Von obskur bis braun – Zur rechtsesoterischen Veranstaltung „Volition“ (Teil 2)

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Dein Wil­le kris­tal­li­siert das Jetzt.“ So milieu­ty­pisch harm­los tönt der Unter­ti­tel des kom­men­den „Volition“-Kongress, wo sich von 14. bis 16. Juli Akteur*innen der recht­se­so­te­ri­schen Sze­ne ein Stell­dich­ein im ober­ös­ter­rei­chi­schen Sip­bach­zell geben wer­den. Teil 2: Ein Blick auf Vortragende.

Schlaglichter auf einige Referent*innen

Ein geteil­ter Bezug zu Ver­schwö­rungs­phan­tas­tik und Eso­te­rik ver­bin­det die gela­de­nen Redner*innen der „Voli­ti­on“. Dar­un­ter befin­det sich auch der nie­der­ös­ter­rei­chi­sche Trick­künst­ler Ric­car­do Lep­pe, über des­sen Akti­vi­tä­ten – dar­un­ter auch die Ver­brei­tung der „Ger­ma­ni­schen Neu­en Medi­zin“ oder der brau­ne­so­te­ri­schen „Anastasia“-Ideologie – wir vor kur­zem berich­tet haben. Außer­dem ist der öster­rei­chi­sche Öko­nom Franz Hör­mann ange­kün­digt, der seit vie­len Jah­ren in der Sze­ne umtrie­big ist (u.a. bei der „Anti­zens­ur­kon­fe­renz“ des Schwei­zer Sek­ten­gu­rus Ivo Sasek oder dem rechts­extre­men Medi­en­pro­jekt „AUF1“) und auch schon in etli­chen For­ma­ten mit den erwähn­ten Akteur*innen zu sehen war.

Der deut­sche Akti­vist Veik­ko Stöl­zer erreicht über sei­nen Tele­gram-Kanal „Veik­ko aka Son Go Q“ immer­hin bei­na­he 67.000 Abonnent*innen, die er, wie der Name nahe­legt, u.a. mit Ver­schwö­rungs­my­then aus der QAnon-Sze­ne ver­sorgt. Wie alle der Erwähn­ten ist er offen anti-links und anti-libe­ral; ein Post mit QAnon-Ver­weis macht das sehr deut­lich – die­se Ein­sicht ist wich­tig, weil sie die oft kol­por­tier­te Annah­me, Esoteriker*innen mit ver­schwö­rungs­my­thi­schem Ein­schlag ver­stün­den sich selbst als irgend­wie eher lin­ke Hip­pies, klar widerlegt.

Veikko Stölzer: "Keine Macht der Roten Pest" (Screenshot TG)

Veik­ko Stöl­zer: „Kei­ne Macht der Roten Pest” (Screen­shot TG)

Das hier vor­ge­stell­te Milieu ist ein stramm rech­tes, in jeder Hin­sicht. Das zei­gen auch Stöl­zers Auf­trit­te im reichs­bür­ger­li­chen Milieu, zuletzt in Worbis (Thü­rin­gen) im Zuge eines Ver­net­zungs­tref­fens, bei dem vier Haft­be­feh­le voll­streckt wur­den und Per­so­nen anwe­send waren, die dem Umfeld der wegen des Ver­dachts auf Rechts­ter­ro­ris­mus im Dezem­ber 2022 hoch­ge­nom­men „Patrio­ti­schen Uni­on“ rund um Prinz Reuß zuzu­rech­nen sind.

Die Rechts­las­tig­keit betrifft eben­falls den deut­schen You­Tube-Schwurb­ler Robin Kai­ser (31.500 Fol­lower), der auch bei der „Voli­ti­on“ auf­tre­ten wird und auf des­sen rhe­to­ri­sche Insze­nie­rung ein genaue­rer Blick lohnt. Mit schwer erträg­li­cher Guru-Atti­tü­de ver­brei­tet der jun­ge Mann aller­lei Unsinn mit rechts­extre­mer Schlag­sei­te. Dar­un­ter auch spi­ri­tu­ell ein­ge­ne­bel­te, pro­rus­si­sche Pro­pa­gan­da, etwa im Video „Macht­wech­sel auf Erden“: Im Ver­gleich zu den „west­lich indok­tri­nier­ten Län­dern, deren Kul­tur stück­wei­se zer­setzt wur­de“ habe das rus­si­sche Feld „in sei­ner Kul­tur noch eine wesent­lich tie­fe­re spi­ri­tu­el­le Ver­wur­ze­lung“. Es spie­le daher eine wich­ti­ge Rol­le bei der Rück­kehr zu einem „natür­lich spi­ri­tu­el­len Selbst­ver­ständ­nis des Men­schen“. Die USA figu­rie­ren hier frei­lich als die „größ­ten Kriegs­trei­ber der Welt“, als Zen­trum einer „künst­lich auf­ge­setz­ten Zivi­li­sa­ti­on“.

In dem Video „Die Abschaf­fung der mensch­li­che Uridee“ hal­lu­zi­niert Kai­ser von einer „trans­hu­ma­nis­ti­schen Agen­da“, die natür­lich von einer welt­be­herr­schen­den Macht orches­triert wird. Zur angeb­li­chen Agen­da zäh­len aller­lei Stich­wor­te der „nor­ma­len“ extre­men Rech­ten, etwa die „Abschaf­fung der Geschlech­ter, der Trans­gen­der-Kult“, außer­dem die Abschaf­fung von Staa­ten („One World Order“), Kul­tu­ren, Wäh­run­gen, Spra­chen und der Fami­lie. So plump ist der erleuch­te­te Rechts­extre­mis­mus, wenn er sei­ne Ängs­te referiert!

Robin Kaiser auf YouTube

Robin Kai­ser auf YouTube

Im Video „Geld aus spi­ri­tu­el­ler Sicht“ bezeich­net Kai­ser das Geld­sys­tem als „schwarz­ma­gi­sche Wert­schöp­fung“ und als ein „sata­ni­sches Sys­tem“ von „künst­li­chen Wer­ten“. Der per­ma­nent fokus­sier­te Kon­trast von „natür­lich“ ver­sus „künst­lich“ und die Behaup­tung, Wert­schöp­fung sei „para­si­tär“, ver­wei­sen auf die Ursup­pe des moder­nen Anti­se­mi­tis­mus, wo Juden und Jüdin­nen als Strip­pen­zie­her eines magi­schen Geld- und Finanz­sys­tems vor­ge­stellt wer­den, das einem angeb­lich orga­ni­schen und pro­duk­ti­ven Kapi­ta­lis­mus ent­ge­gen­ge­setzt wird.

Kai­sers Tipp gegen Geld­pro­ble­me sol­cher Art: „Ver­folgt die Quel­le des Gel­des ener­ge­tisch bis zum Ursprung und schaut direkt in das in die Pyra­mi­de ein­ge­sperr­te all­se­hen­de Auge.“ Tut man dies, kön­ne man die destruk­ti­ve Bestim­mung des Gel­des „umpro­gram­mie­ren“. Denn Geld wer­de eben auch „magisch geprägt“ und nur wer dies „in der Schwin­gungs­si­gna­tur klar wahr­neh­men und auf­lö­sen kann, wird eine heil­sa­me Bezie­hung zu Geld auf­bau­en kön­nen“.

An die­sem Unsinn wird etwas sicht­bar: Der recht­se­so­te­ri­sche Jar­gon ver­söhnt stets einen pathe­tisch auf­ge­la­de­nen Gut-Böse-Maxi­ma­lis­mus (Sata­nis­mus vs. Erleuch­tung) mit der Spie­ßig­keit sei­ner Ziel­grup­pe (eine „heil­sa­me Bezie­hung zu Geld haben“). Abge­lenkt wird von die­sem Wider­spruch mit einem Gewit­ter aus plat­tes­ten Kalen­der­sprü­chen: „Nichts macht so arm wie Neid“ oder „Ver­kau­fe dich nicht unter dei­nem Wert“.

Reaktionäre Geschlechterideologie als Scharnier

Eine ideo­lo­gisch ähn­lich gro­ße Rol­le wie die dau­er­of­fe­ne Flan­ke hin zum Anti­se­mi­tis­mus spielt das Bestehen auf eine ver­meint­lich natür­li­che Geschlecht­lich­keit. Der Anti­fe­mi­nis­mus fun­giert hier, ganz wie im Rest der extre­men Rech­ten, als milieu­über­grei­fen­de Schar­nier- und Mobi­li­sie­rungs­ideo­lo­gie – von kon­ser­va­tiv bis zu braun. Die bereits erwähn­ten Ver­an­stal­ter der „Voli­ti­on”, Micha­el Bau­der und Cars­ten Pöt­ter, zei­gen in einem YT-Gespräch über „Weib­lich­keit“, wel­che sexis­ti­schen Aus­ma­ße das anneh­men kann.

Bauder (Blog-M) und Pötter auf YouTube über "Weiblichkeit"

Bau­der (Blog‑M) und Pöt­ter auf You­Tube über „Weib­lich­keit”

Dua­le, also „natür­li­che“ Geschlecht­lich­keit (Mann und Frau) über­hö­hen und tota­li­sie­ren die bei­den Män­ner der­ar­tig gro­tesk, dass sie zu der Behaup­tung kom­men, von „die“ Son­ne und „der“ Mond zu spre­chen, sei eigent­lich „falsch“ – denn der Mond sei ja eigent­lich weib­lich und die Son­ne männ­lich. Sie ver­su­chen das tat­säch­lich auch in ihrem Gespräch so beizubehalten.

Zur Hyper-Ver­ge­schlecht­li­chung kommt die stän­di­ge Mut­ma­ßung, dass etwas „Ursprüng­li­ches“ ver­lo­ren gegan­gen sei. So sei den Frau­en „ursprüng­li­ches Wis­sen“ „über Jahr­zehn­te abtrai­niert wor­den“. Und Pöt­ter meint wei­ter: Des­we­gen brau­che es heu­te „Spe­zia­lis­ten wie Gynä­ko­lo­gen, wie Ultra­schall, wie regel­mä­ßi­ge Unter­su­chun­gen, ob das Kind ohne Man­gel antritt – das sind ja alles Din­ge, die vor hun­dert oder hun­dert­zwan­zig Jah­ren von der Frau selbst gewusst wur­den.“ Jeder Ultra­schall sei „ein Ein­griff in den Pro­zess des Wachs­tums“. Ein­ge­denk der durch die moder­ne Medi­zin stark gesun­ke­nen Mor­ta­li­täts­ra­te bei Säug­lin­gen gleicht Pöt­ters Ansatz einem mas­si­ven Rück­schritt bei sozi­al- und gesund­heits­po­li­ti­schen Errungenschaften.

Das Geschwur­bel kommt immer in einem wis­sen­schafts­i­mi­tie­ren­den Jar­gon daher, der sich kaum die Mühe macht, Sinn zu erge­ben. Wie­der Pöt­ter: Män­ner „kön­nen aus­se­hen wie Geor­ge Cloo­ney, aber wenn die nicht in der Lage sind, die Schwä­chen der Frau auf der immu­no­lo­gi­schen Ebe­ne aus­zu­glei­chen, kön­nen sie aus­se­hen, wie sie wol­len, sie wer­den kei­nen Stich lan­den.“ So sol­len Frau­en qua ihrer Gebär­mut­ter erken­nen kön­nen, wel­cher Mann der rich­ti­ge Zeu­gungs­part­ner ist. Ob die­ser Fähig­keit kön­ne man sagen, „dass das Weib das Upgrade ist“, lacht dar­auf Bauder.

Nach­dem Frau­en im eso­te­risch-bio­lo­gis­ti­schen Ser­mon auf blo­ße Natur­funk­tio­nen run­ter­re­du­ziert sind, kommt Bau­der – der stän­dig nur von „Weib“ und „Wei­bern“ spricht – dazu fest­zu­hal­ten, was „die Weib­lich­keit letzt­end­lich tat­säch­lich braucht“, und das ist „Schutz, die Rit­ter­lich­keit … all das, was dazu da [ist], die Weib­lich­keit zu schüt­zen, damit sie ihren Job machen kann“. Män­ner stün­den für das „Haus“, und da gehö­re die Frau dazu. Mehr noch: Die Frau sei auch Teil des Man­nes – des­halb hei­ße es „der“ Mann, aber „das“ Weib – damit sei „das natür­li­che Prin­zip auch sprach­lich dar­ge­stellt“ wor­den. So sei das ursprüng­lich kon­zi­piert gewe­sen, und das habe natür­lich nichts mit Abwer­tung zu tun. Pöt­ter ergänzt die­se extre­me sexis­ti­sche Abwer­tung: „Männ­lich ist außer­häus­lich und Weib­lich inner­häus­lich; damit wird klar, wer wo was zu tun hat.

Auch hier­bei han­delt es sich, wie bei Kai­ser oben beschrie­ben, um jene „nor­ma­le“ rech­te – also bür­ger­lich-reak­tio­nä­re – Wunsch­vor­stel­lung einer har­mo­ni­schen „orga­ni­schen“ Gesell­schaft, wo alle ihren qua Natur zuge­wie­se­nen Platz haben, wo es kei­ne Kon­flik­te, Ambi­va­len­zen und Ambi­gui­tä­ten gibt. Die­ses plum­pe Bild ergibt sich immer, wenn man hin­ter den auf­ge­bläh­ten Obsku­ran­tis­mus der Recht­se­so­te­rik blickt.

➡️ Teil 1: Ein Blick auf For­mat und Organisator*innen