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Lesezeit: 3 Minuten

Digitale Gewalt: „250 feige Weiber“ und „Maskottchen“

Rech­te Akteu­re instru­men­ta­li­sie­ren die Debat­te über digi­ta­le Gewalt, üben sich in Täter-Opfer-Umkehr statt Empa­thie – und machen dabei Betrof­fe­ne gezielt lächer­lich. Auch in Österreich.

27. März 2026
Rechte Reaktionen auf den Fall Ulmen/Fernandes: empathielos und misogyn

Juli­an Rei­chelt von der rech­ten Kra­wall-Platt­form NIUS nennt es „die gefähr­lichs­te links-grü­ne Kam­pa­gne in der Geschich­te der Bun­des­re­pu­blik“, und die gesam­te öster­rei­chi­sche Rech­te springt auf den Zug auf. Die Reak­tio­nen der hei­mi­schen „Patrio­ten“ auf die media­le Dis­kus­si­on über Deepf­akes und Iden­ti­täts­dieb­stahl rund um die Vor­wür­fe gegen den Schau­spie­ler Chris­ti­an Ulmen sind ein Mus­ter­bei­spiel für Empa­thie­lo­sig­keit und Frauenverachtung.

Was war pas­siert? Die deut­sche Schau­spie­le­rin Col­li­en Fer­nan­des kämpft seit Jah­ren gegen Ernied­ri­gung, Sexis­mus und Iden­ti­täts­dieb­stahl im Inter­net. Wie der „Spie­gel“ (21.3.26) zuerst berich­te­te, hat sie in der Sache Anzei­ge gegen ihren Ex-Mann Chris­ti­an Ulmen erstat­tet. Ihr Vor­wurf: „Du hast mich vir­tu­ell ver­ge­wal­tigt.“ 

Auch auf­grund ihrer eige­nen Betrof­fen­heit enga­giert sich Fer­nan­des nun gemein­sam mit der NGO Hate­Aid für eine Gesetz­ge­bung gegen Online-Iden­ti­täts­dieb­stahl. NIUS und ihre öster­rei­chi­schen Pen­dants orten dabei eine Kam­pa­gne gegen die Meinungsfreiheit.

Digitale Gewalt versus „Zensur“-Narrativ

Die ober­ös­ter­rei­chi­sche Schwur­bel-Platt­form AUF1 wit­tert eine Ver­schwö­rung und ver­packt die wie so oft in eine Fra­ge: „Nut­zen ein­fluss­rei­che Netz­wer­ke die Affä­re um Col­li­en Fer­nan­des für eine wei­te­re Zen­sur des Inter­nets?“ Der Rech­ten passt die­se Erzäh­lung ins Bild: Sie warnt seit Mona­ten vor einer Online-Klarnamenpflicht.

Die AUF1-Front­frau Elsa Mitt­manns­gru­ber kon­stru­iert zwi­schen Opfer und Täter nahe­zu einen Schuld­aus­gleich: „Wenn eine Bezie­hung toxisch wird, haben sehr oft bei­de dazu bei­getra­gen. Und wenn es nur inso­fern ist, dass sie oder er es sich gefal­len lässt.“

Auch das rechts­extre­me Por­tal Report24, betrie­ben von Flo­ri­an Machl, sieht, wie so oft, wenn es um Kri­tik an digi­ta­ler Het­ze geht, „einen Angriff auf die Mei­nungs­frei­heit“. Für Report24 ist die gan­ze Sache ohne­hin nur ein „vir­tu­el­ler Skan­dal“, der „hoch­ge­kocht“ wur­de. Doch es geht noch schlimmer.

Beim rechts­extre­men Blog „Der Sta­tus“ ver­höhnt ein anony­mer Autor in einem vom Rechts­au­ßen-Por­tal „Jou­Watch“ weit­ge­hend über­nom­me­nen Ela­bo­rat Col­li­en Fer­nan­des als „Mas­kott­chen der Klar­na­men­pflicht“ und bezeich­net ihre media­len Auf­trit­te als „kon­zer­tier­te Akti­on“ um ihre „ver­blas­sen­de Pro­mi­nenz wie­der auf­zu­päp­peln“. Danach kommt, was in der extre­men Rech­ten bei Dis­kus­sio­nen über Gewalt gegen Frau­en immer folgt:

Gibt es wirk­lich Men­schen, die nicht kapie­ren, dass das gan­ze Gefa­sel um ‚toxi­sche Männ­lich­keit‘, Geset­ze zur Bestra­fung von ‚Cat­cal­ling‘ und nun die­ser Fall pri­mär dazu benutzt wer­den, um vom tat­säch­li­chen Pro­blem abzu­len­ken?! Und dass das tat­säch­li­che Pro­blem mit sexu­el­ler Gewalt ganz woan­ders liegt und täg­lich grö­ßer wird?

Wer die Andeu­tung auf Migrant:innen nicht ver­steht, bekommt noch wei­te­re Hin­wei­se: „Die Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gun­gen von Frau­en und Mäd­chen durch Expo­nen­ten der Bereicherungsgesellschaft.“

Schuldumkehr und Frauenverachtung als Reflex

Eine offe­ne Täter-Opfer-Umkehr betreibt der selbst­er­nann­te „Pla­gi­ats­jä­ger“ Ste­fan Weber in einem sei­ner Pos­tings. Es hand­le sich um eine „rie­si­ge Rache­ak­ti­on der Frau­en“. Denn: Ins­be­son­de­re Chefs lau­fen Gefahr, durch weib­li­che Ange­stell­te ent­mach­tet zu wer­den. „Zukünf­tig kann jeder Chef mit dem Ver­dacht auf unbe­fug­te Bild­pro­duk­ti­on von einer Frau abge­schos­sen wer­den: Es wür­de schon genü­gen, eine ent­spre­chen­de Anzei­ge ins Intra­net zu stel­len – und weg ist er.“

Der geschei­ter­te Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat Gerald Grosz wie­der­um ver­steigt sich in einem mehr­mi­nü­ti­gen Video-Kom­men­tar in Beschimp­fun­gen gegen­über Frau­en, die öffent­lich ihre Soli­da­ri­tät mit Col­li­en Fer­nan­des bekun­det hat­ten. Die „vir­tu­el­le Ver­ge­wal­ti­gung“ wie­ge für sie schwe­rer als ver­gleich­ba­re Fäl­le der Ver­gan­gen­heit, so sein Vor­wurf. „Da gab es kei­ne Krampf­adern-Geschwa­der, die sich die letz­ten Gehirn­zel­len aus dem Kör­per schrien“, schimpft Grosz. „Kein Auf­schrei, weil die Täter nicht ins ideo­lo­gi­sche Kon­zept der Lin­ken pas­sen, denen das Binnen‑I und das Gen­dern wich­ti­ger ist als die Sicher­heit und Frei­heit von Frau­en.“ Und wei­ter mit bekann­ten Erklärungsmustern:

Der Täter war ein Deut­scher, und als Deut­scher hat er am Hexen­hau­fen zu bren­nen, egal wel­cher Tat er für schul­dig befun­den wird. Er eig­net sich für die poli­ti­sche Debat­te, wäh­rend Abdul, Moham­med oder Ibra­him nicht genannt wer­den darf – aus­ge­rech­net von jenen, die für Frau­en­rech­te auf die Stra­ße gehen.

Die 250 Frau­en, die sich mit einem State­ment der Soli­da­ri­tät öffent­lich hin­ter Fer­nan­des stell­ten, sind für Gerald Grosz des­halb schlicht „250 fei­ge Wei­ber“.

Col­li­en Fer­nan­des muss­te an einer Demons­tra­ti­on gegen sexu­el­le Gewalt mit Poli­zei­schutz und schuss­si­che­rer Wes­te teil­neh­men, weil sie mitt­ler­wei­le Mord­dro­hun­gen erhal­te.

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abgelegt unter: Dokumentation, Rechtsextreme Medien
Schlagwörter: Antifeminismus/Sexismus/Maskulinismus | AUF1 | Der Status | Österreich | Rassismus/Antimuslimischer Rassismus | report24 | Weite Welt

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