Von der FPÖ-Abgeordneten Katayun Pracher-Hilander wurden in zehn parlamentarischen Anfragen die Gesundheitsleistungen für Staatsangehörige von neun Staaten (Ukraine, Türkei, Syrien, Pakistan, Libyen, Iran, Irak, Indien, Afghanistan) und von ganz Afrika abgefragt. Warum diese eingeschränkte Auswahl? Warum nicht von allen oder zumindest von den Staaten mit der größten Anzahl hier lebender Menschen (Deutschland)?
Feindbilder abgefragt?
Vermutlich, weil die abgefragten Staatsangehörigen geeignete Feindbilder für die FPÖ – und wohl auch für die „Krone“ – darstellen. Mit ihnen lassen sich vorzüglich ganz bestimmte Assoziationsketten bilden: Sprachengewirr in den Ambulanzen, Frauen mit Kopftüchern, lange Wartezeiten, vor allem auf Operationen und bestimmte bildgebende Untersuchungen wie MRTs. Dazu kommen noch die bewusst gestreuten und verbreiteten Hetzgerüchte: Die zahlen alle nichts für ihre Heilbehandlungen, die sind nicht versichert, die werden bevorzugt behandelt …
Die Gesundheitsministerin beantwortet die Fragen detailliert (Kostprobe hier: Excel-Tabelle in der Beilage) – mit der Beschränkung auf den intramuralen Bereich (also ambulante und stationäre Leistungen in Spitälern). Wen’s interessiert, der kann so erfahren, wie viele Röntgen oder Computertomographien oder Magnetresonanzverfahren für Angehörige eines der erwähnten Staaten jeweils in den Jahren 2015–2024 durchgeführt wurden. Aber wer will das schon wissen?

Sicher nicht die FPÖ oder die „Krone“, die in ihrem Beitrag vom 25.1. aus den einzelnen abgefragten Leistungen „Behandlungen“ macht. Die Summe der so abgefragten Leistungen für den Zeitraum 2015–2024 beläuft sich auf 21.896.772, also rund 22 Millionen Leistungen für Menschen aus diesen Ländern. Zum Vergleich: Allein die Laborunteruntersuchungen im Jahr 2024 im spitalsambulanten Bereich summieren sich auf 12.101.560 Leistungen! Spitalsambulante Besuche nur im Jahr 2024 gab es mehr als 15 Millionen. Ein Besuch in einer Ambulanz enthält in der Regel aber nicht nur eine Leistung. Wer wirklich wissen will, was im intramuralen Bereich (Spitalsambulanzen und stationärer Bereich) tatsächlich geleistet wurde im Jahr 2024, der kann sich hier kundig machen.
Einzelleistungen sind keine Spitalstage
Eine Behandlung im intramuralen Bereich entspricht in den seltensten Fällen nur einer einzigen Leistung, weil eben eine Behandlung in der Regel aus mehreren Einzelleistungen besteht. 22 Millionen Einzelleistungen in zehn Jahren sind also nicht sehr viel: Das entspricht zwei Millionen pro Jahr. Wer nicht bloß in einer Ambulanz „behandelt“ wurde, sondern während eines Spitalsaufenthaltes, hat eine Ahnung davon, wie viele Einzelleistungen sich aufsummieren.
Weil also die Einzelleistungen für Angehörige der von der FPÖ und der „Krone“ vorgeführten Länder drastisch schrumpfen würden, wenn man sie in Behandlungen – in einer Ambulanz oder während eines Spitalaufenthaltes – pro Person erfassen könnte, und das keine hetzerischen Schlagzeilen ergeben würde, hat man sich eine besondere Perfidie einfallen lassen: Die Einzelleistungen werden als Behandlungen verfälscht und bei den so verfälschten Behandlungen setzt man noch eins drauf und wandelt sie in Bettentage um, die mit 600 Euro pro Tag „verrechnet“ werden. Also 22 Millionen Leistungen =22 Millionen Behandlungen = 22 Millionen Bettentage zu 600 Euro. Das würde dann einen Betrag von 13 Milliarden Euro ergeben – und eine fette hetzerische Schlagzeile.
Im Artikel der „Krone“ liest sich das dann so: „Nimmt man laut seriösen Schätzungen von Gesundheitsexperten rund 600 Euro pro Bett für einen Tag auf einer Normalstation, kommt man auf mehrere Milliarden Euro Kosten durch „Spitals-Touristen.“
Die Gesundheitsexperten, die solch „seriöse Schätzungen“ für die Kosten eines Spitalsbettes pro Tag abliefern, würden wir gerne kennenlernen! Gesundheitsministerin Corinna Schumann erklärte in ihren Anfragebeantwortungen, dass sie keine Angaben zu den Kosten der Einzelleistungen machen könne, „da diese Daten (…) nicht vorliegen“.
„Touristen“ oder Kranke?
Womit wir bei der Hetze gegen „Spitals-Touristen“ wären. Mit dem Begriff wird der Eindruck vermittelt, wonach es Personengruppen geben würde, die nach ihrem persönlichen Gusto Land und Spital aussuchen könnten – kostenschonend. Untermalt wird dieses ohnehin schon bösartige Bild durch die grindige Unterstellung, dass die „Touristen“ „Facelifting und Lippen auf Steuerzahlerkosten“ machen würden:
Auffällig in der Statistik bei den drei größten Flüchtlingsgruppen ist auch die hohe Zahl an Eingriffen bei plastischer Chirurgie, die ebenso ästhetische Schönheitsbehandlungen wie Fettabsaugungen, Facelifting, Lippen- oder Nasenkorrektur umfasst. So ließen sich in nur einem Jahr Syrer und Afghanen mehr als 1100-mal medizinisch „verschönern“, allein bei den Ukrainern sind es drei am Tag. (krone.at, 25.1.26)
Die Anfragebeantwortung von Gesundheitsministerin Schumann ergibt keinerlei Hinweis darauf, dass unter den angeführten Leistungen im Bereich plastische Chirurgie „Verschönerungen“ enthalten wären. Die Sozialversicherungen zahlen keine „Verschönerungen“.
Eine Lehrerin über ihre Erfahrungen mit Schülern aus Afrika:
… da waren mal zwei Afrikaner dabei, ein 17jähriger aus dem Sudan und ein erst 14jähriger aus Somalia. Total brave und anständige Jungs, höflich, sehr bemüht, lernwillig. Der Sudanese war am ganzen Körper übersät mit Narben, ich hab keine Ahnung, was dem widerfahren ist. Der Kleine, der Somalier, litt unter furchtbaren Migräneattacken. So schlimm, dass er kaum stehen konnte. Das war physisch nicht abklärbar, ein Haufen Untersuchungen und es kam nix dabei raus. Dann kam er mal zu mir ins Büro und fragte mich, ob er mir etwas erzählen dürfe. Er sagte mir, dass er dabei zusehen musste, wie seine ganze Familie umgebracht wurde. Seine Mutter und seine beiden Schwestern wurden vor seinen Augen vergewaltigt. Er konnte sich als einziger retten. Er hat gesagt „Ich habe keine Tränen mehr”. Das hat mich so fertig gemacht, dass ICH ein Gespräch mit dem Psychologen brauchte.
Ich hatte mit Müttern und Vätern zu tun, die hilflos dabei zusehen mussten, wie ihre Kinder im Mittelmeer ertranken. Natürlich geht es diesen Menschen nicht gut und natürlich brauchen die immer wieder mal medizinische Hilfe.
Eine Flüchtlingsbetreuerin:
Im Großquartier waren viele Flüchtlinge, die mit typischen Stresssymptomen zu kämpfen hatten, Magenprobleme (nicht selten Geschwüre), Migräne, Ausschläge, Haarausfall. Viele litten unter Schlaflosigkeit und Panikattacken, die von Atemnot und Herzrasen begleitet wurden. Natürlich mussten da viele ins Krankenhaus. Wir hatten einen afghanischen Buben, der durch einen Schock während der Flucht eine plötzliche Netzhautablösung hatte und erblindete. Man will ja gar nicht wissen, was der Arme gesehen hat.
Versicherte und SteuerzahlerInnen oder Gratisblitzer?
Das öffentliche Gesundheitssystem in Österreich, aber vor allem der intramurale Bereich, wird nicht nur durch die Beiträge der Sozialversicherten, sondern auch durch Steuern finanziert. Das heißt, dass selbst die wenigen Personen, die nicht versichert oder mitversichert sind, über ihre bescheidenen Einkünfte Steuern zahlen – für Essen usw. – und daher ebenfalls zu den Einnahmen des Gesundheitssystem s beitragen.
Die Mehrheit der Personen aus den von der FPÖ und der „Krone“ vorgeführten Ländern ist erwerbstätig und aus diesem Grund sozialversichert – ihre Erwerbsquoten sind klarerweise abhängig von der Dauer des Aufenthalts in Österreich und von den Beschränkungen des Zugangs zum Arbeitsmarkt (Asylwerber:innen).
Die blaue Hetzorgel funktioniert
Der Beitrag der „Krone“ war kaum erschienen, da bedienten die Blauen schon sämtliche Tasten auf ihrer blauen Medienorgel: Presseaussendungen, Kommentare in den unsozialen Medien quer durch die blaue Funktionärselite, Meldungen im blauen Radio usw. Ihre Meldungen und Kommentare bedienen nicht nur alle denkbaren Ressentiments und Hassgefühle, sondern haben als Hintergrund und Resonanzboden ein öffentliches Gesundheitswesen am Anschlag.

Dass ausgerechnet Wiener Sozialdemokraten mit dem bornierten Streit um „Spitalstouristen“ aus den umliegenden Bundesländern eine Vorlage für die Hetze von „Krone“ und FPÖ lieferten, macht die Sache nicht besser.
Was aber angesichts der blauen Offensive unverzeihlich ist: das Schweigen der politischen und medialen Öffentlichkeit.
➡️ kontrast.at (27.1.26): Faktencheck zu Spitalsbesuchen von Ausländern: „Krone“ und FPÖ vergiften Stimmung mit irreführenden Zahlen
➡️ moment.at (28.1.26): Spitals-Touristen in der Krone: Wenn aus Zahlen Hetze wird
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