Ordnung, Gehorsam und Großdeutschland
Junge Männer in schwarzen T‑Shirts und khakifarbenen Shorts, Hände hinter dem Rücken, die Formation straff ausgerichtet: Appell im identitären Lager. Strammstehen und Uniformierung vermitteln Disziplin, Gehorsam, Hierarchie. Die veröffentlichten Propagandabilder verstärken die Botschaft: Sie sind aus niedriger Perspektive aufgenommen, zeigen Führungsfiguren im Vordergrund und dahinter einen gehorsamen Block.

Auf den Shirts steht unter dem Lambda-Zeichen, dem Logo der Identitären, in großer Typo „BUNDESLAGER“ und zentral „2025 – Neues Deutschland“. Auch österreichische Teilnehmer tragen diese Beschriftung. Das weist aufs Programm hin: ein großdeutsches, ethnonationales Selbstverständnis, das Staatsgrenzen ignoriert und „deutsch“ kulturell-biologistisch definiert. Das hatten wir schon einmal.
Die Rückseite der Shirts zitiert den französischen Hero von Rechtsextremen und Neonazis Dominique Venner: „Wir kämpfen für die Erde, auf der die Friedhöfe unserer Ahnen liegen und die Wiegen unserer Kinder stehen.“ Dieser Satz bündelt das Vokabular des völkischen Blut-und-Boden-Denkens: Ahnen, Erde, Kinder – Herkunft wird zum politischen Kampfauftrag. Venner hatte sich 2013 in der Kathedrale Notre-Dame de Paris erschossen. Es war ein inszenierter Suizid als Fanal gegen die gleichgeschlechtliche Ehe.
Ein Nachtbild um ein Lagerfeuer ist hochästhetisiert: Funken im Dunkel, eine einzelne Silhouette steht, eine Gruppe von etwa drei Dutzend anonymisierten Gestalten lauscht im Kreis. Diese Ikonografie ist alt und bewusst gewählt. Sie verleiht Ritualen einen sakralen Anstrich: Initiation, Gelöbnis, Erzählgemeinschaft.
Was als Gemeinschaft von selektierten Mitgliedern („unsere besten Aktivisten“) erscheinen soll, kaschiert die Realität, denn wesentlich mehr Aktivisten zählen sie nicht. Das hat auch die schwache Mobilisierung für die Wien-Demo gezeigt.
Körperpolitik: Härte als Tugend, Kampfsport als Schule
Zentraler Strang der Bildserie ist der Körperkult: Boxen, Ringen, Wald-„Gerangel“, Läufe mit Rucksack und durch das Dorf. Blutige Lippen, Mundschutz, MMA-Shorts. Die Postingtexte dazu heißen: „Disziplin“, „Push dich ans Limit“, „keine Genussmittel, kein Smartphone“. Die Botschaft: Askese, Härte, Wehrhaftigkeit.

Historisch erinnern körperliche Formierung, Gehorsam, gruppendynamische Härteproben an Wehrsportpraktiken, an die Kadettenerziehung in NS-Eliteschulen sowie an HJ-Übungen – Feuerkreisrunden inklusive. Die heutigen Fotos vermeiden NS- oder Militäruniformen, Abzeichen, Schlagstöcke und andere Waffen, aber die pädagogische Logik, körperliche Dressur als politisches Erziehungsinstrument, ist strukturell ähnlich. Dazu passt die Wortwahl aus der Szene: „Rudel“, „Kameradschaft“, „Sport frei“ – Begriffe, die Kampf- und Männerbundromantik aufladen.

Kein „Sportlager“: Das Programm steht auf dem Shirt
In Storys und Fotos prangt mit dem Schlagwort „Remigration“ der zentrale Code der extremen Rechten für eine Politik der ethnischen Selektion. Auf der Leinwand eines Schulungsraums ist ein Diagramm vom „Overton-Fenster“ zu sehen: IB-Chef Martin Sellner lehrt, wie man die Grenzen des Sagbaren nach rechts verschiebt – Metapolitik als Strategie, vorexerziert anhand der Bilder, die vom Lager nach außen gegeben werden und für Social Media produziert sind. Die inszenierte Ästhetik verschleift den radikalen Kern und macht das Produkt Instagram- und massentauglich.
Auch die Balance aus Anonymisierung und Heldenbild ist nicht zufällig: Manche Gesichter sind verpixelt, andere werden als Hero-Shots ausgestellt – genug, um Identifikation zu erlauben und zugleich den Rest im Schutz des Kollektivs zu halten.
Über allen erhebt sich Martin Sellner bildlich und verbal: „Ich bin kein normaler Teilnehmer mehr“, betont Sellner auf Telegram. Sein Post funktioniert als sauber austarierte Propaganda-Kachel. Das Verfallsnarrativ („faule und feige Ära“) dient der eigenen moralischen Aufrüstung und der Abwertung des demokratischen Mainstreams – ein klassischer Mobilisierungsrahmen der extremen Rechten.

Nicht irgendwo in den Alpen
Die Landschaft dient als Bühne. Sie soll Natürlichkeit und Heimatverbundenheit transportieren. So wird die Territorialisierung gleich mit erzählt: „Wir gehören zu diesem Raum“ und beanspruchen ihn symbolisch. Der konkrete Ort ist kein Beiwerk. Das Salzkammergut steht in der Erzählung für Heimat und Bodenständigkeit. Hier, am Laudachsee bei Gmunden, platziert die rechtsextreme Truppe ihre „Kameradschaft“ in die Idylle. So soll es auch wirken: harmlos, natürlich und gesund. Der Körper ist Mittel der Formierung, die Gruppe ist Medium der Ideologie, die Landschaft ist Kulisse der Legitimation.
Für Demokratinnen und Demokraten bleibt die Aufgabe, das klar zu benennen: keine Sportveranstaltung, sondern politische Schulung. Kein Naturidyll, sondern völkisches Bühnenbild. Und keine harmlose Jugendarbeit, sondern Metapolitik mit handfestem Drill – in Kalenderwoche 34, mitten im Salzkammergut, unbehelligt von den Behörden, die tatenlos zusehen, wie die extreme Rechte Raum nimmt.
„Holen wir uns Wien zurück, Block um Block, Schritt für Schritt. Heizen wir ihnen ein, lasst uns Helden sein“, hatte der Staatsanwalt im Identitärenprozess 2018 aus Martin Sellners Aufzeichnungen zitiert und hinzugefügt:
„Das ist für mich ein Aufruf zum Straßenkampf.“ Aber nein, behauptet der Angeklagte. Das Geschreibsel sei bloß eine „private Notiz. Ich weiß gar nicht mehr, in welchem Zustand ich das geschrieben habe.“ (kurier.at, 18.7.18)
Wozu dann die kampfbetonten Trainingslager?
P.S.: Das ZDF-Magazin „aspekte“ brachte (von den Identitären inszenierte) Aufnahmen vom Lager und ein Interview mit Sellner – aus „Gmünden“, wie es im Beitrag fälschlicherweise hieß. Nichts gelernt!
Update 23.9.25: Auch der FPÖ-Mitarbeiter Gernot Schmidt war Teilnehmer des Lagers.
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Der Grüne Nationalratsabgeordnete Lukas Hammer brachte eine parlamentarische Anfrage an Innenminister Gerhard Karner ein. Thema: Das IB-Lager und die Beteiligung des Terrorverdächtigen Thomas D. bei der Demo am 25./26.7.25.
Anfrage
der Abgeordneten Lukas Hammer, Ralph Schallmeiner, Freundinnen und Freunde an den Bundesminister für Inneres betreffend Rechtsextremes Ausbildungslager der „Identitären” bei Gmunden
BEGRÜNDUNG
Das diesjährige „Sommerlager“ der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ fand vermutlich in der Kalenderwoche 34 in der Region beim Laudachsee am Grünberg in der Nähe von Gmunden statt.

Rechtsextreme und Neonazis aus dem gesamten deutschsprachigen Raum nahmen daran teil, insbesondere Mitglieder der „Identitären“ aus Deutschland und Österreich waren dort vertreten. Das Lager war wie schon in der Vergangenheit geprägt von militärischem Drill, die an die Wehrsportübungen von Neonazis Mitte der 80er Jahre in Österreich erinnern (2). So zeigen diverse Fotos, die von den Rechtsextremen selbst veröffentlicht wurden, verstörende Szenen, wo mutmaßlich auf am Boden liegende Personen eingeschlagen wird.
Foto: siehe Anfrage
Die Teilnehmenden inszenieren sich wie eine paramilitärische Gruppierung, die in Reih und Glied Aufstellung nimmt. Diese Einübung von Gehorsam und Drill und der Hang zur militärischen Disziplinierung ist nichts Ungewöhnliches in der rechtsextremen Szene, die aufgrund ihrer ideologischen Beschaffenheit von sich heraus zu Gewalt und Unterordnung tendiert.
Foto: siehe Anfrage
Dass das rechtsextreme Ausbildungslager unbehelligt von den Behörden in Österreich stattfinden konnte, wirft einige Fragen auf, die auch von sicherheitspolitischer Relevanz sind. Österreich darf sich jedenfalls nicht zum Tummelplatz für Rechtsextreme entwickeln, die hier ihren Gewaltfantasien freien Lauf lassen können.
Schon im Vorfeld des Aufmarsches der „Identitären“ Ende Juli in Wien fand am Vorabend, dem 25. Juli eine als „Fight Night“ bezeichnete Kampfsportveranstaltung in den Kellerräumlichkeiten der Identitären in Wien-Margareten statt. Der Schweizer Neonazi Tobias Lingg beschrieb seinen Kampf gegen ein Mitglied der „Identitären Bewegung Schwaben“ als „Schlägerei“ (3). Sichtlich geht es hier um Enthemmung statt um eine zivilisierende Einhegung von Gewalt im Rahmen sportlicher Aktivitäten. Als Schiedsrichter trat Gernot Schmidt in Erscheinung, der als Kader für den aktionsorientierten Flügel der „Identitären“ fungiert und seit kurzem als parlamentarischer Mitarbeiter der FPÖ seinen Dienst versieht.
zwei Fotos: siehe Anfrage
Dass es bei den „Identitären“ nicht nur bei der Gewalt der Worte bleibt, zeigt auch ein weiterer Umstand: Thomas D., ein führendes Mitglied der extrem rechten niederländischen Gruppe „Geuzenbond“ wurde Mitte August wegen des Verdachts rechtsterroristischer Anschlagspläne festgenommen. Die niederländische Polizei fand bei einer Durchsuchung seiner Räumlichkeiten illegale Waffen und Munition. Thomas D. war im Juli 2025 auch beim Aufmarsch der „Identitären“ in Wien zu Gast. Er stand dort in der ersten Reihe hinter dem Fronttransparent und hielt eine Rede am Lautsprecherwagen. Fotos zeigen ihn im amikalen Gespräch dem FPÖ-Mitarbeiter Gernot Schmidt (4). Auch bei der „Fight Night“ der „Identitären“ am Freitagabend war der mutmaßliche Rechtsterrorist zugegen.


Es ist nicht das erste Mal, dass Mitglieder der „Identitären“ Verbindungen zu Rechtsterroristen aufweisen. So hatte Martin Sellner nachweislich Kontakt mit dem Attentäter von Christchurch, der 2019 51 Menschen in Neuseeland aus rassistischen Motiven ermordete und 50 weitere verletzte.
Auch gegen Mitglieder der „Identitären“ gab es immer wieder Ermittlungen in Zusammenhang mit Gewaltdelikten. Zuletzt gegen Wieland Kubitschek, der bei einer rechtsextremen Kundgebung im November 2024 vor der Universität Wien versehentlich einen Kameraden, den er für einen politischen Gegner hielt, mit einer Glasflasche am Kopf attackierte (6). Dafür wurde er im März 2025 am Amtsgericht Merseburg (Sachsen-Anhalt) wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer bedingten Haftstrafe von acht Monaten rechtskräftig verurteilt. Nun zeigen Fotos vom rechtsextremen Ausbildungslager Kubitschek, wie er auf eine am Boden liegende Person einprügelt (siehe oben).

Foto: siehe Anfrage
Unter diesen Umständen stellt das Ausbildungslager der „Identitären“ mitsamt seinem militärischen Charakter eine Bedrohung dar, denen sich die Sicherheitsbehörden zu widmen haben.
Die unterfertigenden Abgeordneten stellen daher folgende
ANFRAGE
- Hatten die Sicherheitsbehörden und insbesondere die Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst oder das zuständige Landesamt Staatsschutz und Extremismusbekämpfung Oberösterreich Kenntnis von der Abhaltung des „Sommerlagers“ der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ in der Region Laudachsee beim Grünberg in der Nähe von Gmunden?
- Wurde die Veranstaltung von den Sicherheitsbehörden beobachtet? Wenn nein: warum nicht?
- Hat es im Vorfeld des rechtsextremen „Sommerlagers“ eine Gefährdungseinschätzung des Staatsschutzes zu dieser Veranstaltung sowie zu den Teilnehmern gegeben?
- Wenn ja, zu welchem Ergebnis ist diese Gefährdungseinschätzung gekommen? Wenn nein, warum wurde keine Gefährdungseinschätzung durchgeführt?
- Wurden etwaige rechtliche Verstöße im Zusammenhang mit der Veranstaltung dokumentiert? Wenn ja: Welche Rechtsübertretungen wurden dokumentiert?
- Wurde das rechtsextreme „Sommerlager“ auf mögliche Verwaltungsübertretungen überprüft?
- Wurden Verstöße nach dem Symbole-Gesetz dokumentiert?
- Wenn ja, was hat diese Überprüfung ergeben und welche Schritte haben die Sicherheitsbehörden unternommen?
- Wurden von den Sicherheitsbehörden Identitätsfeststellungen bei den Teilnehmern des rechtsextremen „Sommerlagers“ durchgeführt? Wenn ja, aufgrund welchen Tatverdachts und bei wie vielen Personen?
- Wurden die Teilnehmenden bei der An- oder Abreise von den Sicherheitsbehörden kontrolliert?
- Wie viele Personen haben am „Sommerlager“ der „Identitären Bewegung“ teilgenommen?
- Wie viele österreichische und wie viele ausländische Staatsbürger nahmen am „Sommerlager“ der „Identitären Bewegung“ teil?
- Finden sich unter den Teilnehmenden auch Personen, gegen die strafrechtlich relevante Vorwürfe vorliegen beziehungsweise gegen die im In- oder Ausland ermittelt wird?
- Um welche Vorwürfe beziehungsweise Ermittlungen handelt es sich die Personen betreffend?
- Wenn die Veranstaltung ohne Beobachtung durch die zuständigen Behörden stattfinden konnte: Ist daran gedacht, nun im Nachhinein Ermittlungen aufzunehmen? Wenn nein: warum nicht?
- Sehen die Sicherheitsbehörden bei der Abhaltung eines rechtsextremen Ausbildungslagers mit militärischem Charakter keinen Grund zum Einschreiten, zumal dort verbotene Symbole zur Schau gestellt wurden?
- Sehen die zuständigen Sicherheitsbehörden die „Identitäre Bewegung“ als Bedrohung für das demokratische Zusammenleben und für die öffentliche Sicherheit und Ordnung?
- Welche Maßnahmen werden Sie als Innenminister setzen, um zu verhindern, dass sich Österreich als Tummelplatz für rechtsextreme Ausbildungslager etabliert?
- War Ihnen bekannt bzw. dem Verfassungsschutz bekannt, dass ein rechtsextremer Aktivist aus den Niederlanden, gegen den Ermittlungen wegen des Verdachts auf terroristische Straftaten laufen, am Aufmarsch der Identitären Ende Juli 2025 in Wien teilnehmen wird?
- War Ihnen bekannt, dass ein rechtsextremer Aktivist aus den Niederlanden, gegen den Ermittlungen wegen des Verdachts auf terroristische Straftaten laufen, am Kampfsportturnier der Identitären Ende Juli 2025 in Wien-Margareten teilnehmen würde?
- Waren oder sind Sie oder die zuständigen Stellen diesbezüglich mit den Sicherheitsbehörden in den Niederlanden im Austausch?
- Wenn nein, warum nicht und was werden Sie unternehmen, damit ein Informationsaustausch über rechtsextreme europaweite Netzwerke zukünftig besser gelingt?
- Wie ist es möglich, dass ein deutscher Staatsbürger, der für eine in Österreich begangene Gewalttat rechtskräftig verurteilt wurde, für Österreich kein Einreise- und Aufenthaltsverbot erhalten hat?
- Sind Ihnen aus der aktuellen rechtsextremen Szene in Österreich andere Sommerlager oder ähnliche Veranstaltungen bekannt, bei denen militärischer Drill und Gewalt trainiert wurden? Wenn ja, bitte um konkrete Angaben über Ort sowie Veranstalter sowie Beschreibung der Veranstaltung.
- Sind Ihnen aus der aktuellen antifaschistischen Szene in Österreich Sommerlager oder ähnliche Veranstaltungen bekannt, bei denen militärischer Drill und Gewalt trainiert wurden? Wenn ja, bitte um konkrete Angaben über Ort sowie Veranstalter sowie Beschreibung der Veranstaltung.
Fußnoten
2 https://fm4v2.orf.at/connected/216801/main
3 https://www.youtube.com/watch?v=eMOoFC8_Xcg&t=2s
4 https://www.derstandard.at/story/3000000283815/in-wien-aufmarschierter-rechtsextremer-wegen-terrorverdachts-in-niederlanden-festgenommen
5 https://www.youtube.com/watch?v=BPwKMrVvDAM
6 https://www.derstandard.at/story/3000000230745/wien-besuch-von-rechtsextremist-kubitschek-endete-mit-anklage-gegen-dessen-sohn
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