denen neo­na­zis­ti­sche Codes und Akteu­re kei­nen Bruch markieren.

Gewalt gegen Frauen als rassistische Ressource

Die Doku zeigt gut, wie rech­te Frau­en­grup­pen sexua­li­sier­te Gewalt selek­tiv poli­ti­sie­ren. Gewalt gegen Frau­en zählt in die­ser Erzäh­lung vor allem dann, wenn sie migran­ti­schen Män­nern zuge­schrie­ben wer­den kann. Gewalt­struk­tu­ren im eige­nen Milieu wer­den aus­ge­blen­det, ver­schwin­den aus der Erzählung.

Dage­gen steht die Aus­sa­ge von „Emma“, einer frü­he­ren Sze­ne­an­ge­hö­ri­gen. Sie berich­tet von frau­en­ver­ach­ten­den, sexua­li­sier­ten und ernied­ri­gen­den Äuße­run­gen im rech­ten Umfeld: „Es wur­de unfass­bar abar­tig über Frau­en gespro­chen“, sagt sie in der Doku. Ihre Schil­de­rung wider­spricht der Selbst­dar­stel­lung als Schutz­raum für Frauen.

Das zeigt auch der Fall Marie Coquil­le-Cham­bel in Frank­reich. Sie ist Betrof­fe­ne sexua­li­sier­ter Gewalt und wur­de zur Ziel­schei­be rech­ter Het­ze, weil sie sich gegen die ras­sis­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung ihrer Geschich­te wehr­te. Die fran­zö­si­sche rechts­extre­me Frau­en­grup­pe Némé­sis griff ihren Fall den­noch auf. Marie sagt in der Doku: „Ich wei­ge­re mich, mei­ne Geschich­te instru­men­ta­li­sie­ren zu las­sen.“ Danach sei sie wie­der­holt mit Hass und Mord­dro­hun­gen kon­fron­tiert gewe­sen. „Ich habe also seit ich erwach­sen bin, mehr Zeit mit Mord­dro­hun­gen ver­bracht als ohne“, fügt sie an.

Europäische Vernetzung …

Lukre­ta, Némé­sis und die bri­ti­sche „Women’s Safety“-Initiative tre­ten als „Schwes­tern“ eines euro­päi­schen rech­ten Frau­en­mi­lieus auf. Beim ESN-Kon­gress for­der­te eine Ver­tre­te­rin der bri­ti­schen Initia­ti­ve: „Mas­sen­de­por­ta­ti­on jetzt.“ Némé­sis wird in der Doku mit Aktio­nen gemein­sam mit gewalt­tä­ti­gen Neo­na­zis gezeigt; bei einer Demons­tra­ti­on am Inter­na­tio­na­len Frau­en­tag steht ein Neo­na­zi als Secu­ri­ty. Die Grup­pe pflegt zudem Ver­bin­dun­gen in das Umfeld der Le-Pen-Fami­lie, dar­un­ter vor des­sen Tod zu Jean-Marie Le Pen, dem Grün­der des „Front Natio­nal“ und ver­ur­teil­ten Holocaustverharmloser.

Auch Lukre­ta taucht im inter­na­tio­na­len Geflecht weit rechts außen auf. Im Jän­ner 2026 mar­schie­ren Lukre­ta und Némé­sis gemein­sam bei einem Fackel­marsch in Paris. Fackel­zü­ge gehö­ren zum sym­bo­li­schen Reper­toire auto­ri­tä­rer und faschis­ti­scher Bewe­gun­gen. In der Doku erschei­nen sie als Teil einer trans­na­tio­na­len Insze­nie­rung, in der jun­ge Frau­en rech­te Här­te ästhe­tisch anschluss­fä­hig machen sollen.

… und offene Neonazi-Nähe – mit Martin Sellner

Am deut­lichs­ten wird die Neo­na­zi-Nähe beim Kon­gress der por­tu­gie­si­schen Grup­pe Recon­quis­ta im Novem­ber 2025 in Por­to. Auf der Gäs­te­lis­te stan­den inter­na­tio­na­le Rechts­extre­me und Neo­na­zi-nahe Akteu­re: Mar­tin Sell­ner, Ste­ve Laws aus Groß­bri­tan­ni­en, der sich als „Migran­ten­jä­ger“ gefällt, den Holo­caust leug­net und als „VIP-Gast” emp­fan­gen wur­de; det­to Keith Woods aus Irland, der sich als wüs­ter Anti­se­mit insze­niert sowie als Red­ner Jared Tay­lor aus den USA, ein zen­tra­ler Ver­tre­ter ras­sis­ti­scher Pseu­do­wis­sen­schaft, der zumin­dest bis 2021 mit einem Ein­rei­se­ver­bot in die EU belegt war. Der Recon­quis­ta-Grün­der Afon­so Gon­çal­ves ver­brei­tet ultra­na­tio­na­lis­ti­sche, ras­sis­ti­sche und frau­en­feind­li­che Posi­tio­nen. Über Frau­en sagt er: „Dass wir das Wahl­recht für Frau­en haben, war das Schlimms­te, was wir in den letz­ten 100 Jah­ren in der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on getan haben.“ Trotz­dem ist Rein­hild Boß­dorf dort als VIP-Gast vor Ort.

Ste­ve Laws on Hitler: 

Some good poli­ci­es. I wouldn’t agree with ever­y­thing […] He’s very much a misun­ders­tood poli­ti­ci­an. I’d say a lot of the stuff that he advo­ca­ted for in the Ger­man peo­p­le would do won­ders for our peo­p­le right now.

on the Holocaust:

I very much doubt the figu­res on that. I don’t think we should have to gas peo­p­le. I just say remo­ve them. This is my posi­ti­on. But I very much doubt the cre­di­bi­li­ty of all that infor­ma­ti­on. (zit nach hopenothate.org.uk)

Auf der Büh­ne wird „Blut und Boden“ zitiert, also ein Kern­be­griff natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ideo­lo­gie. Ein Hit­ler­gruß bleibt ohne erkenn­ba­re Kon­se­quenz. Mar­tin Sell­ner spricht von „repla­ce­ment“, also der Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung vom angeb­li­chen „gro­ßen Aus­tausch“. Die Gesell­schaft, in der er dort auf­tritt, belegt: Abgren­zung von neo­na­zis­ti­schen Akteu­ren war gestern.

Das Fazit der Doku: Die Lukre­ta-Prot­ago­nis­tin­nen bewe­gen sich in einem Milieu, in dem AfD-Man­da­te, iden­ti­tä­re Kader, ras­sis­ti­sche Depor­ta­ti­ons­fan­ta­sien, NS-Sym­bo­lik und neo­na­zis­ti­sche Akteu­re inein­an­der­grei­fen. Die jun­ge, weib­li­che Ober­flä­che macht die­se Poli­tik leich­ter kon­su­mier­bar. Der Kern bleibt radi­kal völ­kisch, anti­de­mo­kra­tisch und antifeministisch.

Und in Österreich?

Öster­reich wird in der Doku bis auf die Nen­nung von Mar­tin Sell­ner nicht ange­spro­chen. Das ist kein Zufall: Expli­zit rechts­extre­me Frau­en­grup­pen konn­ten sich in Öster­reich bis­her nicht eta­blie­ren. Boß­dorf erwähnt in einem Arti­kel aus 2021 aus der „Alpen­re­pu­blik“ die mitt­ler­wei­le zur FPÖ-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten avan­cier­te Gud­run Kof­ler sowie die Ins­ta-Use­rin­nen „rechts­re­si“ und „ton­strm“. „rechts­re­si“ ist mitt­ler­wei­le abge­taucht, „ton­strm“ ver­or­tet sich selbst in Wiesbaden.

Im Sep­tem­ber 2025 ist Lukre­ta in „Linz an der Donau“ auf die Pirsch nach „rech­ten Frau­en“ gegan­gen. „Du bist eine jun­ge Frau, lebst in Öster­reich und hast Lust dich end­lich mit ande­ren gleich­ge­sinn­ten Frau­en zu ver­net­zen und ein­mal die Gesich­ter hin­ter Lukre­ta ken­nen­zu­ler­nen?“, flö­te­te Lukre­ta auf Insta­gram. Zu einer grö­ße­ren Rekru­tie­rung dürf­te die Ver­an­stal­tung aller­dings nicht geführt zu haben. Hier­zu­lan­de blei­ben die Män­ner tonangebend.

Lukreta wirbt für Frauentreffen in Linz (Screenshot Insta 27.8.25)
Lukre­ta wirbt für Frau­en­tref­fen in Linz (Screen­shot Ins­ta 27.8.25)

team.recherche: Heimat. Häkeln. Hetze. Undercover unter rechtsextremen Frauen (SR 2026, 31′)

➡️ tagesschau.de (17.2.26): Wie rechts­extre­me Frau­en sich vernetzen

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