Die alten Jagsthausener (Teil 2)

Als der frühere tschechis­che Staat­spräsi­dent Václav Klaus 2018 vor dem Jagsthausen­er Kreis (JK) referierte, adressierte er seine Begrüßung namentlich an zwei Her­ren – die Organ­isatoren der Tagung: die Her­ren Cas­part und Wutsch­er. Bevor wir uns mit ihnen und den anderen Jagsthausen­ern der let­zten Jahre beschäfti­gen, machen wir noch eine weit­ere Rückblende.

Bis vor kurzem war eigentlich fast nichts über den Jagsthausen­er Kreis, seine Mit­glieder und Teilnehmer*innen (es waren fast auss­chließlich Män­ner), die Orte und die Refer­ate, die bei seinen Tagun­gen gehal­ten wur­den, bekan­nt.: „Über die ide­ol­o­gis­che Fär­bung des Kreis­es, seine per­son­elle Zusam­menset­zung und mögliche Auf­nah­mebe­din­gun­gen des ‚Jagsthausen­er Kreise‘“ kön­nen lediglich Mut­maßun­gen angestellt wer­den“, schrieb Isabel Drews noch 2005 in ihrer Arbeit über den Schweiz­er Recht­spop­ulis­ten James Schwarzen­bach („Schweiz­er erwache!” Der Recht­spop­ulist James Schwarzen­bach (1967–1978), Ver­lag Huber, Frauen­feld, 2005).

Dabei ver­danken wir ger­ade ihrer Arbeit einige wichtige Erken­nt­nisse über die Jagsthausen­er. Etwa, dass man sich zweimal im Jahr, alternierend entwed­er auf der Jagsthausen­er Götzen­burg oder im steirischen Bad Aussee traf. Bad Aussee, das war die Arbeitsstätte des Alt­nazi, SS-Offiziers und späteren Geheim­di­en­st­manns Wil­helm Höt­tl. Er kommt in den Mit­glieder- und Ein­ladungslis­ten der Jagsthausen­er nicht vor – es wäre aber ein merk­würdi­ger Zufall, wenn aus­gerech­net vor sein­er Haustür Tre­f­fen von promi­nen­ten Alt­nazis, Geheim­di­en­stlern und Recht­sex­tremen ohne ihn stattge­fun­den hätten.

Jeden­falls wis­sen wir aus diversen Schreiben, die zwis­chen den Mit­gliedern zirkulierten, wer in den 1960er- und 70er-Jahren der organ­isatorische Kopf der Jagsthausen­er war. Drews nen­nt den „in der Öffentlichkeit nicht bekan­nten Wiener“ nur mit den Ini­tialen, A.F.. In den uns vor­liegen­den Mit­glieder- und Adressen­lis­ten taucht er nicht auf – ver­mut­lich, weil sie von ihm ver­fasst wur­den. A.F. war ein sude­tendeutsch­er Tex­til­fab­rikant, der in der Nazi-Zeit im Pro­tek­torat für Böh­men und Mähren eine gewichtige Rolle spielte. Seine ide­ol­o­gis­che Ein­stel­lung blitzt in einem Brief aus dem Jahr 1967 auf: „Das Einzige, was man sieht, ist Auflö­sung und da wieder ist mir die unheim­lich­ste Erschei­n­ung de Gaulle: spielt er oder wird er gespielt? Ich nehme das let­ztere an und frage mich, auf welch­er Grund­lage sich Roth­schild mit denen [sic!] Kom­mu­nis­ten bere­its geeinigt hat.“ (aus dem Brief A.F. an G.B. vom 9.7.67) Da tauchen sie wieder auf – die alten anti­semi­tis­chen Nazi-Ver­schwörungserzäh­lun­gen, unter­legt mit einem Schuss Pes­simis­mus, der für alte Nazis im Jahr 1967 dur­chaus ange­bracht war!

A.F., der Tex­til­fab­rikant, war offen­sichtlich auch der­jenige, der Ref­er­enten und Geld für den JK keilte. Drews schreibt von Mit­glieds­beiträ­gen, mit denen die Vorträge finanziert wur­den; es dürften aber auch großzügige Spenden ein­ge­langt sein. Der Alt­nazi, spätere Recht­sex­treme und Geheim­di­en­stler Ger­hard Bau­mann schrieb jeden­falls 1971, dass der Organ­isator A.F. das näch­ste Tre­f­fen schon angekündigt habe, „ver­bun­den mit einem Brun­ftschrei nach Geld! Soll er haben, kriegt er auch“ (aus dem Brief an Her­mann Bick­ler vom 11.3.71).

Mitglieder Jagsthausener Kreis (BRD; Auszug)

Mit­glieder Jagsthausen­er Kreis (BRD; Auszug)

Einige der Ref­er­enten waren dur­chaus promi­nent, wie etwa Franz Josef Strauß, der Chef der CSU und langjährige bayrische Min­is­ter­präsi­dent, der im Feb­ru­ar 1975 beim JK referierte: „Er will sich viel Zeit nehmen, damit auch interne Fra­gen besprochen wer­den kön­nen“, zitiert Isabel Drews den Organ­isator A.F. aus einem Schreiben an James Schwarzen­bach, der sein­er­seits das Gesicht der Schweiz­er Recht­en in den 1960er- und 70er-Jahren war.

Strauß bei Besprechun­gen über interne Fra­gen der Jagsthausen­er? Vielle­icht eine Übertrei­bung des Organ­isators, um das Tre­f­fen noch schmack­hafter zu machen, ander­er­seits entsprach die Gemen­ge­lage aus Inter­essen von alten Nazis, Geheim­di­en­stlern, Indus­triellen und Recht­sex­tremen dur­chaus. Weit­ere Ref­er­enten waren – unter vie­len anderen – der revi­sion­is­tis­che Hitler-Bio­graph Wern­er Maser, der Nazi-Schweiz­er Armin Mohler, ein später­er Pro­po­nent der Neuen Recht­en und der SS-Mann Her­mann Bick­ler, der sich sein­er Verurteilung zum Tod durch ein franzö­sis­ches Gericht durch Flucht ent­zo­gen hat­te, 1973 aber ohne Prob­leme bei den Jagsthausen­ern über „Die deutsche Sit­u­a­tion“ referieren kon­nte. Karl Ept­ing, ein deutsch­er Nazi und Anti­semit, der im beset­zten Frankre­ich Kar­riere machte, durfte zu „Frankre­ich-Europa“ 1973 referieren und James Schwarzen­bach sprach 1974 zum The­ma „Unheilige Allianzen – welt­poli­tis­che Hin­ter­gründe“. Isabel Drews urteilt darüber: „Inhaltlich han­delte es sich dabei um eine Vari­a­tion der Weltver­schwörungs­these im Stile der ‚Pro­tokolle der Weisen von Zion‘.

Rund ein Drit­tel der Red­ner blick­te auf eine Kar­riere im NS-Regime zurück“, schreibt Drews in ihrem Schwarzen­bach-Buch. Bei den Red­nern mag das zutr­e­f­fen, bei den Mit­gliedern und Adres­sat­en des JK war der Anteil sich­er viel höher. Einige von ihnen haben wir schon in Teil 1 genan­nt, Drews nen­nt noch Taras Boro­da­jkewycz selb­st und den in Ried im Innkreis gebore­nen Völk­er­rechtler Her­mann Raschhofer. Der war ein ille­galer Nation­al­sozial­ist, der im Reich­spro­tek­torat Böh­men und Mähren gewütet hat­te, aber nach 1945 unge­hin­dert weit­er an sein­er Kar­riere arbeit­en durfte. Wie Boro­da­jkewycz (und Höt­tl) war Raschhofer übri­gens Teil­nehmer der Ober­weis­er Kon­ferenz 1949, wo die alten Nazis mit Vertretern der ÖVP über eine Unter­stützung bei den Wahlen debattierten.

Drews ist aufge­fall­en, dass Schwarzen­bach in seinem Briefwech­sel mit dem dama­li­gen Organ­isator der Jagsthausen­er, A.F., „eine deut­lich aggres­si­vere Wort­wahl pflegte als gewöhn­lich“. Wenn man aggres­siv durch offen ergänzt, gilt das auch für die anderen alten Jagsthausen­er. Wil­fried Strik-Strik­feldt, ein baltisch­er Nazi-Kol­lab­o­ra­teur und Jagsthausen­er, sprach in einem Brief an Bau­mann 1967 (20.2.) davon, dass nur der

stand­hafte – in sich gefes­tigte – Men­sch (…) dem ‚rev­o­lu­tionären Krieg‘ stand­haft begeg­nen [kann]. Daher ist das Prob­lem der inneren Fes­ti­gung durch eine Elite die vor­dringlich­ste Auf­gabe der Stunde. Und nur sie kann diesen Geg­n­er „abschreck­en“ und zur Mäßi­gung zwin­gen. Let­zteres weiß ich ‑aus bit­ter­ster Erfahrung!

Wer der Geg­n­er ist, dem die Jagsthausen­er stel­lvertre­tend für Deutsch­land „stand­haft“ ent­ge­gen­treten müssten, das haben andere vom JK wie sein Organ­isator A.F. oder auch James Schwarzen­bach schon so for­muliert, wie sie es Jahrzehnte zuvor aufgenom­men haben: Juden, Kom­mu­nis­ten, Linke.

Entschei­dend bleibt zulet­zt, mit welch­er Gesin­nung ein Volk dem Schick­sal gegenüber­tritt“, pos­tuliert der Alt­nazi Her­mann Bick­ler in einem Brief, den er 1967 aus seinem ital­ienis­chen Fluchtort an Bau­mann geschrieben hat. So ähn­lich, nur etwas neg­a­tiv­er, hat das Goebbels auch for­muliert, bevor er seine Fam­i­lie und sich selb­st suizidierte.

Durch die Mate­ri­alien, die Erich Schmidt-Een­boom und Isabel Drews in ihren Arbeit­en so neben­bei über den JK gesam­melt und veröf­fentlicht haben, wis­sen wir jet­zt etwas mehr über diesen klan­des­ti­nen Klub im äußerst recht­en Eck. Wir wis­sen jet­zt auch, dass Öster­re­ich­er von den frühen Jahren an bis zulet­zt nicht nur als Mit­glieder und Ref­er­enten aktiv waren, son­dern auch den Kreis organ­isiert haben. In den 1960er- und 70er-Jahren war es der Wiener Tex­til­fab­rikant, der im Pro­tek­torat Böh­men und Mähren gewirkt hat­te, in den let­zten Jahren sind es die bei­den Salzburg­er Cas­part und Wutsch­er. Sie und ihr Wirken wer­den wir nach dem Som­merurlaub vorstellen.

P.S.: Wir danken Erich Schmidt-Een­boom und Isabel Drews für die von ihnen zur Ver­fü­gung gestell­ten Materialien!

➡️ Die alten Jagsthausen­er (Teil 1)