Rechtextreme Milieus in der Migrationsgesellschaft
Ein neues Feld des Handbuchs ist migrantischer Rechtsextremismus. Das DÖW hält fest, dass dieser Bereich lange marginal erforscht wurde – auch aus Sorge, rassistische Stereotype zu reproduzieren. Der Angriff auf eine feministische Demonstration mit kurdischer Beteiligung in Wien-Favoriten im Jahr 2020 gilt als Zäsur. Seit 2022 sammelt das DÖW systematisch Daten zu rechtsextremen Aktivitäten, Symbolen und Organisationen in migrantischen Communities.
Die Ülkücü-Bewegung beziehungsweise die „Grauen Wölfe“ gelten als etablierteste und ideologisch konsolidierteste Form migrantischen Rechtsextremismus in Österreich. Zwei Dachstrukturen stehen im Zentrum: die „Avusturya Türk Federasyon“ (ATF) im MHP-Spektrum und „Avrupa Nizam‑i Alem“ im BBP-Spektrum. Diese Strukturen fungieren als religiöse, soziale und politische Infrastruktur, in der Zugehörigkeit, Feindbilder und ultranationalistische Ideologie reproduziert werden.
Nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 hielten sich offizielle ATF-Kanäle zurück. Zugleich veröffentlichte der ATF-Vorsitzende Ali Can Videos mit antisemitischen Stereotypen; ein ATF-naher Imam verbreitete antisemitische Narrative. Weitere Felder sind serbisch-nationalistische, polnisch-nationalistische und ukrainisch-nationalistische Kontexte: serbisch-nationalistische Schmierereien und Drohungen, Aktivitäten der polnischen „Wiedeńska Inicjatywa Narodowa“ in Wien, Gazeta-Polska-Lesekreise und eine Buchmesse 2024 mit antisemitischen und revisionistischen Titeln. Für die ukrainische Diaspora wird keine organisierte rechtsextreme Struktur festgestellt, wohl aber die Präsenz apologetischer Bandera- und OUN-B-Bezüge bei Demonstrationen.
FPÖ „im Kern rechtsextrem“
Der zentrale Befund steht bereits im Kapiteltitel: „Die FPÖ in Geschichte und Gegenwart: Im Kern rechtsextrem“. Brigitte Bailer und Andreas Kranebitter halten fest, dass die FPÖ für den offen organisierten Rechtsextremismus über Jahrzehnte ein Bezugspunkt war und „in ihrer heutigen Form als im Kern rechtsextrem zu klassifizieren“ sei. Sie wird für die Zeit bis in die 1960er-Jahre und ab 1986 als „größte und stärkste Kraft am extrem rechten Rand des politischen Spektrums“ beschrieben.
Das DÖW bezieht diese Einstufung nicht auf jedes Mitglied, jede/n Funktionär:in oder jede/n Wähler:in der FPÖ, sondern auf Geschichte, Umgang mit offen rechtsextremen Personen/Organisationen/Publikationen und auf den ideologischen Grundkonsens der Partei. Als solcher wird mit Andreas Mölzer das „ethnisch-kulturelle Bekenntnis zur deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft“ genannt. Das Handbuch ergänzt: „[D]aran hat sich (…) bis heute nichts geändert.“
Mediale Gegenöffentlichkeit und digitale Radikalisierung
Rechtsextreme Medien dienen seit Jahrzehnten der internen Selbstvergewisserung, der Feindbildproduktion und der Mobilisierung. Digital haben sie Reichweite und Geschwindigkeit erheblich erhöht. Neben klassischen Zeitschriften und Vereinsorganen stehen heute Plattformen, Telegram-Kanäle, Livestreams, Videoplattformen und parteinahe Medienräume.
AUF1, Info-DIREKT, Freilich, Report24 und andere Medienprojekte übersetzen rechtsextreme Narrative in Alltagskommunikation: Corona-Verschwörung, Antiglobalismus, Antifeminismus, Anti-Migrationsagitation, Klimawandelleugnung, Wissenschaftsfeindlichkeit und Kampagnen gegen etablierte Medien. Beim eXXpress verweist das DÖW auf wiederholte Artikel, die „zur Normalisierung rechtsextremer Erzählungen und Begriffe, zur Legitimierung entsprechender Akteur*innen und zur Verharmlosung der vom Rechtsextremismus ausgehenden Gefahren” beitrügen. Genannt werden Verbindungen einzelner Mitarbeiter:innen nach Rechtsaußen sowie die Veröffentlichung rechter Kulturkampfrhetorik.
Digitale Plattformen verändern auch die Organisationsform. Telegram ersetzt in Teilen frühere Kaderstrukturen, X begünstigt die Sichtbarkeit rechtsextremer Accounts, Videos und Streams emotionalisieren, Chatgruppen radikalisieren. Die Szene nutzt digitale Räume zur Mobilisierung, Einschüchterung, internationalen Vernetzung und Rekrutierung. Gerade für jüngere Milieus verschwimmen Unterhaltung, Männlichkeitskult, Kampfsport, Meme-Kultur und politische Gewaltfantasie.
Kampfbegriffe als Brücken
Die zentralen Narrative lassen sich auf wenige Achsen verdichten: rassistische und nativistische Erzählungen vom bedrohten „Volk“, vom „Bevölkerungsaustausch“ und von angeblich notwendiger „Remigration“; antisemitisch codiertes Verschwörungsdenken, das „Globalisten“, „Hochfinanz“, Eliten oder Medien als verborgene Steuerungsinstanzen imaginiert; sowie antifeministische und queerfeindliche Mobilisierung gegen „Gender“, Gleichstellung, sexuelle Selbstbestimmung und LGBTQ-Rechte.
Antisemitismus tritt heute häufig chiffriert auf: als Rede von „Globalisten“, „Finanzeliten“, „Schuldkult“, „Great Reset“ oder angeblich fremdgesteuerter Politik. Diese Codes schaffen Anschlussfähigkeit über die engeren Neonazi-Milieus hinaus. Antifeminismus wirkt dabei als Brückenthema. Über Angriffe auf „Gender“, queere Sichtbarkeit, Sexualpädagogik, Abtreibung und Gleichstellung können konservative, religiös-fundamentalistische, verschwörungsideologische und rechtsextreme Milieus verbunden werden. Der rechtsextreme Männerbund wird zugleich ästhetisiert: Kampfsport, Härte, soldatische Körper, Gewaltbereitschaft und patriarchale Ordnung greifen ineinander.
Religiöser Fundamentalismus und Verschwörungswelten
Der Abschnitt zu religiösem Fundamentalismus erweitert den Blick auf Schnittstellen, die im klassischen Rechtsextremismusbegriff oft unterbelichtet bleiben: christlichen, islamischen und esoterischen Fundamentalismus. Entscheidend ist dabei nicht die theologische Bewertung religiöser Lehren, sondern ihre Vereinbarkeit mit liberal-demokratischen Grundrechten. Beim Islamismus betont der Beitrag ausdrücklich, dass Islamismus nicht Rechtsextremismus ist, aber Analogien und Berührungspunkte bestehen können – etwa dort, wo Zugehörigkeit autoritär festgelegt, Abweichung ausgegrenzt und ein politisch-religiöses Gemeinschaftskonzept über individuelle Rechte gestellt wird. Besonders deutlich seien solche Parallelen im dschihadistischen Salafismus.
Beim christlichen Fundamentalismus rückt der katholische Traditionalismus in den Fokus: ein gesamtgesellschaftlich noch relativ marginales, aber wachsendes Milieu, das in Teilen antimodernistisch, antiliberal, antifeministisch und gegen LGBTQ-Rechte mobilisiert. Veranstaltungen wie der „Marsch für die Familie“ und der „Marsch fürs Leben“ weisen personelle und thematische Überschneidungen mit weit rechten und rechtsextremen Akteur:innen auf.
Im esoterischen Feld zeigen sich die Schnittstellen über Verschwörungsdenken, Wissenschaftsfeindlichkeit, Antisemitismus und Antimoderne. Die „Germanische Neue Medizin“ wird als besonders bedrohliche Strömung angeführt, die „schulmedizinische“ Behandlung ablehnt und diese antisemitisch als „jüdischen“ Angriff deutet. Die Anastasia-Bewegung verbindet Siedlungsutopien, Demokratiefeindlichkeit, antisemitische Motive und verschwörungsideologische Weltbilder. Plattformen wie AUF1 und der Kopp-Verlag nutzen dieses Milieu zudem als Markt für Bücher, Krisenvorsorge, Edelmetalle und Gesundheitsprodukte.
Prävention, Anlaufstellen und das Organisations- und Medienverzeichnis als neue Richtschnur
Nach einem Kapitel zu Prävention in der Schule und einer Auflistung von Anlaufstellen bietet das „Organisations- und Medienverzeichnis“ eine neue Richtschnur für die Beurteilung rechtsextremer Akteur:innen in Österreich. Das DÖW führt darin Organisationen, Parteien, Vereine, Medien, Verlage, Zeitschriften, Online-Plattformen und informelle Zusammenschlüsse an – auch solche, die nicht mehr bestehen, aber für Kontinuitäten oder aktuelle Entwicklungen relevant bleiben.
Das Verzeichnis unterscheidet zwischen rechtsextremen Einrichtungen und dem Vorfeld des Rechtsextremismus. Zusätzlich werden Gruppen und Medien, wo zutreffend, präziser als „neonazistisch“, „deutschnational“ oder „neurechts“ eingeordnet. Unter den 65 Einträgen finden sich mit der „Corona Querfront“ und der „Kameradschaft IV“ nur mehr zwei aktive Organisationen, die als neonazistisch klassifiziert werden.
Manche Einstufungen mögen diskutabel sein, aber in Summe ermöglicht dieses Raster, bei Akteur:innen allzu schwammige Begriffe zu vermeiden und ihr Verhältnis zum rechtsextremen Feld präziser zu bestimmen.
Fazit
Das neue Handbuch zeigt Rechtsextremismus in Österreich als verdichtetes System. Neonazistische Gewaltmilieus, deutschnationale Traditionsvereine, identitäre Strategieprojekte, FPÖ-nahe Räume, rechtsextreme Medien und digitale Plattformen bilden keine einheitliche Organisation, aber ein Milieu mit vielen Übergängen.
Damit schafft das Handbuch einen Referenzrahmen, an dem auch künftige Fälle gemessen werden können. Für die antifaschistische Öffentlichkeit heißt das: weniger Episodenblick, mehr Zusammenhang. Rechtsextremismus tritt heute als Partei, Verein, Medium, Telegram-Kanal, Kampfsportgruppe, Jugendkultur, Universitätsinitiative und (vermeintliche) Bürgerbewegung auf. Wer ihn verstehen will, muss deren Schnittstellen sehen. Darin liegt die Stärke dieses Handbuchs.
➡️ Teil 1: Verschiebungen & Grundlagen
➡️ Teil 2: Rechtsextreme Akteure
➡️ Andreas Kranebitter, Isolde Vogel, Bernhard Weidinger (Hg.): Handbuch Rechtsextremismus in Österreich. Wien 2026, 512 Seiten. Falter Verlag, 39,40 €.
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