Winterseminar in Gosau mit FPÖ-Nationalräten
Das traditionelle Winterseminar der Freiheitlichen Jugend (FJ) in Gosau ist als Kaderschulung gedacht. In den sozialen Medien kursierten Bilder eines nächtlichen Fackelaufmarsches im Schnee, veröffentlicht in der mittlerweile nicht mehr abrufbaren Story des FJ-Bundesobmanns, Maximilian Weinzierl. Ein Foto zeigt ihn selbst zusammen mit seinem Vorarlberger Nationalratskollegen Manuel Litzke. Die beiden waren also in Gosau.
Die Ästhetik: Männerreihen mit Fackeln, Gesangblätter in der Hand, Pathos. Sie unterscheiden sich durch nichts von den Lagern der Identitären; eines davon ist letzten August nicht unweit von Gosau über die Bühne gegangen – angemeldet von einem Mitarbeiter des FPÖ-Parlamentsklubs.
Am Samstagabend, nach dem Fackelmarsch der Jungfreiheitlichen, spielte sich im Ort eine andere Szene ab, die ein ungeschöntes Bild von dieser Art von „Patriotismus“ vermittelt. Ein den Oberösterreichischen Nachrichten zugespieltes Video zeigt eine Gruppe vorwiegend junger Männer in einem Lokal in Gosau. Sie hätten, so berichten es die OÖN, immer wieder Gigi D’Agostinos Hit „L’amour toujours“ über ein durch ein Mikrophon verstärktes Handy abgespielt, um die Musik dann mit der Parole „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ zu übertönen. Kellner hätten versucht, die Musik zu wechseln, das Lied wurde abgebrochen, später begann das Spiel von vorne.
Laut einheimischen Nachtschwärmern habe es sich um eine Gruppe ortsfremder Personen gehandelt. Eine „geschlossene Gesellschaft“ gab es zu diesem Zeitpunkt jedenfalls nicht, dafür aber eine Reservierung einer großen Gruppe. Gäste des Lokals waren an diesem Abend jedenfalls auch mehrere Teilnehmer eines Seminars der „Freiheitlichen Jugend“ (FJ). Die Jugendorganisation der FPÖ hatte zum Ausklang des „Zeichen setzen“-Winterseminars, das jedes Jahr im Dezember in Gosau stattfindet, geladen. (nachrichten.at)
Laut Augenzeug:innen handelte es sich um „Politiker“, einige deutlich älter als 19, in blauen Hemden und mit Seitenscheitel – eine Optik, in der teilweise auch der FPÖ-Nachwuchs daherkommt. In einer ersten Reaktion habe die FJ ausrichten lassen, dass „ein Gasthausbesuch nicht Teil des Seminarprogramms war“ (derstandard.at, 4.12.25). Die OÖN (5.12.25) schreiben jedoch, im Seminarprogramm sei „für Samstag, 29. November, 21 Uhr, als letzter Punkt eine Nachtwanderung angeführt – und zwar genau zu dem Lokal, in dem das Video entstanden ist. Dass man das Seminar ‚Zeichen setzen‘ dort ausklingen lässt, war demnach zumindest geplant.“
Es seien Ermittlungen gegen unbekannte Täter wegen des Verdachts auf Verhetzung eingeleitet worden, gab die zuständige Staatsanwaltschaft Wels bekannt. „Man stehe noch am Anfang, aber ‚wir sind dran‘. Offenbar gebe es auch eine Behauptung, dass jemand einen Hitlergruß gezeigt habe. Sollte sich das erhärten, könnten auch Ermittlungen nach dem Verbotsgesetz erfolgen.“ (nachrichten.at, 5.12.25)
Es darf angenommen werden, dass anhand des Videos einige der noch unbekannten Täter ausforschbar sein müssten.
Seit Jahren zunehmende Radikalisierung der Freiheitlichen Jugend
Dass ausgerechnet die Freiheitliche Jugend in diesem Kontext auftaucht, ist alles andere als überraschend. Im Sommer 2023 hatte ein Propagandaclip für Aufsehen gesorgt – ein Verfahren wurde jedoch eingestellt. Das schnell wieder gelöschte Video arbeitete mit klassischer Untergangsrhetorik („Bevölkerungsaustausch“, „Multikulti-Dystopie“), blendete Bücher und Ideologen der neurechten Szene ein – von Alain de Benoist über Benedikt Kaiser bis hin zu Texten des portugiesischen Diktators Salazar. Dazu kamen neben einer Filmsequenz, die FJ-Mitglieder mit Blick auf den Hitlerbalkon am Heldenplatz zeigte, Bilder von marschierenden jungen Männern mit Fackeln und Lagerfeuern – eine faschistische Ästhetik, die sich im nächtlichen Fackelaufmarsch von Gosau wiederfindet.
Wenig beachtet sind die eindeutig neonazistischen Fälle, die vor Gericht verhandelt wurden. In Graz wurde 2023 Manuel S. wegen Wiederbetätigung verurteilt – ein junger Mann, der sich selbst als „konservativ rechts“ bezeichnete, tatsächlich aber in der Szene der Identitären und in der Freiheitlichen Jugend verkehrt und mit „14-Words“-Tattoo und antisemitisch-neonazistischen Sujets aufgewartet hatte. Wenige Monate später stand ein weiterer Aktivist vor Gericht: Mitglied der Identitären, von deren Nachfolgeorganisation DO5 und des „Ring Freiheitlicher Jugend“, verurteilt wegen brauner Chatnachrichten.
Im Sommer 2025 machte Stoppt die Rechten den nächsten Skandal bekannt: Ein Vorstandsmitglied der Freiheitlichen Jugend Südoststeiermark entpuppte sich als Kopf einer Neonazi-Gruppe. Dort gehörten Hitler-Verherrlichung, Hakenkreuzpizza, SS-Uniformfotos und Einladungen zu einer „Hitler-Party“ am 20. April zum Alltag. Zahlreiche Postings belegen seine Rolle in der FJ, während das Grazer Landesgericht ihn wegen Dutzender Wiederbetätigungs-Delikte schuldig sprach. Erst auf Nachfrage des „Standard“ wurde der Name des blauen Jungnazis von der FJ-Website gelöscht – eineinhalb Jahre nach der Hausdurchsuchung, Monate nach der Verurteilung!
Auch ideologisch orientiert sich die FJ an der neuen Generation militanter Neonazis. Ihr aktueller Kampagnenslogan „Jugend voran“ erinnert frappierend an die deutsche Gruppe „Deutsche Jugend Voran“ (DJV). Das deutsche Innenministerium beschreibt die DJV und ähnliche Formationen in einer Anfragebeantwortung (22.5.25) „als Neonazis im Teenageralter mit ausgeprägter Gewaltaffinität“. Der deutsche Verfassungsschutz (7.25) bezeichnet Namen wie „Deutsche Jugend voran“ als „martialisch“ und warnt vor einer neuen rechtsextremen Jugendkultur, die über Social Media gezielt gewaltbereite Jugendliche rekrutiert.
Während solche Gruppen in Deutschland per Razzien und Haftstrafen verfolgt werden, spielt man im freiheitlichen Nachwuchs offenbar ungerührt mit der Chiffre, veranstaltet Lager mit Kampfsport, vertreibt sich die Freizeit mit Schießübungen und marschiert wie in Gosau mit Fackeln durch die Landschaft.
Gosau erscheint als kein isolierter „Party-Ausreißer“ einiger betrunkener Jungs, sondern als weiterer Baustein in der Radikalisierungsgeschichte der Freiheitlichen Jugend: eine Organisation, die sich ideologisch im neofaschistischen Fahrwasser positioniert, deren Aktivisten und Funktionäre immer wieder wegen Wiederbetätigung vor Gericht landen und die ästhetisch und rhetorisch an gewaltbereite Neonazi-Jugendgruppen andockt. Wer sich „Jugend voran“ auf die Fahnen schreibt, zu „Remigration“ und „Bevölkerungsaustausch“ hetzt und gleichzeitig zu Seminaren mit Fackelmärschen lädt, darf sich nicht wundern, wenn „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ zur widerlichen Soundtrack-Gewohnheit wird.
Bleibt vorerst die Frage: Wer war an jenem Abend im Lokal, welche Funktionsträger der FJ waren vor Ort, waren die beiden Nationalräte Weinzierl und Litzke dabei und welche Konsequenzen – wenn überhaupt – wird die Partei daraus ziehen?
Keine „Amour“, dafür Hass vor Gerichten
Mit der zu Gigi d’Agostinos „L’Amour toujours“ dargebotenen Parole „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ hat sich Österreichs Justiz inzwischen in mehreren Fällen beschäftigt. Bei einem Prozess in Wels ging es allerdings um die Darbietung des Hassgegröles in Kombination mit einem Hitlergruß und „Sieg heil“-Geschrei. In Innsbruck wurde ein Mann verurteilt, der die Losung bei einem Fest einem Nicht-Österreicher entgegengeschmettert und auch noch „Scheiß Türk“ dazu geschrien hat – begleitet von einem Hitlergruß. Jüngst stand in Leoben ein Obersteirer vor Gericht, der auf Facebook die „Ausländer raus, Deutschland den Deutschen“-Version verbreitet hatte. Er kassierte wegen Verhetzung eine Verurteilung.
Bei anderen Fällen wurde zwar Ermittlungen kolportiert, strafrechtliche Konsequenzen sind jedoch nicht bekannt. Der Grüne Nationalratsabgeordnete Lukas Hammer hat nach dem Identitären-Aufmarsch im Sommer, wo das „Lied“ nachweislich sogar direkt vor Polizist:innen gegrölt worden war, Anzeige nach dem Verhetzungs- und Verbotsgesetz erstattet; auch Stoppt die Rechten brachte in einem weiteren Fall der Verbreitung der Parole zur D’Agostinos Melodie eine Sachverhaltsdarstellung wegen des Verdachts des Verstoßes gegen beide Gesetze ein.
Die österreichische Justiz wäre gut beraten zu erklären, warum die in Österreich (!) gegrölte Losung „Deutschland den Deutschen“, die ihre Wurzeln in einer deutschen streng antisemitisch ausgerichteten Gruppierung aus der Weimarer Republik hat, die dann im NS aufgegangen ist, nicht nach dem Verbotsgesetz, sondern bestenfalls als Verhetzung strafrechtlich verfolgt wird.
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