Die alten Jagsthausener (Teil 1)

Wenige Monate bevor der recht­sex­treme Bun­deswehrof­fizier Fran­co A., der derzeit wegen der Vor­bere­itung ein­er schw­eren staats­ge­fährden­den Straftat in Frankfurt/Main vor Gericht ste­ht, am Schwechater Flughafen Anfang 2017 eine Pis­tole ver­steck­te, war er Gast in Freilass­ing – beim ziem­lich ver­schwore­nen und recht extremen Jagsthausen­er Kreis. Die Organ­isatoren des Jagsthausen­er Kreis­es sind Österreicher.

Bish­er war nur wenig über den Jagsthausen­er Kreis bekan­nt. Der Kreis der Mit­glieder bzw. Ein­ge­lade­nen ist klein, sehr klein sog­ar. Beim Tre­f­fen in einem Landgasthof in Freilass­ing an der bayrisch/österreichischen Gren­ze im Mai 2019 waren laut AIDA rund ein Dutzend ältere Män­ner und Frauen zuge­gen – mit zwei gewichti­gen Ref­er­enten: dem tschechis­chen Ex-Staat­spräsi­den­ten Václav Klaus und dem slowakischen Ex-Min­is­ter­präsi­den­ten Jan Čarnogurský.

Da stellen sich dann schon einige Fra­gen, etwa: Warum fahren zwei Ex-Präsi­den­ten nach Freilass­ing, um dort einem Dutzend Men­schen ihre schrä­gen und recht­en, aber dur­chaus bekan­nten Ansicht­en über die EU vorzu­tra­gen? Üblicher­weise kassieren Ex-Präsi­den­ten hohe Hon­o­rare für einen Vor­trag – wie war das bei den Jagsthausen­ern? Václav Klaus war so begeis­tert von den Jagsthausen­ern und die von ihm, dass er nach seinem Vor­trag 2018 ein Jahr später noch ein­mal referiert hat. Wer trat noch als Ref­er­ent bei den Jagsthausen­ern auf? Und schließlich: Wer organ­isiert den Jagsthausen­er Kreis (JK), und wer sind seine Mitglieder?

Zunächst ein­mal: Über das Geld, das beim JK fließt, wis­sen wir (noch) nichts. Dass sich geldige Men­schen im JK ver­sam­meln, um sich dort mit anderen zumeist extrem Recht­en „auszu­tauschen“, wis­sen wir aus dem Buch von Erich Schmidt-Een­boom „Under­cov­er – Der BND und die deutschen Jour­nal­is­ten“, 1998 erschienen bei Kiepen­heuer & Witsch. Dort wird der JK so beschrieben:

Im Burggasthof Jagsthausen ver­sam­melte sich regelmäßig ein rechtkon­ser­v­a­tiv­er Kreis von Mil­itärs und Beamten, Jour­nal­is­ten und Wirtschafts­führern aus vier Län­dern. Die Anschriften­liste vom April 1985 umfaßt 30 bun­des­deutsche Mit­glieder – darunter Man­ci Schacht, die Frau des NS-Bankpräsi­den­ten Hjal­mar Schacht, der selb­st noch mit 91 Jahren im Som­mer 1967 im Jagsthausen­er Kreis vor­ge­tra­gen hat­te. Min­destens vier – ver­mut­lich sechs – der west­deutschen Jagsthausen­er gehörten, neben den BND-Press­eson­derverbindun­gen Bau­mann und Rochus Hof­fer, einem west­deutschen Geheim­di­enst an: Nor­bert Wingert­er, Regierungs­di­rek­tor im Lan­desamt für Ver­fas­sungss­chutz Bay­ern, sowie vom BND Lud­wig Hauswedell, Her­bert Kukuk und Prinz Karl von Thurn und Taxis. In Öster­re­ich hat­te der Zirkel 24 Mit­glieder, in der Schweiz drei und in Ital­ien fünf, darunter Johannes Gehlen, ein Halb­brud­er des BND-Grün­ders und ab 1947 sein Statthal­ter in Rom. Und auch Rein­hard Gehlen tauchte gele­gentlich im Jagsthausen­er Kreis auf, eben­so sein lei­t­en­der Mitar­beit­er Wil­fried Strik-Strikfeldt.

Schmidt-Eenboom: Undercover

Schmidt-Een­boom: Undercover

Eine andere Quelle haben wir auch noch aufgestöbert. Isabel Drews set­zt sich in ihrem Buch über den Schweiz­er Recht­sex­tremen und „Grand­seigneur der unap­peti­tlichen Recht­en“ (Tage­sanzeiger, 12.9.05) James Schwarzen­bach („Schweiz­er erwache!” Der Recht­spop­ulist James Schwarzen­bach (1967–1978), Ver­lag Huber, Frauen­feld, 2005) mit dessen Beziehung zum JK auseinander:

Ein beson­deres Augen­merk gilt den Net­zw­erken, in denen er sich bewegte. Vor der schweiz­erischen Öffentlichkeit gezielt geheim gehal­ten, unter­hielt der recht­skon­ser­v­a­tive Ver­leger aller­lei dubiose Kon­tak­te bis in die recht­sex­treme Szene hinein. Im elitären „Jagsthausen­er Kreis”, vor dem auch der bay­erische CSU-Poli­tik­er Franz Josef Strauss auf­trat, traf er sich mit Alt­nazis und Vor­denkern der neuen Recht­en regelmäs­sig zum Gedanke­naus­tausch. (Tage­sanzeiger)

Also Geheim­di­en­stler, alte Nazis, Recht­sex­treme, Franz Josef Strauß, James Schwarzen­bach – und sehr viele Österreicher*innen in der Adressen­liste des JK von 1985. Das ist lange her, aber unser Inter­esse war so groß, dass wir Erich Schmidt- Een­boom kon­tak­tierten und tat­säch­lich von ihm bzw. dem Archiv des Forschungsin­sti­tuts für Frieden­spoli­tik e.V. Weil­heim Auskun­ft erhiel­ten. In erster Lin­ie haben wir his­torische Erken­nt­nisse erwartet – und auch erhalten.

►So umfasste die Liste der öster­re­ichis­chen Kon­tak­tadressen den Sohn (Olaf) und die Witwe (Hilde) des 1984 ver­stor­be­nen Alt­nazi und Anti­semiten Taras Boro­da­jkewycz, der in den Nachkriegs­jahren die „Ehe­ma­li­gen“ für die ÖVP zu wer­ben ver­suchte („Ober­weis­er Kon­ferenz“ ).
►Eben­falls auf der Adressen­liste: Otto Hof­mann-Wellen­hof (1909–1988), ein steirisch­er ÖVP-Poli­tik­er und „Verbindungs­mann der Steirischen Volkspartei zum deutschna­tionalen Lager“ (Wikipedia).
►Ernst Stra­ch­witz (1919–1998), ein weit­er­er JK-Adres­sat, saß auf einem Tick­et der ÖVP für die „Junge Front“ zwis­chen 1949 und 1953 im Nation­al­rat, grün­dete später dann die stramm rechte Zeitschrift „Neue Ord­nung“, die seit 1999 im Stock­er-Ver­lag erscheint.
►Hein­rich Jordis- Lohausen (1907–2002), eben­falls gelis­tet, „ist in der extremen Recht­en ‚ein­er der Großmeis­ter des geopoli­tis­chen Denkens nach 1945‘, schreibt Wikipedia über ihn.
►Mit in der illus­tren recht­sex­tremen Runde des JK war auch Otto Scrinzi (1918–2012), der Alt­nazi und langjährige FPÖ-Politiker.

Die Liste der Österreicher*innen beim JK ist damit natür­lich noch nicht erschöpft, aber unter den restlichen Adressen aus 1985 find­en sich, vielle­icht mit Aus­nahme des eben­falls schon ver­stor­be­nen sehr recht­en Salzburg­er Sozi­olo­gie-Pro­fes­sors Mohammed Rassem, keine Namen, bei denen man nach erster Sich­tung ein öffentlich­es Inter­esse annehmen könnte.

Doch einen gibt es noch, der schon damals auf der Liste stand und auch jet­zt noch im JK aktiv ist – offen­sichtlich als ein­er sein­er Organ­isatoren: Wolf­gang Cas­part!

➡️ Fran­co in Freilassing

➡️ Die alten Jagsthausen­er (Teil 2)