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Lesezeit: 6 Minuten

Wohin will die Burschenschaft Leder – mit Matthias Helferich?

Die Leo­be­ner Bur­schen­schaft Leder fei­ert ihr 140. Stif­tungs­fest – aus­ge­rech­net mit dem AfD-Rechts­au­ßen Mat­thi­as Hel­fe­rich als Fest­red­ner. Die Wahl des AfD-Poli­ti­kers passt zu einer Ver­bin­dung, bei der sich alte Deutsch­tums­fan­ta­sien, NS-belas­te­te Fund­stü­cke und Rechts­au­ßen-Kon­tak­te auf­fäl­lig verdichten.

17. Juni 2026
Matthias Helferich Festredner bei der Burschenschaft Leder
Matthias Helferich Festredner bei der Burschenschaft Leder

Das Mot­to der aka­de­mi­schen Bur­schen­schaft Leder heißt „Deutsch-furcht­los-treu“. Das klingt wie aus einer furcht­ba­ren Zeit ent­sprun­gen. Dazu passt eini­ges ande­re auch noch: ganz aktu­ell etwa der Fest­red­ner für das 140. Stif­tungs­fest der Leo­be­ner Bur­schen­schaft an die­sem Wochen­en­de, 19.-21-Juni. Einer, der sich sel­ber als das freund­li­che Gesicht des NS bezeich­net und dann gemeint hat, das sei eh nur iro­nisch gemeint gewe­sen. Ja, Mat­thi­as Hel­fe­rich passt gut zu den Lede­r­ern, die sich an die­sem Wochen­en­de fra­gen: Wohin wol­len wir?

Wer sich aus­ge­rech­net gemein­sam mit Mat­thi­as Hel­fe­rich die Fra­ge stel­len will, wohin man will, weiß ver­mut­lich die Ant­wort schon. Schließ­lich haben die Bur­schen von der Leder schon eini­ge streng rie­chen­de Mar­kie­run­gen auf ihrem Weg in den letz­ten Jah­ren hinterlassen.

Deutschtum gegen Adenauer und „Deutsche Volksgemeinschaft“ auf der Website

Im Stan­dard­werk über die aka­de­mi­schen Bur­schen­schaf­ten nach 1945 (1) ist die­se fast schon skur­ril anmu­ten­de Anek­do­te über die Bur­schen­schaft Leder zu finden:

1957 bean­trag­ten Olym­pia und Leder, anläss­lich des anste­hen­den Ade­nau­er-Besu­ches in Öster­reich eine Dele­ga­ti­on zum Gesand­ten der Bun­des­re­pu­blik in Wien zu schi­cken. Die­sem gegen­über soll­te sowohl Freu­de über den hohen Besuch bekun­det als auch dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den, daß die Bur­schen­schaft irgend­wel­che Äuße­run­gen des Herrn Dr. Kon­rad Ade­nau­er, die die Zuge­hö­rig­keit des deutsch­spre­chen­den Öster­rei­chers zum deut­schen Vol­ke in Fra­ge stel­len, nicht unwi­der­spro­chen hin­neh­men wür­de. Da dies zu unlieb­sa­men und viel­fach miß­ver­stan­de­nen Kom­pli­ka­tio­nen füh­ren wür­de, soll der Deut­sche [sic] Gesand­te ersucht wer­den, Herrn Bun­des­kanz­ler Dr. Ade­nau­er im vor­hin­ein dar­auf auf­merk­sam zu machen, dies­be­züg­li­che Äuße­run­gen zu unterlassen.

Kon­rad Ade­nau­er war damals Bun­des­kanz­ler der BRD, der durch die­sen Antrag von Olym­pia und Leder auf dem Bur­schen­tag (damals hieß der noch ADC-All­ge­mei­ner Dele­gier­ten-Con­vent) gerügt wer­den soll­te, falls er die Zuge­hö­rig­keit Öster­reichs zum deut­schen Volk in Fra­ge stel­len würde.

Der Antrag ver­fehl­te ganz knapp die Mehr­heit, Ade­nau­er blieb der Rüf­fel erspart, und die Bur­schen­schaft Leder hielt am Deutsch­tum Öster­reichs bein­hart fest. Auf ihrer Web­site, die 2015 online ging, war zu Beginn noch zu lesen: „Das Vater­land ist für uns eine enge Ver­bun­den­heit aller Tei­le des deut­schen Vol­kes unab­hän­gig von staat­li­chen Gren­zen in einem frei­en und eini­gen Euro­pa. (…) Deutsch bedeu­tet für uns, ein kla­res Bekennt­nis zur deut­schen Volks- und Kul­tur­ge­mein­schaft.“

Burschenschaft Leder: Vaterland und deutsche Volks- und Kulturgemeinschaft (Website) "Vaterland Das Vaterland ist für uns eine enge Verbundenheit aller Teile des deutschen Volkes unabhängig von staatlichen Grenzen in einem freien und einigen Europa. Den Angehörigen aller Völker soll die uneingeschränkte Entfaltung und Selbstbestimmung gewährleistet werden. Unser Wahlspruch. „Deutsch, Furchtlos und Treu!" Deutsch Deutsch bedeutet für uns, ein klares Bekenntnis zur deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft. Dabei verstehen wir unter Volk eine Gemeinschaft von Menschen mit gleicher Sprache, Kultur und Herkunft, die auf einer gemeinsamen Abstammung über Generationen hinweg beruht."
Bur­schen­schaft Leder: Vater­land und deut­sche Volks- und Kul­tur­ge­mein­schaft (Web­site)

Mit Gram­ma­tik und Sti­lis­tik der deut­schen Spra­che haben’s die Lede­rer nicht so, aber ande­res ver­stört mehr. Die Lede­rer stört näm­lich nicht, dass das Bekennt­nis zur „deut­schen Volks­ge­mein­schaft“ ein zen­tra­ler Bestand­teil der NS-Ideo­lo­gie und ihrer Aus­gren­zungs- und Ver­nich­tungs­po­li­tik war. War­um auch? Die „Lede­rer“ haben ja kei­ne Ahnung von der NS-Geschich­te! Das haben sie sogar amt­lich bestä­tigt erhal­ten als Abschluss in einem Ermitt­lungs­ver­fah­ren, das die Staats­an­walt­schaft Graz gegen eini­ge Bur­schen der „Leder“ wegen des Ver­dachts der Ver­het­zung und der NS-Wie­der­be­tä­ti­gung geführt hat.

Die Ahnungslosen der Burschenschaft Leder

Begon­nen hat­te das mit einem Fly­er, den die Lede­rer Anfang 2018 in Leo­ben ver­teilt hat­ten. Der ORF (1.2.18) schrieb damals:

Zu sehen ist eine Gegen­über­stel­lung eines Fami­li­en­bil­des des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Malers Wolf­gang Will­rich und ein schwu­les Paar bei einer Para­de — dazu die Über­schrif­ten: „Das ist eine Fami­lie“ und „Das sicher nicht“. Auf dem Fly­er waren außer­dem meh­re­re Zei­len zu lesen, in denen die Ehe zwi­schen Mann und Frau ange­prie­sen wur­de: „Eine Ver­bin­dung, bei der es kei­ne Mög­lich­keit auf neu­es Leben geben kann, als Ehe zu bezeich­nen, ist ein per­ver­ser Etikettenschwindel.“

Wie hat sich die Bur­schen­schaft damals distan­ziert? Man habe nicht gewusst, dass Will­rich ein Nazi-Maler war. Das ist so im Ein­stel­lungs­be­scheid der Staats­an­walt­schaft (2) zu lesen. Weil es im Zuge der Ermitt­lun­gen eine Haus­durch­su­chung bei der Bur­schen­schaft gab, ist in die­sem Bescheid auch nach­zu­le­sen, was da alles an Nazi-Dreck auf der Bude gefun­den wur­de. Zwei Lie­der­bü­cher mit dem Titel „Schlacht­ruf“, dar­über hinaus

wur­den vier sons­ti­ge Schrif­ten mit natio­nal­so­zia­lis­ti­schem Bezug sicher­ge­stellt, näm­lich ein „Mit­tei­lungs­blatt“, auf wel­chem ein Reichs­ad­ler mit Haken­kreuz und eine SS-Rune abge­bil­det sind, das Buch „Die Raben des Kyff­häu­ser“, geschrie­ben von Robert HOHLBAUM, einem Unter­stüt­zer der NS-Poli­tik in Öster­reich, und die Bücher „Schlag nach!“ und „Auch du warst dabei“, geschrie­ben von Peter KLEIST, einem NSDAP- und SS-Mit­glied.

Ein ande­rer Bur­schen­schaf­ter, der AfD-Poli­ti­ker Alex­an­der Wolf, hat das Lie­der­buch „Schlacht­ruf“ mit der Hym­ne der HJ-Jugend her­aus­ge­ge­ben – nur „zum inter­nen Gebrauch“.

Als ein Grund für die Ein­stel­lung des Ver­fah­rens gegen die „Leder“-Burschenschafter wur­de damals genannt, dass ihnen ja nicht nach­ge­wie­sen wer­den konn­te, dass sie die ein­schlä­gi­gen Lie­der gesun­gen hätten.

Die Mon­tan­uni Leo­ben hat­te zunächst die Bur­schen­schaft Leder von allen Fei­er­lich­kei­ten, bei denen Kor­po­rier­te in Leo­ben so sicher dabei sind wie das Amen bei einem Gebet, aus­ge­schlos­sen, das aber mit den Ergeb­nis­sen der Ermitt­lun­gen ver­knüpft, die – sie­he oben! – ein­ge­stellt wur­den. Qua­si wei­ße Wes­te für die brau­nen Burschen?

Alte Akteure und Helferich als Festredner vom rechten Rand

Seit 2018 sind zwar acht Jah­re ver­gan­gen, aber eini­ge der akti­ven Bur­schen, gegen die damals ermit­telt wur­de, tau­chen in Vor­stands­funk­tio­nen und bei ande­ren Akti­vi­tä­ten immer wie­der auf. Zum Bei­spiel der dama­li­ge Schrift­füh­rer der „Leder“, der in sei­ner Salz­bur­ger Gemein­de von sei­ner Par­tei, der FPÖ, still und heim­lich zurück­ge­zo­gen wur­de. Er war damals der Ver­däch­ti­ge aus der Ver­bin­dung mit den meis­ten Vor­wür­fen. Nach sei­nem Abgang bei der FPÖ hat­te er noch eine kur­ze Epi­so­de bei der brau­nen Mikro-Par­tei „Die Stim­me“ des Mar­kus Ripfl, die aber bald wie­der ver­stummt ist. Aktu­ell ist er noch immer im Vor­stand der Lede­rer. Ger­frid Schmidt war auch schon Schrift­füh­rer bei der „Leder“, ist aber in den letz­ten Jah­ren eher durch sei­ne Akti­vi­tä­ten im iden­ti­tä­ren Umfeld und beim ÖTB aufgefallen.

Das Stif­tungs­fest mit dem Fest­red­ner Mat­thi­as Hel­fe­rich, das an die­sem Wochen­en­de in Leo­ben statt­fin­det, soll offen­sicht­lich den Marsch der „Leder“ am äußerst rech­ten Rand bestätigen.

140. Stiftungsfest der Burschenschaft Leder und Festsymposium 19.-21.6.26: "WAS KÖNNEN WIR? WOFÜR STEHEN WIR? WOHIN WOLLEN WIR?"
140. Stif­tungs­fest der Bur­schen­schaft Leder und Fest­sym­po­si­um 19.–21.6.26: „WAS KÖNNEN WIR? WOFÜR STEHEN WIR? WOHIN WOLLEN WIR?”

Mat­thi­as Helferich

Ende Mai 2024 hat die Ankün­di­gung der Wie­ner Bur­schen­schaft Ald­ania, Mat­thi­as Hel­fe­rich als Fest­red­ner auf­tre­ten zu las­sen, gehö­ri­gen Wir­bel aus­ge­löst. Das Hotel, in dem die Ald­anen fei­ern woll­ten, hat die Ver­an­stal­tung kur­zer­hand mit einer Distan­zie­rung gecancelt.

Im Juli 2024 lei­te­te der NRW-Lan­des­vor­stand der AfD ein Par­tei­aus­schluss­ver­fah­ren gegen Hel­fe­rich ein, in dem es hieß: „Die Sze­na­ri­en, die dro­hen, soll­ten Per­so­nen wie Mat­thi­as Hel­fe­rich jemals poli­tisch-exe­ku­tiv Macht erhal­ten, erin­nern an die fins­ters­ten Kapi­tel der Mensch­heits­ge­schich­te und spe­zi­ell auch der deut­schen Geschich­te.“

Das hin­der­te das Frei­heit­li­che Bil­dungs­in­sti­tut (FBI) der FPÖ nicht dar­an, Hel­fe­rich und den eben­so rechts­extre­men Bene­dikt Kai­ser als Refe­ren­ten für eine Nach­wuchs­schu­lung im Dezem­ber 2024 einzusetzen.

Im Mai 2025 wur­den über den „Spie­gel“ Mails aus den Zwei­zeh­ner-Jah­ren von Hel­fe­rich bekannt, in denen er unter ande­rem sei­ne Bewun­de­rung just für Wolf­gang Will­rich, also jenen Nazi-Maler aus­ge­drückt haben soll, von dem die Bur­schen­schaft Leder nicht gewusst haben will, dass er Natio­nal­so­zia­list war. Hel­fe­rich bestritt, dass die Mails von ihm stammen.

Im Juli 2025 wur­de Mat­thi­as Hel­fe­rich durch das Lan­dess­schieds­ge­richt der AfD NRW aus der AfD aus­ge­schlos­sen. Gegen die­sen Beschluss hat Hel­fe­rich Beru­fung beim Bun­des­schieds­ge­richt der AfD ein­ge­legt, über die noch nicht ent­schie­den ist.

Fußnoten

1 Bern­hard Wei­din­ger, „Im natio­na­len Abwehr­kampf der Grenz­land­deut­schen“. Böhlau-Ver­lag Wien 2015. (zum Down­load)
2 Zur Ein­stel­lung des Ver­fah­rens sie­he Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Jus­tiz, Wei­sungs­be­richt 2020, S. 137f

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