„Freibäder verkommen zu Migranten-Hotspots“, wo „Österreicher und vor allem die Kinder im Stiche“ gelassen würden, sie würden gar zum „Freibad-Horror“ fabulierten zuletzt der FPÖ-Funk „Austria First“ und der Verschwörungskanal AUF1. Es ist mittlerweile fast ein Automatismus: Steigen im Frühjahr die Temperaturen und öffnen die Freibäder, trommeln die Rechten für den Schutz „unserer Frauen und Kinder“ vor sexuellen Übergriffen vermeintlicher Migranten. Viel zu viele Frauen und Mädchen werden in ihrem Leben Opfer sexualisierter Gewalt – auch im Freibad. In der rechten Erzählung aber steht nicht die Gewalt im Mittelpunkt, sondern die Auswahl der Täter. Aus tausenden Fällen sexualisierter Gewalt werden jene herausgegriffen, die sich mit Migrant:innen verknüpfen lassen. So entsteht Schritt für Schritt das Narrativ einer „importierten Gewalt“ im Freibad.
Importierte Vorfälle
Ein Beispiel ist Manfred Haimbuchner von der FPÖ Oberösterreich. Der ließ zuletzt seine Facebook-Fans darüber abstimmen, ob es eine Deutschpflicht im Freibad brauche. „Burkinis, Benimmregeln auf Arabisch bis hin zu Belästigungen“ – so schlägt Haimbuchner auf Facebook die Brücke zu Themen, die wenig miteinander zu tun haben. Als Anlassfall diente dem oberösterreichischen Landeshauptmann-Stellvertreter ein medial diskutierter Fall aus dem deutschen Halle/Saale. Dort hatte der Betreiber des Heidebads angekündigt, zukünftig nur mehr deutschsprachigen Gästen Einlass zu gewähren. Als Rechtfertigung wurde die Sicherheit der Badegäste vorgeschoben, rassistische Motive wurden bestritten. Nach wochenlanger Diskussion folgte die naheliegende Lösung: Der Betreiber einigte sich mit der Stadt darauf, zukünftig mehrsprachige Hinweistafeln zu installieren. Diesen Kompromiss thematisierte Haimbuchner, der auch sonst bei der Faktentreue schwächelt, nicht. Kein Wunder, denn Kompromisse schaffen keine Aufreger!
Ein Jahr zuvor nutzte die FPÖ einen anderen Anlassfall, wieder im Ausland, um gegen Migrant:innen in öffentlichen Bädern zu hetzen. Im Sommer 2025 hatte ein Schweizer Städtchen Badegästen ohne Schweizer Pass den Zutritt verwehrt. Das wurde von Rechten europaweit gefeiert. Die FPÖ verdrehte die Sachlage in Folge gehörig: „Laut einer OGM-Umfrage für Servus TV sind 59 Prozent der Österreicher für ein ausländerfreies Schwimmbad. In der Schweiz gibt es ein solches bereits.“ Das war aber falsch, denn die erwähnte Umfrage folgte einer ganz anderen Fragestellung. Und: Ein „ausländerfreies Schwimmbad“ gibt es auch in der Schweiz nicht. Diese argumentativen Schwächen stören die FPÖ aber nicht weiter, denn allein mit den Buzzwords „Schwimmbad“, „sexuelle Belästigung“ und „Ausländer“ lässt sich gut Reichweite erzielen und Stimmung machen.
Durch die gemeinsame Nennung werden ursprünglich unabhängige Begriffe semantisch miteinander verknüpft. Aus wiederholter Assoziation wird scheinbare Evidenz. Übergriffe durch Österreicher werden gar nicht erst thematisiert, jene von Nicht-Österreichern jedoch maximal breitgetreten.
Genese eines Narrativs
Interessant ist aber, wie die Rechten auf die Hetze mit dem Vehikel Freibad gekommen sind. Sehr lange gibt es die massenhaften Posts, Aussendungen oder „Sondersendungen“ auf rechten Kanälen im Sommer noch nicht.
Das änderte sich 2022: Pünktlich zu Beginn der Badesaison forderte die steirische FPÖ-Frauensprecherin Helga Krügerl: „Sexueller Belästigung im Schwimmbad den Kampf ansagen!“ Dass Frauen und Mädchen immer wieder, und auch im Freibad, sexueller Belästigung ausgesetzt sind, ist eine traurige Realität. Krügerl nannte in ihrer Aussendung jedoch nur ein Beispiel, und das war damals schon sechs Jahre alt: Im Sommer 2016 soll ein 45-jähriger Afghane im Freibad Judenburg zwei Mädchen sexuell belästigt haben.
So richtig ging die rechte Freibad-Kampagne aber erst zwei Jahre später los, nachdem im Erlebnisbad Traiskirchen mehrere Kinder von zwei Asylwerbern sexuell belästigt wurden. In einer Aussendung wetterte der niederösterreichische Landeshauptfrau-Stellvertreter der FPÖ, Udo Landbauer, gegen „linke Gutmenschen“, die schuld daran seien, dass „angeblich traumatisierte Asylwerber unsere Schwächsten in der Gesellschaft“ traumatisieren würden. Asylwerbende werden unter Generalverdacht gestellt, man verpasst ihnen eine Kollektivschuld, während österreichische Gewalttäter konsequent ausgeblendet werden. Und damit wären wir beim Patent zur Stimmungsmache, das sich bis heute hält, ja zunehmend verfeinert wird.
In einer parlamentarischen Anfrage im Sommer 2024 bringt Landbauers Parteikollege und Nationalratsabgeordneter Harald Stefan polizeilich kolportierte „17 Vorfälle in Wiener Freibädern“ (ohne Staatsangehörigkeit der Täter!) mit von ihm geforderten Abschiebungen in einen Sinnzusammenhang. Stefan fantasiert von einer „Welle sexueller Belästigungen“, für welche „die Masseneinwanderungspolitik der Ludwig-SPÖ“ verantwortlich sei.
Statistische Schieflage eines Narrativs
Dass rund ein Viertel aller Frauen und Mädchen in ihrem Leben sexuelle Übergriffe erleben muss, und 90 Prozent davon„in der Familie und im sozialen Nahraum“ stattfinden, ist eine traurige Tatsache. Dass die Polizei keine Statistiken führt, wie viele davon in Freibädern stattfinden, ist auch ein Fakt. Dass aber Nicht-Österreicher die einzige Gefahr für Frauen und Mädchen seien, ist schlicht gelogen.
In der Kriminalstatistik 2023 werden 1.287 angezeigte Vergewaltigungen gezählt – bei 427 Tatverdächtigen ohne österreichische Staatsbürgerschaft. Das liegt über dem Schnitt der Bevölkerung, die rund ein Fünftel Einwohner:innen ohne österreichische Staatsbürgerschaft zählt. Zwar sind Ausländer in der Kriminalitätsstatistik grundsätzlich überrepräsentiert, die Täterprofile korrelieren aber nicht nur mit Staatsbürgerschaft, sondern auch mit Ausgrenzung, Armut und anderen Risikofaktoren. Die Rechnung berücksichtigt ebenfalls nicht, dass Nicht-Österreicher:innen auch Tourist:innen oder Deutsche auf Dienstreisen inkludiert. Ebenfalls nicht sichtbar sind darin gegenläufige Zahlen, wie etwa, dass bei den 13 Femiziden im laufenden Jahr in Österreich kein einziger Täter ohne österreichische Staatsbürgerschaft aufpoppt. Das hat unlängst Stefan Lenglinger vom ORF auf Instagram erklärt.
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Ihrem eigenen Frauen- und Kinderschutz-Argument widerspricht die FPÖ selbst mit ihren Handlungen. Etwa, wenn durch die FPÖ-geführte steirische Landesregierung Projekte für Gewalt- und Extremismusprävention oder Opferschutz die finanziellen Förderungen gestrichen werden.
Bewusste Auslassungen
Sind die mutmaßlichen Täter die „falschen“ Ausländer, also keine Afghanen, Syrer oder Türken, schweigen sich die rechten Kinderschützer konsequent aus. Als etwa im Jahr 2022 ein Deutscher wegen des sexuellen Missbrauchs mehrerer Kinder in Klagenfurt verurteilt wurde, oder wenn die Täter aus den eigenen Reihen kommen, will man nichts davon wissen.
Als das FPÖ-Radio kürzlich suggestiv fragte „Sind unsere Kinder Freiwild im Freibad?“, begann der freiheitliche Sicherheitssprecher Gernot Darmann seine Antwort mit: „Allein die Tatsache, dass wir uns in der heutigen Zeit aufgrund der Vielzahl an migrantischen Nötigungen, sexuellen Belästigungen bis hin zu Übergriffen gegen Mädchen und Frauen in Freibädern zu diesem Thema überhaupt unterhalten müssen …“
Dem aber muss widersprochen werden. Nicht die Zahl der Übergriffe steht im Zentrum der Erzählung der Rechten, sondern die Auswahl der Täter. Aus tausenden Fällen sexualisierter Gewalt werden jene herausgegriffen, die sich mit den üblichen rechten Kernthemen verknüpfen lassen. Durch andauernde Wiederholung entsteht das Narrativ, sexualisierte Übergriffe im Freibad seien vor allem ein importiertes Problem. Auch wenn die Daten ein wesentlich komplexeres Bild zeigen.
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