Neonazismus: digital, jünger, gewaltorientiert
Das Kapitel „Akteure“ beginnt mit dem Neonazismus als zugespitzte Form rechtsextremer Ideologie und Praxis: offene Frontstellung gegen Demokratie, positive Bezugnahmen auf Nationalsozialismus, Verharmlosung oder Gutheißung von NS-Verbrechen und Gewaltbefürwortung. Zugleich zeigt das Handbuch, dass heutiger Neonazismus schwerer zu zählen und zu fassen ist, weil er sich in Messengern, nichtöffentlichen Chats, Kampfsport‑, Hooligan- und Jugendmilieus bewegt. Die Covid-Proteste eröffneten Neonazis ein Mobilisierungsfeld, in dem sie sich als Teil einer breiteren Protestbewegung inszenieren konnten.
Besonders deutlich wird die Verbindung von Gewalt, Männlichkeitskult und politischer Radikalisierung. Waffen, Kampfsport, Körperkult und Bürgerkriegsfantasien ziehen sich durch die beschriebenen Milieus. Der Autor Andreas Peham zeigt zugleich eine Szeneentwicklung von älteren Kadern wie Gottfried Küssel über Netzwerke wie Alpen-Donau, Objekt 21 und Unwiderstehlich bis zu jüngeren Formationen wie Defend Austria, Division Wien und der Tanzbrigade. Die Kontinuität liegt in der Ideologie, der Bruch in der Form: weniger klassische Organisation, mehr Telegram, Social Media, Eventkultur, Kampfsport und digitale Selbstdarstellung.
„Unwiderstehlich“ erscheint im Nachfolgekontext von Alpen-Donau. Die Gruppe knüpfte internationale Kontakte. Österreichischer Neonazismus agiert – wenig überraschend – nicht bloß im nationalen Rahmen, sondern suchte aktiv transnationale Resonanzräume wie etwa bei einem Neonazikongress („Nation Europa”) im August 2024 in Lviv (Ukraine). Im Handbuch nicht mehr berücksichtigt ist, dass der „Unwiderstehlich“-Telegram-Kanal die Aktivitäten mit Ende Juni 2025 eingestellt hat und die Website nicht mehr verfügbar ist. Die juristische Verfolgung (Prozesse und Verurteilungen) sowie der Tod eines der Hauptaktivisten dürften zum Aus von „Unwiderstehlich“ beigetragen haben.
Die Corona-Querfront rund um Küssel, Harald Schmidt, Lucas Tuma und Josef Witzani zeigt, wie Neonazis Verschwörungsideologie, Antisemitismus, Protest gegen Maßnahmen und rechte Medienökologie verbunden haben. Ihre Kanäle verbreiteten Inhalte von „Der III. Weg“, Tanzbrigade, Division Wien, Infokanal Deutschösterreich, Unwiderstehlich, FPÖ, IBÖ und AUF1. Damit zeigt sich ein Übergang von klassischer Neonazi-Propaganda zu einem Milieu, das in Protestbewegungen einsickert, Reichweiten übernimmt und ideologische Anschlussstellen nutzt.
Der „Infokanal Deutschösterreich“ und „Radio Deutschösterreich“ fungieren via Telegram als neonazistische Medienknoten – wobei im Handbuch die Stilllegung (letztes Posting 31.12.25) des mit Abstand größten offen neonazistischen Kanals Österreichs, „Infokanal Deutschösterreich“, nicht mehr erwähnt ist.
Der „1. Gerd-Honsik-Europakongress“ im Oktober 2023 in Wien war ein vom „Infokanal“ ursprünglich mit Sopron als Austragungsort angekündigtes internationales Neonazi-Treffen mit Beteiligung aus Österreich, Deutschland, Ungarn, Tschechien, der Schweiz, Italien und Skandinavien. Genannt werden u.a. Fredrik Vejdeland von der Nordischen Widerstandsbewegung, der Vortrag eines Textes von Pierre Krebs sowie Teilnehmer von CasaPound und dem III. Weg.
Bei Defend Austria, Division Wien und den sogenannten „Pedo-Hunter“-Gewaltfällen sieht das Handbuch ein neues Aktivitäts- und Rekrutierungsfeld. Mindestens zwei Aktivisten aus dem Umfeld von Division Wien und Tanzbrigade seien im März 2025 im Zusammenhang mit Razzien gegen diese Szene festgenommen worden. Den Beschuldigten wird vorgeworfen, Männer in Hinterhalte gelockt, misshandelt, beraubt und gedemütigt zu haben. Der gemeinsame Nenner ist nicht der behauptete Kinderschutz, sondern Gewaltpraxis, homophobe Feindbildproduktion und neonazistische Selbstermächtigung.
Deutschnationale Vereine: das organisatorische Rückgrat
Im deutschnationalen Vereinswesen sehen die Autoren Bernhard Weisinger und Florian Zeller ein organisatorisches Rückgrat des österreichischen Rechtsextremismus. Der Deutschnationalismus geht von Österreich als deutschem Land und der Mehrheit der Bevölkerung als Teil des deutschen Volkes aus. Träger sind Burschenschaften, Turnerbünde, Schulvereine, Abwehrkämpfer- und Kulturvereine. Viele dieser Strukturen gehen auf ältere völkische Traditionen zurück und waren bereits in der Ersten Republik Träger von Deutschnationalismus und frühem Nationalsozialismus.
Auffällig ist die hohe personelle Mehrfachverflechtung innerhalb dieses Milieus: Einzelne Personen sind oft in mehreren Vereinen, Burschenschaften, Medienprojekten und parteinahen Strukturen aktiv. Das schafft soziale Dichte und politische Weitergabe. Frauen, Jüdinnen und Juden bleiben in diesen Bünden strukturell ausgeschlossen oder historisch abgewertet.
Der Österreichische Turnerbund wird mit rund 44.000 Mitgliedern als größte deutschnationale Organisation genannt. Der Befund lautet: moderatere Sprache nach außen, völkische Kontinuität nach innen: „angestammtes Volkstum“, Jahn-Bezüge, Turner-Kreuz-Symbolik und Lagerkultur. Besonders relevant sind die Kinder- und Jugendlager, bei denen in der jüngeren Vergangenheit identitäre Kader als Vorturner auftraten. „Aktivitäten wie Nahkampftraining, Geländespiele, Orientierungsmärsche unter deutscher Fahne, Bogen- und Luftdruckgewehrschießen prägen den Alltag“ des Knabenlagers, sodass der Eindruck einer Veranstaltung für „Wehrertüchtigung“ entstünde.
Die Scharnierfunktion dieser Strukturen reicht weit in die FPÖ hinein. Nach der Nationalratswahl 2024 gehörte rund ein Drittel des FPÖ-Parlamentsklubs – mindestens 16 von 57 Abgeordneten – deutschnationalen Verbindungen an. Von einem Rückgang des korporierten Einflusses unter Herbert Kickl könne keine Rede sein. Das deutschnationale Vereinswesen liefert Personal, Räume, Habitus, Netzwerke und Traditionsbestände.
Identitäre und Neue Rechte: FPÖ als entscheidender Resonanzraum
Das DÖW sieht in der „Neuen Rechten“ keinen ideologischer Bruch mit der alten extremen Rechten. Der Unterschied liegt eher in Stil, Strategie und Legalismus. Ziel bleibt eine ethnisch homogene Gesellschaft. Physische Gewalt wird taktisch vermieden, während sprachliche Radikalität, Feindbildproduktion und das Projekt „Remigration“ den Kern bilden.
Das zentrale Narrativ ist der vermeintlich bewusst herbeigeführte „Bevölkerungsaustausch“. Die Identitären stellen ethnokulturelle Homogenität als Lösung nahezu aller gesellschaftlichen Probleme dar. Als Hauptgegner gelten liberale und „globalistische“ Eliten, denen unterstellt wird, Migration zu steuern. Geschlechterpolitisch setzt das Milieu auf eine anti-egalitäre Ordnung: Männer als Kämpfer, Frauen als zu schützende Trägerinnen der Gemeinschaft. Antifeminismus, Anti-LGBTQ-Agitation und Stolzmonat-Inszenierungen sind fester Bestandteil der Mobilisierung.
„Remigration“ wird als politischer Kernbegriff eingeordnet. Martin Sellners Konzept umfasst massenhafte Abschiebungen, Ausbürgerungen, kulturelle Ausgrenzung und die Aufkündigung internationaler und menschenrechtlicher Bindungen. Der Begriff wurde von der FPÖ zunehmend übernommen: Für 2024 zählt das DÖW 36 FPÖ-Presseaussendungen, die „Remigration“ affirmativ übernehmen. Damit hat ein identitärer Kampfbegriff den Weg in die parteipolitische Kommunikation gefunden.
Die Infrastruktur der Identitären hat sich verändert. Nach Prozessen, Deplatforming und dem Verbot von IBÖ-Symbolen entstanden Tarn- und Ablegerstrukturen wie „Die Österreicher“, Heimatkurier, Haymon Tirol und die Aktion 451. Die IBÖ verfügt über eigene Räume: Castell Aurora in Steyregg, einen Keller in Wien-Margareten und bis Ende 2024 die „Kulturfestung“ im steirischen Eichkögl. Das „Castell Aurora“ in Steyregg wurde durch ein sechsstelliges Darlehen des deutschen Burschenschafters und früheren CDU-Politikers Peter Kurth ermöglicht.
Die „Aktion 451“ verbindet Universitätsaktivismus, Burschenschaften und identitäre Strategie. Sie organisierte Veranstaltungen unter anderem mit Götz Kubitschek, Maximilian Krah, Benedikt Kaiser und Erik Lehnert. Im Februar 2026 trat der US-Reaktionärs Curtis Yarvin auf.
Die FPÖ erscheint als entscheidender Resonanzraum dieser Entwicklung. Unter Kickl verdichtete sich das Verhältnis zur „Neuen Rechten“: identitäre Begriffe wurden übernommen, einschlägige Medien aufgewertet, FPÖ-Jugendstrukturen radikalisiert. Die Freiheitliche Jugend bezeichnete „Remigration“ als Schlüsselfrage. FPÖ-Funktionäre traten mit Identitären oder in deren ideologischem Umfeld auf. Nach 2024 arbeiteten mit Fabian Rusnjak, Gernot Schmidt und Andreas Hinteregger drei Kader aus der Neuen Rechten beziehungsweise ihrem Umfeld im parlamentarischen Bereich der FPÖ.
Morgen Teil 3: Migrantischer Rechtsextremismus, Medien und die FPÖ
➡️ Teil 1: Verschiebungen & Grundlagen
➡️ Teil 3: Milieus, Medien, Macht
➡️ Andreas Kranebitter, Isolde Vogel, Bernhard Weidinger (Hg.): Handbuch Rechtsextremismus in Österreich. Wien 2026, 512 Seiten. Falter Verlag, 39,40 €.
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