Von obskur bis braun – Zur rechtsesoterischen Veranstaltung „Volition“ (Teil 1)

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Dein Wil­le kris­tal­li­siert das Jetzt.“ So milieu­ty­pisch harm­los tönt der Unter­ti­tel des kom­men­den „Volition“-Kongresses, bei dem sich von 14. bis 16. Juli Akteur*innen der recht­se­so­te­ri­schen Sze­ne ein Stell­dich­ein im ober­ös­ter­rei­chi­schen Sip­bach­zell geben wer­den. Teil 1: Ein Blick auf For­mat und Organisator*innen.

Schon der Ver­an­stal­tungs­ort der „Voli­ti­on“ erweckt Asso­zia­tio­nen ins rechts­extre­me Feld: Das Gast­haus zum Zir­ben­schlössl in Sip­bach­zell fun­gier­te bereits mehr­fach als Aus­tra­gungs­ort von Events des rechts­extre­men Inter­net-TV-Sen­ders AUF1 und ist daher wohl auch auf das Publi­kum der „Voli­ti­on“ ein­ge­stellt. Ob die­se auf Natur und Natür­lich­keit gepol­te Kli­en­tel jedoch damit rech­net, dass direkt hin­ter dem Gast­haus die viel­be­fah­re­ne West­au­to­bahn ver­läuft und nach vor­ne der Blick auf einen Gewer­be­park fällt, darf bezwei­felt werden.

Der „Kon­gress“ fin­det nun bereits zum vier­ten Mal statt und fei­ert im Juli sei­ne Pre­mie­re in Öster­reich. Das For­mat einer hybri­den Ver­an­stal­tung, bei der eine Live-Ein­tritts­kar­te sat­te 144 Euro für ein Zwei­ta­ges­pro­gramm kos­tet – ohne Ver­pfle­gung und Näch­ti­gung, ver­steht sich – und die Online-Teil­nah­me 44 Euro, dürf­te sich zum ein­träg­li­chen Geschäfts­mo­dell ent­wi­ckelt haben. Damit es sich aus­zahlt, wer­den im Nach­feld auch noch DVDs und USB-Sticks ver­ti­ckert. Bei der „Voli­ti­on” im Früh­jahr wur­den sogar Kin­der­ti­ckets feil­ge­bo­ten: Um 70 Euro konn­ten Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gen auch Kin­der ab acht Jah­ren indok­tri­nie­ren. Der Umsatz dürf­te sich pro Kon­gress auf meh­re­re zig­tau­send Euro belau­fen. Immer­hin wird mit den Vor­tra­gen­den ein Teil der Hau­te Volée des deutsch­spra­chi­gen Obsku­ran­ten­tums aufgeboten.

Volition-Ankündigung April 23: mit Kindertickets um 70 Euro

Voli­ti­on-Ankün­di­gung April 23: mit Kin­der­ti­ckets um 70 Euro

Die Organisation

Drei Orga­ni­sa­tio­nen fir­mie­ren als Ver­an­stal­ter: „W14“, „Blog‑M“ und die „Aka­de­mie für Bewußt­seins­Me­di­zin“. Das simu­liert ledig­lich eine gewis­se Grö­ße, denn hin­ter den ers­ten bei­den steht nur eine Per­son, der deut­sche Eso­te­rik-Influen­cer Micha­el Bau­der. „W14“ heißt Bau­ders Ver­ein, der laut Web­site-Impres­sum sei­nen Sitz in Graz hat, des­sen erst kürz­lich eröff­ne­tes Ver­eins­zen­trum sich aller­dings in Deutsch­land (Wen­de­hau­sen, Thü­rin­gen) befin­det. Auf der Web­site fin­det sich ein unter eso­te­ri­schen Gemein­plät­zen ver­schlag­wor­te­tes Kurs­an­ge­bot: „Mys­tik“, „Trans­for­ma­ti­on“, „Natur­kraft“; zur Ziel­set­zung des Ver­eins heißt es u.a. vage: „Beein­träch­ti­gun­gen, belas­ten­de Ein­flüs­se der Zivi­li­sa­ti­on aus­zu­schlie­ßen, die­se zu neu­tra­li­sie­ren.

Unter dem Namen „Blog‑M“ betreibt Bau­der einen You­Tube- sowie einen Tele­gram-Kanal, wo er eine Gefolg­schaft von etwa 13.000 Abonnent*innen erreicht. Bei den Vide­os han­delt es sich aus­schließ­lich um Gesprä­che mit ande­ren Szene-Akteur*innen. Schnell wird dabei die enge Ver­bin­dung zu jenen Per­so­nen sicht­bar, die vor kur­zem das geschichts­re­vi­sio­nis­ti­sche Tref­fen „Rhein­wie­sen- und Ahrtal­tref­fen“ orga­ni­siert haben und sich mit offen­si­ver NS-Rela­ti­vie­rung und völ­ki­scher Ver­klä­rung immer wie­der in den Nah­be­reich von neo­na­zis­ti­schen Nar­ra­ti­ven bewe­gen – das geht mit­un­ter bis hin zur offe­nen Leug­nung der Sho­ah, wie wir im Rah­men einer gemein­sa­men Recher­che mit AROB (Anti­fa­schis­ti­sche Recher­che Ober­berg) aus­führ­lich berich­tet haben.

Direkt aus dem Umfeld die­ser Grup­pe an der Orga­ni­sa­ti­on der „Voli­ti­on“ betei­ligt ist der deut­sche Ex-Apo­the­ker Cars­ten Pöt­ter, Lei­ter der „Aka­de­mie für Bewußt­seins­Me­di­zin“, die frei­lich mit einer uni­ver­si­tä­ren Aka­de­mie nichts zu tun hat, aber immer­hin eine Aus­bil­dung zum „See­len­weg­be­glei­ter“ anbie­tet. Pöt­ter ist selbst­er­nann­ter „Herz­blut-Alche­mist“ und ver­treibt über sei­ne Fir­ma „Resona­lo­gic“ pseu­do­me­di­zi­ni­sche Prä­pa­ra­te, soge­nann­te „Reso­nanz­mit­tel“ oder auch „CauS­oly­te“.

„Heilung der deutschen Volksseele“

Neben sei­ner Aka­de­mie bie­tet Pöt­ter gemein­sam mit Nan­cy Man­do­dy und deren Lebens­ge­fähr­ten Oli­ver Kloth auch Schu­lun­gen zum „Veri­tas-Beglei­ter“ an. Kloth und Man­do­dy waren im engen Orga­ni­sa­ti­ons­team für das „Rhein­wie­sen- und Ahrtal­tref­fen“ aktiv, wobei sich ins­be­son­de­re Kloth durch expli­zi­te Holo­caust­leug­nung her­vor­ge­tan hat. Man­do­dy wird bei der „Voli­ti­on“ spre­chen und zwar über ihr „Fach­ge­biet“, die „Hei­lung der deut­schen Spra­che“.

Mandody und Kloth beim "friedensprojekt" – ob der "Deppen-Apostroph" zur Heilung der deutschen Sprache gehört? (Screenshot Website "friedensprojekt")

Man­do­dy und Kloth beim „frie­dens­pro­jekt” – ob der „Dep­pen-Apo­stroph” zur Hei­lung der deut­schen Spra­che gehört? (Screen­shot Web­site „frie­dens­pro­jekt”)

Die Web­site zu dem gemein­sa­men Pro­jekt – „friedensprojekt.info“ – ist außer­or­dent­lich erhel­lend hin­sicht­lich des flui­den Zusam­men­spiels von eso­te­ri­schen und völ­kisch-deutsch­na­tio­na­len Ideo­lo­ge­men. Man will an „der Hei­lung der Deut­schen Volk­see­le“ mit­wir­ken, hin zur „Ganz­wer­dung des Deut­schen Geis­tes“, was nur gelin­ge, wenn wir uns mit „unse­ren Ahnen rück­ver­bin­den“.

Pöt­ter scheint seit weni­gen Tagen nicht mehr als Mit­be­grün­der und Betrei­ber des Pro­jekts auf der Web­site auf. In der Home­page-Prä­am­bel war Pöt­ter vor kur­zem noch als Mit­be­grün­der genannt:

Wir, Nan­cy und Cars­ten, haben gemein­sam das Veri­tas Beglei­ter-Por­tal ins Leben geru­fen, um an der Hei­lung der deut­schen Volk­see­le mit­zu­wir­ken. Unser Ziel ist die Ganz­wer­dung des Deut­schen Geis­tes. Dies kann nach unse­rem Ver­ständ­nis nur gelin­gen, wenn wir uns in Lie­be und Wohl­wol­len auch wie­der mit unse­ren Wur­zeln und unse­ren Ahnen rückverbinden.

Pöt­ter ver­kün­de­te im Zuge eines Semi­nars in Öster­reich Anfang Mai sei­nen Rück­zug. Sei­nen Platz nimmt nun Oli­ver Kloth ein. Zudem wur­den zwei gan­ze Rubri­ken von der Home­page ent­fernt, etwa jene, die bis vor kur­zem unter dem Titel „Die wah­ren Viren“ die ver­schwö­rungs­phan­tas­ti­sche und NS-affi­ne Ideo­lo­gie die­ser Grup­pe unge­schminkt gezeigt hat. Dort wur­de zu den „Viren“ etwa die „Frank­fur­ter Schu­le“ gezählt, also jene vor­nehm­lich jüdi­schen Intel­lek­tu­el­len um Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no, die vor dem NS-Ter­ror flie­hen muss­ten und von denen die völ­ki­schen Heiler*innen die anti­se­mi­tisch grun­dier­te Behaup­tung auf­stel­len, sie wür­den „als intel­lek­tu­el­le Basis der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land“ gel­ten, und es gin­ge ihnen dar­um „den Geist der Men­schen unter Kon­trol­le zu brin­gen“. Die Ent­fer­nung wird ver­mut­lich eine Reak­ti­on auf unse­re Ver­öf­fent­li­chun­gen sein.

Wich­ti­ger noch für die Grup­pe ist der vom US-Ame­ri­ka­ner Wil­liam Toel erfun­de­ne Ver­schwö­rungs­my­thos um „Bletch­ley Park“, wo wäh­rend des zwei­ten Welt­krie­ges angeb­lich der gehei­me Plan zur Zer­stö­rung Deutsch­lands aus­ge­heckt wur­de; Man­do­dy mode­riert eine inzwi­schen 17-teil­i­ge Video­se­rie namens „Es war ein­mal in Bletch­ley-Park“, wo nahe am Guru Toel mit unter­schied­li­chen Akteur*innen über das seit 1945 geknech­te­te Deutsch­land sin­niert wird.

"Die wahren Viren" (Screenshot Website "friedensprojekt")

„Die wah­ren Viren” (Screen­shot Web­site „frie­dens­pro­jekt”)

Die Frankfurter Schule als Teil der "wahren Viren" (Screenshot Website "friedensprojekt")

Die Frank­fur­ter Schu­le als Teil der „wah­ren Viren” (Screen­shot Web­site „frie­dens­pro­jekt”)

Auch zum engen Kreis um die Ver­an­stal­ter zählt die pen­sio­nier­te Salz­bur­ger Kunst­his­to­ri­ke­rin Cathe­ri­ne T., die mit ihrem You­Tube-Kanal immer­hin 26.600 und über Tele­gram fast 30.000 Fol­lower erreicht. T., die bei „Voli­ti­on“ eben­falls spre­chen wird und auch zum Orga-Team des „Rheinwiesen“-Events gehör­te, tritt regel­mä­ßig sowohl mit Bau­der als auch mit Man­do­dy in Gesprächs­for­ma­ten auf. Eben­so wie Letz­te­re und deren Holo­caust­leug­ner-Part­ner fun­giert auch sie als Sprach­rohr einer ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­schen und brau­nen Eso­te­rik; davon zeugt nicht nur eine rechts­kräf­ti­ge Ver­ur­tei­lung wegen Holo­caust­ver­harm­lo­sung von Febru­ar 2022 durch das Salz­bur­ger Lan­des­ge­richt, son­dern etwa auch ein Inter­view mit dem erwähn­ten Wil­liam Toel, das im Novem­ber 2022 statt­ge­fun­den hat. Das Gespräch mit dem Titel „Lass uns über Lie­be spre­chen“ wird getra­gen von der Behaup­tung, dass Deutsch­land zuerst ein geblen­de­tes Opfer von Hit­ler war und dann der Alli­ier­ten. Der grob NS-rela­ti­vie­ren­de Grund­ton des Gesprächs ent­steht durch die fort­wäh­ren­de Sug­ges­ti­on, die alli­ier­te Herr­schaft sei noch schlim­mer als die NS-Herr­schaft gewe­sen; dazu die Behaup­tung, Deutsch­land sei nach 1945 sei­ner „Männ­lich­keit“ beraubt worden.

T. greift in dem Gespräch die von Toel ent­wi­ckel­te, sexis­ti­sche Schwur­bel-Meta­pher von Deutsch­land als „jun­ge, nai­ve Frau“ auf, und sie streicht noch­mals her­vor, wie unschul­dig die­se dar­an war, an den fal­schen Lieb­ha­ber (Hit­ler) gekom­men zu sein: Die unschul­di­ge Frau „gibt ihre gan­ze Lie­be dem ver­kehr­ten Mann, jeman­dem, der sie gefan­gen nahm; es ist ein Raub“. Dann kom­me der Ret­ter: „der Bri­te, der Ami“. Die Frau sei aber „immer noch gefan­gen, mehr als davor“. Dann sehe die Frau, was „der Beschüt­zer anrich­tet: er ent­fernt die Män­ner, den Mann; die Rhein­wie­sen (…), es war wie eine Kas­tra­ti­on des Männ­li­chen, der dann die Frau nicht mehr beschüt­zen kann“.

Das Stich­wort von der Rhein­wie­se nimmt Toel ger­ne auf: Dort sei­en 800.000 Men­schen ermor­det wor­den, dar­un­ter 40 % Kin­der, denn laut der „neu auf­er­leg­ten Geschichts­schrei­bung“, also jener der Alli­ier­ten, sei­en Deut­sche „kei­ne ech­ten Men­schen“. Dabei han­delt es sich um eben jene Neo­na­zi-Lüge, die auch der Anlass für das besag­te „Rhein­wie­sen- und Ahrtal­tref­fen“ war. (1)

Delirierender Verschwörungsglaube

Zur deutsch­na­tio­na­len und NS-revi­sio­nis­ti­schen Stoß­rich­tung kommt eine schein­bar boden­lo­se Fas­zi­na­ti­on für Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gen, die sich bei T. völ­lig unge­hal­ten bahn­bricht, was immer wie­der im (nicht immer kodier­ten) Anti­se­mi­tis­mus mün­det. So will sie in Aus­ga­be fünf des gemein­sam mit Bau­der ver­an­stal­te­ten YT-Talk­for­mat „Zeit für Drei“ etwa der Fra­ge nach­ge­hen „wer die Strip­pen­zie­her sind“ und zwar „ein bissl fei­ner als nur unter­tei­len in Deep Sta­te und die vom gelob­ten Land“.

Dass es auch noch wir­rer geht, zeigt T. in einem Gespräch mit dem QAnon-Ver­schwö­rungs­händ­ler Trau­gott Ick­eroth, das sie auf You­Tube wegen sei­nes kras­sen Inhalts nur ankün­digt und statt­des­sen auf der Platt­form „Rum­ble“ ver­öf­fent­licht. Unter dem Titel „Das Ende des Empires“ kom­men die bei­den schnell zu blut­rüns­tigs­ten Wahn­be­haup­tun­gen aus dem QAnon-Uni­ver­sum, das ins­ge­samt ein durch­ge­knall­tes Auf­ko­chen der ur-anti­se­mi­ti­schen Erzäh­lung von sys­te­ma­ti­schen Kin­der­op­fe­run­gen durch eine jüdi­sche Eli­te ist. Ick­eroth schil­dert sei­nen Wahn in dras­ti­schen Details, wenn er aus­führt, dass die Welt­be­herr­scher bei ihren „sata­ni­schen Ritua­len“ spä­tes­tens „beim fina­len Kehl­schnitt“ dann „so drei Meter bis drei Meter fünf­zig groß“ wer­den und sich „auf die tot­ge­fol­ter­ten Opfer“ stür­zen.

Die Ver­stri­ckung mit der extre­men Rech­ten liegt auch mit Bezug auf die USA völ­lig offen zuta­ge. Ick­eroth bezeich­net „Black Lifes Mat­ter“ und die „Anti­fa“ als „die Gegen­sei­te“. Alle Quel­len, auf die die bei­den sich posi­tiv bezie­hen, sind rech­te Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gen von Donald Trump abwärts, bis hin zu den übels­ten Het­zern wie etwa Alex Jones und Tucker Carlson.

Die Affi­ni­tät für Trump und des­sen MAGA-Bewe­gung ist so groß, dass T. gar zu der Ein­schät­zung gelangt, die USA sei Euro­pa „in Bezug auf den Auf­wach­pro­zess“ vor­aus. Das sagt schon viel ein­ge­denk des milieu­ty­pi­schen Anti­ame­ri­ka­nis­mus. Der Voll­stän­dig­keit hal­ber: T. schätzt auch Putin frei­lich sehr. „Trump ist wie Putin, die ver­spre­chen nichts, was sie nicht hal­ten.“ Mehr Unsinn in einem kur­zen Satz ver­packt ist kaum noch möglich!

➡️ Teil 2: Ein Blick auf wei­te­re Vortragende

Fuß­no­ten:

1 Zur Nach­le­se, was an den Rhein­wie­sen tat­säch­lich pas­siert ist, sie­he etwa die­ser „Spiegel“-Bericht!