„Wohin wollen wir?“, fragte die Leobner Burschenschaft Leder im Programm zu ihrem 140. Stiftungsfest. Die Antwort fiel an diesem Wochenende bitter konkret aus: ein deutscher AfD-Bundestagsabgeordneter vom äußersten rechten Rand als Festredner, ein städtisches Veranstaltungszentrum als Bühne, mutmaßliche Hitlergrüßer und „Sieg Heil“-Rufe, rassistische Beschimpfungen und ein verletzter Taxifahrer, der in der Nacht von Freitag auf Samstag von mehreren Burschenschaftern attackiert wurde.
Bereits vor dem Fest hatte Stoppt die Rechten auf den geladenen Kommersredner Matthias Helferich hingewiesen. Die „Kleine Zeitung“ (17.6.26) berichtete, die Montanuniversität Leoben distanzierte sich daraufhin scharf vom avisierten Auftritt. Die Veranstaltung fände in keinen Räumen der Universität statt, betonte das Rektorat. Man distanziere sich „aufs Schärfste“ von den Äußerungen des angekündigten Redners und von Extremismus, Diskriminierung und Hass.
Helferich wurde vor allem 2021 bekannt, weil ein Chat von ihm veröffentlich wurde, in dem er sich 2017 als „freundliches Gesicht des NS“ bezeichnete – er erklärte das später als Ironie. Weitere mehr als ungustiöse Chats veröffentlichte 2025 der „Spiegel“.
Die AfD Nordrhein-Westfalen betrieb gegen ihn ein Parteiausschlussverfahren – nach dem Ausschluss durch das Landesschiedsgericht legte Helferich Berufung ein. Selbst in einer Partei, die vom deutschen Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall geführt wird, galt Helferich zeitweise als Problemfall. Für die Leder war der Rechtsaußen-Abgeordnete offenbar passend genug, um beim Festkommers aufzutreten. Bereits 2024 hatte Helferich in Wien für einen veritablen Skandal gesorgt: Damals war er von der Burschenschaft Aldania als Festredner geladen.
Fest am Ehgartner-Gelände
Am Freitag wurde zunächst auf dem Werksgelände der Firma Ehgartner im Leobner Stadtteil Donawitz ein „Begrüßungsabend” gefeiert. Ausgerechnet dort: Hannes Hundegger aus der Geschäftsführung von Ehgartner ist Alter Herr der Burschenschaft Lederund hielt 2020 die Festrede beim Wiener Akademikerball.
In der Nacht wurde ein 57-jähriger Taxifahrer zu diesem Gelände gerufen. Nach seiner Darstellung stiegen eine Frau und ein Mann in sein Taxi, bald darauf sollen „Sieg Heil“-Rufe gefallen sein. Der Fahrer forderte die beiden auf, auszusteigen, und rief die Polizei.
Was dann geschah, schilderte der Taxifahrer dem Standard (20.6.26): Als er verhindern wollte, dass der Mann zurück in die Halle geht, sollen drei Burschenschafter auf ihn eingeschlagen haben.
„Dann haben sie mir noch in den Oberkörper und in den Kopf getreten, auch in meinem Kehlkopf. Ich habe keine Luft mehr bekommen und habe ihnen das auch gesagt. Sie beschimpften mich, als ich am Boden gelegen bin, als Ausländerschwein und Hurensohn.”
Die Polizei bestätigte Ermittlungen wegen des Verdachts der Körperverletzung und nationalsozialistischer Wiederbetätigung gegen mehrere unbekannte Täter. Das Opfer erlitt Prellungen und Hämatome am ganzen Körper und musste sich vorübergehend in Spitalsbehandlung begeben.
Der Staatsschutz ermittelt
Besonders erklärungsbedürftig ist der Ablauf auch deshalb, weil laut Landespolizeidirektion zum „Standard” (21.6.26) bereits am 17. Juni nach einer Gefährdungseinschätzung des Landesamts Staatsschutz und Extremismusbekämpfung eine verstärkte Überwachung des Stiftungsfestes angeordnet worden war. Der verletzte Taxifahrer gab jedoch an, rund eine Viertelstunde auf die Polizei gewartet zu haben. In dieser Zeit sei er attackiert worden. Auch Fotografen, die die Veranstaltung am Samstag dokumentierten, berichteten, sie hätten vor Ort keine Polizisten gefunden. Die LPD konnte diesen Umstand dem „Standard“ gegenüber zunächst nicht erklären.
Am Samstag ging das Stiftungsfest im Live Congress Leoben weiter. Damit rückt auch die Stadt Leoben in den Blick. Die Live Congress Leoben BetriebsgmbH gehört laut Firmenbuch der Leoben Holding GmbH; die Leoben Holding ist wiederum eine hundertprozentige Tochter der Stadt Leoben. Mit anderen Worten: Der Kommers einer deutschnationalen Burschenschaft mit einem AfD-Rechtsaußen als Festredner fand in einem städtisch kontrollierten Veranstaltungszentrum statt.
Die Wiener Fotografen Theo Winkler und Samuel Winter dokumentierten am Samstag zudem Korporierte mit Kornblumen auf den Deckeln. Es handelte sich dabei zweifelsfrei um Leder-Mitglieder. Die Kornblume war in den 1930er-Jahren Erkennungszeichen illegaler Nationalsozialisten in Österreich. Mindestens ein Burschenschafter zeigte laut Aufnahmen die rassistische White-Power-Geste. Die Fotografen sprachen vor Ort zudem mit einer Kellnerin, die angab, am Freitag drei Burschenschafter beim Hitlergruß gesehen zu haben. Diese Aussage wäre ebenso zu prüfen wie die Frage, welche Personen am Freitagabend am Ehgartner-Gelände anwesend waren.
Alte Spuren, neue Eskalation und das große Schweigen
Die Leder ist keine unbeschriebene Verbindung. 2018 wurde gegen mehrere Mitglieder wegen eines homophoben Flyers mit einem Bild des NS-Malers Wolfgang Willrich ermittelt. Bei einer Hausdurchsuchung wurden unter anderem zwei Liederbücher „Schlachtruf“ sowie Schriften mit nationalsozialistischem Bezug sichergestellt, darunter ein Mitteilungsblatt mit Reichsadler, Hakenkreuz und SS-Rune. Das Verfahren wurde dennoch eingestellt.
Aber auf politischem Terrain gab es Folgen. 2018 musste der damalige Schriftwart und aktuelle Säckelwart der Leder als FPÖ-Gemeinderat in Seekirchen am Wallersee wegen einschlägiger Postings zurücktreten – er hatte auf seiner Facebook-Timeline u.a. Huldigungssujets für Ritterkreuzträger der Wehrmacht veröffentlicht. Auch gegen ihn wurden die Ermittlungen eingestellt.
Die Montanuniversität wollte unter Rektor Peter Moser Burschenschafter-Auftriebe an der Universität untersagen. Moser stieß auf Widerstand und musste einen – faulen – Kompromiss hinnehmen: „Couleurstudenten dürfen weiterhin an den akademischen Feiern teilnehmen, allerdings nicht mehr in der prominenten Position hinter den Professoren und dem Rektor der Uni.” (kleinezeitung.at, 10.2.24)
Der Fall der Burschenschaft Cruxia Leoben, über den Stoppt die Rechten im März berichtet hat und der aktuellste Fall zeigen deutlich, warum halbherzige Distanzierungen nicht reichen. Bislang schweigen die Burschenschaft Leder und die Stadt Leoben zum Vorfall. Dieses Schweigen ist Teil des Problems. Eine Stadt, deren Gesellschaft einem solchen Kommers Raum gibt, muss erklären, wer diese Veranstaltung genehmigt hat, welche Sicherheitsauflagen galten und welche Konsequenzen aus den Ermittlungen gezogen werden. Die Burschenschaft wiederum muss sagen, wer in jener Nacht am Ehgartner-Gelände beteiligt war und ob sie mit den Behörden kooperiert.
Eine Frage beantwortet, eine andere nicht
Die Frage „Wohin wollen wir?“ hat dieses Wochenende beantwortet. Für Leoben steht nun eine andere Frage im Raum: Wie lange dürfen rechtsextreme Netzwerke kommunale Infrastruktur nutzen, während Betroffene rassistischer Gewalt mit den Folgen allein gelassen werden?
Update: Laut meinbezirk.at (22.6.26) habe nun der Leobner SPÖ-Bürgermeister „die Vorwürfe rund um NS-Parolen, Wiederbetätigung und Gewalt auf das Schärfste” verurteilt. „Die Stadtgemeinde zieht daher klare Konsequenzen: ‚Es wird künftig keine Vermietung städtischer Räumlichkeiten an die Burschenschaft Leder und auch nicht an andere politisch extremistische Organisationen geben.’ ”
Die ÖH Leoben veröffentlichte auf Facebook ein ausführliches Statement. „Als direkte Konsequenz beendet die ÖH Leoben bis auf Weiteres jede mögliche Form der Zusammenarbeit mit der Burschenschaft Leder. Es werden keine gemeinsamen Veranstaltungen mehr durchgeführt oder unterstützt, bei denen die Verbindung eine Rolle spielt.” (meinbezirk.at)
„Mein Bezirk” zitiert auch den aus Leoben stammenden FPÖ-Klubobmann Marco Triller: „Selbstverständlich lehne ich persönlich ebenso wie die gesamte Freiheitliche Partei jegliche Form von Gewalt sowie sämtliche Handlungen, die im Zusammenhang mit einem Verdacht der nationalsozialistischen Wiederbetätigung stehen, entschieden ab.“ Triller kann seine Mission der Gewaltlosigkeit zumindest einmal jenen FPÖ-Mitgliedern, die sich in der Burschenschaft Leder tummeln, nahebringen und die Burschenschaft zur Kooperation auffordern, um die Gewaltattacke aufzuklären.
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