Die 88 in einer FPÖ-Presseaussendung

Am 16. Novem­ber ver­ließ eine merk­würdi­ge Presseaussendung den FPÖ-Klub im Par­la­ment. Ger­hard Deimek, Tech­nolo­giesprech­er der FPÖ, plädierte darin für Ver­nun­ft statt Sank­tio­nen durch die EU gegenüber Israel. Mit­ten im Text: eine 88. Einen lan­gen Tag später erfol­gt eine Richtig­stel­lung. Was war da los im FPÖ-Klub? War es nur ein „pein­lich­er Fehler“, oder war es Absicht?

Eine Presseaussendung, in der ein FPÖ-Abge­ord­neter an die EU appel­liert, die Ver­nun­ft statt der Sank­tionskeule im Umgang mit Israel einzuset­zen, ist schon ungewöhn­lich. Wenn es dann aber im Text heißt: „Die Sank­tionskeule scheint zum88 bes­tim­menden Werkzeug der europäis­chen Außen­poli­tik zu wer­den“, dann ist das nicht ungewöhn­lich, son­dern fragwürdig.


Presseaussendung von der FPÖ

Hat da jemand eine falsche Taste erwis­cht? Zweimal? Oder steckt dahin­ter Absicht? Immer­hin ist die 88 keine x‑beliebige Zahlenkom­bi­na­tion, son­dern ein gebräuch­lich­er neon­azis­tis­ch­er Zif­fer­n­code für HH — Heil Hitler. Der Tageszeitung „Öster­re­ich“ ist die „88“ zwar aufge­fall­en, sie klas­si­fizierte den Zif­fer­n­code aber als den  „wohl pein­lich­sten Fehler, den es in diesem Zusam­men­hang geben kann“ und orakelte weit­er, dass sich die Zif­fern 88 eingeschlichen hätten.

Erst einen Tag später, am 17. Novem­ber kor­rigierte der FPÖ-Klub seine Presseaussendung vom Vortag: „Lei­der ist im Zuge der Eingabe der OTS ein bedauer­lich­er Fehler unter­laufen.“ Kein Hin­weis auf die „88“, kein Ver­such ein­er Begrün­dung für den Fehler. Das war’s dann wohl. War es das wirklich?

Eine „88“ an diesem Platz im Text durch falsche Bedi­enung der Tas­tatur ist auszuschließen. Es gibt keine einzige passende Erk­lärung dafür. Die bewusste Ver­wen­dung des neon­azis­tis­chen Zif­fer­n­codes in einem israel­fre­undlichen Text – ist sie auszuschließen? Sie wäre in der Tat ungeheuerlich!

Sich­er ist, dass der Ver­such der FPÖ-Spitze, die Partei auf einen israel­fre­undlichen Kurs festzule­gen, nicht nur inner­parteilich sehr umstrit­ten ist, son­dern auch von der Parteispitze selb­st immer wieder kon­terkari­ert wurde:

  • 2010 erschien Stra­che in der israelis­chen Holo­caust-Gedenkstätte Yad Vashem mit der „Biertrom­mel“: statt ein­er Kip­pa das Käp­pi der pen­nalen Burschen­schaft „Van­dalia“
  • 2012 dann die ein­deutig anti­semi­tisch abge­wan­delte Fig­ur eines Bankers in einem Car­toon auf der Face­book-Seite von HC Stra­che. Obwohl sich fast alle einig waren, dass es sich dabei um eine Karikatur im „Stürmer“-Stil han­dle, vertei­digte Stra­che die Karikatur mit den absur­desten Argumenten.

Die „88“ im Text der Presseaussendung von Deimek ist damit den­noch nicht erk­lärt. Da hil­ft vielle­icht ein ander­er Text weit­er. Ende Jän­ner 2009 ver­fasste der dama­lige stel­lvertre­tende Klubchef der FPÖ, Peter Ficht­en­bauer, einen merk­würdi­gen Brief. In diesem Brief wurde von Ficht­en­bauer im Namen der FPÖ ein Tomis­lav Abramovic zu Holo­caust-Gedenk­feier­lichkeit­en in Wien ein­ge­laden. Obwohl es in diesem Jahr keine der­ar­ti­gen Feier­lichkeit­en gab, waren bes­timmte Kreise in der FPÖ über diese Ein­ladung bzw. die „juden­fre­undlichen“ Kon­tak­te von Peter Ficht­en­bauer sehr beun­ruhigt. Im April 2009 wurde die Ein­ladung von Ficht­en­bauer als Fak­sim­i­le von den Neon­azi-Por­tal­en alpen-donau.info und nidinfo.wordpress.com veröf­fentlicht: mit höh­nis­chen Kom­mentaren über die „Juden­fre­unde“ in der FPÖ.

Den Neon­azis passierte allerd­ings ein Fehler bei der Veröf­fentlichung. Am unteren Rand des fak­sim­i­lierten Briefs war eine Fax-Num­mer ersichtlich: Es war die Num­mer des Pri­vathaushaltes von John Gude­nus, dem ehe­ma­li­gen Bun­desrat der FPÖ, der wegen NS-Wieder­betä­ti­gung 2006 verurteilt wor­den war.


Kuri­er-Artikel zu Ficht­en­bauer und Gudenus

Wer auch immer den Brief von Peter Ficht­en­bauer (ohne dessen Zus­tim­mung) kopierte, hat mit ziem­lich­er Sicher­heit die Kopie über das Fax-Gerät von Gude­nus an die Neon­azis weit­ergeleit­et, damit die bericht­en und die „Juden­fre­unde“ in der FPÖ anprangern. Ficht­en­bauer sprach zwar gegenüber dem „Kuri­er“ von ein­er „Kryp­to-Gesellschaft“, die da „eine Debat­te los­ge­treten“ habe, wusste aber sehr konkret, dass ein Mitar­beit­er von HC Stra­che, Markus Gude­nus (ein Sohn von John Gude­nus), in seinem Brief „offen­sichtlich ein Gespräch­s­the­ma erblickt“ hat (Kuri­er, 12.7.2009).

Zusam­menge­fasst: ein Brief des stel­lvertre­tenden Klubob­manns der FPÖ wird ohne dessen Wis­sen kopiert, an Neon­azi-Web­seit­en weit­ergeleit­et und dort zur Beschimp­fung der ange­blich „juden­fre­undlichen“ FPÖ ver­wen­det. Und nichts passiert daraufhin. Der stel­lvertre­tende Klubob­mann weiß zwar, wer und warum, spricht aber den­noch von ein­er „Kryp­to-Gesellschaft“. Deut­lich­er kann man die Machtver­hält­nisse in der FPÖ nicht wiedergeben.


Oben der Brief des FPÖ-Abge­ord­neten Peter Ficht­en­bauer auf alpen-donau.info, der auf ein­er anderen recht­sex­tremen Seite mit Fußzeile zu sehen war. So zeigt auch das thumb­nail-Bild (unten) noch Spuren des Orig­i­nals. Die Metabild­dat­en zeigen, dass bei­de Doku­mente um 14:16:21 Uhr am 2009:04:28 erstellt wurden.

Zurück zur Deimek-Aussendung: Nach den uns vor­liegen­den Infor­ma­tio­nen war die „88“ nicht im Orig­i­nal-Text enthal­ten, son­dern wurde hinzuge­fügt. Da es sich um eine OTS (Original-Text-Service)-Aussendung des FPÖ-Par­la­mentsklubs han­delt, bedeutet das, dass die Ein­fü­gung der „88“ im FPÖ-Klub erfol­gt sein muss. Von wem und warum, sollte eigentlich die Staat­san­waltschaft klären!