Tom Rohrböck & die Österreich-Connections (Teil 1)

Zugegeben: Die Recherchen von NDR, WDR und „Die Zeit“ über den „Strip­pen­zieher“, das „Phan­tom“ Tom Rohrböck wer­fen mehr Fra­gen auf, als sie beant­worten – zumin­d­est, was Öster­re­ich bet­rifft. Da ist von einem die Rede, der ein Königs­mach­er sei, vor dem selb­st hochrangige Politiker*innen Angst hät­ten. Aber die Recherchen machen das Sys­tem Rohrböck sicht­bar­er. Das reicht auch in öster­re­ichis­che Parteien hinein. Wir haben uns die Öster­re­ich-Con­nec­tions näher angesehen.

Mehr als drei Jahre Recherche hat ein Ver­bund von Journalist*innen von NDR, WDR und „Die Zeit“ benötigt, um Infos über den sich wahlweise als Jour­nal­is­ten, Unternehmens­ber­ater, Han­delsvertreter, Ver­sicherungsvertreter geben­den Thomas Peter „Tom“ Rohrböck zusammenzutragen.

Rohrböck selb­st hat gegenüber Geschäftspart­nern ein­mal gesagt, er sei ein Mann an der Schnittstelle von „braunen Hor­den, motor­rad­fahren­den Jungs und ehe­ma­li­gen Mil­itärs“. Einige Poli­tik­er sagen, sie hät­ten nach dem Ende der Zusam­me­nar­beit mit Rohrböck ihren Wohnort und ihren Nach­na­men gewech­selt. Ein Spitzen­funk­tionär der AfD sagt über eine Begeg­nung mit Rohrböck: „Ich habe die Zähne des Tigers gese­hen.“ (zeit.de, 23.6.21; Paywall!)

Rohrböck wird vor allem mit der AfD in Verbindung gebracht. Sein Geschäftsmod­ell: Er bietet Politiker*innen seine Unter­stützung an – mit Beratung, Coach­ing, Kon­tak­ten, Intri­gen und medi­alen Jube­lar­tikeln. Das reichte bis zur Frak­tionsvor­sitzen­den Alice Wei­del, die auch offen zugab, mit Rohrböck in Kon­takt ges­tanden zu sein. Mit ihr sollen es um die 30 Abge­ord­neten alleine aus der AfD-Bun­destags­frak­tion sein.

Rohrböck in einer Chatnachricht 2018: "Die AfD ist keine Partei, mehr eine Versorgungschance für Geschieterte Existenzen." (Quelle: https://story.ndr.de/afd-netzwerk-rohrboeck/index.html)

Rohrböck in ein­er Chat­nachricht 2018: „Die AfD ist keine Partei, mehr eine Ver­sorgungschance für Gescheit­erte Exis­ten­zen.” (Quelle: story.ndr.de)

Rohrböck stellt auch Geld auf. Woher der Rubel rollt, ist bis­lang unbekan­nt; da kur­sieren einzelne Namen wie jen­er des Mil­liardärs August von Finck junior, der als Bewun­der­er von Jörg Haider gilt und Diet­rich Mat­teschitz dessen Red Bull-„Haupt­sitz (…) nur eine halbe Stunde von der Vil­la am Mattsee ent­fer­nt [liegt], in der Rohrböck wohnt“ (zeit.de). Mit Rohrböck zugle­ich ver­bun­den ist auch ein weitre­ichen­des, undurch­sichtiges Firmengeflecht.

Alice Wei­del, so heißt es, habe Rohrböck erst­mals in Öster­re­ich getrof­fen. Im Salzbur­gis­chen sollen rei­hen­weise Tre­f­fen stattge­fun­den haben, etwa im Schloß Fuschl, aber auch in anderen Luxu­s­res­sorts, in die Rohrböck seine Kon­tak­t­per­so­n­en ein­ge­laden hat­te. Das Bun­des­land Salzburg spielt über­haupt eine zen­trale Rolle, nicht nur, weil dort eines der Dom­izile von Rohrböck liegt.

Das von Rohrböck for­mulierte Ziel: eine Partei nach dem Vor­bild von Haiders BZÖ aufzustellen, die rechts der Union­sparteien ste­ht bzw. einen all­ge­meinen Linksruck zu ver­hin­dern. Es scheint ihm jeden­falls gelun­gen zu sein, „ein unfass­bares Net­zw­erk“ (der Unternehmens­ber­ater und Ex-Wei­del-Mitar­beit­er Friedel Opitz im Zeit-Pod­cast „Der Schat­ten­mann der AfD”) das sich aus Politiker*innen aus AfD, CDU und FDP speist, aufzubauen. Das über­ge­ord­nete Ziel, seine dahin­ter­ste­hen­den per­sön­lichen Inter­essen, „das wis­sen nicht mal die Men­schen, die mit ihm zusam­mengear­beit­et haben in der AfD“ (der Jour­nal­ist Chris­t­ian Fuchs im Zeit-Pod­cast). Er int­rigiert, sticht Infor­ma­tio­nen durch, hil­ft mit Kon­tak­ten und Geld. Tom Rohrböck ist ein Polit­stratege und Unternehmer. Zu seinen Geschäftspart­nern zählen verurteilte Straftäter, darunter eine Betrügerin und ein Mann, der ille­gal Diplo­maten­pässe ver­mit­telte. Rohrböck verkehrt mit den Man­agern halb­sei­den­er Invest­ment­fir­men und mit Leuten aus dem Neon­az­im­i­lieu“, fasst es Die Zeit zusammen.

Noch bevor Rohrböck Ein­fluss auf die Grün­dung der AfD nahm, ver­suchte er bei anderen Grup­pierun­gen anzu­dock­en – erfol­g­los. Mit dem mehrfach vorbe­straften Det­tl­eff Schilde gelang es Rohrböck schließlich, beim Auf­bau der AfD kräftig mitzu­mis­chen. Schilde, der Anfang April 2014 ver­starb, hat­te auch Kon­tak­te zum BZÖ:

Schilde, ein vorbe­strafter Betrüger, der während sein­er Haft ein recht­sradikales Man­i­fest ver­fasste, baute 2013 mehrere Lan­desver­bände der Alter­na­tive für Deutsch­land mit auf. Er war damals an der Seite des Parteigrün­ders Bernd Lucke zu sehen. Später war Schilde offen­bar auch in Öster­re­ich poli­tisch aktiv, für das Bünd­nis Zukun­ft Öster­re­ich (BZÖ), eine Partei, die der Recht­spop­ulist Jörg Haider gegrün­det hat­te. Schildes Engage­ment war nicht ehre­namtlich. Es war ein lukra­tiv­er Job, für den ihn Tom Rohrböck ent­lohnte: Aus inter­nen E‑Mails geht her­vor, dass Schilde als Gegen­leis­tung für seine poli­tis­che Arbeit ein „monatlich­es Salär“ von 7000 Euro ver­langte. Rohrböck willigte ein. (zeit.de)

Dettleff Schilde mit Gerald Grosz (Quelle: wanus.de 2014)

Det­tl­eff Schilde mit Ger­ald Grosz (Quelle: wanus.de 2014)

2013 spricht der deutsche Pub­lizist Jür­gen Roth in seinem Buch „Spin­nen­netz der Macht“ von „nation­al-frei­heitlichen Strip­pen­ziehern”, deren Kon­tak­te zwis­chen Wien und Flens­burg, zwis­chen Rügen und dem Bodensee“ (S. 33) laufen wür­den. Rohrböck sei ein­er davon, der dabei zwis­chen ver­schiede­nen, alle­samt rechts ste­hen­den Parteien herum­switchte: von CDU/CSU, FDP bis zur recht­sex­tremen NDP – in Öster­re­ich FPÖ, BZÖ und auch ÖVP und Neos.

Ursprünglich in Hes­sen von der CDU, dann der FDP kom­mend, wird Rohrböck Press­esprech­er der 2009 gegrün­de­ten recht­spop­ulis­tis­chen Kle­in­st­partei „Auf­bruch 21 – Die Frei­heitlichen“, mit der er aber keinen Erfolg erzie­len konnte.

Bere­its damals, im Jahr 2009, kri­tisierte der stel­lvertre­tende Bun­desvor­sitzende dieser Partei unter anderem die Kon­tak­te des Press­esprech­ers Rohrböck zur öster­re­ichis­chen FPÖ des Recht­spop­ulis­ten Jörg Haider. Den Vor­wurf, dass Auf­bruch 21 ein Sam­mel­beck­en für Recht­spop­ulis­ten sei, wies Rohrböck zurück. „Wir sind mit Sicher­heit ein Sam­mel­beck­en für diejeni­gen, denen die Union­sparteien zu weit nach links gerückt sind.“ (Roth, S. 34)

Rohrböck auf FB 2010: "Jörg Haider begründete den Weg..."

Rohrböck auf FB 2010: „Jörg Haider begrün­dete den Weg…”

Rohrböck auf FB 2010: "...Uwe Scheuch geht ihn weiter."

Rohrböck auf FB 2010: „…Uwe Scheuch geht ihn weiter.”

Nun, Haider war 2009 bere­its ein Jahr tot und noch länger nicht mehr in der FPÖ, aber es gab ja die Nachkömm­linge, die bis 2013 Kärn­ten noch weit­er run­ter­wirtschaften durften. 2009 hat­ten sich alle Mit­glieder des Land­tagsklubs vom BZÖ abges­pal­ten und näherten sich als for­mal noch unab­hängige FPK wieder der blauen Mut­ter­partei an. Das BZÖ über­lebte im Bund unter Klubob­mann Josef Buch­er noch bis zur Nation­al­ratswahl 2013, bei der Kärn­ten-Wahl 2013 erre­ichte die orange Truppe mit 6% noch ein let­ztes Mal den Einzug in den Land­tag. Rohrböcks und Schildes Engage­ment hat­ten nichts geholfen: Die Partei ver­sank in inter­nen Stre­it­ereien und dez­imierte sich auch ohne Wahlen durch Auss­chlüsse und Über­tritte in die FPÖ und ins damals neue, inzwis­chen aber eben­falls versenk­te Team Stronach. Da nützten auch Buch­ers Auftritte mit Rohrböck nichts: Nach dem Desaster bei der Nation­al­ratswahl trat er als Parteiob­mann zurück. Ger­ald Grosz über­nahm das BZÖ.

Rohrböck mit Wilhelm Hankel und Josef Bucher (Quelle: skylla.at)

Rohrböck mit Wil­helm Han­kel und Josef Buch­er (Quelle: skylla.at)

Rohrböck mit Bucher, Ramb, Deml bei "Europäisches Investoren Forum Sinn & Invest“ in Landshut 2012 (Quelle: skylla.at)

Rohrböck mit Buch­er, Ramb, Deml bei „Europäis­ches Inve­storen Forum Sinn & Invest“ in Land­shut 2012 (Quelle: skylla.at)

Buch­er war auch im Beirat eines rechtsste­hen­den, neolib­eralen Net­zw­erkes, der „Deutschen Gesellschaft für Finanz- und Haushalt­spoli­tik e. V., wo – wie kön­nte es anders sein? – Rohrböck eben­falls mit­mis­chte. Im Beirat fand sich auch Kon­rad Steindl, bis 2013 ÖVP-Nation­al­ratsab­ge­ord­neter, danach bis 2019 Präsi­dent der Salzburg­er Wirtschaftskammer.

Auf den zwei Face­book-Accounts von Rohrböck sind noch Reste seines wohl als gescheit­ert zu beze­ich­nen­den Engage­ments für BZÖ-„Granden“ zu find­en. Befre­un­det ist er noch immer mit den ehe­ma­li­gen Nationalrät*innen Ste­fan Pet­zn­er, Mar­ti­na Schenk, Josef Buch­er, Rain­er Wid­mann und mit Michael Tschar­nut­ter, einst Lan­deschef des BZÖ Wien.

FB-Freund*innen Rohrböck: u.a. Thomas Schellenbacher (Ex-FPÖ-NR), Rainer Widmann, Martina Schenk, Stefan Petzner (Ex-BZÖ-NR); Bucher und Harmuss (Ring Freiheitlicher Wirtschaftstreibender) gratulieren Rohrböck auf FB häufig zum Geburtstag (Quelle: FB Rohrböck)

FB-Freund*innen Rohrböck: u.a. Thomas Schel­len­bach­er (Ex-FPÖ-NR), Rain­er Wid­mann, Mar­ti­na Schenk, Ste­fan Pet­zn­er (Ex-BZÖ-NR); Buch­er und Har­muss (Ring Frei­heitlich­er Wirtschaft­streiben­der) grat­ulieren Rohrböck auf FB häu­fig zum Geburt­stag (Quelle: FB Rohrböck)

➡️ Tom Rohrböck & die Öster­re­ich-Con­nec­tions (Teil 2)
➡️ Tom Rohrböck & die Öster­re­ich-Con­nec­tions (Teil 3)
➡️ Tom Rohrböck & die Öster­re­ich-Con­nec­tions (Teil 4)
➡️ Tom Rohrböck und der Neonazi

Geheimes AfD-Net­zw­erk: was will Strip­pen­zieher Tom Rohrböck? (STRG_F 2021, 29′42″)