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Projektion und Hetze à la Magnet

Ste­fan Magnet (AUF1), einer der vul­gärs­ten Dem­ago­gen der öster­rei­chi­schen extre­men Rech­ten, hat einen Hetz-Text gegen die que­e­re Com­mu­ni­ty ver­fasst, an dem sich ein Schlüs­sel­kon­zept zum Ver­ständ­nis auto­ri­tä­rer Bewe­gun­gen ein­fach erklä­ren lässt: die Projektion.

24. Feb. 2024
Magnet und Scharfmüller beim NPD-Pressefest 2004 in Mücka/Sachsen (Foto: isso.media)
Magnet und Scharfmüller beim NPD-Pressefest 2004 in Mücka/Sachsen (Foto: isso.media)

Ste­fan Magnet erfuhr sei­ne Poli­ti­sie­rung im Neo­na­zi-Milieu, er war Füh­rungs­ka­der beim neo­na­zis­ti­schen „Bund frei­er Jugend“ (BfJ). Heu­te betreibt er mit dem Online-TV-Pro­jekt „AUF1“ ein rechts­extre­mes Des­in­for­ma­ti­ons­pro­jekt. Ideo­lo­gisch bewegt sich Magnet wei­ter­hin im Nah­be­reich des Neo­na­zis­mus: Sei es hin­sicht­lich eines offen arti­ku­lier­ten bio­lo­gis­ti­schen Ras­sis­mus, sei es hin­sicht­lich sei­nes anti­se­mi­tisch kodier­ten Ver­schwö­rungs­wahns oder auch hin­sicht­lich einer freund­li­chen Stim­mung gegen­über dem hyper­au­tori­tä­ren Holo­caust­leug­ner-Regime im Iran. FPÖ-Chef Kickl setz­te sich mit dem rechts­extre­men Akti­vis­ten im März 2022 zu einem ein­stün­di­gen Inter­view zusam­men und im Sep­tem­ber 2023 noch­mal gemein­sam mit AfD-Che­fin Ali­ce Weidel.

Im Juni 2023 erschien ein Text von Magnet auf der Web­site des rechts­extre­men Maga­zins „Info-Direkt“, das von Micha­el Scharf­mül­ler – wie Magnet einst Kader beim neo­na­zis­ti­schen BfJ – her­aus­ge­ge­ben wird. In dem Text mit dem wir­ren Titel „Sie wol­len uns nicht schwu­ler machen, son­dern töten!“ treibt Magnet sei­ne ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­schen Behaup­tun­gen an eine wahn­haf­te Spit­ze und hetzt dabei zugleich gegen LGBTIQ+-Personen.

Der unterirdische Hetz-Text eines rechtsextremen Verschwörungsideologen, der sich gerne als Opfer imaginiert (Screenshot "Info-Direkt", 18.06.2023)
Der unter­ir­di­sche Hetz-Text eines rechts­extre­men Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gen, der sich ger­ne als Opfer ima­gi­niert (Screen­shot „Info-Direkt”, 18.6.23)

Wüste Hetze gegen LGBTIQ+-Personen

Beim „tota­li­tär verordnete[n] LGBTQ-Monat“ gehe es „nicht nur dar­um, uns mehr ‚que­er‘, mehr gen­der, mehr homo zu machen“, son­dern um „Mensch­heits­re­duk­ti­on“ (1). Magnet unter­stellt hier dem jähr­lich statt­fin­den­den „Pri­de Month“, des­sen Anlie­gen bekannt­lich die Sicht­bar­keit und die Rech­te von LGBTIQ+-Personen sind, eine bös­ar­ti­ge kon­spi­ra­ti­ve Agen­da, bei der es letzt­lich um Aus­rot­tung gehe. Alles fol­ge „einer kla­ren Agen­da“. Deren trei­ben­de Kraft, da ist der Ver­schwö­rungs­ideo­lo­ge unmiss­ver­ständ­lich, soll die LGBTIQ+-Bewegung sein: „Die gesam­te Que­er- und LGBTQ-Bewe­gung baut vor: Für eine nahe Zukunft, in der die Mensch­heit ‚que­er‘ und unfrucht­bar ist.“ Hin­ter die­ser Agen­da ste­he Magnet zufol­ge eine mäch­ti­ge Eli­te, die er mal als „Glo­ba­lis­ten“, mal als „Trans­hu­ma­nis­ten“ bezeich­net und deren Ver­schwö­rungs­plan die „Unfrucht­bar­keit der wei­ßen Welt“ zum Ziel hätte.

Die Falsch­be­haup­tung, dass que­e­re und homo­se­xu­el­le Men­schen unfrucht­bar sei­en, kommt in dem Text mehr­fach vor: „[N]icht nur Homo­se­xu­el­le und Trans­ves­ti­ten sind unfrucht­bar: Künftig sol­len alle unfrucht­bar sein, geht es nach den Glo­ba­lis­ten.“ Magnet bedient hier ein het­ze­ri­sches Bild, das nicht-hete­ro­se­xu­el­le Men­schen als man­gel­haft und zugleich als mali­gne dar­stel­len soll. Mit dem Wort „Glo­ba­list“ kommt ein belieb­ter anti­se­mi­ti­scher Code hinzu.

Magnet miss­braucht für sei­ne Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung auch ech­te Wis­sen­schaft. So behaup­tet er, die US-For­sche­rin Shan­na Swan habe vor­aus­ge­sagt: „Im Jahr 2045 wird die wei­ße Mensch­heit unfrucht­bar sein und mit­tels natür­li­cher Fort­pflan­zung kei­ne Kin­der mehr bekom­men kön­nen.“ Dabei han­delt es sich um eine per­fi­de Umdeu­tung von Swans Stu­di­en­ergeb­nis­sen, die die schwin­den­de Fer­ti­li­tät – kon­kret jene der Män­ner – vor­ran­gig auf Umwelt­ein­flüs­se zurück­füh­ren. Magnets ras­sis­ti­sche Hal­lu­zi­na­tio­nen spie­len dar­in frei­lich kei­ne Rol­le, eben­so wenig eine Ver­schwö­rung von nicht-hete­ro­se­xu­el­len Men­schen. Swans Stu­die in den Kon­text der LGBTQ-Bewe­gung zu stel­len und zu sug­ge­rie­ren, die­se ver­ur­sa­che und betrei­be die Aus­rot­tung der „wei­ßen Mensch­heit“, ist also aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht völ­lig unzu­läs­sig und dient offen­kun­dig dem allei­ni­gen Zweck, Magnets Het­ze gegen die que­e­re Com­mu­ni­ty pseu­do-wis­sen­schaft­lich zu verbrämen.

Der Text kul­mi­niert in einem dys­to­pi­schen Angst­bild, das die übli­chen Unter­gangs­sze­na­ri­en der extre­men Rech­ten an Wahn­haf­tig­keit übersteigt:

Wenn dann sich dann (sic!) Euro­pa nicht mehr fort­pflanzt, wird es nicht nur über­rannt mit afro­ara­bi­schen Ein­wan­de­rern. Die Ober­schicht wird sich mit­tels Kin­der aus dem Gen-Labor fort­pflan­zen. Auf Bestel­lung, aus dem Kata­log. Doch auch völ­lig abhän­gig von eben jenen Kon­zer­nen, die das Saat­gut anbie­ten. Damit üben die trans­hu­ma­nis­ti­schen Glo­ba­lis­ten die fina­le Kon­trol­le über die Men­schen aus.

Projektion

Magnets Behaup­tun­gen eig­nen sich zur Illus­trie­rung eines Kon­zepts, das zum Ver­ständ­nis der extre­men Rech­ten not­wen­dig ist: die Pro­jek­ti­on. Der Begriff ent­stammt der Psy­cho­ana­ly­se und wur­de von den Sozi­al­phi­lo­so­phen Theo­dor W. Ador­no und Max Hork­hei­mer für ihre Theo­rie des Anti­se­mi­tis­mus adap­tiert. Pro­jek­ti­on bezeich­net die Ver­fol­gung des eige­nen ver­dräng­ten Wun­sches in einem feind­lich mar­kier­ten Ande­ren. Adorno/Horkheimer schrei­ben: „Regun­gen, die vom Sub­jekt als des­sen eige­ne nicht durch­ge­las­sen wer­den und ihm doch eigen sind, wer­den dem Objekt zuge­schrie­ben: dem pro­spek­ti­ven Opfer.“ (2011, S. 196) Einer prä­zi­sen For­mu­lie­rung der Schwei­zer Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Syl­via Sas­se zufol­ge beruht Pro­jek­ti­on „auf einer Sub­jekt-Objekt-Ver­keh­rung“, die „exter­na­li­siert, was selbst unter­drückt wird.“ (2022, S.101)

Magnet bedient sich einer sol­che Ver­keh­rung. Als Kader einer neo­na­zis­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on hing er der Ideo­lo­gie einer poli­ti­schen Bewe­gung an, die tat­säch­lich das umge­setzt hat, was er nun der LGBTIQ+-Community und soge­nann­ten „Glo­ba­lis­ten“ vor­wirft: eli­tä­re Ver­schwö­rung, Men­schen­ver­nich­tung, medi­zi­nisch-bio­po­li­ti­sche Expe­ri­men­te zur Beein­flus­sung der Frucht­bar­keit und der Ver­such einen spe­zi­fi­schen Men­schen­ty­pus zu „züch­ten“. All dies pro­ji­ziert Magnet nun u.a. auf eine Grup­pe, die in der Ver­gan­gen­heit Opfer des NS-Ter­rors war und die zudem ein pro­spek­ti­ves Opfer wäre, wür­den Leu­te wie Magnet an die Macht kommen.

Der Begriff Pro­jek­ti­on ist des­halb so brauch­bar, weil er zwi­schen Psy­che und Gesell­schaft ver­mit­telt – kon­kre­ter: weil er zugleich eine para­no­ide poli­ti­sche Form und ein psycho-sozia­les Bedürf­nis fasst. Ers­te­res kommt in der (stets anti­se­mi­tisch unter­mal­ten) Het­ze gegen Grup­pen, die als mäch­tig ima­gi­niert wer­den, zum Aus­druck. Letz­te­res besteht in einer umfas­sen­den sub­jek­ti­ven Ent­las­tung, die es ermög­licht, aggres­si­ve Affek­te auf ande­re zu pro­ji­zie­ren und damit eine ange­neh­me Selbst­in­sze­nie­rung als Opfer bzw. als Rebell zu ermöglichen.

Magnet ist ein beson­ders schril­les Bei­spiel für eine sol­che Täter-Opfer-Umkehr, die bekannt­lich auch zu den rhe­to­ri­schen Dau­er­bren­nern von FPÖ und AfD gehört.

Fußnoten:

1 Die fol­gen­den Zita­te stam­men aus: „Sie wol­len uns nicht schwu­ler machen, son­dern töten!“ von Ste­fan Magnet, erschie­nen am 18.6.23 und online abruf­bar auf der Web­site von „Info-Direkt“; zuletzt ein­ge­se­hen am 23.2.2024.

Literatur:

Ador­no, The­ordor W./Horkheimer, Max (1944/2011): Dia­lek­tik der Auf­klä­rung. Phi­lo­so­phi­sche Frag­men­te. Frankfurt/Main: Fischer
Sas­se, Syl­via (2022): Ver­keh­run­gen ins Gegen­teil. Über Sub­ver­si­on als Macht­tech­nik. Matthes & Seitz: Berlin.

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