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Lesezeit: 5 Minuten

Mélange KW 45/25 (Teil 1): Blaues Dinghofer-Symposium und blaue Doppelmoral

Die FPÖ und ihr Natio­nal­rats­prä­si­dent Rosen­kranz behar­ren trotz hef­ti­ger Kri­tik dar­auf, den Anti­se­mi­ten Franz Ding­ho­fer mit dem „Ding­ho­fer-Sym­po­si­um“ zu ehren – anders als 2024 aller­dings als Ver­an­stal­tung des Par­la­ments. Neue Vor­wür­fe gibt es gegen die EU-Par­la­ments­frak­ti­on, der auch die FPÖ ange­hört, und Harald Thau lud den Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gen Mar­tin Rut­ter nach Möd­ling ein. Wäh­rend der Pan­de­mie mach­te der FPÖ-Neo­na­tio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­te Thau noch Geschäf­te mit Corona-Teststraßen.

11. Nov. 2025
Rückblick FPÖ
Rückblick FPÖ

Inhalt

Togg­le
  • Kult­ver­an­stal­tung zu Ehren des Anti­se­mi­ten Ding­ho­fer als Parlamentsveranstaltung
  • Brüs­sel-Wien: Wei­ter EU-Gel­der für Möl­zers K3
  • Mödling/NÖ: FPÖ-Thau und Corona-Testungen

Kultveranstaltung zu Ehren des Antisemiten Dinghofer als Parlamentsveranstaltung

Heu­te, 11. Novem­ber, fin­det im öster­rei­chi­schen Par­la­ment das „Ding­ho­fer-Sym­po­si­um“ statt – offi­zi­ell als Par­la­ments­ver­an­stal­tung in Koope­ra­ti­on mit dem Ding­ho­fer-Insti­tut, mit Eröff­nungs­wor­ten von Wal­ter Rosen­kranz (als Ver­an­stal­ter), einer Begrü­ßung durch Mar­tin Graf, einem Vor­trag sowie der all­jähr­li­chen Ver­lei­hung von Ding­ho­fer-Medail­le (die vom Bur­schen­schaf­ter-Pins­ler Odin Wie­sin­ger gestal­tet wur­de) und ‑Medi­en­preis. Der Titel „Zen­sur und Ideo­lo­gi­sie­rung – die Frei­heit in Gefahr!“ signa­li­siert eine bewusst poli­ti­sche Rah­mung, die ange­sichts des Ver­an­stal­tungs­or­tes lächer­li­cher nicht sein könn­te. Da jam­mert also die FPÖ im bau­li­chen Zen­trum der öster­rei­chi­schen Demo­kra­tie über Zen­sur und gefähr­de­ter Freiheit.

Im Vor­feld for­der­ten eine Rei­he von Zeithistoriker*innen in einem offe­nen Brief die Absa­ge der Ver­an­stal­tung, weil das Par­la­ment damit, so der Wort­laut, „zum Ort des ehren­den Erin­nerns an einen dekla­rier­ten Anti­se­mi­ten und Natio­nal­so­zia­lis­ten“ wer­de. Ding­ho­fer sei „auch per­sön­lich beken­nen­der Anti­se­mit“ und als Ver­tre­ter der Groß­deut­schen Volks­par­tei „Weg­be­rei­ter der Reichs­po­grom­nacht 1938 wie auch des Holo­caust“ gewe­sen. Unge­wöhn­lich scharf griff auch Rosen­kranz’ Vor­gän­ger Wolf­gang Sobot­ka ein; er sprach von einer „bewuss­ten Pro­vo­ka­ti­on“ und erklär­te: „Das Par­la­ment darf kein Ort für Geschichts­klit­te­rung sein.“ (alle Zita­te aus derstandard.at, 4.1.25)

Inhalt­lich kreist die Aus­ein­an­der­set­zung um zwei Punk­te: Ers­tens um die his­to­ri­sche Bewer­tung Ding­ho­fers, ein­schließ­lich sei­ner gut beleg­ten anti­se­mi­ti­schen Agi­ta­ti­on und der NSDAP-Mit­glied­schaft, die laut Aus­kunft des Bun­des­ar­chivs Ber­lin 1940 erfolg­te und zwei­tens um die insti­tu­tio­nel­le Legi­ti­ma­ti­on, die eine Ver­an­stal­tung im Hohen Haus ver­leiht – und das unmit­tel­bar nach den Gedenk­ta­gen an die Novemberpogrome.

Die FPÖ setzt auf die ihr urei­ge­ne Kom­bi­na­ti­on aus Opfer-Nar­ra­tiv, Dele­gi­ti­mie­rung wis­sen­schaft­li­cher Exper­ti­se und seman­ti­scher Ver­schie­bung. Gene­ral­se­kre­tär Chris­ti­an Hafenecker sprach in einer Pres­se­aus­sendung von einer „lin­ken Ruf­mord­kam­pa­gne“, behaup­te­te, Ding­ho­fer sei „Opfer des NS-Regimes“ gewe­sen, und warf den Kritiker*innen Heu­che­lei vor. Die­se Linie ver­schiebt die Debat­te von beleg­ten Befun­den („NSDAP-Mit­glied ab 1940“) hin zu Gesin­nungs­be­haup­tun­gen und eti­ket­tiert For­schung als poli­ti­sches Framing.

Zum begriff­li­chen Ter­rain gehört auch der seit Jah­ren kul­ti­vier­te Topos vom „Repu­bliks­grün­der“ und „Bau­meis­ter der Repu­blik“, der Ding­ho­fers Rol­le 1918 per­so­na­li­siert und sym­bo­lisch über­höht. His­to­risch prä­zi­se ist: Die Repu­blik wur­de am 12. Novem­ber 1918 von der Pro­vi­so­ri­schen Natio­nal­ver­samm­lung beschlos­sen. Dass Ding­ho­fer die Repu­blik „aus­ge­ru­fen“ hät­te, ist eine poli­ti­sier­te Erzäh­lung, die das Ding­ho­fer-Insti­tut in sei­ner Selbst­dar­stel­lung regel­mä­ßig auf­greift. In die­ser Logik erscheint Kri­tik schnell als „Zen­sur“ oder „Ideo­lo­gi­sie­rung“, womit der Ver­an­stal­tungs­ti­tel selbst qua­si als rhe­to­ri­sches Schutz­schild fungiert.

Die Orts- und Insti­tu­ti­ons­po­li­tik ist zen­tral: Ab 2010 lud der Drit­te Natio­nal­rats­prä­si­dent – zuerst Mar­tin Graf und dann Nor­bert Hofer – ins Haupt­ge­bäu­de des Par­la­ments. Unter Sobot­ka ver­la­ger­te sich das For­mat ab 2017 ins Palais Epstein. 2018 musst die FPÖ, damals unter Anne­lie­se Kitz­mül­ler als Drit­te Natio­nal­rats­prä­si­den­tin, nach her­ber Kri­tik (der Medi­en­preis soll­te an die rechts­extre­me „Zur Zeit“ gehen, einen Rück­wärts­gang ein­le­gen und die Ver­an­stal­tung im Par­la­ment absa­gen – was zwei­fel­los an der dama­li­gen Regie­rungs­be­tei­li­gung lag.

Mit Rosen­kranz als Natio­nal­rats­prä­si­dent kehr­te die Ding­ho­fe­rei 2024 wie­der in das Haupt­haus zurück – anders als im Vor­jahr aus­drück­lich als Par­la­ments­ver­an­stal­tung, da Rosen­kranz im Juni ange­kün­digt hat­te, aus Spar­grün­den kei­ne Ver­an­stal­tun­gen mehr im Par­la­ment zuzu­las­sen, die kei­nen direk­ten Par­la­ments­be­zug auf­wei­sen. Mit der Umwand­lung als Par­la­ments­ver­an­stal­tung kann Rosen­kranz sei­ne eige­ne Regel auf Kos­ten der Steuerzahler*innen umgehen.

Par­al­lel mobi­li­sie­ren für heu­te zivil­ge­sell­schaft­li­che Akteur*innen und die Jüdi­sche Öster­rei­chi­sche Hochschüler:innenschaft zu Protesten.

„Ding­ho­fers NSDAP-Mit­glied­schaft ist also nicht bewie­sen”, behaup­tet die FPÖ heu­te wieder.

Doch, ist sie.

Am 1. Juli 1940 ist Franz Ding­ho­fer in die NSDAP auf­ge­nom­men wor­den. Am 30. Sep­tem­ber 1941 wur­de sei­ne NSDAP-Mit­glieds­kar­te aus­ge­stellt. Sei­ne NSDAP-Mit­glieds­num­mer war 8.450.902.

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— Chris­toph Schatt­leit­ner (@schattleitner.bsky.social) 11. Novem­ber 2025 um 12:55

Update 12.11.25: Den Medi­en­preis des Ding­ho­fer-Insti­tuts erhielt der rechts­extre­me Stocker-Verlag.

➡️ Aus­führ­li­ches wis­sen­schaft­li­ches Gut­ach­ten zu Ding­ho­fer im Auf­trag der Stadt Linz: Wal­ter Schus­ter, Franz Ding­ho­fer (2022)

Brüssel-Wien: Weiter EU-Gelder für Mölzers K3

Im EU-Par­la­ment gibt es laut „table.media“ (3.11.25) neue Vor­wür­fe gegen die rechts­extre­me Frak­ti­on „Patrio­ten für Euro­pa“ (PfE), der auch die FPÖ ange­hört. Dem­nach sei­en Finanz­vor­schrif­ten bei der Ver­ga­be von Auf­trä­gen und Inse­ra­ten mut­maß­lich miss­ach­tet wor­den. Laut einem Bericht wur­den Aus­ga­ben der Frak­ti­on im zwei­ten Halb­jahr 2024 in Höhe von min­des­tens 171.644 Euro auf­fäl­lig, dar­un­ter Zah­lun­gen an eine Pari­ser Fir­ma für „Com­mu­ni­ty Manage­ment“ und an die öster­rei­chi­sche Edi­ti­on K3 Ver­lags­ge­sell­schaft, die die Zeit­schrift „Zur Zeit“ von Andre­as Möl­zer her­aus­gibt. Die Par­la­ments­ver­wal­tung for­der­te Aus­künf­te, die jedoch bis­lang nicht erteilt wor­den seien.

Wie die „Pres­se“ (5.11.25) schreibt, weist Andre­as Möl­zer die Vor­wür­fe zurück. Die FPÖ erklärt, es lägen „kei­ner­lei Infor­ma­tio­nen von den Stel­len des Euro­päi­schen Par­la­ments hin­sicht­lich Unre­gel­mä­ßig­kei­ten vor“, und man wer­de unbe­grün­de­te Vor­wür­fe nöti­gen­falls recht­lich prü­fen lassen.

Noch immer nicht abge­schlos­sen sind die Prü­fun­gen der Vor­gän­ger­frak­ti­on „Iden­ti­tät & Demo­kra­tie (ID)“ – hier steht der Ver­dacht im Raum, dass die ID 4,3 Mil­lio­nen Euro zweck­ent­frem­det ver­wen­det hät­te, dar­un­ter mehr als 400.000 Euro an die K3 von Andre­as Möl­zer. Möl­zer betont gegen­über der „Pres­se“, dass der Vor­wurf, „Zur Zeit“ habe wäh­rend der Legis­la­tur­pe­ri­ode 2019–2024 vor­schrifts­wid­rig Inse­ra­te erhal­ten, „bereits auf­ge­klärt“ sei und ent­spre­chen­de Bele­ge vorlägen.

Mödling/NÖ: FPÖ-Thau und Corona-Testungen

Nina Horac­zek schreibt in ihrem immer lesens­wer­ten News­let­ter „Blau­land“ (6.11.25) über eine beson­de­re Pos­se rund um die Dop­pel­mo­ral des FPÖ-Natio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­ten Harald Thau. Der aus Möd­ling stam­men­de blaue Poli­ti­ker lud den als rechts­extre­men Coro­na-Ver­schwö­rer bekann­ten Mar­tin Rut­ter zu einem „Coro­na-Stamm­tisch“ in sei­ne Hei­mat­stadt ein. Wäh­rend Thau in der Pan­de­mie mit sei­ner Fir­ma Coro­na-Test­stra­ßen betrieb, hofiert er nun einen Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gen, der Coro­na­tests als „völ­lig nutz­los“ und „bewusst mani­pu­liert“ bezeich­net. Die FPÖ will offi­zi­ell von Thaus Test­stra­ßen-Enga­ge­ment nichts wissen.

Harald Thau war im betref­fen­den Zeit­raum nicht Geschäfts­füh­rer des Unter­neh­mens”, teilt die Pres­se­stel­le des frei­heit­li­chen Par­la­ments­klubs auf FAL­TER-Anfra­ge mit. Im Fir­men-ABC scheint Harald Thau bis heu­te als 100-Pro­zent-Gesell­schaf­ter der Fir­ma auf. (falter.at, 6.11.25)

Die Par­tei ver­wei­gert auch die Aus­kunft dar­über, ob sie Rut­ters Ein­schät­zun­gen zu Coro­na­tests teilt. Thau wie­der­um erklärt, er habe beim Stamm­tisch ledig­lich auf Ein­la­dung des Frei­heit­li­chen Bil­dungs­in­sti­tuts (FBI) Eröff­nungs­wor­te gespro­chen. Die FPÖ-Par­tei­aka­de­mie sieht in den Stamm­ti­schen eine „kri­ti­sche Auf­ar­bei­tung der Coro­na-Maß­nah­men“.

Inter­es­sant wäre noch zu erfah­ren, wie viel Gewinn Thaus Fir­ma mit den Test­stra­ßen ein­ge­fah­ren hat.

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