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Lesezeit: 7 Minuten

FPÖ und „Krone“ beim gemeinsamen Hetzen

Eine FPÖ-Abge­ord­ne­te stellt par­la­men­ta­ri­sche Anfra­gen zur Anzahl und zu den Kos­ten medi­zi­ni­scher Leis­tun­gen, die für Staats­an­ge­hö­ri­ger eini­ger ganz bestimm­ter Natio­nen vom öster­rei­chi­schen Gesund­heits­sys­tem in den letz­ten zehn Jah­ren erbracht wur­den. Die Gesund­heits­mi­nis­te­rin zählt in ihren Ant­wor­ten detail­liert die Leis­tun­gen auf. Die „Kro­ne“ macht aus den Ein­zel­leis­tun­gen Behand­lun­gen, aus den Behand­lun­gen Auf­ent­hal­te (Bet­ten­ta­ge) mit einem fixen Kos­ten­satz und dazu noch dicke fet­te Schlag­zei­len über „Spi­tals­tou­ris­ten“, die Mil­li­ar­den kos­ten wür­den. So geht Hetze!

30. Jan. 2026
Krankenhaus (Symbolfoto; Pixabay Hermes Manuel Cortés Meza)
Krankenhaus (Symbolfoto; Pixabay Hermes Manuel Cortés Meza)

Von der FPÖ-Abge­ord­ne­ten Katayun Pra­cher-Hil­an­der wur­den in zehn par­la­men­ta­ri­schen Anfra­gen die Gesund­heits­leis­tun­gen für Staats­an­ge­hö­ri­ge von neun Staa­ten (Ukrai­ne, Tür­kei, Syri­en, Paki­stan, Liby­en, Iran, Irak, Indi­en, Afgha­ni­stan) und von ganz Afri­ka abge­fragt. War­um die­se ein­ge­schränk­te Aus­wahl? War­um nicht von allen oder zumin­dest von den Staa­ten mit der größ­ten Anzahl hier leben­der Men­schen (Deutsch­land)?

Feindbilder abgefragt?

Ver­mut­lich, weil die abge­frag­ten Staats­an­ge­hö­ri­gen geeig­ne­te Feind­bil­der für die FPÖ – und wohl auch für die „Kro­ne“ – dar­stel­len. Mit ihnen las­sen sich vor­züg­lich ganz bestimm­te Asso­zia­ti­ons­ket­ten bil­den: Spra­chen­ge­wirr in den Ambu­lan­zen, Frau­en mit Kopf­tü­chern, lan­ge War­te­zei­ten, vor allem auf Ope­ra­tio­nen und bestimm­te bild­ge­ben­de Unter­su­chun­gen wie MRTs. Dazu kom­men noch die bewusst gestreu­ten und ver­brei­te­ten Hetz­ge­rüch­te: Die zah­len alle nichts für ihre Heil­be­hand­lun­gen, die sind nicht ver­si­chert, die wer­den bevor­zugt behandelt …

Die Gesund­heits­mi­nis­te­rin beant­wor­tet die Fra­gen detail­liert (Kost­pro­be hier: Excel-Tabel­le in der Bei­la­ge) – mit der Beschrän­kung auf den intra­mu­ra­len Bereich (also ambu­lan­te und sta­tio­nä­re Leis­tun­gen in Spi­tä­lern). Wen’s inter­es­siert, der kann so erfah­ren, wie vie­le Rönt­gen oder Com­pu­ter­to­mo­gra­phien oder Magnet­re­so­nanz­ver­fah­ren für Ange­hö­ri­ge eines der erwähn­ten Staa­ten jeweils in den Jah­ren 2015–2024 durch­ge­führt wur­den. Aber wer will das schon wissen?

"Krone" hetzt mit Fake-Zahlen (Screenshot 25.1.26)
„Kro­ne” hetzt mit Fake-Zah­len (Screen­shot 25.1.26)

Sicher nicht die FPÖ oder die „Kro­ne“, die in ihrem Bei­trag vom 25.1. aus den ein­zel­nen abge­frag­ten Leis­tun­gen „Behand­lun­gen“ macht. Die Sum­me der so abge­frag­ten Leis­tun­gen für den Zeit­raum 2015–2024 beläuft sich auf 21.896.772, also rund 22 Mil­lio­nen Leis­tun­gen für Men­schen aus die­sen Län­dern. Zum Ver­gleich: Allein die Labor­un­ter­un­ter­su­chun­gen im Jahr 2024 im spi­tals­am­bu­lan­ten Bereich sum­mie­ren sich auf 12.101.560 Leis­tun­gen! Spi­tals­am­bu­lan­te Besu­che nur im Jahr 2024 gab es mehr als 15 Mil­lio­nen. Ein Besuch in einer Ambu­lanz ent­hält in der Regel aber nicht nur eine Leis­tung. Wer wirk­lich wis­sen will, was im intra­mu­ra­len Bereich (Spi­tals­am­bu­lan­zen und sta­tio­nä­rer Bereich) tat­säch­lich geleis­tet wur­de im Jahr 2024, der kann sich hier kun­dig machen.

Einzelleistungen sind keine Spitalstage

Eine Behand­lung im intra­mu­ra­len Bereich ent­spricht in den sel­tens­ten Fäl­len nur einer ein­zi­gen Leis­tung, weil eben eine Behand­lung in der Regel aus meh­re­ren Ein­zel­leis­tun­gen besteht. 22 Mil­lio­nen Ein­zel­leis­tun­gen in zehn Jah­ren sind also nicht sehr viel: Das ent­spricht zwei Mil­lio­nen pro Jahr. Wer nicht bloß in einer Ambu­lanz „behan­delt“ wur­de, son­dern wäh­rend eines Spi­tals­auf­ent­hal­tes, hat eine Ahnung davon, wie vie­le Ein­zel­leis­tun­gen sich aufsummieren.

Weil also die Ein­zel­leis­tun­gen für Ange­hö­ri­ge der von der FPÖ und der „Kro­ne“ vor­ge­führ­ten Län­der dras­tisch schrump­fen wür­den, wenn man sie in Behand­lun­gen –  in einer Ambu­lanz oder wäh­rend eines Spi­tal­auf­ent­hal­tes – pro Per­son erfas­sen könn­te, und das kei­ne het­ze­ri­schen Schlag­zei­len erge­ben wür­de, hat man sich eine beson­de­re Per­fi­die ein­fal­len las­sen: Die Ein­zel­leis­tun­gen wer­den als Behand­lun­gen ver­fälscht und bei den so ver­fälsch­ten Behand­lun­gen setzt man noch eins drauf und wan­delt sie in Bet­ten­ta­ge um, die mit 600 Euro pro Tag „ver­rech­net“ wer­den. Also 22 Mil­lio­nen Leis­tun­gen =22 Mil­lio­nen Behand­lun­gen = 22 Mil­lio­nen Bet­ten­ta­ge zu 600 Euro. Das wür­de dann einen Betrag von 13 Mil­li­ar­den Euro erge­ben – und eine fet­te het­ze­ri­sche Schlagzeile.

Im Arti­kel der „Kro­ne“ liest sich das dann so: „Nimmt man laut seriö­sen Schät­zun­gen von Gesund­heits­exper­ten rund 600 Euro pro Bett für einen Tag auf einer Nor­mal­sta­ti­on, kommt man auf meh­re­re Mil­li­ar­den Euro Kos­ten durch „Spi­tals-Tou­ris­ten.“

Die Gesund­heits­exper­ten, die solch „seriö­se Schät­zun­gen“ für die Kos­ten eines Spi­tals­bet­tes pro Tag ablie­fern, wür­den wir ger­ne ken­nen­ler­nen! Gesund­heits­mi­nis­te­rin Corin­na Schu­mann erklär­te in ihren Anfra­ge­be­ant­wor­tun­gen, dass sie kei­ne Anga­ben zu den Kos­ten der Ein­zel­leis­tun­gen machen kön­ne, „da die­se Daten (…) nicht vor­lie­gen“.

„Touristen“ oder Kranke?

Womit wir bei der Het­ze gegen „Spi­tals-Tou­ris­ten“ wären. Mit dem Begriff wird der Ein­druck ver­mit­telt, wonach es Per­so­nen­grup­pen geben wür­de, die nach ihrem per­sön­li­chen Gus­to Land und Spi­tal aus­su­chen könn­ten – kos­ten­scho­nend. Unter­malt wird die­ses ohne­hin schon bös­ar­ti­ge Bild durch die grin­di­ge Unter­stel­lung, dass die „Tou­ris­ten“ „Face­lif­ting und Lip­pen auf Steu­er­zah­ler­kos­ten“ machen würden:

Auf­fäl­lig in der Sta­tis­tik bei den drei größ­ten Flücht­lings­grup­pen ist auch die hohe Zahl an Ein­grif­fen bei plas­ti­scher Chir­ur­gie, die eben­so ästhe­ti­sche Schön­heits­be­hand­lun­gen wie Fett­ab­sau­gun­gen, Face­lif­ting, Lip­pen- oder Nasen­kor­rek­tur umfasst. So lie­ßen sich in nur einem Jahr Syrer und Afgha­nen mehr als 1100-mal medi­zi­nisch „ver­schö­nern“, allein bei den Ukrai­nern sind es drei am Tag. (krone.at, 25.1.26)

Die Anfra­ge­be­ant­wor­tung von Gesund­heits­mi­nis­te­rin Schu­mann ergibt kei­ner­lei Hin­weis dar­auf, dass unter den ange­führ­ten Leis­tun­gen im Bereich plas­ti­sche Chir­ur­gie „Ver­schö­ne­run­gen“ ent­hal­ten wären. Die Sozi­al­ver­si­che­run­gen zah­len kei­ne „Ver­schö­ne­run­gen“.

Eine Leh­re­rin über ihre Erfah­run­gen mit Schü­lern aus Afrika:

… da waren mal zwei Afri­ka­ner dabei, ein 17jähriger aus dem Sudan und ein erst 14jähriger aus Soma­lia. Total bra­ve und anstän­di­ge Jungs, höf­lich, sehr bemüht, lern­wil­lig. Der Suda­ne­se war am gan­zen Kör­per über­sät mit Nar­ben, ich hab kei­ne Ahnung, was dem wider­fah­ren ist. Der Klei­ne, der Soma­li­er, litt unter furcht­ba­ren Migrä­ne­at­ta­cken. So schlimm, dass er kaum ste­hen konn­te. Das war phy­sisch nicht abklär­bar, ein Hau­fen Unter­su­chun­gen und es kam nix dabei raus. Dann kam er mal zu mir ins Büro und frag­te mich, ob er mir etwas erzäh­len dür­fe. Er sag­te mir, dass er dabei zuse­hen muss­te, wie sei­ne gan­ze Fami­lie umge­bracht wur­de. Sei­ne Mut­ter und sei­ne bei­den Schwes­tern wur­den vor sei­nen Augen ver­ge­wal­tigt. Er konn­te sich als ein­zi­ger ret­ten. Er hat gesagt „Ich habe kei­ne Trä­nen mehr”. Das hat mich so fer­tig gemacht, dass ICH ein Gespräch mit dem Psy­cho­lo­gen brauchte.

Ich hat­te mit Müt­tern und Vätern zu tun, die hilf­los dabei zuse­hen muss­ten, wie ihre Kin­der im Mit­tel­meer ertran­ken. Natür­lich geht es die­sen Men­schen nicht gut und natür­lich brau­chen die immer wie­der mal medi­zi­ni­sche Hil­fe.

Eine Flücht­lings­be­treue­rin:

Im Groß­quar­tier waren vie­le Flücht­lin­ge, die mit typi­schen Stress­sym­pto­men zu kämp­fen hat­ten, Magen­pro­ble­me (nicht sel­ten Geschwü­re), Migrä­ne, Aus­schlä­ge, Haar­aus­fall. Vie­le lit­ten unter Schlaf­lo­sig­keit und Panik­at­ta­cken, die von Atem­not und Herz­ra­sen beglei­tet wur­den. Natür­lich muss­ten da vie­le ins Kran­ken­haus. Wir hat­ten einen afgha­ni­schen Buben, der durch einen Schock wäh­rend der Flucht eine plötz­li­che Netz­haut­ab­lö­sung hat­te und erblin­de­te. Man will ja gar nicht wis­sen, was der Arme gese­hen hat.

Versicherte und SteuerzahlerInnen oder Gratisblitzer?

Das öffent­li­che Gesund­heits­sys­tem in Öster­reich, aber vor allem der intra­mu­ra­le Bereich, wird nicht nur durch die Bei­trä­ge der Sozi­al­ver­si­cher­ten, son­dern auch durch Steu­ern finan­ziert. Das heißt, dass selbst die weni­gen Per­so­nen, die nicht ver­si­chert oder mit­ver­si­chert sind, über ihre beschei­de­nen Ein­künf­te Steu­ern zah­len – für Essen usw. – und daher eben­falls zu den Ein­nah­men des Gesund­heits­sys­tem s beitragen.

Die Mehr­heit der Per­so­nen aus den von der FPÖ und der „Kro­ne“ vor­ge­führ­ten Län­dern ist erwerbs­tä­tig und aus die­sem Grund sozi­al­ver­si­chert – ihre Erwerbs­quo­ten sind kla­rer­wei­se abhän­gig von der Dau­er des Auf­ent­halts in Öster­reich und von den Beschrän­kun­gen des Zugangs zum Arbeits­markt (Asylwerber:innen).

Die blaue Hetzorgel funktioniert

Der Bei­trag der „Kro­ne“ war kaum erschie­nen, da bedien­ten die Blau­en schon sämt­li­che Tas­ten auf ihrer blau­en Medi­en­or­gel: Pres­se­aus­sen­dun­gen, Kom­men­ta­re in den unso­zia­len Medi­en quer durch die blaue Funk­tio­närs­e­li­te, Mel­dun­gen im blau­en Radio usw. Ihre Mel­dun­gen und Kom­men­ta­re bedie­nen nicht nur alle denk­ba­ren Res­sen­ti­ments und Hass­ge­füh­le, son­dern haben als Hin­ter­grund und Reso­nanz­bo­den ein öffent­li­ches Gesund­heits­we­sen am Anschlag.

Herbert Kickl hetzt mit Fake-Zahlen (Screenshot FB 26.1.26)
Her­bert Kickl hetzt mit Fake-Zah­len (Screen­shot FB 26.1.26)

Dass aus­ge­rech­net Wie­ner Sozi­al­de­mo­kra­ten mit dem bor­nier­ten Streit um „Spi­tals­tou­ris­ten“ aus den umlie­gen­den Bun­des­län­dern eine Vor­la­ge für die Het­ze von „Kro­ne“ und FPÖ lie­fer­ten, macht die Sache nicht besser.

Was aber ange­sichts der blau­en Offen­si­ve unver­zeih­lich ist: das Schwei­gen der poli­ti­schen und media­len Öffentlichkeit.

➡️ kontrast.at (27.1.26): Fak­ten­check zu Spi­tals­be­su­chen von Aus­län­dern: „Kro­ne“ und FPÖ ver­gif­ten Stim­mung mit irre­füh­ren­den Zahlen
➡️ moment.at (28.1.26): Spi­tals-Tou­ris­ten in der Kro­ne: Wenn aus Zah­len Het­ze wird

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Schlagwörter: FPÖ | Hetze | Rassismus/Antimuslimischer Rassismus

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