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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 5 Minuten

Identitärer Aufmarsch in Wien: Wenig Teilnehmer, viel Inszenierung und eine Gewaltattacke

Am 26. Juli zogen Iden­ti­tä­re durch Wien – beglei­tet von Poli­zei­schutz, mut­maß­lich straf­ba­ren Paro­len und Gegen­pro­tes­ten. Es folg­ten eine Gewalt­at­ta­cke gegen zwei jun­ge Män­ner und Anzei­gen der Grü­nen. Teil­neh­mer aus der Schweiz und den Nie­der­lan­den ste­hen im Visier der Justiz.

25. Aug. 2025
Identitären-Aufmarsch mit viel Inszenierung und Polizeibegleitung (Foto Theo Winkler; 26.7.25)
Identitärer Aufmarsch 2025 (Foto Theo Winkler; 26.7.25)

Wenige Teilnehmer, viel Inszenierung

Am 26. Juli 2025 zogen rund 300 bis 350 Rechts­extre­me auf Ein­la­dung der Iden­ti­tä­ren durch die Wie­ner Innen­stadt. Die mage­re Teil­neh­mer­zahl, die dann zusam­men mit insze­nier­ten Fotos und Vide­os auf 600 „hoch­ge­dich­tet“ wur­de, kann nach mona­te­lan­ger Mobi­li­sie­rung – auch im offen neo­na­zis­ti­schen Milieu – in halb Euro­pa als Flop bezeich­net werden.

Flan­kiert war der Demo­zug, der sin­ni­ger­wei­se beim Denk­mal des wüs­ten Anti­se­mi­ten Karl Lue­ger star­te­te, von einer Poli­zei­ket­te und deut­lich grö­ße­rem Gegen­pro­test. Die Poli­zei bilan­zier­te 56 vor­läu­fi­ge Fest­nah­men und etwas über 200 Anzei­gen. Fest­nah­men erfolg­ten bei der Räu­mung von Sitz­blo­cka­den und wegen Iden­ti­täts­ver­wei­ge­run­gen. Betrof­fen waren aus­schließ­lich Gegendemonstrant*innen. Gleich­zei­tig erfolg­ten im rechts­extre­men Zug mut­maß­li­che Straf­ta­ten, ohne dass sei­tens der Poli­zei vor Ort ein­ge­schrit­ten wor­den wäre. Man habe das Absin­gen der ras­sis­ti­schen „Deutsch­land den Deut­schen, Aus­län­der raus!“-Parole nicht wahr­ge­nom­men, war laut „Kurier“ (29.7.25) von der Poli­zei zu erfah­ren: „Das Skan­die­ren der Paro­len wur­de im Zuge des poli­zei­li­chen Ein­sat­zes im Rah­men der Ver­samm­lung nicht fest­ge­stellt.“ Video­auf­nah­men bele­gen, dass die Paro­len in unmit­tel­ba­rer Nähe zahl­rei­cher Polizist*innen „gesun­gen“ wurden.

Der Grü­ne Natio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­te Lukas Ham­mer brach­te dar­auf­hin drei Sach­ver­halts­dar­stel­lun­gen wegen des Ver­dachts auf Ver­het­zung, Ver­stoß gegen das Ver­bots­ge­setz (Paro­le „Deutsch­land den Deut­schen, Aus­län­der raus!“), Abzei­chen­ge­setz (Odal­ru­nen-Tat­too auf dem Arm einer Demo­teil­neh­me­rin)- und Sym­bo­le-Gesetz (Trans­pa­rent mit Lamb­da) sowie eine par­la­men­ta­ri­sche Anfra­ge mit 26 Fra­gen an den Innen­mi­nis­ter ein.

Aufwärmen im Keller: die identitäre „Fight-Night“

Bereits am Vor­tag tra­fen sich mehr als 100 Rechts­extre­me im Iden­ti­tä­ren­kel­ler in der Ram­perstorf­fer­gas­se (Bezirk Mar­ga­re­ten) zu einer „Fight-Night“. In einem durch Bau­zaun­tei­le pro­vi­so­risch gesi­cher­ten Ring tra­ten meh­re­re Paa­run­gen zum Box­kampf an. Den Ring­rich­ter gab der par­la­men­ta­ri­sche Mit­ar­bei­ter der FPÖ, Ger­not Schmidt, den Mode­ra­tor ein Ex-Funk­tio­när der frei­heit­li­chen Jugend. Die Poli­zei sperr­te einen Stra­ßen­strei­fen von etwa 200 Metern für das iden­ti­tä­re Event ab – auch Journalist*innen wur­de der Zutritt verwehrt.

Deutsche in der Organisation

Als Demo-Orga­ni­sa­to­ren tra­ten die zwei aus Deutsch­land stam­men­den Yan­nick Wage­mann und Wie­land Kubit­schek auf. Letz­te­rer durf­te sich über die Unter­stüt­zung von Vater Götz bei sei­nem Box­kampf im Iden­ti­tä­ren-Kel­ler freu­en. Auf der eigens für den Auf­marsch ein­ge­rich­te­ten Web­site fir­miert im Impres­sum der Ver­ein „Hei­mat und Kul­tur“ mit Adres­se in der Ram­perstorf­fer­gas­se. Des­sen Obmann ist seit Ende letz­ten Jah­res der Deut­sche Mat­thi­as Ohm, der sich sei­ne Bröt­chen regel­mä­ßig auch als Foto­graf von FPÖ-Ver­an­stal­tun­gen verdient.

Apro­pos FPÖ: Neben Schmidt zeig­te sich mit Andre­as Hin­ter­eg­ger an bei­den Tagen ein wei­te­rer par­la­men­ta­ri­scher Mit­ar­bei­ter der FPÖ. Dazu nahm FPÖ-Klub­mit­ar­bei­te­rin am Auf­marsch teil. Flo­ri­an Stimpf­le, eben­falls Deut­scher und akkre­di­tier­ter Assis­tent der FPÖ-EU-Abge­ord­ne­ten Petra Ste­ger und Irm­hild Boß­dorf (AfD), zeig­te sich mit Film­ka­me­ra, war also zusam­men u.a. mit dem deut­schen „Film­kunst­kol­lek­tiv“ an der zen­tra­len Auf­ga­be, das Event mit Fotos und Vide­os nach außen hin zu insze­nie­ren, betei­ligt. Für die­se Auf­ga­be brach­te Stimpf­le bereits ein­schlä­gi­ge Erfah­rung mit: Eine im Juni aus­ge­strahl­te Arte-Doku zeigt, wel­che Rol­le Stimpf­le vor sei­nem Job bei den bei­den Rechts­au­ßen-Abge­ord­ne­ten ein­ge­nom­men hat: Er fer­tig­te für die „Jun­ge Tat“ Pro­pa­gan­da­fil­me an.

Der Einsatzleiter am 25.7. in der Ramperstorffergasse mit Florian Stimpfle und Manuel Corchia (Screenshot Video Samuel Winter)
Ein­satz­lei­ter der Poli­zei am 25.7. in der Ram­perstorf­fer­gas­se im Gespräch mit Flo­ri­an Stimpf­le und Manu­el Cor­chia (Screen­shot Video Samu­el Winter)

Gewalt nach der Demo: Attacke in der U‑Bahn

Noch am Abend, kurz nach Demo-Ende, kipp­te die zuvor insze­nier­te Aggres­si­on in rea­le Gewalt: Eine Grup­pe Neo­na­zis, die zuvor an der Demo teil­ge­nom­men hat­te, atta­ckier­te zwei jun­ge Musi­ker in der U‑Bahn. Die Neo­na­zis hät­ten die U‑Bahn am Nes­troy­platz (Leo­pold­stadt) ver­las­sen. Bei­de Opfer muss­ten im Kran­ken­haus behan­delt werden.

Grö­lend sei­en die­se ein­ge­stie­gen, erzählt einer der Musi­ker dem STANDARD: „Aus­län­der raus, Deutsch­land den Deut­schen” hät­ten sie gesun­gen und hass­erfüll­te, her­ab­wür­di­gen­de Sprü­che über Lin­ke skan­diert. Minu­ten spä­ter wur­den die zwei jun­gen Män­ner zur Ziel­schei­be. „Wir haben hin­ge­schaut, weil wir neu­gie­rig waren, was da los ist”, erzählt der 24-Jäh­ri­ge. „Ein Blick hat gereicht, und sie sind auf uns los­ge­gan­gen.” Die bei­den Musi­ker wur­den ras­sis­tisch und homo­phob beschimpft und sofort nie­der­ge­prü­gelt und getre­ten. (derstandard.at, 5.8.25)

Im Visier der Justiz

In den Nie­der­lan­den wur­de am 15. August der 24-jäh­ri­ge Tho­mas D. fest­ge­nom­men – laut Staats­an­walt­schaft wegen Vor­be­rei­tung eines rechts­ter­ro­ris­ti­schen Anschlags sowie Waf­fen- und Muni­ti­ons­de­lik­ten. Wie Stoppt die Rech­ten berich­te­te, war er zuvor bei der Iden­ti­tä­ren-Demo in Wien aufgetreten.

Aus der Schweiz reis­ten Mit­glie­der der „Jun­gen Tat“ an, dar­un­ter die Füh­rungs­per­so­nen Tobi­as Lingg und Manu­el Cor­chia. Der Schwei­zer „Blick“ (24.8.25) berich­tet, dass die Zür­cher Staats­an­walt­schaft gegen bei­de eine umfang­rei­che Ankla­ge vorbereitet.

Damit kommt es zum gros­sen Gerichts­pro­zess gegen Lingg und Cor­chia. Noch ist nicht öffent­lich, was genau die Staats­an­walt­schaft den zwei Akti­vis­ten der Jun­gen Tat vor­wirft. Es dürf­te sich aber um ein gan­zes Bün­del an mut­mass­li­chen Straf­ta­ten han­deln. (blick.ch)

Cor­chia trat bei der Demo als Red­ner auf, Lingg stieg am Vor­abend in den Box­ring. Gegen sechs wei­te­re Mit­glie­der der „Jun­gen Tat” ist die Ankla­ge bereits fertiggestellt.

Die Atta­cke in der U‑Bahn und die juris­ti­schen Ver­fah­ren zei­gen, wie sehr die Wie­ner Demo auch als Treff­punkt für gewalt­ori­en­tier­te und mili­tan­te Milieus dient. In Erin­ne­rung kom­men dabei auch Auf­nah­men von RTL vom letzt­jäh­ri­gen iden­ti­tä­ren Som­me­re­vent, als eine Teil­neh­me­rin unge­niert in die Kame­ra den Holo­caust als „geil“ bezeich­net und ein ande­rer bedau­ert hat­te, dass beim Mas­sa­ker von Sre­bre­ni­ca nicht mehr Mus­li­me ermor­det wur­den. Stoppt die Rech­ten hat damals eine Sach­ver­halts­dar­stel­lung ein­ge­bracht, danach war nichts mehr zu hören. Dass der nach dem Vor­fall an der Ram­pe der Wie­ner Uni in Deutsch­land wegen Kör­per­ver­let­zung ver­ur­teil­te Kubit­schek-Sohn nicht mit einem Ein­rei­se­ver­bot belegt wur­de, son­dern sogar noch als Orga­ni­sa­tor der Som­mer­de­mo fun­gie­ren konn­te, ist ein wei­te­res Kapi­tel im laschen Umgang der öster­rei­chi­schen Behör­den mit dem orga­ni­sier­ten Rechtsextremismus.

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Schlagwörter: Abzeichengesetz | Anzeige | Demonstration/Kundgebung | FPÖ | Identitäre | Körperverletzung | Neonazismus/Neofaschismus | Rassismus/Antimuslimischer Rassismus | Rechtsextremismus | Verbotsgesetz | Verhetzung | Weite Welt | Wien

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