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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 6 Minuten

Das neue DÖW-Handbuch: Österreichs Rechtsextremismus als Netzwerk. Teil 2: Rechtsextreme Akteure

Neo­na­zis in Chats und Kampf­sport­mi­lieus, deutsch­na­tio­na­le Ver­ei­ne als Rück­grat, Iden­ti­tä­re als Stich­wort­ge­ber: Das neue DÖW-Hand­buch zeigt, wie rechts­extre­me Akteu­re aus alten Kadern, neu­en Jugend­mi­lieus, rech­ten Medi­en, Bur­schen­schaf­ten und die FPÖ als Reso­nanz­raum ineinandergreifen.

14. Mai 2026
Handbuch Rechtsextremismus in Österreich (Falter Verlag 2026)
Handbuch Rechtsextremismus in Österreich (Falter Verlag 2026)

Neonazismus: digital, jünger, gewaltorientiert

Das Kapi­tel „Akteu­re“ beginnt mit dem Neo­na­zis­mus als zuge­spitz­te Form rechts­extre­mer Ideo­lo­gie und Pra­xis: offe­ne Front­stel­lung gegen Demo­kra­tie, posi­ti­ve Bezug­nah­men auf Natio­nal­so­zia­lis­mus, Ver­harm­lo­sung oder Gut­hei­ßung von NS-Ver­bre­chen und Gewalt­be­für­wor­tung. Zugleich zeigt das Hand­buch, dass heu­ti­ger Neo­na­zis­mus schwe­rer zu zäh­len und zu fas­sen ist, weil er sich in Mes­sen­gern, nicht­öf­fent­li­chen Chats, Kampfsport‑, Hoo­li­gan- und Jugend­mi­lieus bewegt. Die Covid-Pro­tes­te eröff­ne­ten Neo­na­zis ein Mobi­li­sie­rungs­feld, in dem sie sich als Teil einer brei­te­ren Pro­test­be­we­gung insze­nie­ren konnten.

Beson­ders deut­lich wird die Ver­bin­dung von Gewalt, Männ­lich­keits­kult und poli­ti­scher Radi­ka­li­sie­rung. Waf­fen, Kampf­sport, Kör­per­kult und Bür­ger­kriegs­fan­ta­sien zie­hen sich durch die beschrie­be­nen Milieus. Der Autor Andre­as Peham zeigt zugleich eine Sze­ne­ent­wick­lung von älte­ren Kadern wie Gott­fried Küs­sel über Netz­wer­ke wie Alpen-Donau, Objekt 21 und Unwi­der­steh­lich bis zu jün­ge­ren For­ma­tio­nen wie Defend Aus­tria, Divi­si­on Wien und der Tanz­bri­ga­de. Die Kon­ti­nui­tät liegt in der Ideo­lo­gie, der Bruch in der Form: weni­ger klas­si­sche Orga­ni­sa­ti­on, mehr Tele­gram, Social Media, Event­kul­tur, Kampf­sport und digi­ta­le Selbstdarstellung.

„Unwi­der­steh­lich“ erscheint im Nach­fol­ge­kon­text von Alpen-Donau. Die Grup­pe knüpf­te inter­na­tio­na­le Kon­tak­te. Öster­rei­chi­scher Neo­na­zis­mus agiert – wenig über­ra­schend – nicht bloß im natio­na­len Rah­men, son­dern such­te aktiv trans­na­tio­na­le Reso­nanz­räu­me wie etwa bei einem Neo­na­zikon­gress („Nati­on Euro­pa”) im August 2024 in Lviv (Ukrai­ne). Im Hand­buch nicht mehr berück­sich­tigt ist, dass der „Unwiderstehlich“-Telegram-Kanal die Akti­vi­tä­ten mit Ende Juni 2025 ein­ge­stellt hat und die Web­site nicht mehr ver­füg­bar ist. Die juris­ti­sche Ver­fol­gung (Pro­zes­se und Ver­ur­tei­lun­gen) sowie der Tod eines der Haupt­ak­ti­vis­ten dürf­ten zum Aus von „Unwi­der­steh­lich“ bei­getra­gen haben.

Die Coro­na-Quer­front rund um Küs­sel, Harald Schmidt, Lucas Tuma und Josef Witzani zeigt, wie Neo­na­zis Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie, Anti­se­mi­tis­mus, Pro­test gegen Maß­nah­men und rech­te Medi­en­öko­lo­gie ver­bun­den haben. Ihre Kanä­le ver­brei­te­ten Inhal­te von „Der III. Weg“, Tanz­bri­ga­de, Divi­si­on Wien, Info­ka­nal Deutsch­ös­ter­reich, Unwi­der­steh­lich, FPÖ, IBÖ und AUF1. Damit zeigt sich ein Über­gang von klas­si­scher Neo­na­zi-Pro­pa­gan­da zu einem Milieu, das in Pro­test­be­we­gun­gen ein­si­ckert, Reich­wei­ten über­nimmt und ideo­lo­gi­sche Anschluss­stel­len nutzt.

Der „Info­ka­nal Deutsch­ös­ter­reich“ und „Radio Deutsch­ös­ter­reich“ fun­gie­ren via Tele­gram als neo­na­zis­ti­sche Medi­en­kno­ten – wobei im Hand­buch die Still­le­gung (letz­tes Pos­ting 31.12.25) des mit Abstand größ­ten offen neo­na­zis­ti­schen Kanals Öster­reichs, „Info­ka­nal Deutsch­ös­ter­reich“, nicht mehr erwähnt ist.

Der „1. Gerd-Hon­sik-Euro­pa­kon­gress“ im Okto­ber 2023 in Wien war ein vom „Info­ka­nal“ ursprüng­lich mit Sopron als Aus­tra­gungs­ort ange­kün­dig­tes inter­na­tio­na­les Neo­na­zi-Tref­fen mit Betei­li­gung aus Öster­reich, Deutsch­land, Ungarn, Tsche­chi­en, der Schweiz, Ita­li­en und Skan­di­na­vi­en. Genannt wer­den u.a. Fre­d­rik Vej­de­land von der Nor­di­schen Wider­stands­be­we­gung, der Vor­trag eines Tex­tes von Pierre Krebs sowie Teil­neh­mer von Casa­Pound und dem III. Weg.

Bei Defend Aus­tria, Divi­si­on Wien und den soge­nann­ten „Pedo-Hunter“-Gewaltfällen sieht das Hand­buch ein neu­es Akti­vi­täts- und Rekru­tie­rungs­feld. Min­des­tens zwei Akti­vis­ten aus dem Umfeld von Divi­si­on Wien und Tanz­bri­ga­de sei­en im März 2025 im Zusam­men­hang mit Raz­zi­en gegen die­se Sze­ne fest­ge­nom­men wor­den. Den Beschul­dig­ten wird vor­ge­wor­fen, Män­ner in Hin­ter­hal­te gelockt, miss­han­delt, beraubt und gede­mü­tigt zu haben. Der gemein­sa­me Nen­ner ist nicht der behaup­te­te Kin­der­schutz, son­dern Gewalt­pra­xis, homo­pho­be Feind­bild­pro­duk­ti­on und neo­na­zis­ti­sche Selbstermächtigung.

Deutschnationale Vereine: das organisatorische Rückgrat

Im deutsch­na­tio­na­len Ver­eins­we­sen sehen die Autoren Bern­hard Wei­sin­ger und Flo­ri­an Zel­ler ein orga­ni­sa­to­ri­sches Rück­grat des öster­rei­chi­schen Rechts­extre­mis­mus. Der Deutsch­na­tio­na­lis­mus geht von Öster­reich als deut­schem Land und der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung als Teil des deut­schen Vol­kes aus. Trä­ger sind Bur­schen­schaf­ten, Tur­ner­bün­de, Schul­ver­ei­ne, Abwehr­kämp­fer- und Kul­tur­ver­ei­ne. Vie­le die­ser Struk­tu­ren gehen auf älte­re völ­ki­sche Tra­di­tio­nen zurück und waren bereits in der Ers­ten Repu­blik Trä­ger von Deutsch­na­tio­na­lis­mus und frü­hem Nationalsozialismus.

Auf­fäl­lig ist die hohe per­so­nel­le Mehr­fach­ver­flech­tung inner­halb die­ses Milieus: Ein­zel­ne Per­so­nen sind oft in meh­re­ren Ver­ei­nen, Bur­schen­schaf­ten, Medi­en­pro­jek­ten und par­tei­na­hen Struk­tu­ren aktiv. Das schafft sozia­le Dich­te und poli­ti­sche Wei­ter­ga­be. Frau­en, Jüdin­nen und Juden blei­ben in die­sen Bün­den struk­tu­rell aus­ge­schlos­sen oder his­to­risch abgewertet.

Der Öster­rei­chi­sche Tur­ner­bund wird mit rund 44.000 Mit­glie­dern als größ­te deutsch­na­tio­na­le Orga­ni­sa­ti­on genannt. Der Befund lau­tet: mode­ra­te­re Spra­che nach außen, völ­ki­sche Kon­ti­nui­tät nach innen: „ange­stamm­tes Volks­tum“, Jahn-Bezü­ge, Tur­ner-Kreuz-Sym­bo­lik und Lager­kul­tur. Beson­ders rele­vant sind die Kin­der- und Jugend­la­ger, bei denen in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit iden­ti­tä­re Kader als Vor­tur­ner auf­tra­ten. „Akti­vi­tä­ten wie Nah­kampf­trai­ning, Gelän­de­spie­le, Ori­en­tie­rungs­mär­sche unter deut­scher Fah­ne, Bogen- und Luft­druck­ge­wehr­schie­ßen prä­gen den All­tag“ des Kna­ben­la­gers, sodass der Ein­druck einer Ver­an­stal­tung für „Wehr­ertüch­ti­gung“ entstünde.

Die Schar­nier­funk­ti­on die­ser Struk­tu­ren reicht weit in die FPÖ hin­ein. Nach der Natio­nal­rats­wahl 2024 gehör­te rund ein Drit­tel des FPÖ-Par­la­ments­klubs – min­des­tens 16 von 57 Abge­ord­ne­ten – deutsch­na­tio­na­len Ver­bin­dun­gen an. Von einem Rück­gang des kor­po­rier­ten Ein­flus­ses unter Her­bert Kickl kön­ne kei­ne Rede sein. Das deutsch­na­tio­na­le Ver­eins­we­sen lie­fert Per­so­nal, Räu­me, Habi­tus, Netz­wer­ke und Traditionsbestände.

Identitäre und Neue Rechte: FPÖ als entscheidender Resonanzraum

Das DÖW sieht in der „Neu­en Rech­ten“ kei­nen ideo­lo­gi­scher Bruch mit der alten extre­men Rech­ten. Der Unter­schied liegt eher in Stil, Stra­te­gie und Lega­lis­mus. Ziel bleibt eine eth­nisch homo­ge­ne Gesell­schaft. Phy­si­sche Gewalt wird tak­tisch ver­mie­den, wäh­rend sprach­li­che Radi­ka­li­tät, Feind­bild­pro­duk­ti­on und das Pro­jekt „Remi­gra­ti­on“ den Kern bilden.

Das zen­tra­le Nar­ra­tiv ist der ver­meint­lich bewusst her­bei­ge­führ­te „Bevöl­ke­rungs­aus­tausch“. Die Iden­ti­tä­ren stel­len eth­no­kul­tu­rel­le Homo­ge­ni­tät als Lösung nahe­zu aller gesell­schaft­li­chen Pro­ble­me dar. Als Haupt­geg­ner gel­ten libe­ra­le und „glo­ba­lis­ti­sche“ Eli­ten, denen unter­stellt wird, Migra­ti­on zu steu­ern. Geschlech­ter­po­li­tisch setzt das Milieu auf eine anti-ega­li­tä­re Ord­nung: Män­ner als Kämp­fer, Frau­en als zu schüt­zen­de Trä­ge­rin­nen der Gemein­schaft. Anti­fe­mi­nis­mus, Anti-LGBTQ-Agi­ta­ti­on und Stolz­mo­nat-Insze­nie­run­gen sind fes­ter Bestand­teil der Mobilisierung.

„Remi­gra­ti­on“ wird als poli­ti­scher Kern­be­griff ein­ge­ord­net. Mar­tin Sell­ners Kon­zept umfasst mas­sen­haf­te Abschie­bun­gen, Aus­bür­ge­run­gen, kul­tu­rel­le Aus­gren­zung und die Auf­kün­di­gung inter­na­tio­na­ler und men­schen­recht­li­cher Bin­dun­gen. Der Begriff wur­de von der FPÖ zuneh­mend über­nom­men: Für 2024 zählt das DÖW 36 FPÖ-Pres­se­aus­sen­dun­gen, die „Remi­gra­ti­on“ affir­ma­tiv über­neh­men. Damit hat ein iden­ti­tä­rer Kampf­be­griff den Weg in die par­tei­po­li­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on gefunden.

Die Infra­struk­tur der Iden­ti­tä­ren hat sich ver­än­dert. Nach Pro­zes­sen, Deplat­forming und dem Ver­bot von IBÖ-Sym­bo­len ent­stan­den Tarn- und Able­ger­struk­tu­ren wie „Die Öster­rei­cher“, Hei­mat­ku­rier, Hay­mon Tirol und die Akti­on 451. Die IBÖ ver­fügt über eige­ne Räu­me: Cas­tell Auro­ra in Steyr­egg, einen Kel­ler in Wien-Mar­ga­re­ten und bis Ende 2024 die „Kul­tur­fes­tung“ im stei­ri­schen Eich­kögl. Das „Cas­tell Auro­ra“ in Steyr­egg wur­de durch ein sechs­stel­li­ges Dar­le­hen des deut­schen Bur­schen­schaf­ters und frü­he­ren CDU-Poli­ti­kers Peter Kurth ermöglicht.

Die „Akti­on 451“ ver­bin­det Uni­ver­si­täts­ak­ti­vis­mus, Bur­schen­schaf­ten und iden­ti­tä­re Stra­te­gie. Sie orga­ni­sier­te Ver­an­stal­tun­gen unter ande­rem mit Götz Kubit­schek, Maxi­mi­li­an Krah, Bene­dikt Kai­ser und Erik Leh­nert. Im Febru­ar 2026 trat der US-Reak­tio­närs Cur­tis Yar­vin auf.

Die FPÖ erscheint als ent­schei­den­der Reso­nanz­raum die­ser Ent­wick­lung. Unter Kickl ver­dich­te­te sich das Ver­hält­nis zur „Neu­en Rech­ten“: iden­ti­tä­re Begrif­fe wur­den über­nom­men, ein­schlä­gi­ge Medi­en auf­ge­wer­tet, FPÖ-Jugend­struk­tu­ren radi­ka­li­siert. Die Frei­heit­li­che Jugend bezeich­ne­te „Remi­gra­ti­on“ als Schlüs­sel­fra­ge. FPÖ-Funk­tio­nä­re tra­ten mit Iden­ti­tä­ren oder in deren ideo­lo­gi­schem Umfeld auf. Nach 2024 arbei­te­ten mit Fabi­an Rusn­jak, Ger­not Schmidt und Andre­as Hin­ter­eg­ger drei Kader aus der Neu­en Rech­ten bezie­hungs­wei­se ihrem Umfeld im par­la­men­ta­ri­schen Bereich der FPÖ.

Mor­gen Teil 3: Migran­ti­scher Rechts­extre­mis­mus, Medi­en und die FPÖ

➡️ Teil 1: Ver­schie­bun­gen & Grundlagen
➡️ Teil 3: Milieus, Medi­en, Macht

➡️ Andre­as Kra­ne­bit­ter, Isol­de Vogel, Bern­hard Wei­din­ger (Hg.): Hand­buch Rechts­extre­mis­mus in Öster­reich. Wien 2026, 512 Sei­ten. Fal­ter Ver­lag, 39,40 €.

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Schlagwörter: Alpen Donau Info | Antifeminismus/Sexismus/Maskulinismus | Antisemitismus | Burschen-/Mädelschaften/Korporationen | FPÖ | Identitäre | LGBTQIA+-Feindlichkeit | Neonazismus/Neofaschismus | Österreich | ÖTB | Rechtsextremismus | Unwiderstehlich | Vernetzung | Verschwörungsideologien

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