Wenige Teilnehmer, viel Inszenierung
Am 26. Juli 2025 zogen rund 300 bis 350 Rechtsextreme auf Einladung der Identitären durch die Wiener Innenstadt. Die magere Teilnehmerzahl, die dann zusammen mit inszenierten Fotos und Videos auf 600 „hochgedichtet“ wurde, kann nach monatelanger Mobilisierung – auch im offen neonazistischen Milieu – in halb Europa als Flop bezeichnet werden.
Flankiert war der Demozug, der sinnigerweise beim Denkmal des wüsten Antisemiten Karl Lueger startete, von einer Polizeikette und deutlich größerem Gegenprotest. Die Polizei bilanzierte 56 vorläufige Festnahmen und etwas über 200 Anzeigen. Festnahmen erfolgten bei der Räumung von Sitzblockaden und wegen Identitätsverweigerungen. Betroffen waren ausschließlich Gegendemonstrant*innen. Gleichzeitig erfolgten im rechtsextremen Zug mutmaßliche Straftaten, ohne dass seitens der Polizei vor Ort eingeschritten worden wäre. Man habe das Absingen der rassistischen „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“-Parole nicht wahrgenommen, war laut „Kurier“ (29.7.25) von der Polizei zu erfahren: „Das Skandieren der Parolen wurde im Zuge des polizeilichen Einsatzes im Rahmen der Versammlung nicht festgestellt.“ Videoaufnahmen belegen, dass die Parolen in unmittelbarer Nähe zahlreicher Polizist*innen „gesungen“ wurden.
Der Grüne Nationalratsabgeordnete Lukas Hammer brachte daraufhin drei Sachverhaltsdarstellungen wegen des Verdachts auf Verhetzung, Verstoß gegen das Verbotsgesetz (Parole „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“), Abzeichengesetz (Odalrunen-Tattoo auf dem Arm einer Demoteilnehmerin)- und Symbole-Gesetz (Transparent mit Lambda) sowie eine parlamentarische Anfrage mit 26 Fragen an den Innenminister ein.
Aufwärmen im Keller: die identitäre „Fight-Night“
Bereits am Vortag trafen sich mehr als 100 Rechtsextreme im Identitärenkeller in der Ramperstorffergasse (Bezirk Margareten) zu einer „Fight-Night“. In einem durch Bauzaunteile provisorisch gesicherten Ring traten mehrere Paarungen zum Boxkampf an. Den Ringrichter gab der parlamentarische Mitarbeiter der FPÖ, Gernot Schmidt, den Moderator ein Ex-Funktionär der freiheitlichen Jugend. Die Polizei sperrte einen Straßenstreifen von etwa 200 Metern für das identitäre Event ab – auch Journalist*innen wurde der Zutritt verwehrt.
Deutsche in der Organisation
Als Demo-Organisatoren traten die zwei aus Deutschland stammenden Yannick Wagemann und Wieland Kubitschek auf. Letzterer durfte sich über die Unterstützung von Vater Götz bei seinem Boxkampf im Identitären-Keller freuen. Auf der eigens für den Aufmarsch eingerichteten Website firmiert im Impressum der Verein „Heimat und Kultur“ mit Adresse in der Ramperstorffergasse. Dessen Obmann ist seit Ende letzten Jahres der Deutsche Matthias Ohm, der sich seine Brötchen regelmäßig auch als Fotograf von FPÖ-Veranstaltungen verdient.
Apropos FPÖ: Neben Schmidt zeigte sich mit Andreas Hinteregger an beiden Tagen ein weiterer parlamentarischer Mitarbeiter der FPÖ. Dazu nahm FPÖ-Klubmitarbeiterin am Aufmarsch teil. Florian Stimpfle, ebenfalls Deutscher und akkreditierter Assistent der FPÖ-EU-Abgeordneten Petra Steger und Irmhild Boßdorf (AfD), zeigte sich mit Filmkamera, war also zusammen u.a. mit dem deutschen „Filmkunstkollektiv“ an der zentralen Aufgabe, das Event mit Fotos und Videos nach außen hin zu inszenieren, beteiligt. Für diese Aufgabe brachte Stimpfle bereits einschlägige Erfahrung mit: Eine im Juni ausgestrahlte Arte-Doku zeigt, welche Rolle Stimpfle vor seinem Job bei den beiden Rechtsaußen-Abgeordneten eingenommen hat: Er fertigte für die „Junge Tat“ Propagandafilme an.

Gewalt nach der Demo: Attacke in der U‑Bahn
Noch am Abend, kurz nach Demo-Ende, kippte die zuvor inszenierte Aggression in reale Gewalt: Eine Gruppe Neonazis, die zuvor an der Demo teilgenommen hatte, attackierte zwei junge Musiker in der U‑Bahn. Die Neonazis hätten die U‑Bahn am Nestroyplatz (Leopoldstadt) verlassen. Beide Opfer mussten im Krankenhaus behandelt werden.
Grölend seien diese eingestiegen, erzählt einer der Musiker dem STANDARD: „Ausländer raus, Deutschland den Deutschen” hätten sie gesungen und hasserfüllte, herabwürdigende Sprüche über Linke skandiert. Minuten später wurden die zwei jungen Männer zur Zielscheibe. „Wir haben hingeschaut, weil wir neugierig waren, was da los ist”, erzählt der 24-Jährige. „Ein Blick hat gereicht, und sie sind auf uns losgegangen.” Die beiden Musiker wurden rassistisch und homophob beschimpft und sofort niedergeprügelt und getreten. (derstandard.at, 5.8.25)
Im Visier der Justiz
In den Niederlanden wurde am 15. August der 24-jährige Thomas D. festgenommen – laut Staatsanwaltschaft wegen Vorbereitung eines rechtsterroristischen Anschlags sowie Waffen- und Munitionsdelikten. Wie Stoppt die Rechten berichtete, war er zuvor bei der Identitären-Demo in Wien aufgetreten.
Aus der Schweiz reisten Mitglieder der „Jungen Tat“ an, darunter die Führungspersonen Tobias Lingg und Manuel Corchia. Der Schweizer „Blick“ (24.8.25) berichtet, dass die Zürcher Staatsanwaltschaft gegen beide eine umfangreiche Anklage vorbereitet.
Damit kommt es zum grossen Gerichtsprozess gegen Lingg und Corchia. Noch ist nicht öffentlich, was genau die Staatsanwaltschaft den zwei Aktivisten der Jungen Tat vorwirft. Es dürfte sich aber um ein ganzes Bündel an mutmasslichen Straftaten handeln. (blick.ch)
Corchia trat bei der Demo als Redner auf, Lingg stieg am Vorabend in den Boxring. Gegen sechs weitere Mitglieder der „Jungen Tat” ist die Anklage bereits fertiggestellt.
Die Attacke in der U‑Bahn und die juristischen Verfahren zeigen, wie sehr die Wiener Demo auch als Treffpunkt für gewaltorientierte und militante Milieus dient. In Erinnerung kommen dabei auch Aufnahmen von RTL vom letztjährigen identitären Sommerevent, als eine Teilnehmerin ungeniert in die Kamera den Holocaust als „geil“ bezeichnet und ein anderer bedauert hatte, dass beim Massaker von Srebrenica nicht mehr Muslime ermordet wurden. Stoppt die Rechten hat damals eine Sachverhaltsdarstellung eingebracht, danach war nichts mehr zu hören. Dass der nach dem Vorfall an der Rampe der Wiener Uni in Deutschland wegen Körperverletzung verurteilte Kubitschek-Sohn nicht mit einem Einreiseverbot belegt wurde, sondern sogar noch als Organisator der Sommerdemo fungieren konnte, ist ein weiteres Kapitel im laschen Umgang der österreichischen Behörden mit dem organisierten Rechtsextremismus.
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