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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 4 Minuten

Gewaltattacke vor Identitären-Lokal, Kritik an Polizei

Vor dem Wie­ner Iden­ti­tä­ren-Lokal sol­len am Don­ners­tag­abend meh­re­re Män­ner auf einen jun­gen Mann ein­ge­schla­gen und ein­ge­tre­ten haben. Eine Zeu­gin rief die Poli­zei, das Opfer war beim Ein­tref­fen der Beamt:innen bereits geflüch­tet. Anrainer:innen kri­ti­sie­ren die rechts­extre­men Auf­mär­sche und ein aus ihrer Sicht unzu­rei­chen­des Ein­schrei­ten der Polizei.

13. Juni 2026
Eingang zum Identitären-Keller in der Ramperstorffergasse am Vorabend zur Sommerdemo am 25.7.25 – hier mit Gernot Schmidt hinter der Türe (Foto: Theo Winkler)
Eingang zum Identitären-Keller in der Ramperstorffergasse am Vorabend zur Sommerdemo am 25.7.25 – hier mit Gernot Schmidt hinter der Türe (Foto: Theo Winkler)

Don­ners­tag­abend, 11. Juni, kurz nach 22 Uhr: Eine Frau kam in Wien-Mar­ga­re­ten nach Hau­se und sah vor dem Iden­ti­tä­ren-Lokal eine grö­ße­re Grup­pe, die mit Ban­ner und ben­ga­li­schen Feu­ern posier­te. Das ist schon des­halb glaub­wür­dig, weil Insze­nie­run­gen die­ser Art zum iden­ti­tä­ren Stamm­re­per­toire zählen.

Die Zeu­gin schätz­te die Men­ge auf rund 70 Män­ner. Vier oder fünf von ihnen sol­len auf einen „schlan­ken, gro­ßen jun­gen Mann“ ein­ge­schla­gen haben. Der Mann sei zu Boden gegan­gen, die Angrei­fer hät­ten auf ihn ein­ge­tre­ten. Sie habe geru­fen: „Hört’s auf, sonst ruf’ ich die Poli­zei!“ In der Men­ge habe sie Mar­tin Sell­ner erkannt. Nach ihrem Ruf habe Sell­ner „die ande­ren zurück­ge­ru­fen“, wor­auf sich der Ange­grif­fe­ne los­rei­ßen und in Rich­tung Nasch­markt davon­lau­fen habe kön­nen. Das alles schil­der­te sie dem „Stan­dard” (12.6.26).

Kubitschek im Identitären-Lokal

In dem Haus befin­det sich seit Jah­ren ein Kel­ler­lo­kal der Iden­ti­tä­ren. Die Loka­li­tät gehört mit Ein­trag 2020 der „Immo Rau­ten­klau­se OG“. Inha­ber: Mar­tin Sell­ner und René Fried­rich. Am Don­ners­tag­abend war dort der aus Sach­sen-Anhalt stam­men­de Neo­fa­schist Götz Kubit­schek zu Gast, einer der zen­tra­len Stich­wort­ge­ber der deutsch­spra­chi­gen extre­men Rech­ten. Orga­ni­siert wur­de der Abend von der Akti­on 451, einem Able­ger der Identitären.

Die Zeu­gin rief die Poli­zei. Nach ihrer Schil­de­rung tra­fen Beamt:innen etwa fünf Minu­ten spä­ter ein und spra­chen mit Sell­ner sowie einem wei­te­ren Mann. Die ande­ren Män­ner sei­en in den Kel­ler gegan­gen, die Kel­ler­tür sei offen gewe­sen: „Das muss die Poli­zei gese­hen haben“, sag­te die Frau.

Die Lan­des­po­li­zei­di­rek­ti­on Wien bestä­tig­te den Ein­satz. Das Opfer sei beim Ein­tref­fen der Poli­zei aller­dings nicht mehr vor Ort gewe­sen, die Iden­ti­tä­ten zwei­er Per­so­nen sei­en auf­ge­nom­men wor­den. Die Ver­an­stal­tung sei der Poli­zei bekannt gewe­sen und „im Rah­men des Strei­fen­diens­tes über­wacht“ wor­den. Der Ver­fas­sungs­schutz ver­wies auf die Lan­des­po­li­zei­di­rek­ti­on Wien.

Anrainer:innen fühlen sich im Stich gelassen

Nach dem Vor­fall mel­de­ten sich wei­te­re Anrainer:innen beim „Stan­dard“. Ein Mann sprach von „besof­fe­nen, grö­len­den Neo­na­zis vor der Haus­tü­re“. Er habe „jedes Mal ein mul­mi­ges Gefühl“, wenn er mit sei­nem Kind am Haus vorbeigehe.

Der Mann berich­te­te außer­dem, dass aus dem Kel­ler wie­der­holt Ban­ner oder Lei­tern für Aktio­nen getra­gen wor­den sei­en, etwa vor der ille­ga­len Bestei­gung des Dachs des Palais Epstein im Jän­ner 2024. Eine Anrai­ne­rin erin­ner­te an den Tag vor der Iden­ti­tä­ren-Demo im Juli 2025: Das Pro­test-Stra­ßen­fest von Grü­nen und Roten im Bezirk habe um 21.30 Uhr abge­baut, die Rechts­extre­men hät­ten dage­gen bis Mit­ter­nacht vor dem Haus her­um­grö­len können.

„Das ist eher Poli­zei­schutz der Iden­ti­tä­ren als Schutz der Bevöl­ke­rung“, zitiert der „Stan­dard“ einen Anrai­ner. Freund:innen mit migran­ti­schem Hin­ter­grund wür­den inzwi­schen „einen gro­ßen Bogen um die Gas­se“ machen. Jeden Don­ners­tag­abend gebe es im Kel­ler außer­dem Kampf­sport­trai­ning, danach kämen Män­ner her­aus, „mit Fri­su­ren aus dem Ers­ten Welt­krieg und Gedan­ken­gut aus dem Zwei­ten Welt­krieg“.

Die Frau, die am Don­ners­tag die Poli­zei rief, for­mu­lier­te ihre Angst deut­lich: „Hier woh­nen sehr vie­le Migran­ten im Bezirk, mit denen wir bes­tens aus­kom­men. Die Ein­zi­gen, vor denen ich als Frau hier regel­mä­ßig Angst habe, sind die Rechts­extre­men aus die­sem Kel­ler“.

Die LPD Wien erklär­te dazu gegen­über dem „Stan­dard”:

„Die Sicher­heit der Bevöl­ke­rung hat für die Exe­ku­ti­ve obers­te Prio­ri­tät. Der Wie­ner Poli­zei wur­de aller­dings kei­ne Bedro­hung von Anrai­nern im Zusam­men­hang mit der ange­spro­che­nen Ver­an­stal­tung zur Kennt­nis gebracht.” Man kön­ne sich aber „ger­ne an die zustän­di­ge Poli­zei­in­spek­ti­on wen­den, ins­be­son­de­re bei Vor­lie­gen einer gericht­lich straf­ba­ren Handlung”. 

Fragt sich: Was oder wen haben die her­bei­ge­ru­fe­nen Beam­ten überprüft?

Prü­fen soll­ten die Behör­den eben­falls, ob die iden­ti­tä­re Loka­li­tät über­haupt die Vor­ga­ben für grö­ße­re Ver­an­stal­tun­gen wie die seit Jah­ren durch­ge­führ­te „Fight Night“ erfüllt. Laut Grund­buch umfasst der Kel­ler ins­ge­samt bloß 45 m².

Kubitschek von den Identitären zur Freiheitlichen Jugend

Einen Tag nach dem Gast­spiel bei den Iden­ti­tä­ren trat Kubit­schek bei der Frei­heit­li­chen Jugend Wien auf. Auch das darf als Zei­chen dafür gewer­tet wer­den, wie sehr neu­rech­te Struk­tu­ren mit der FPÖ ver­wo­ben sind. „Brau­chen wir noch Hel­den“, war der Titel von Kubit­scheks Vor­trag. Ob jene „Hel­den“ mit­ge­meint sind, die am Don­ners­tag gewalt­tä­tig gewor­den sind oder sein eige­ner Sohn, der 2023 mit einer Glas­fla­sche irr­tüm­lich auf jeman­den ein­ge­schla­gen hat, wird uns Kubit­schek frei­lich nicht beantworten.

Kubitschek in Wien: "Wien, ab Donnerstag: bis Sonntag Tag für Tag ein Vortrag. Zwei davon sind (halb)öffentlich. Freue mich auf Leser und Abonnenten und habe ein bißchen "Weiße Nacht" mit dabei." (Screenshot TG 8.6.26)
Kubit­schek in Wien: „Wien, ab Don­ners­tag: bis Sonn­tag Tag für Tag ein Vor­trag. Zwei davon sind (halb)öffentlich. Freue mich auf Leser und Abon­nen­ten und habe ein biß­chen „Wei­ße Nacht” mit dabei.” (Screen­shot TG 8.6.26)

Und Sellner?

Mar­tin Sell­ner pos­tet viel, auch ges­tern und heu­te. Zu den im „Stan­dard” geschil­der­ten Vor­wür­fen ist bis­lang aller­dings nichts von ihm zu lesen.

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Schlagwörter: Identitäre | Körperverletzung | Polizei | Rechtsextremismus | RFJ | Wien

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