Was wurde denn aus … Gerhoch Reisegger?

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Sei­nen jüngs­ten Auf­tritt hat­te der mitt­ler­wei­le 82-jäh­ri­ge rechts­extre­me ober­ös­ter­rei­chi­sche Publi­zist Ger­hoch Rei­seg­ger bei einem Reichs­bür­ger-Mee­ting in Bay­ern am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de. Auch wenn er beim „3. Zukunfts­kon­gress Deutsch­land“ (ZKD) mit gleich zwei Vor­trä­gen („Reli­gi­on und Nati­on“, „Was ist Deutsch?“) ver­tre­ten war – von sei­nen Glanz­zei­ten, in denen er als Shoo­ting-Star der inter­na­tio­na­len rechts­extre­men Sze­ne her­um­ge­reicht wur­de, ist er weit entfernt.

Im schwä­bi­schen Städt­chen Wem­ding fand das hoch­tra­bend „Zukunfts­kon­gress Deutsch­land“ beti­tel­te, schwach besuch­te Mee­ting einer Reichs­bür­ger-Grup­pe statt, das durch Medi­en­be­rich­te, eine gut besuch­te Gegen­de­mo und eine Raz­zia der Poli­zei Auf­merk­sam­keit fand – und dann war da noch „ein Mann jen­seits der 70: Ger­hoch R., einer der Refe­ren­ten auf einer Ver­an­stal­tung von soge­nann­ten Reichs­bür­gern“ (br.de, 17.11.23) der sich als „Mon­ar­chist“ vor­stell­te, sei­nen Hund Gas­si führ­te und erklär­te, von Demo­kra­tie nichts zu hal­ten. Unschwer zu erken­nen, wer damit gemeint war. Was der Baye­ri­sche Rund­funk Ger­hoch Rei­seg­ger sen. ent­lock­te, war zwar nicht gera­de tief­schür­fend, aber es funk­tio­niert jeden­falls bei der Selbst­cha­rak­te­ri­sie­rung als Antidemokrat.

Reisegger mit dem 2. Vortrag "Was ist Deutsch ? (am Gegensatz von christlich und jüdisch; Fehler im Original!) am Programm des 3. ZKD (Screenshot Programm)

Rei­seg­ger mit dem 2. Vor­trag „Was ist Deutsch ? (am Gegen­satz von christ­lich und jüdisch; Feh­ler im Ori­gi­nal!) am Pro­gramm des 3. ZKD (Screen­shot Programm)

Antisemitische Erzählungen als Lebensthema

Zwi­schen Refe­ra­ten zum The­ma „Freie Ener­gie“, „Unrecht seit 100 Jah­ren erken­nen und ver­ste­hen“, „Vom Deutsch spre­chen­den Ame­ri­ka­ner zum Ger­ma­nen“ und „Die befrei­en­de Ener­gie des Was­sers“ durf­te Rei­seg­ger sei­ne The­men refe­rie­ren. In einem Teaser-Video mit „Lars“ wet­ter­te er über die „ver­bre­che­ri­schen Regie­run­gen“ Kohl und Mer­kel und jam­mer­te: „Man­che Din­ge sind nicht frei dis­ku­tier­bar.“ Ver­mut­lich meint Rei­seg­ger damit, was sei­ner Lebens­er­zäh­lung ent­spricht: die ver­meint­li­che jüdi­sche Welt­ver­schwö­rung, die er seit Jahr­zehn­ten in allen denk­ba­ren Vari­an­ten in Medi­en und Vor­trä­gen abhan­delt. (1)

Vorab-Video zum ZKD 2023: "Lars" mit Reisegger (Screenshot TG)

Vor­ab-Video zum ZKD 2023: „Lars” mit Rei­seg­ger (Screen­shot TG)

Zwi­schen 2000 und 2010 war Rei­seg­ger auf etli­chen inter­na­tio­na­len Kon­fe­ren­zen Refe­rent neben Nazi-Grö­ßen und Holo­caust-Leug­nern wie dem ehe­ma­li­gen KKK-Lea­der David Duke, Jür­gen Graf, Pierre Krebs oder Ahmed Rami. Dane­ben und dazwi­schen gas­tier­te er etwa in dem aus Mit­teln der Bun­des­re­gie­rung geför­der­ten „Haus der Hei­mat“ in Wien, bei der „Initia­ti­ve Frei­heit­li­cher Frau­en” und beim „Kampf­bund Deut­scher Sozia­lis­ten“ (KDS), einer neo­na­zis­ti­schen Grup­pe, die sich an Nord­ko­rea orientierte.

Moskau 2002: Revisionisten und Holocaustleugner in Reih & Glied: vorne v.l.n.r.: Ahmed Rami (Marokko/ Schweden), Russ Granata (USA), Jürgen Graf (CH, Weiss- russland), Fredrick Toben (AUS) und V. Siderov (BG), hintere Reihe v.l.n.r.: Rene-Louis Berclaz (CH), Gerhoch Reisegger (A), David Duke (USA), R. Krege (AUS) und Michael Piper (USA) - Foto aus AIB 55/2002

Rei­seg­ger in Mos­kau 2002 mit Revi­sio­nis­ten und Holo­caust­leug­nern (Screen­shot AIB)

Das Tref­fen mit dem KDS fand übri­gens im Okto­ber 2004 in Mos­kau statt. Auf der Inter­net­prä­senz des KDS war dazu zu lesen:

Bei einem guten Trop­fen und schar­fen Gerich­ten gab es mit dem revi­sio­nis­ti­schen Autor hei­ße Dis­kus­sio­nen über stra­te­gi­sche Fra­gen des Kamp­fes gegen den US-Impe­ria­lis­mus und sei­ne zio­nis­ti­schen Hin­ter­män­ner. Posi­tiv wur­de von allen Teil­neh­mern die­se abend­li­che Zusam­men­kunft, mit vie­len Aspek­ten des anti­kos­mo­po­li­ti­schen Kamp­fes Sta­lins, gewür­digt. Für Rech­te, die jetzt eine Ner­ven­kri­se bekom­men, emp­feh­le ich die Ein­schät­zung Micha­el Küh­nens, über die Per­sön­lich­keit Sta­lins, zu lesen. Eine Ein­la­dung der Bezirks­lei­tung Ber­lin des KDS zu einem Besuch in der alten Reichs-DDR-Haupt­stadt nahm der Autor freu­dig ent­ge­gen.

Nach­zu­le­sen ist dies bei Andre­as Kem­per. Kem­per berich­tet zudem aus­führ­lich über ein ande­res Tref­fen, an dem Rei­seg­ger weni­ge Tage zuvor in St. Peters­burg teil­ge­nom­men hat­te. Der Kon­gress „Die christ­li­che Welt im drit­ten Jahr­tau­send“ brach­te rus­si­sche Mon­ar­chis­ten mit deutsch­ös­ter­rei­chi­schen Ultra­rech­ten zusam­men, unter ihnen der Bru­der von Ryke Geerd Hamer, der Anti­se­mit Eber­hard Hamer und – hier schließt sich ein ande­rer Kreis – der Reichs­bür­ger Matthes Haug.

Haug ist nicht nur einer der Beschul­dig­ten in der Reichs­bür­ger-Grup­pe „Patrio­ti­sche Uni­on“, die 2022 aus­ge­ho­ben wur­de und unter Ter­ror-Ver­dacht steht, son­dern auch einer der Teil­neh­mer an dem 3. ZKD vor weni­gen Tagen in Wem­ding, wo er erneut auf Rei­seg­ger traf.

Zur Jah­res­wen­de 2004/2005, also nach sei­nem aus­gie­bi­gen Russ­land-Trip, war Rei­seg­ger noch in einer ande­ren Sache auf- und aus­fäl­lig gewor­den. Er ver­brei­te­te einen Text des aus­tra­li­schen Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gen Joe Vialls, wonach Ame­ri­ka­ner und Juden durch die Zün­dung einer Unter­was­ser-Atom­bom­be den ver­hee­ren­den Tsu­na­mi im Dezem­ber 2004 ver­ur­sacht hät­ten. Auch die­ser het­ze­ri­sche Schwach­sinn fand sei­ne Anhänger*innen. Rei­seg­ger schaff­te es damit sogar in einen Bei­trag des kri­ti­schen ARD-Maga­zins „Pan­ora­ma“.

Nach 2010 ebb­ten Rei­seg­gers Akti­vi­tä­ten ab. 2014 tauch­te er mit einem Vor­trag beim Wie­ner Aka­de­mi­ker­bund des Chris­ti­an Zeitz, einem Ver­trau­ten im rech­ten Geis­te, auf, 2016 Rei­seg­ger bei einem Arbeits­kon­vent des Alten Orden vom St. Georg. Hier wird es noch ein­mal inter­es­sant. Nicht wegen Rei­seg­ger selbst, der nur als Besu­cher erwähnt wird, son­dern wegen ande­rer Figu­ren, die da noch refe­rier­ten. Es tra­fen sich Rechts­kon­ser­va­ti­ve und Rechts­extre­me aus Adel, Kle­rus und dem „ein­fa­chen“ Volk zum Arbeits­the­ma „Die Zukunft Euro­pas – ist unse­re Zivi­li­sa­ti­on dem Unter­gang geweiht?“

Das inter­es­sier­te offen­bar nicht nur Rei­seg­ger, son­dern auch die bei­den Orga­ni­sa­to­ren des „Jagst­hau­se­ner Krei­ses” Kon­rad Wut­scher und Wolf­gang Cas­part, den rech­ten Publi­zis­ten Tho­mas Bach­hei­mer, den pro­rus­si­schen Rechts­exte­men Algis Kli­ma­i­tis, die ultra­kon­ser­va­ti­ve Akti­vis­tin Hed­wig Frei­frau von Bever­foer­de und den nie­der­län­di­schen Citi­zen­GO-Akti­vis­ten Michiel Hem­min­ga. Die Refe­ren­ten: der ultrare­ak­tio­nä­re eme­ri­tier­te Weih­bi­schof Andre­as Laun, Chris­ti­an Zeitz vom Wie­ner Aka­de­mi­ker­bund, der nie­der­län­di­sche Rechts­au­ßen- Poli­ti­ker und Dugin-Freund Thier­ry Bau­det und der immer wei­ter nach Rechts abdrif­ten­de Islam-Exper­te Bassam Tibi, der drei Jah­re nach die­sem selt­sa­men Tref­fen mit Rechts­extre­men, Rechts­fun­da­men­ta­lis­ten und Anti­se­mi­ten wie Ger­hoch Rei­seg­ger im öster­rei­chi­schen Par­la­ment die Gedenk­re­de gegen Gewalt und Ras­sis­mus im Geden­ken an die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus gehal­ten und vor dem „impor­tier­ten“ Anti­se­mi­tis­mus gewarnt hat. Damit kann er nicht Ger­hoch Rei­seg­ger gemeint haben, denn des­sen Anti­se­mi­tis­mus ist nicht „impor­tiert“, son­dern zwei­fels­frei hausgemacht.

AUF1 bei Reichsbürgern

Beim Reichs­bür­ger-Tref­fen in Wem­ding war auch Ste­fan Magnets Inter­net­ka­nal „Auf1“ vor Ort – „mit meh­re­ren Per­so­nen“ ver­tre­ten, wie BR24 berich­te­te. Auch hier schließt sich ein Kreis, denn vor fast 20 Jah­ren refe­rier­te Rei­seg­ger bei den Neo­na­zis vom Bund frei­er Jugend (BFJ), dem Ste­fan Magnet als füh­ren­der Kader ange­hör­te, sei­ne Ver­schwö­rungs­mär­chen zu den Ter­ror­an­schlä­gen vom 11. Sep­tem­ber 2001.

Vor weni­gen Tagen ist im tief­brau­nen Nord­land-Ver­lag eine neue Num­mer der neo­na­zis­ti­schen Zeit­schrift „Volk in Bewe­gung – Der Reichs­bo­te“ erschie­nen. Als einer der Autoren wird Ger­hoch Rei­seg­ger genannt. Also auch im publi­zis­ti­schen Bereich ist sich Rei­seg­ger treu geblieben.

Reisegger als Autor im neonazistischen ViB, Nov. 2023

Rei­seg­ger als Autor im neo­na­zis­ti­schen ViB, Nov. 2023

Reisegger bei Konferenz in Moskau 2006: "Auf den ersten Blick könnte man den Eindruck erhalten, das Weltgeschehen sei nichts weiter als eine Summe zufälliger oder lokaler Vorkommnisse. Doch Gerhoch Reisegger (Österreich) ist der Überzeugung, dass hinter den sichtbaren Fakten der gegenwärtigen internationalen Politik stets Kräfte stehen, die unsichtbar sind oder sich zumindest bemühen, es zu sein. So war es am 11. September 2001, als die Amerikaner die Terroranschläge auf das Welthandelszentrum und das Pentagon inszenierten. So war es bei der Vorbereitung der mit lügenhaften Argumenten begründeten Aggression gegen den Irak, als die NATO lange nach den „Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins“ suchte, sie jedoch nicht fand. Ein aus jüngster Vergangenheit stammendes Beispiel für die Manipulierung des öffentlichen Bewusstseins sind die demagogischen Debatten über die „nukleare Bedrohung seitens des Iran“." (Screenshot Website Ateney)

Rei­seg­ger bei Kon­fe­renz in Mos­kau 2006 (Screen­shot Web­site Ateney)

SdR-Serie „Was wur­de denn aus …?”
➡️ Was wur­de denn aus … Hel­mut Pilhar?
➡️ Was wur­de denn aus … Gary Lauck?
➡️ Was wur­de denn aus … Karl Steinhauser?

Fuß­no­ten

1 Ein umfas­sen­der Über­blick über Rei­seg­gers Akti­vi­tä­ten und ideo­lo­gi­schen Aus­wür­fe bis zum Jahr 2010 ist in Wil­helm Laseks Dos­sier „Funk­tio­nä­re, Akti­vis­ten und Ideo­lo­gen der rechts­extre­men Sze­ne in Öster­reich“ (S. 122ff) zu finden.