Das Motto der akademischen Burschenschaft Leder heißt „Deutsch-furchtlos-treu“. Das klingt wie aus einer furchtbaren Zeit entsprungen. Dazu passt einiges andere auch noch: ganz aktuell etwa der Festredner für das 140. Stiftungsfest der Leobener Burschenschaft an diesem Wochenende, 19.-21-Juni. Einer, der sich selber als das freundliche Gesicht des NS bezeichnet und dann gemeint hat, das sei eh nur ironisch gemeint gewesen. Ja, Matthias Helferich passt gut zu den Lederern, die sich an diesem Wochenende fragen: Wohin wollen wir?
Wer sich ausgerechnet gemeinsam mit Matthias Helferich die Frage stellen will, wohin man will, weiß vermutlich die Antwort schon. Schließlich haben die Burschen von der Leder schon einige streng riechende Markierungen auf ihrem Weg in den letzten Jahren hinterlassen.
Deutschtum gegen Adenauer und „Deutsche Volksgemeinschaft“ auf der Website
Im Standardwerk über die akademischen Burschenschaften nach 1945 (1) ist diese fast schon skurril anmutende Anekdote über die Burschenschaft Leder zu finden:
1957 beantragten Olympia und Leder, anlässlich des anstehenden Adenauer-Besuches in Österreich eine Delegation zum Gesandten der Bundesrepublik in Wien zu schicken. Diesem gegenüber sollte sowohl Freude über den hohen Besuch bekundet als auch darauf hingewiesen werden, daß die Burschenschaft irgendwelche Äußerungen des Herrn Dr. Konrad Adenauer, die die Zugehörigkeit des deutschsprechenden Österreichers zum deutschen Volke in Frage stellen, nicht unwidersprochen hinnehmen würde. Da dies zu unliebsamen und vielfach mißverstandenen Komplikationen führen würde, soll der Deutsche [sic] Gesandte ersucht werden, Herrn Bundeskanzler Dr. Adenauer im vorhinein darauf aufmerksam zu machen, diesbezügliche Äußerungen zu unterlassen.
Konrad Adenauer war damals Bundeskanzler der BRD, der durch diesen Antrag von Olympia und Leder auf dem Burschentag (damals hieß der noch ADC-Allgemeiner Delegierten-Convent) gerügt werden sollte, falls er die Zugehörigkeit Österreichs zum deutschen Volk in Frage stellen würde.
Der Antrag verfehlte ganz knapp die Mehrheit, Adenauer blieb der Rüffel erspart, und die Burschenschaft Leder hielt am Deutschtum Österreichs beinhart fest. Auf ihrer Website, die 2015 online ging, war zu Beginn noch zu lesen: „Das Vaterland ist für uns eine enge Verbundenheit aller Teile des deutschen Volkes unabhängig von staatlichen Grenzen in einem freien und einigen Europa. (…) Deutsch bedeutet für uns, ein klares Bekenntnis zur deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft.“

Mit Grammatik und Stilistik der deutschen Sprache haben’s die Lederer nicht so, aber anderes verstört mehr. Die Lederer stört nämlich nicht, dass das Bekenntnis zur „deutschen Volksgemeinschaft“ ein zentraler Bestandteil der NS-Ideologie und ihrer Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik war. Warum auch? Die „Lederer“ haben ja keine Ahnung von der NS-Geschichte! Das haben sie sogar amtlich bestätigt erhalten als Abschluss in einem Ermittlungsverfahren, das die Staatsanwaltschaft Graz gegen einige Burschen der „Leder“ wegen des Verdachts der Verhetzung und der NS-Wiederbetätigung geführt hat.
Die Ahnungslosen der Burschenschaft Leder
Begonnen hatte das mit einem Flyer, den die Lederer Anfang 2018 in Leoben verteilt hatten. Der ORF (1.2.18) schrieb damals:
Zu sehen ist eine Gegenüberstellung eines Familienbildes des nationalsozialistischen Malers Wolfgang Willrich und ein schwules Paar bei einer Parade — dazu die Überschriften: „Das ist eine Familie“ und „Das sicher nicht“. Auf dem Flyer waren außerdem mehrere Zeilen zu lesen, in denen die Ehe zwischen Mann und Frau angepriesen wurde: „Eine Verbindung, bei der es keine Möglichkeit auf neues Leben geben kann, als Ehe zu bezeichnen, ist ein perverser Etikettenschwindel.“
Wie hat sich die Burschenschaft damals distanziert? Man habe nicht gewusst, dass Willrich ein Nazi-Maler war. Das ist so im Einstellungsbescheid der Staatsanwaltschaft (2) zu lesen. Weil es im Zuge der Ermittlungen eine Hausdurchsuchung bei der Burschenschaft gab, ist in diesem Bescheid auch nachzulesen, was da alles an Nazi-Dreck auf der Bude gefunden wurde. Zwei Liederbücher mit dem Titel „Schlachtruf“, darüber hinaus
wurden vier sonstige Schriften mit nationalsozialistischem Bezug sichergestellt, nämlich ein „Mitteilungsblatt“, auf welchem ein Reichsadler mit Hakenkreuz und eine SS-Rune abgebildet sind, das Buch „Die Raben des Kyffhäuser“, geschrieben von Robert HOHLBAUM, einem Unterstützer der NS-Politik in Österreich, und die Bücher „Schlag nach!“ und „Auch du warst dabei“, geschrieben von Peter KLEIST, einem NSDAP- und SS-Mitglied.
Ein anderer Burschenschafter, der AfD-Politiker Alexander Wolf, hat das Liederbuch „Schlachtruf“ mit der Hymne der HJ-Jugend herausgegeben – nur „zum internen Gebrauch“.
Als ein Grund für die Einstellung des Verfahrens gegen die „Leder“-Burschenschafter wurde damals genannt, dass ihnen ja nicht nachgewiesen werden konnte, dass sie die einschlägigen Lieder gesungen hätten.
Die Montanuni Leoben hatte zunächst die Burschenschaft Leder von allen Feierlichkeiten, bei denen Korporierte in Leoben so sicher dabei sind wie das Amen bei einem Gebet, ausgeschlossen, das aber mit den Ergebnissen der Ermittlungen verknüpft, die – siehe oben! – eingestellt wurden. Quasi weiße Weste für die braunen Burschen?
Alte Akteure und Helferich als Festredner vom rechten Rand
Seit 2018 sind zwar acht Jahre vergangen, aber einige der aktiven Burschen, gegen die damals ermittelt wurde, tauchen in Vorstandsfunktionen und bei anderen Aktivitäten immer wieder auf. Zum Beispiel der damalige Schriftführer der „Leder“, der in seiner Salzburger Gemeinde von seiner Partei, der FPÖ, still und heimlich zurückgezogen wurde. Er war damals der Verdächtige aus der Verbindung mit den meisten Vorwürfen. Nach seinem Abgang bei der FPÖ hatte er noch eine kurze Episode bei der braunen Mikro-Partei „Die Stimme“ des Markus Ripfl, die aber bald wieder verstummt ist. Aktuell ist er noch immer im Vorstand der Lederer. Gerfrid Schmidt war auch schon Schriftführer bei der „Leder“, ist aber in den letzten Jahren eher durch seine Aktivitäten im identitären Umfeld und beim ÖTB aufgefallen.
Das Stiftungsfest mit dem Festredner Matthias Helferich, das an diesem Wochenende in Leoben stattfindet, soll offensichtlich den Marsch der „Leder“ am äußerst rechten Rand bestätigen.

Matthias Helferich
Ende Mai 2024 hat die Ankündigung der Wiener Burschenschaft Aldania, Matthias Helferich als Festredner auftreten zu lassen, gehörigen Wirbel ausgelöst. Das Hotel, in dem die Aldanen feiern wollten, hat die Veranstaltung kurzerhand mit einer Distanzierung gecancelt.
Im Juli 2024 leitete der NRW-Landesvorstand der AfD ein Parteiausschlussverfahren gegen Helferich ein, in dem es hieß: „Die Szenarien, die drohen, sollten Personen wie Matthias Helferich jemals politisch-exekutiv Macht erhalten, erinnern an die finstersten Kapitel der Menschheitsgeschichte und speziell auch der deutschen Geschichte.“
Das hinderte das Freiheitliche Bildungsinstitut (FBI) der FPÖ nicht daran, Helferich und den ebenso rechtsextremen Benedikt Kaiser als Referenten für eine Nachwuchsschulung im Dezember 2024 einzusetzen.
Im Mai 2025 wurden über den „Spiegel“ Mails aus den Zweizehner-Jahren von Helferich bekannt, in denen er unter anderem seine Bewunderung just für Wolfgang Willrich, also jenen Nazi-Maler ausgedrückt haben soll, von dem die Burschenschaft Leder nicht gewusst haben will, dass er Nationalsozialist war. Helferich bestritt, dass die Mails von ihm stammen.
Im Juli 2025 wurde Matthias Helferich durch das Landessschiedsgericht der AfD NRW aus der AfD ausgeschlossen. Gegen diesen Beschluss hat Helferich Berufung beim Bundesschiedsgericht der AfD eingelegt, über die noch nicht entschieden ist.
Fußnoten
1 Bernhard Weidinger, „Im nationalen Abwehrkampf der Grenzlanddeutschen“. Böhlau-Verlag Wien 2015. (zum Download)
2 Zur Einstellung des Verfahrens siehe Bundesministerium für Justiz, Weisungsbericht 2020, S. 137f
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