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Inhaftierter „Judas Watch“-Betreiber auf Identitären-ListeLesezeit: 3 Minuten

Still waren die iden­ti­tä­ren Kum­pa­ne rund um Mar­tin Sell­ner, als beim Pro­zess gegen den Neo­na­zi Phil­ip H. („Mr. Bond“) gleich auch der Fall sei­nes Bru­ders Ben­ja­min H. mit­ver­han­delt und damit die Iden­ti­tät des „Judas Watch“-Betreibers publik wur­de. Dabei fin­det sich Ben­ja­min H. auf einer von den Iden­ti­tä­ren erstell­ten Lis­te. Bei der han­delt es sich im […]

1. Mrz 2024

Zwei Hardcore-Neonazis vor Gericht

29. März 2022, Lan­des­ge­richt Wien: Im Gro­ßen Schwur­ge­richts­saal wird der Fall des Kärnt­ners Phil­ip H. (39) ver­han­delt. Das Inter­es­se auch abseits der Medi­en ist groß, die Publi­kums­plät­ze im Saal sind gut gefüllt. Wäh­rend alle auf die Vor­füh­rung von Phil­ip H. war­ten, nimmt unbe­merkt ein Mann auf der Ankla­ge­bank Platz. Wie sich erst bei Ver­hand­lungs­be­ginn raus­stel­len wird, han­delt es sich um Ben­ja­min H., den jün­ge­ren Bru­der von „Mr. Bond“, der im Zuge der Ermitt­lun­gen zu Phil­ip H. als Bei­fang ent­tarnt wer­den konn­te – ein Fak­tum, das erst durch den Pro­zess öffent­lich bekannt wird.

Ben­ja­min H. (36), der unter dem Pseud­onym „Kikel Might“* agiert hat­te, war der Betrei­ber der laut Anfra­ge­be­ant­wor­tung durch die deut­sche Bun­des­re­gie­rung bereits 2015 ein­ge­rich­te­ten anti­se­mi­ti­schen Hetz-Web­site „Judas Watch“, mit der H. das alte Bild einer jüdi­schen Welt­ver­schwö­rung her­bei­phan­ta­sier­te und ver­meint­lich Ver­ant­wort­li­che mit Namen und Beschrei­bung als eine Art Feind­lis­te anführ­te. Eine ers­te Way­back-Siche­rung der Web­site datiert aus April 2016. Es ging gegen als „anti-White trai­tors, sub­ver­si­ves & high­light­ing Jewish influence“ pun­zier­te Per­so­nen. Zum Schluss waren um die 1.700 Namen und Orga­ni­sa­tio­nen angeführt.

"Judas Watch"-Betreiber Benjamin H. knapp vor Prozessbeginn am 29.3.22 auf der Anklagebank (© SdR)
„Judas Watch”-Betreiber Ben­ja­min H. knapp vor Pro­zess­be­ginn am 29.3.22 auf der Ankla­ge­bank (© SdR)

Vor Gericht wird ange­führt, dass die bei­den Brü­der nicht nur jahr­zehn­te­lang der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gesin­nung anhin­gen, son­dern auch eng mit­ein­an­der in Aus­tausch stan­den. Wäh­rend Phil­ip zu geco­ver­tern Musik­stü­cken sei­ne an Abscheu­lich­keit kaum zu über­bie­ten­den, gewalt­ver­herr­li­chen­den Tex­te ab 2016 als Rap ver­öf­fent­lich­te, half Ben­ja­min etwa bei der Cover-Gestal­tung und beim Hoch­la­den der Songs. Es gibt kei­nen Zwei­fel: Bei­de wuss­ten nicht nur vom Trei­ben des jeweils ande­ren, sie unter­stütz­ten sich gegenseitig.

Identitären-Liste mit „Judas Watch”-Betreiber und FPÖ-Funktionären

Bereits 2020, also Mona­te vor Phil­ip H.s Ver­haf­tung, berich­ten Chris­tof Mack­in­ger und Sabi­na Wolf über Tref­fen von Gleich­ge­sinn­ten, die „Mr. Bond“ und der Betrei­ber von „Judas Watch“ 2017 in Wien anlei­ern woll­ten. Mack­in­ger und Wolf lagen

tau­sen­de Ein­trä­ge des Urhe­bers [Mr. Bond] aus ver­schie­de­nen Online­por­ta­len [vor], in denen der Wie­ner sei­ne men­schen­ver­ach­ten­den Ansich­ten preis­gibt und zu wei­te­ren rechts­ter­ro­ris­ti­schen Anschlä­gen auf­ruft. (…) Tat­säch­lich statt­ge­fun­den haben, sei­nen eige­nen Anga­ben zufol­ge, immer­hin meh­re­re Tref­fen Mr. Bonds mit den rechts­extre­men Akti­vis­ten der Iden­ti­tä­ren Bewegung.

Dass es Kon­tak­te gege­ben hat, belegt auch eine inter­ne Lis­te der Iden­ti­tä­ren aus 2017, die „Stoppt die Rech­ten“ vor­liegt. Dar­in scheint nicht Phil­ip H., aber sein Bru­der Ben­ja­min mit einer Wie­ner Adres­se im 16. Bezirk auf. H. ist einer von rund 1.500 Ein­trä­gen; dar­un­ter fin­den sich bekann­te Namen von iden­ti­tä­ren Aktivist*innen glei­cher­ma­ßen wie eine Rei­he von Funktionär*innen und Mitarbeiter*innen aus der FPÖ oder etwa auch der jüngst aus Afgha­ni­stan frei­ver­han­del­te Her­bert Fritz.

Benjamin H. auf der Identitären-Liste (Screenshot; Verpixelung durch SdR)
Ben­ja­min H. auf der Iden­ti­tä­ren-Lis­te (Screen­shot; Ver­pi­xelung durch SdR)

Phil­ip und Ben­ja­min H. sit­zen noch für län­ge­re Zeit ein – der Älte­re wur­de zu zehn, der Jün­ge­re zu vier Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Iden­ti­tä­re, die mit den bei­den von Gewalt­phan­ta­sien durch­tränk­ten Ver­bre­chern kaum nur über Belang­lo­sig­kei­ten kon­ver­siert haben wer­den, wer­den vom aktu­el­len FPÖ-Obmann Her­bert Kickl und sei­nen Gefolgs­leu­ten als unter­stüt­zens­wer­te „NGO von rechts“ hofiert und sys­te­ma­tisch verharmlost.

Ben­ja­min H. sym­pa­thi­sier­te übri­gens offen mit der FPÖ. In einem eng­lisch­spra­chi­gen Pod­cast aus dem Jahr 2019 plau­dert er als „Kikel Might“ auch über die damals bevor­ste­hen­de Natio­nal­rats­wahl: „You pro­ba­b­ly heard about the FPÖ, the Free­dom Par­ty, which is basi­cal­ly the only par­ty you can go to if you are­n’t like a shitlib.”

*„Kike“ oder „Kikel“: abwer­ten­de Bezeich­nung für Juden/Jüdinnen

➡️ Wien: „Judas Watch“ von Öster­rei­cher betrieben
➡️ Hetz­sei­te „Judas Watch“ wie­der online

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