Kultveranstaltung zu Ehren des Antisemiten Dinghofer als Parlamentsveranstaltung
Heute, 11. November, findet im österreichischen Parlament das „Dinghofer-Symposium“ statt – offiziell als Parlamentsveranstaltung in Kooperation mit dem Dinghofer-Institut, mit Eröffnungsworten von Walter Rosenkranz (als Veranstalter), einer Begrüßung durch Martin Graf, einem Vortrag sowie der alljährlichen Verleihung von Dinghofer-Medaille (die vom Burschenschafter-Pinsler Odin Wiesinger gestaltet wurde) und ‑Medienpreis. Der Titel „Zensur und Ideologisierung – die Freiheit in Gefahr!“ signalisiert eine bewusst politische Rahmung, die angesichts des Veranstaltungsortes lächerlicher nicht sein könnte. Da jammert also die FPÖ im baulichen Zentrum der österreichischen Demokratie über Zensur und gefährdeter Freiheit.
Im Vorfeld forderten eine Reihe von Zeithistoriker*innen in einem offenen Brief die Absage der Veranstaltung, weil das Parlament damit, so der Wortlaut, „zum Ort des ehrenden Erinnerns an einen deklarierten Antisemiten und Nationalsozialisten“ werde. Dinghofer sei „auch persönlich bekennender Antisemit“ und als Vertreter der Großdeutschen Volkspartei „Wegbereiter der Reichspogromnacht 1938 wie auch des Holocaust“ gewesen. Ungewöhnlich scharf griff auch Rosenkranz’ Vorgänger Wolfgang Sobotka ein; er sprach von einer „bewussten Provokation“ und erklärte: „Das Parlament darf kein Ort für Geschichtsklitterung sein.“ (alle Zitate aus derstandard.at, 4.1.25)
Inhaltlich kreist die Auseinandersetzung um zwei Punkte: Erstens um die historische Bewertung Dinghofers, einschließlich seiner gut belegten antisemitischen Agitation und der NSDAP-Mitgliedschaft, die laut Auskunft des Bundesarchivs Berlin 1940 erfolgte und zweitens um die institutionelle Legitimation, die eine Veranstaltung im Hohen Haus verleiht – und das unmittelbar nach den Gedenktagen an die Novemberpogrome.
Die FPÖ setzt auf die ihr ureigene Kombination aus Opfer-Narrativ, Delegitimierung wissenschaftlicher Expertise und semantischer Verschiebung. Generalsekretär Christian Hafenecker sprach in einer Presseaussendung von einer „linken Rufmordkampagne“, behauptete, Dinghofer sei „Opfer des NS-Regimes“ gewesen, und warf den Kritiker*innen Heuchelei vor. Diese Linie verschiebt die Debatte von belegten Befunden („NSDAP-Mitglied ab 1940“) hin zu Gesinnungsbehauptungen und etikettiert Forschung als politisches Framing.
Zum begrifflichen Terrain gehört auch der seit Jahren kultivierte Topos vom „Republiksgründer“ und „Baumeister der Republik“, der Dinghofers Rolle 1918 personalisiert und symbolisch überhöht. Historisch präzise ist: Die Republik wurde am 12. November 1918 von der Provisorischen Nationalversammlung beschlossen. Dass Dinghofer die Republik „ausgerufen“ hätte, ist eine politisierte Erzählung, die das Dinghofer-Institut in seiner Selbstdarstellung regelmäßig aufgreift. In dieser Logik erscheint Kritik schnell als „Zensur“ oder „Ideologisierung“, womit der Veranstaltungstitel selbst quasi als rhetorisches Schutzschild fungiert.
Die Orts- und Institutionspolitik ist zentral: Ab 2010 lud der Dritte Nationalratspräsident – zuerst Martin Graf und dann Norbert Hofer – ins Hauptgebäude des Parlaments. Unter Sobotka verlagerte sich das Format ab 2017 ins Palais Epstein. 2018 musst die FPÖ, damals unter Anneliese Kitzmüller als Dritte Nationalratspräsidentin, nach herber Kritik (der Medienpreis sollte an die rechtsextreme „Zur Zeit“ gehen, einen Rückwärtsgang einlegen und die Veranstaltung im Parlament absagen – was zweifellos an der damaligen Regierungsbeteiligung lag.
Mit Rosenkranz als Nationalratspräsident kehrte die Dinghoferei 2024 wieder in das Haupthaus zurück – anders als im Vorjahr ausdrücklich als Parlamentsveranstaltung, da Rosenkranz im Juni angekündigt hatte, aus Spargründen keine Veranstaltungen mehr im Parlament zuzulassen, die keinen direkten Parlamentsbezug aufweisen. Mit der Umwandlung als Parlamentsveranstaltung kann Rosenkranz seine eigene Regel auf Kosten der Steuerzahler*innen umgehen.
Parallel mobilisieren für heute zivilgesellschaftliche Akteur*innen und die Jüdische Österreichische Hochschüler:innenschaft zu Protesten.
„Dinghofers NSDAP-Mitgliedschaft ist also nicht bewiesen”, behauptet die FPÖ heute wieder.
Doch, ist sie.
Am 1. Juli 1940 ist Franz Dinghofer in die NSDAP aufgenommen worden. Am 30. September 1941 wurde seine NSDAP-Mitgliedskarte ausgestellt. Seine NSDAP-Mitgliedsnummer war 8.450.902.
— Christoph Schattleitner (@schattleitner.bsky.social) 11. November 2025 um 12:55
Update 12.11.25: Den Medienpreis des Dinghofer-Instituts erhielt der rechtsextreme Stocker-Verlag.
➡️ Ausführliches wissenschaftliches Gutachten zu Dinghofer im Auftrag der Stadt Linz: Walter Schuster, Franz Dinghofer (2022)
Brüssel-Wien: Weiter EU-Gelder für Mölzers K3
Im EU-Parlament gibt es laut „table.media“ (3.11.25) neue Vorwürfe gegen die rechtsextreme Fraktion „Patrioten für Europa“ (PfE), der auch die FPÖ angehört. Demnach seien Finanzvorschriften bei der Vergabe von Aufträgen und Inseraten mutmaßlich missachtet worden. Laut einem Bericht wurden Ausgaben der Fraktion im zweiten Halbjahr 2024 in Höhe von mindestens 171.644 Euro auffällig, darunter Zahlungen an eine Pariser Firma für „Community Management“ und an die österreichische Edition K3 Verlagsgesellschaft, die die Zeitschrift „Zur Zeit“ von Andreas Mölzer herausgibt. Die Parlamentsverwaltung forderte Auskünfte, die jedoch bislang nicht erteilt worden seien.
Wie die „Presse“ (5.11.25) schreibt, weist Andreas Mölzer die Vorwürfe zurück. Die FPÖ erklärt, es lägen „keinerlei Informationen von den Stellen des Europäischen Parlaments hinsichtlich Unregelmäßigkeiten vor“, und man werde unbegründete Vorwürfe nötigenfalls rechtlich prüfen lassen.
Noch immer nicht abgeschlossen sind die Prüfungen der Vorgängerfraktion „Identität & Demokratie (ID)“ – hier steht der Verdacht im Raum, dass die ID 4,3 Millionen Euro zweckentfremdet verwendet hätte, darunter mehr als 400.000 Euro an die K3 von Andreas Mölzer. Mölzer betont gegenüber der „Presse“, dass der Vorwurf, „Zur Zeit“ habe während der Legislaturperiode 2019–2024 vorschriftswidrig Inserate erhalten, „bereits aufgeklärt“ sei und entsprechende Belege vorlägen.
Mödling/NÖ: FPÖ-Thau und Corona-Testungen
Nina Horaczek schreibt in ihrem immer lesenswerten Newsletter „Blauland“ (6.11.25) über eine besondere Posse rund um die Doppelmoral des FPÖ-Nationalratsabgeordneten Harald Thau. Der aus Mödling stammende blaue Politiker lud den als rechtsextremen Corona-Verschwörer bekannten Martin Rutter zu einem „Corona-Stammtisch“ in seine Heimatstadt ein. Während Thau in der Pandemie mit seiner Firma Corona-Teststraßen betrieb, hofiert er nun einen Verschwörungsideologen, der Coronatests als „völlig nutzlos“ und „bewusst manipuliert“ bezeichnet. Die FPÖ will offiziell von Thaus Teststraßen-Engagement nichts wissen.
Harald Thau war im betreffenden Zeitraum nicht Geschäftsführer des Unternehmens”, teilt die Pressestelle des freiheitlichen Parlamentsklubs auf FALTER-Anfrage mit. Im Firmen-ABC scheint Harald Thau bis heute als 100-Prozent-Gesellschafter der Firma auf. (falter.at, 6.11.25)
Die Partei verweigert auch die Auskunft darüber, ob sie Rutters Einschätzungen zu Coronatests teilt. Thau wiederum erklärt, er habe beim Stammtisch lediglich auf Einladung des Freiheitlichen Bildungsinstituts (FBI) Eröffnungsworte gesprochen. Die FPÖ-Parteiakademie sieht in den Stammtischen eine „kritische Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen“.
Interessant wäre noch zu erfahren, wie viel Gewinn Thaus Firma mit den Teststraßen eingefahren hat.
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