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Lesezeit: 6 Minuten

Fackelmärsche, „Jugend voran“ und Eklat in Gosau – Die Freiheitliche Jugend radikalisiert sich

Ein Win­ter­la­ger der Frei­heit­li­chen Jugend in Gos­au, bei dem auch FPÖ-Natio­nal­rä­te anwe­send waren, und zeit­gleich ein Ras­sis­mus-Eklat in einer Gos­au­er Bar. Par­al­lel insze­niert sich der blaue Par­tei­nach­wuchs als kämp­fe­ri­sche „Jugend vor­an“. Die Ereig­nis­se fügen sich in eine Serie von Neo­na­zi-Affä­ren und iden­ti­tä­ren Ver­zah­nun­gen rund um die FPÖ-Jugend ein.

5. Dez. 2025
Freiheitliche Jugend in Gosau, rechts Maximilian Weinzierl, daneben Manuel Litzke (Screenshots FB, 30.11.25)
Freiheitliche Jugend in Gosau, rechts Maximilian Weinzierl, daneben Manuel Litzke (Screenshots FB, 30.11.25)

Winterseminar in Gosau mit FPÖ-Nationalräten

Das tra­di­tio­nel­le Win­ter­se­mi­nar der Frei­heit­li­chen Jugend (FJ) in Gos­au ist als Kader­schu­lung gedacht. In den sozia­len Medi­en kur­sier­ten Bil­der eines nächt­li­chen Fackel­auf­mar­sches im Schnee, ver­öf­fent­licht in der mitt­ler­wei­le nicht mehr abruf­ba­ren Sto­ry des FJ-Bun­des­ob­manns, Maxi­mi­li­an Wein­zierl. Ein Foto zeigt ihn selbst zusam­men mit sei­nem Vor­arl­ber­ger Natio­nal­rats­kol­le­gen Manu­el Litz­ke. Die bei­den waren also in Gosau.

Die Ästhe­tik: Män­ner­rei­hen mit Fackeln, Gesang­blät­ter in der Hand, Pathos. Sie unter­schei­den sich durch nichts von den Lagern der Iden­ti­tä­ren; eines davon ist letz­ten August nicht unweit von Gos­au über die Büh­ne gegan­gen – ange­mel­det von einem Mit­ar­bei­ter des FPÖ-Parlamentsklubs.

Am Sams­tag­abend, nach dem Fackel­marsch der Jung­frei­heit­li­chen, spiel­te sich im Ort eine ande­re Sze­ne ab, die ein unge­schön­tes Bild von die­ser Art von „Patrio­tis­mus“ ver­mit­telt. Ein den Ober­ös­ter­rei­chi­schen Nach­rich­ten zuge­spiel­tes Video zeigt eine Grup­pe vor­wie­gend jun­ger Män­ner in einem Lokal in Gos­au. Sie hät­ten, so berich­ten es die OÖN, immer wie­der Gigi D’Agostinos Hit „L’amour tou­jours“ über ein durch ein Mikro­phon ver­stärk­tes Han­dy abge­spielt, um die Musik dann mit der Paro­le „Deutsch­land den Deut­schen, Aus­län­der raus!“ zu über­tö­nen. Kell­ner hät­ten ver­sucht, die Musik zu wech­seln, das Lied wur­de abge­bro­chen, spä­ter begann das Spiel von vorne.

Laut ein­hei­mi­schen Nacht­schwär­mern habe es sich um eine Grup­pe orts­frem­der Per­so­nen gehan­delt. Eine „geschlos­se­ne Gesell­schaft“ gab es zu die­sem Zeit­punkt jeden­falls nicht, dafür aber eine Reser­vie­rung einer gro­ßen Grup­pe. Gäs­te des Lokals waren an die­sem Abend jeden­falls auch meh­re­re Teil­neh­mer eines Semi­nars der „Frei­heit­li­chen Jugend“ (FJ). Die Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on der FPÖ hat­te zum Aus­klang des „Zei­chen setzen“-Winterseminars, das jedes Jahr im Dezem­ber in Gos­au statt­fin­det, gela­den. (nachrichten.at)

Laut Augenzeug:innen han­del­te es sich um „Poli­ti­ker“, eini­ge deut­lich älter als 19, in blau­en Hem­den und mit Sei­ten­schei­tel – eine Optik, in der teil­wei­se auch der FPÖ-Nach­wuchs daher­kommt. In einer ers­ten Reak­ti­on habe die FJ aus­rich­ten las­sen, dass „ein Gast­haus­be­such nicht Teil des Semi­nar­pro­gramms war“ (derstandard.at, 4.12.25). Die OÖN (5.12.25) schrei­ben jedoch, im Semi­nar­pro­gramm sei „für Sams­tag, 29. Novem­ber, 21 Uhr, als letz­ter Punkt eine Nacht­wan­de­rung ange­führt – und zwar genau zu dem Lokal, in dem das Video ent­stan­den ist. Dass man das Semi­nar ‚Zei­chen set­zen‘ dort aus­klin­gen lässt, war dem­nach zumin­dest geplant.“

Es sei­en Ermitt­lun­gen gegen unbe­kann­te Täter wegen des Ver­dachts auf Ver­het­zung ein­ge­lei­tet wor­den, gab die zustän­di­ge Staats­an­walt­schaft Wels bekannt. „Man ste­he noch am Anfang, aber ‚wir sind dran‘. Offen­bar gebe es auch eine Behaup­tung, dass jemand einen Hit­ler­gruß gezeigt habe. Soll­te sich das erhär­ten, könn­ten auch Ermitt­lun­gen nach dem Ver­bots­ge­setz erfol­gen.“ (nachrichten.at, 5.12.25)

Es darf ange­nom­men wer­den, dass anhand des Vide­os eini­ge der noch unbe­kann­ten Täter aus­forsch­bar sein müssten.

Seit Jahren zunehmende Radikalisierung der Freiheitlichen Jugend

Dass aus­ge­rech­net die Frei­heit­li­che Jugend in die­sem Kon­text auf­taucht, ist alles ande­re als über­ra­schend. Im Som­mer 2023 hat­te ein Pro­pa­g­an­daclip für Auf­se­hen gesorgt – ein Ver­fah­ren wur­de jedoch ein­ge­stellt. Das schnell wie­der gelösch­te Video arbei­te­te mit klas­si­scher Unter­gangs­rhe­to­rik („Bevöl­ke­rungs­aus­tausch“, „Mul­ti­kul­ti-Dys­to­pie“), blen­de­te Bücher und Ideo­lo­gen der neu­rech­ten Sze­ne ein – von Alain de Benoist über Bene­dikt Kai­ser bis hin zu Tex­ten des por­tu­gie­si­schen Dik­ta­tors Sala­zar. Dazu kamen neben einer Film­se­quenz, die FJ-Mit­glie­der mit Blick auf den Hit­ler­bal­kon am Hel­den­platz zeig­te, Bil­der von mar­schie­ren­den jun­gen Män­nern mit Fackeln und Lager­feu­ern – eine faschis­ti­sche Ästhe­tik, die sich im nächt­li­chen Fackel­auf­marsch von Gos­au wiederfindet.

Wenig beach­tet sind die ein­deu­tig neo­na­zis­ti­schen Fäl­le, die vor Gericht ver­han­delt wur­den. In Graz wur­de 2023 Manu­el S. wegen Wie­der­be­tä­ti­gung ver­ur­teilt – ein jun­ger Mann, der sich selbst als „kon­ser­va­tiv rechts“ bezeich­ne­te, tat­säch­lich aber in der Sze­ne der Iden­ti­tä­ren und in der Frei­heit­li­chen Jugend ver­kehrt und mit „14-Words“-Tattoo und anti­se­mi­tisch-neo­na­zis­ti­schen Sujets auf­ge­war­tet hat­te. Weni­ge Mona­te spä­ter stand ein wei­te­rer Akti­vist vor Gericht: Mit­glied der Iden­ti­tä­ren, von deren Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­ti­on DO5 und des „Ring Frei­heit­li­cher Jugend“, ver­ur­teilt wegen brau­ner Chatnachrichten.

Im Som­mer 2025 mach­te Stoppt die Rech­ten den nächs­ten Skan­dal bekannt: Ein Vor­stands­mit­glied der Frei­heit­li­chen Jugend Süd­ost­stei­er­mark ent­pupp­te sich als Kopf einer Neo­na­zi-Grup­pe. Dort gehör­ten Hit­ler-Ver­herr­li­chung, Haken­kreuz­piz­za, SS-Uni­form­fo­tos und Ein­la­dun­gen zu einer „Hit­ler-Par­ty“ am 20. April zum All­tag. Zahl­rei­che Pos­tings bele­gen sei­ne Rol­le in der FJ, wäh­rend das Gra­zer Lan­des­ge­richt ihn wegen Dut­zen­der Wie­der­be­tä­ti­gungs-Delik­te schul­dig sprach. Erst auf Nach­fra­ge des „Stan­dard“ wur­de der Name des blau­en Jungna­zis von der FJ-Web­site gelöscht – ein­ein­halb Jah­re nach der Haus­durch­su­chung, Mona­te nach der Verurteilung!

Auch ideo­lo­gisch ori­en­tiert sich die FJ an der neu­en Gene­ra­ti­on mili­tan­ter Neo­na­zis. Ihr aktu­el­ler Kam­pa­gnen­slo­gan „Jugend vor­an“ erin­nert frap­pie­rend an die deut­sche Grup­pe „Deut­sche Jugend Vor­an“ (DJV). Das deut­sche Innen­mi­nis­te­ri­um beschreibt die DJV und ähn­li­che For­ma­tio­nen in einer Anfra­ge­be­ant­wor­tung (22.5.25) „als Neo­na­zis im Teen­ager­al­ter mit aus­ge­präg­ter Gewalt­a­ffi­ni­tät“. Der deut­sche Ver­fas­sungs­schutz (7.25) bezeich­net Namen wie „Deut­sche Jugend vor­an“ als „mar­tia­lisch“ und warnt vor einer neu­en rechts­extre­men Jugend­kul­tur, die über Social Media gezielt gewalt­be­rei­te Jugend­li­che rekrutiert.

Wäh­rend sol­che Grup­pen in Deutsch­land per Raz­zi­en und Haft­stra­fen ver­folgt wer­den, spielt man im frei­heit­li­chen Nach­wuchs offen­bar unge­rührt mit der Chif­fre, ver­an­stal­tet Lager mit Kampf­sport, ver­treibt sich die Frei­zeit mit Schieß­übun­gen und mar­schiert wie in Gos­au mit Fackeln durch die Landschaft.

Gos­au erscheint als kein iso­lier­ter „Par­ty-Aus­rei­ßer“ eini­ger betrun­ke­ner Jungs, son­dern als wei­te­rer Bau­stein in der Radi­ka­li­sie­rungs­ge­schich­te der Frei­heit­li­chen Jugend: eine Orga­ni­sa­ti­on, die sich ideo­lo­gisch im neo­fa­schis­ti­schen Fahr­was­ser posi­tio­niert, deren Akti­vis­ten und Funk­tio­nä­re immer wie­der wegen Wie­der­be­tä­ti­gung vor Gericht lan­den und die ästhe­tisch und rhe­to­risch an gewalt­be­rei­te Neo­na­zi-Jugend­grup­pen andockt. Wer sich „Jugend vor­an“ auf die Fah­nen schreibt, zu „Remi­gra­ti­on“ und „Bevöl­ke­rungs­aus­tausch“ hetzt und gleich­zei­tig zu Semi­na­ren mit Fackel­mär­schen lädt, darf sich nicht wun­dern, wenn „Deutsch­land den Deut­schen, Aus­län­der raus“ zur wider­li­chen Sound­track-Gewohn­heit wird.

Bleibt vor­erst die Fra­ge: Wer war an jenem Abend im Lokal, wel­che Funk­ti­ons­trä­ger der FJ waren vor Ort, waren die bei­den Natio­nal­rä­te Wein­zierl und Litz­ke dabei und wel­che Kon­se­quen­zen – wenn über­haupt – wird die Par­tei dar­aus ziehen?

Keine „Amour“, dafür Hass vor Gerichten

Mit der zu Gigi d’Agostinos „L’Amour tou­jours“ dar­ge­bo­te­nen Paro­le „Deutsch­land den Deut­schen, Aus­län­der raus“ hat sich Öster­reichs Jus­tiz inzwi­schen in meh­re­ren Fäl­len beschäf­tigt. Bei einem Pro­zess in Wels ging es aller­dings um die Dar­bie­tung des Hass­ge­grö­les in Kom­bi­na­ti­on mit einem Hit­ler­gruß und „Sieg heil“-Geschrei. In Inns­bruck wur­de ein Mann ver­ur­teilt, der die Losung bei einem Fest einem Nicht-Öster­rei­cher ent­ge­gen­ge­schmet­tert und auch noch „Scheiß Türk“ dazu geschrien hat – beglei­tet von einem Hit­ler­gruß. Jüngst stand in Leo­ben ein Ober­stei­rer vor Gericht, der auf Face­book die „Aus­län­der raus, Deutsch­land den Deutschen“-Version ver­brei­tet hat­te. Er kas­sier­te wegen Ver­het­zung eine Ver­ur­tei­lung.

Bei ande­ren Fäl­len wur­de zwar Ermitt­lun­gen kol­por­tiert, straf­recht­li­che Kon­se­quen­zen sind jedoch nicht bekannt. Der Grü­ne Natio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­te Lukas Ham­mer hat nach dem Iden­ti­tä­ren-Auf­marsch im Som­mer, wo das „Lied“ nach­weis­lich sogar direkt vor Polizist:innen gegrölt wor­den war, Anzei­ge nach dem Ver­het­zungs- und Ver­bots­ge­setz erstat­tet; auch Stoppt die Rech­ten brach­te in einem wei­te­ren Fall der Ver­brei­tung der Paro­le zur D’Agostinos Melo­die eine Sach­ver­halts­dar­stel­lung wegen des Ver­dachts des Ver­sto­ßes gegen bei­de Geset­ze ein.

Die öster­rei­chi­sche Jus­tiz wäre gut bera­ten zu erklä­ren, war­um die in Öster­reich (!) gegröl­te Losung „Deutsch­land den Deut­schen“, die ihre Wur­zeln in einer deut­schen streng anti­se­mi­tisch aus­ge­rich­te­ten Grup­pie­rung aus der Wei­ma­rer Repu­blik hat, die dann im NS auf­ge­gan­gen ist, nicht nach dem Ver­bots­ge­setz, son­dern bes­ten­falls als Ver­het­zung straf­recht­lich ver­folgt wird.

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Schlagwörter: Antisemitismus | FPÖ | Neonazismus/Neofaschismus | Oberösterreich | Rassismus/Antimuslimischer Rassismus | RFJ | Steiermark | Verbotsgesetz | Verhetzung | Wiederbetätigung

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