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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 6 Minuten

Identitäre, Burschenschaft und FPÖ: Drehkreuze eines gewaltorientierten rechtsextremen Milieus

Die Gewalt­at­ta­cke beim Leder-Stif­tungs­fest führt mut­maß­lich in den Kern iden­ti­tä­rer Kader­struk­tu­ren. Drei Män­ner aus der Wie­ner Rechts­au­ßen-Bur­schen­schaft Olym­pia ste­hen im Ver­dacht der Betei­li­gung, dar­un­ter zwei Spit­zen­fi­gu­ren der Iden­ti­tä­ren. Iden­ti­tä­re, Bur­schen­schaft und FPÖ bil­den damit Dreh­kreu­ze eines gewalt­ori­en­tier­ten rechts­extre­men Milieus.

6. Juli 2026
Der Identitäre Gernot S. bei der Demo gegen das Symbole Gesetz am 31.7.21 (© Samuel Winter)
Der Identitäre Gernot S. bei der Demo gegen das Symbole Gesetz am 31.7.21 (© Samuel Winter)

Vom „Einzelfall“ zur Kaderfrage

Die neu­en Details zum Angriff auf einen 57-jäh­ri­gen Taxi­fah­rer in Leo­ben ver­schie­ben die poli­ti­sche Ein­ord­nung des Falls. Die nächt­li­che Gewalt­es­ka­la­ti­on am Rand des 140. Stif­tungs­fests der Leob­ner Bur­schen­schaft Leder hat end­gül­tig offen­ge­legt, dass es um eine Sze­ne geht, die Gewalt rhe­to­risch vor­be­rei­tet, kör­per­lich trai­niert, poli­tisch rela­ti­viert und die nun offen­bar bis in ihre Kader hin­ein straf­recht­lich rele­vant auffällt.

Der „Kurier“ (5.7.26) berich­tet unter Beru­fung auf den Ermitt­lungs­akt, dass drei Män­ner als Tat­ver­däch­ti­ge aus­ge­forscht wur­den: Yan­nick Wage­mann, Uwe S. und Ger­not S. Alle drei gehö­ren der Wie­ner Bur­schen­schaft Olym­pia an. Wage­mann folg­te zusam­men mit Wie­land Kubit­schek auf Ger­not S. als Wie­ner Spre­cher der Iden­ti­tä­ren nach. Uwe S. ist nach Stoppt die Rech­ten vor­lie­gen­den Infor­ma­tio­nen der­zeit Spre­cher der Akti­vi­tas der Olym­pia, also des akti­ven Teils der Bur­schen­schaft, und stammt wie Wage­mann aus Deutsch­land. Er war bereits 2018 in einer Face­book-Grup­pe des Björn Höcke zuge­rech­ne­ten „Flü­gels“ der AfD., also im damals inner­par­tei­lich noch umstrit­te­nen rechts­ra­di­ka­len Teil der AfD.

Uwe S. wurde im Juli 2018 zur Facebook-Gruppe "DER FLÜGEL --NRW -- BUNDESWEIT" hinzugefügt (Screenshot FB)
Uwe S. wur­de im Juli 2018 zur Face­book-Grup­pe „DER FLÜGEL –NRW — BUNDESWEIT” hin­zu­ge­fügt (Screen­shot FB, Quel­le: Auto­no­me Anti­fa Frei­burg)

Ger­not S. war bis vor weni­gen Tagen par­la­men­ta­ri­scher Mit­ar­bei­ter des FPÖ-Natio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­ten Micha­el Ober­lech­ner. Die FPÖ zieht sich nun dar­auf zurück, der Leob­ner Fall beträ­fe kei­nen akti­ven FPÖ-Mit­ar­bei­ter. Wann sie sich von S. getrennt hat, sagt sie nicht dazu – mut­maß­lich erst nach der Gewalt­at­ta­cke in Leo­ben am 20. Juni. Fest­steht: Noch am 11. Juni wur­de Ger­not S. als par­la­men­ta­ri­scher Mit­ar­bei­ter der FPÖ geführt.

Leoben war angekündigt

Bereits vor dem Stif­tungs­fest hat­te Stoppt die Rech­ten auf den geplan­ten Auf­tritt von Mat­thi­as Hel­fe­rich hin­ge­wie­sen. Die Leob­ner Bur­schen­schaft Leder hol­te damit einen AfD-Abge­ord­ne­ten als Fest­red­ner, der selbst inner­halb sei­ner Par­tei als Rechts­au­ßen-Pro­blem­fall gilt.

Noch vor Hel­fe­richs Auf­tritt kam es zur Gewalt­es­ka­la­ti­on: Eine Frau und drei Män­ner sei­en am 20. Juni um etwa zwei Uhr früh in ein her­bei­ge­ru­fe­nes Taxi gestie­gen. Ein Betei­lig­ter, mut­maß­lich Yan­nick Wage­mann, habe sich mit „Sieg Heil“ ins Taxi gesetzt. Der Fah­rer warf die Grup­pe aus dem Wagen und alar­mier­te die Poli­zei. Kurz dar­auf sei er nie­der­ge­schla­gen, getre­ten und fast bis zur Bewusst­lo­sig­keit gewürgt wor­den. Dar­aus erge­ben sich neben dem Ver­dacht der schwe­ren Kör­per­ver­let­zung auch Ermitt­lun­gen nach dem Verbotsgesetz.

Die Gewalt kommt mitten aus der Szene

Die Iden­ti­tä­ren ver­kau­fen sich gern als dis­zi­pli­nier­te Akti­vis­ten, als poli­ti­sche Avant­gar­de, als Bewe­gung mit Ban­nern, Cho­reo­gra­fien und Kam­pa­gnen­äs­the­tik. Die Bilanz der letz­ten Jah­re erzählt eine ande­re Geschich­te. Wir haben die Straf­ta­ten und Ermitt­lun­gen im Umfeld der Iden­ti­tä­ren im Jän­ner aus­führ­lich zusam­men­ge­tra­gen – dazu gehö­ren auch Kon­tak­te in die rechts­ter­ro­ris­ti­sche Sze­ne. Leo­ben fügt die­ser Lis­te einen wei­te­ren schwe­ren Ver­dachts­fall hinzu.

Im Novem­ber 2023 kam es bei einem Auf­tritt von Götz Kubit­schek in Wien zum Fla­schen­wurf sei­nes Soh­nes Wie­land. Das Opfer war aus dem eige­nen rech­ten Spek­trum, weil der Täter einen Anti­fa­schis­ten ver­mu­tet hat­te. Kubit­schek Juni­or wur­de dafür in Deutsch­land zu acht Mona­ten bedingt ver­ur­teilt und konn­te den­noch in Öster­reich wie­der auf­häl­tig wer­den und unbe­hel­ligt weiteragieren.

Nach der Iden­ti­tä­ren-Som­mer­de­mo im Juli 2025 wur­den zwei unbe­tei­lig­te jun­ge Män­ner in der U‑Bahn ras­sis­tisch und homo­phob von Demo-Teil­neh­mern beschimpft, geprü­gelt und getre­ten. Zwei 18-jäh­ri­ge Neo­na­zis wur­den des­we­gen im März 2026 am Wie­ner Lan­des­ge­richt ver­ur­teilt. Wei­te­re Mit­tä­ter konn­ten nicht aus­ge­forscht werden.

Am 11. Juni 2026 sol­len vor dem Iden­ti­tä­ren-Kel­ler in der Ram­perstorf­fer­gas­se im 5. Bezirk meh­re­re Män­ner auf einen jun­gen Mann ein­ge­schla­gen und ein­ge­tre­ten haben. Der Anlass war ein erneu­ter Auf­tritt von Götz Kubit­schek, orga­ni­siert von der iden­ti­tä­ren Tarn­or­ga­ni­sa­ti­on Akti­on 451. Der eben­falls anwe­sen­de Iden­ti­tä­ren-Chef Mar­tin Sell­ner soll erst dann ein­ge­grif­fen haben, als eine Zeu­gin ankün­dig­te, die Poli­zei zu rufen. Auch dabei waren Wage­mann und Kubit­schek Jr.

Leo­ben steht damit in einer Serie. Neu ist die mut­maß­li­che Nähe der Tat­ver­däch­ti­gen zur obers­ten Kader­struk­tur. Wage­mann, seit nicht all­zu lan­ger Zeit Mit­glied bei der Bur­schen­schaft Olym­pia, war mit Wie­land Kubit­schek Orga­ni­sa­tor der Som­mer­de­mo 2025. Die bei­den beerb­ten zumin­dest nach außen hin Ger­not S., der zuerst über die Olym­pia, dann beim Ring Frei­heit­li­cher Stu­den­ten und anschlie­ßend im iden­ti­tä­ren Milieu als Akti­ons­ka­der auf­trat, bevor er 2025 von der FPÖ ins Par­la­ment geholt wurde.

Wage­mann hat sich zurück­ge­zo­gen; sein X‑Account ist gelöscht, auf sei­nen ande­ren Kanä­len ist er in Schwei­gen ver­fal­len. Bei den Mobi­li­sie­rungs­su­jets und ‑vide­os für die Demons­tra­ti­on am 25. Juli tritt nur mehr Kubit­schek auf. Der drit­te Ver­däch­ti­ge führt in die Akti­vi­tas der Olym­pia. Iden­ti­tä­re, Bur­schen­schaft und FPÖ bil­den damit Dreh­kreu­ze eines gewalt­ori­en­tier­ten rechts­extre­men Milieus.

Die FPÖ holte das Problem ins Parlament

Die FPÖ hat die Iden­ti­tä­ren-Fra­ge lan­ge als läs­ti­ge Kam­pa­gne behan­delt und prü­gel­te dafür die Medi­en und anti­fa­schis­ti­sche Akteur:innen. Chris­ti­an Hafenecker erklär­te im Jän­ner in der ZiB2 sinn­ge­mäß, die Iden­ti­tä­ren gebe es aus sei­ner Sicht gar nicht. Her­bert Kickl zeich­ne­te das Bild einer harm­lo­sen „NGO von rechts“. Die­se Beschwich­ti­gun­gen kol­li­die­ren mit Akten, Urtei­len, Ver­fas­sungs­schutz­be­rich­ten und nun mit einem Ermitt­lungs­fall, der direkt in ein FPÖ-Mit­ar­bei­ter­ver­hält­nis hineinreicht.

Der Ver­fas­sungs­schutz ord­net die Iden­ti­tä­ren seit Jah­ren als rechts­extrem, völ­kisch und demo­kra­tie­feind­lich ein, wäh­rend Akti­vis­ten aus die­sem Milieu als Mit­ar­bei­ter von FPÖ-Abge­ord­ne­ten Zugang zum Par­la­ment erhiel­ten. Stoppt die Rech­ten doku­men­tier­te im April 2026 gleich fünf par­la­men­ta­ri­sche FPÖ-Mit­ar­bei­ter, die ent­we­der direkt von den Iden­ti­tä­ren kom­men oder zumin­dest in deren Umfeld auf­ge­taucht sind.

Dass sich die FPÖ nun von Ger­not S. getrennt hat, löst die poli­ti­sche Fra­ge nicht. Die FPÖ war und ist Arbeits­ge­ber, hat die Sze­ne ver­tei­digt, ver­harm­lost und als Teil ihres Vor­felds nor­ma­li­siert. Erst der Ver­dacht einer mas­si­ven Gewalt­tat mach­te den Preis die­ser Nor­ma­li­sie­rung öffent­lich sicht­bar, obwohl schon lan­ge alle Alarm­glo­cken schril­len hät­ten müssen.

Rosenkranz: „Risiko gibt es überhaupt”

Natio­nal­rats­prä­si­dent Wal­ter Rosen­kranz ver­such­te die Debat­te weni­ge Tage vor den neu­en Leo­ben-Ent­hül­lun­gen her­un­ter­zu­spie­len. Im Gespräch mit dem Kurier (1.7.26) rela­ti­vier­te er den Ver­fas­sungs­schutz mit dem Satz: „Im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt steht viel drin­nen.“ Zur Fra­ge iden­ti­tä­rer Mit­ar­bei­ter im Par­la­ment erklär­te er, die Betrof­fe­nen wür­den nicht selbst beob­ach­tet, son­dern sei­en im Rah­men der Beob­ach­tung der Iden­ti­tä­ren auf­ge­fal­len. Von einem „Berufs­ver­bot“ für frü­he­re Iden­ti­tä­re in sei­ner Par­tei woll­te er nichts wissen.

Vor dem Hin­ter­grund von Leo­ben kippt die­se Argu­men­ta­ti­on. Rosen­kranz mach­te aus dem Risi­ko eine abs­trak­te Grö­ße, indem er sich zu der Aus­sa­ge ver­stieg: „[E]in Risi­ko, das sehe ich an sich über­all, das sehe ich sogar im Stra­ßen­ver­kehr, Risi­ko gibt es über­haupt.“ Leo­ben zeigt, was die­se Abs­trak­ti­on ver­deckt: Die Sicher­heits­fra­ge betrifft rea­le Netz­wer­ke, rea­le Zugän­ge und rea­le Gewalt. Wer Iden­ti­tä­re im Par­la­ment als bio­gra­fi­sches Rand­the­ma ver­harm­lost, igno­riert die poli­ti­sche Funk­ti­on die­ser Kader im FPÖ-nahen Machtbereich.

Der Staat muss die Struktur sehen

Der Ver­fas­sungs­schutz ermit­telt. Das ist not­wen­dig, reicht aber poli­tisch nicht aus. Spä­tes­tens der Fall in Leo­ben ver­langt eine struk­tu­rel­le Ant­wort: Sicher­heits­be­hör­den, Jus­tiz, Par­la­ment, Stadt­po­li­tik und Uni­ver­si­tä­ten müs­sen die Über­gän­ge zwi­schen Bur­schen­schaf­ten, Iden­ti­tä­ren und FPÖ(-Vorfeld) kon­se­quent als Gefahr behan­deln. S. hat­te ein Jahr lang als par­la­men­ta­ri­scher Mit­ar­bei­ter Zugang zu sen­si­blen Infor­ma­tio­nen. Die­se Sicher­heits­lü­cke ist mit sei­nem Abgang aus dem blau­en Par­la­ments­klub nicht geschlos­sen. Ganz im Gegenteil!

Für alle drei Tat­ver­däch­ti­gen gilt die Unschuldsvermutung!

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Schlagwörter: AfD | Burschen-/Mädelschaften/Korporationen | FPÖ | Identitäre | Körperverletzung | Rechtsextremismus | RFS | Steiermark | Wiederbetätigung | Wien

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