Donnerstagabend, 11. Juni, kurz nach 22 Uhr: Eine Frau kam in Wien-Margareten nach Hause und sah vor dem Identitären-Lokal eine größere Gruppe, die mit Banner und bengalischen Feuern posierte. Das ist schon deshalb glaubwürdig, weil Inszenierungen dieser Art zum identitären Stammrepertoire zählen.
Die Zeugin schätzte die Menge auf rund 70 Männer. Vier oder fünf von ihnen sollen auf einen „schlanken, großen jungen Mann“ eingeschlagen haben. Der Mann sei zu Boden gegangen, die Angreifer hätten auf ihn eingetreten. Sie habe gerufen: „Hört’s auf, sonst ruf’ ich die Polizei!“ In der Menge habe sie Martin Sellner erkannt. Nach ihrem Ruf habe Sellner „die anderen zurückgerufen“, worauf sich der Angegriffene losreißen und in Richtung Naschmarkt davonlaufen habe können. Das alles schilderte sie dem „Standard” (12.6.26).
Kubitschek im Identitären-Lokal
In dem Haus befindet sich seit Jahren ein Kellerlokal der Identitären. Die Lokalität gehört mit Eintrag 2020 der „Immo Rautenklause OG“. Inhaber: Martin Sellner und René Friedrich. Am Donnerstagabend war dort der aus Sachsen-Anhalt stammende Neofaschist Götz Kubitschek zu Gast, einer der zentralen Stichwortgeber der deutschsprachigen extremen Rechten. Organisiert wurde der Abend von der Aktion 451, einem Ableger der Identitären.
Die Zeugin rief die Polizei. Nach ihrer Schilderung trafen Beamt:innen etwa fünf Minuten später ein und sprachen mit Sellner sowie einem weiteren Mann. Die anderen Männer seien in den Keller gegangen, die Kellertür sei offen gewesen: „Das muss die Polizei gesehen haben“, sagte die Frau.
Die Landespolizeidirektion Wien bestätigte den Einsatz. Das Opfer sei beim Eintreffen der Polizei allerdings nicht mehr vor Ort gewesen, die Identitäten zweier Personen seien aufgenommen worden. Die Veranstaltung sei der Polizei bekannt gewesen und „im Rahmen des Streifendienstes überwacht“ worden. Der Verfassungsschutz verwies auf die Landespolizeidirektion Wien.
Anrainer:innen fühlen sich im Stich gelassen
Nach dem Vorfall meldeten sich weitere Anrainer:innen beim „Standard“. Ein Mann sprach von „besoffenen, grölenden Neonazis vor der Haustüre“. Er habe „jedes Mal ein mulmiges Gefühl“, wenn er mit seinem Kind am Haus vorbeigehe.
Der Mann berichtete außerdem, dass aus dem Keller wiederholt Banner oder Leitern für Aktionen getragen worden seien, etwa vor der illegalen Besteigung des Dachs des Palais Epstein im Jänner 2024. Eine Anrainerin erinnerte an den Tag vor der Identitären-Demo im Juli 2025: Das Protest-Straßenfest von Grünen und Roten im Bezirk habe um 21.30 Uhr abgebaut, die Rechtsextremen hätten dagegen bis Mitternacht vor dem Haus herumgrölen können.
„Das ist eher Polizeischutz der Identitären als Schutz der Bevölkerung“, zitiert der „Standard“ einen Anrainer. Freund:innen mit migrantischem Hintergrund würden inzwischen „einen großen Bogen um die Gasse“ machen. Jeden Donnerstagabend gebe es im Keller außerdem Kampfsporttraining, danach kämen Männer heraus, „mit Frisuren aus dem Ersten Weltkrieg und Gedankengut aus dem Zweiten Weltkrieg“.
Die Frau, die am Donnerstag die Polizei rief, formulierte ihre Angst deutlich: „Hier wohnen sehr viele Migranten im Bezirk, mit denen wir bestens auskommen. Die Einzigen, vor denen ich als Frau hier regelmäßig Angst habe, sind die Rechtsextremen aus diesem Keller“.
Die LPD Wien erklärte dazu gegenüber dem „Standard”:
„Die Sicherheit der Bevölkerung hat für die Exekutive oberste Priorität. Der Wiener Polizei wurde allerdings keine Bedrohung von Anrainern im Zusammenhang mit der angesprochenen Veranstaltung zur Kenntnis gebracht.” Man könne sich aber „gerne an die zuständige Polizeiinspektion wenden, insbesondere bei Vorliegen einer gerichtlich strafbaren Handlung”.
Fragt sich: Was oder wen haben die herbeigerufenen Beamten überprüft?
Prüfen sollten die Behörden ebenfalls, ob die identitäre Lokalität überhaupt die Vorgaben für größere Veranstaltungen wie die seit Jahren durchgeführte „Fight Night“ erfüllt. Laut Grundbuch umfasst der Keller insgesamt bloß 45 m².
Kubitschek von den Identitären zur Freiheitlichen Jugend
Einen Tag nach dem Gastspiel bei den Identitären trat Kubitschek bei der Freiheitlichen Jugend Wien auf. Auch das darf als Zeichen dafür gewertet werden, wie sehr neurechte Strukturen mit der FPÖ verwoben sind. „Brauchen wir noch Helden“, war der Titel von Kubitscheks Vortrag. Ob jene „Helden“ mitgemeint sind, die am Donnerstag gewalttätig geworden sind oder sein eigener Sohn, der 2023 mit einer Glasflasche irrtümlich auf jemanden eingeschlagen hat, wird uns Kubitschek freilich nicht beantworten.

Und Sellner?
Martin Sellner postet viel, auch gestern und heute. Zu den im „Standard” geschilderten Vorwürfen ist bislang allerdings nichts von ihm zu lesen.
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