Vom „Einzelfall“ zur Kaderfrage
Die neuen Details zum Angriff auf einen 57-jährigen Taxifahrer in Leoben verschieben die politische Einordnung des Falls. Die nächtliche Gewalteskalation am Rand des 140. Stiftungsfests der Leobner Burschenschaft Leder hat endgültig offengelegt, dass es um eine Szene geht, die Gewalt rhetorisch vorbereitet, körperlich trainiert, politisch relativiert und die nun offenbar bis in ihre Kader hinein strafrechtlich relevant auffällt.
Der „Kurier“ (5.7.26) berichtet unter Berufung auf den Ermittlungsakt, dass drei Männer als Tatverdächtige ausgeforscht wurden: Yannick Wagemann, Uwe S. und Gernot S. Alle drei gehören der Wiener Burschenschaft Olympia an. Wagemann folgte zusammen mit Wieland Kubitschek auf Gernot S. als Wiener Sprecher der Identitären nach. Uwe S. ist nach Stoppt die Rechten vorliegenden Informationen derzeit Sprecher der Aktivitas der Olympia, also des aktiven Teils der Burschenschaft, und stammt wie Wagemann aus Deutschland. Er war bereits 2018 in einer Facebook-Gruppe des Björn Höcke zugerechneten „Flügels“ der AfD., also im damals innerparteilich noch umstrittenen rechtsradikalen Teil der AfD.

Gernot S. war bis vor wenigen Tagen parlamentarischer Mitarbeiter des FPÖ-Nationalratsabgeordneten Michael Oberlechner. Die FPÖ zieht sich nun darauf zurück, der Leobner Fall beträfe keinen aktiven FPÖ-Mitarbeiter. Wann sie sich von S. getrennt hat, sagt sie nicht dazu – mutmaßlich erst nach der Gewaltattacke in Leoben am 20. Juni. Feststeht: Noch am 11. Juni wurde Gernot S. als parlamentarischer Mitarbeiter der FPÖ geführt.
Leoben war angekündigt
Bereits vor dem Stiftungsfest hatte Stoppt die Rechten auf den geplanten Auftritt von Matthias Helferich hingewiesen. Die Leobner Burschenschaft Leder holte damit einen AfD-Abgeordneten als Festredner, der selbst innerhalb seiner Partei als Rechtsaußen-Problemfall gilt.
Noch vor Helferichs Auftritt kam es zur Gewalteskalation: Eine Frau und drei Männer seien am 20. Juni um etwa zwei Uhr früh in ein herbeigerufenes Taxi gestiegen. Ein Beteiligter, mutmaßlich Yannick Wagemann, habe sich mit „Sieg Heil“ ins Taxi gesetzt. Der Fahrer warf die Gruppe aus dem Wagen und alarmierte die Polizei. Kurz darauf sei er niedergeschlagen, getreten und fast bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt worden. Daraus ergeben sich neben dem Verdacht der schweren Körperverletzung auch Ermittlungen nach dem Verbotsgesetz.
Die Gewalt kommt mitten aus der Szene
Die Identitären verkaufen sich gern als disziplinierte Aktivisten, als politische Avantgarde, als Bewegung mit Bannern, Choreografien und Kampagnenästhetik. Die Bilanz der letzten Jahre erzählt eine andere Geschichte. Wir haben die Straftaten und Ermittlungen im Umfeld der Identitären im Jänner ausführlich zusammengetragen – dazu gehören auch Kontakte in die rechtsterroristische Szene. Leoben fügt dieser Liste einen weiteren schweren Verdachtsfall hinzu.
Im November 2023 kam es bei einem Auftritt von Götz Kubitschek in Wien zum Flaschenwurf seines Sohnes Wieland. Das Opfer war aus dem eigenen rechten Spektrum, weil der Täter einen Antifaschisten vermutet hatte. Kubitschek Junior wurde dafür in Deutschland zu acht Monaten bedingt verurteilt und konnte dennoch in Österreich wieder aufhältig werden und unbehelligt weiteragieren.
Nach der Identitären-Sommerdemo im Juli 2025 wurden zwei unbeteiligte junge Männer in der U‑Bahn rassistisch und homophob von Demo-Teilnehmern beschimpft, geprügelt und getreten. Zwei 18-jährige Neonazis wurden deswegen im März 2026 am Wiener Landesgericht verurteilt. Weitere Mittäter konnten nicht ausgeforscht werden.
Am 11. Juni 2026 sollen vor dem Identitären-Keller in der Ramperstorffergasse im 5. Bezirk mehrere Männer auf einen jungen Mann eingeschlagen und eingetreten haben. Der Anlass war ein erneuter Auftritt von Götz Kubitschek, organisiert von der identitären Tarnorganisation Aktion 451. Der ebenfalls anwesende Identitären-Chef Martin Sellner soll erst dann eingegriffen haben, als eine Zeugin ankündigte, die Polizei zu rufen. Auch dabei waren Wagemann und Kubitschek Jr.
Leoben steht damit in einer Serie. Neu ist die mutmaßliche Nähe der Tatverdächtigen zur obersten Kaderstruktur. Wagemann, seit nicht allzu langer Zeit Mitglied bei der Burschenschaft Olympia, war mit Wieland Kubitschek Organisator der Sommerdemo 2025. Die beiden beerbten zumindest nach außen hin Gernot S., der zuerst über die Olympia, dann beim Ring Freiheitlicher Studenten und anschließend im identitären Milieu als Aktionskader auftrat, bevor er 2025 von der FPÖ ins Parlament geholt wurde.
Wagemann hat sich zurückgezogen; sein X‑Account ist gelöscht, auf seinen anderen Kanälen ist er in Schweigen verfallen. Bei den Mobilisierungssujets und ‑videos für die Demonstration am 25. Juli tritt nur mehr Kubitschek auf. Der dritte Verdächtige führt in die Aktivitas der Olympia. Identitäre, Burschenschaft und FPÖ bilden damit Drehkreuze eines gewaltorientierten rechtsextremen Milieus.
Die FPÖ holte das Problem ins Parlament
Die FPÖ hat die Identitären-Frage lange als lästige Kampagne behandelt und prügelte dafür die Medien und antifaschistische Akteur:innen. Christian Hafenecker erklärte im Jänner in der ZiB2 sinngemäß, die Identitären gebe es aus seiner Sicht gar nicht. Herbert Kickl zeichnete das Bild einer harmlosen „NGO von rechts“. Diese Beschwichtigungen kollidieren mit Akten, Urteilen, Verfassungsschutzberichten und nun mit einem Ermittlungsfall, der direkt in ein FPÖ-Mitarbeiterverhältnis hineinreicht.
Der Verfassungsschutz ordnet die Identitären seit Jahren als rechtsextrem, völkisch und demokratiefeindlich ein, während Aktivisten aus diesem Milieu als Mitarbeiter von FPÖ-Abgeordneten Zugang zum Parlament erhielten. Stoppt die Rechten dokumentierte im April 2026 gleich fünf parlamentarische FPÖ-Mitarbeiter, die entweder direkt von den Identitären kommen oder zumindest in deren Umfeld aufgetaucht sind.
Dass sich die FPÖ nun von Gernot S. getrennt hat, löst die politische Frage nicht. Die FPÖ war und ist Arbeitsgeber, hat die Szene verteidigt, verharmlost und als Teil ihres Vorfelds normalisiert. Erst der Verdacht einer massiven Gewalttat machte den Preis dieser Normalisierung öffentlich sichtbar, obwohl schon lange alle Alarmglocken schrillen hätten müssen.
Rosenkranz: „Risiko gibt es überhaupt”
Nationalratspräsident Walter Rosenkranz versuchte die Debatte wenige Tage vor den neuen Leoben-Enthüllungen herunterzuspielen. Im Gespräch mit dem Kurier (1.7.26) relativierte er den Verfassungsschutz mit dem Satz: „Im Verfassungsschutzbericht steht viel drinnen.“ Zur Frage identitärer Mitarbeiter im Parlament erklärte er, die Betroffenen würden nicht selbst beobachtet, sondern seien im Rahmen der Beobachtung der Identitären aufgefallen. Von einem „Berufsverbot“ für frühere Identitäre in seiner Partei wollte er nichts wissen.
Vor dem Hintergrund von Leoben kippt diese Argumentation. Rosenkranz machte aus dem Risiko eine abstrakte Größe, indem er sich zu der Aussage verstieg: „[E]in Risiko, das sehe ich an sich überall, das sehe ich sogar im Straßenverkehr, Risiko gibt es überhaupt.“ Leoben zeigt, was diese Abstraktion verdeckt: Die Sicherheitsfrage betrifft reale Netzwerke, reale Zugänge und reale Gewalt. Wer Identitäre im Parlament als biografisches Randthema verharmlost, ignoriert die politische Funktion dieser Kader im FPÖ-nahen Machtbereich.
Der Staat muss die Struktur sehen
Der Verfassungsschutz ermittelt. Das ist notwendig, reicht aber politisch nicht aus. Spätestens der Fall in Leoben verlangt eine strukturelle Antwort: Sicherheitsbehörden, Justiz, Parlament, Stadtpolitik und Universitäten müssen die Übergänge zwischen Burschenschaften, Identitären und FPÖ(-Vorfeld) konsequent als Gefahr behandeln. S. hatte ein Jahr lang als parlamentarischer Mitarbeiter Zugang zu sensiblen Informationen. Diese Sicherheitslücke ist mit seinem Abgang aus dem blauen Parlamentsklub nicht geschlossen. Ganz im Gegenteil!
Für alle drei Tatverdächtigen gilt die Unschuldsvermutung!
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