Rechtsextreme Medien und das Lueger-Denkmal

Und wieder einmal Wirbel um das Lueger-Denkmal in Wien – sorry, Doktor Karl Lueger-Denkmal am Doktor-Karl-Lueger-Platz. Titel muss sein. Das Denkmal des antisemitischen Bürgermeisters offenbar auch. Dafür plädieren fast alle Parteien und vor allem die Rechtsextremen, die Platz und Denkmal bereits seit längerer Zeit zur Kampf- und Aufmarschzone erklärt haben.

Die Grüne Nationalratsabgeordnete Eva Blimlinger hat die ewige Diskussion um das Lueger-Denkmal beim Stubenring in einem „Kommentar der anderen“ im Standard nachgezeichnet. Sie plädiert für ein Belassen des Lueger-Denkmals und will es mit einem größeren Denkmal für Theodor Herzl samt Umbenennung des Platzes buchstäblich in den Schatten stellen.

Eine Kunstinitiative von Angehörigen der Akademie der Bildenden Künste hat nun mit einer Intervention am Denkmal Politik und Gesellschaft nach dem jahrelangen Nichtstun wachgerüttelt und fordert eine „grundlegende Umgestaltung des Denkmals, die unmissverständlich klar macht, dass Lueger keine Ehrung verdient“. Eine „Schandwache“ steht seit Tagen am Denkmal und will erreichen, dass die Graffiti (u.a. „Schande“) so lange nicht entfernt werden, bis es zu einer Umgestaltung kommt.

Die Jüdische HochschülerInnenschaft bei der "Schandwache" (Presseservice Wien)

Die Jüdische HochschülerInnenschaft bei der „Schandwache“ (Presseservice Wien)

Fast logisch, dass auch die Rechtsextremen unter der Führerschaft der Identitären mit Martin Sellner aufgetaucht sind, um das Lueger-Denkmal in der derzeitigen Form zu „verteidigen“. Dem vorangegangen sind mehrfach Mobilisierungen aus rechtsextremen und auch neonazistischen Kreisen, unter denen sich Lueger besonderer Beliebtheit erfreut. Nach der identitären „Action“ am ersten und zweiten Tag ist (vorerst) nur mehr die Schandwache geblieben.

Bezeichnend, manchmal auch amüsant, ist, wie die rechtsextremen Medien zur Verteidigung des Antisemiten Lueger ausrücken.

Mölzers „Zur Zeit“ bezeichnet alle und alles, was nicht rechtsextrem ist, als linksradikal, linksfaschistisch und linkslink: Nach einem Lob an Lueger, der dafür verantwortlich sein soll, dass Wien die lebenswerteste Stadt der Welt ist (ein Ranking, das von rechter Seite ansonsten permanent abgelehnt wird), wird ein Best of Böse dargeboten: „Linksradikal“ sind einmal alle, „Linksfaschisten“ jene, die das Denkmal „geschändet“ haben – gemeint sind jene, die Graffiti angebracht haben. „Linkslink“ ist die Akademie der Bildenden Künste generell, deren Rektor ist „links“. Seine Vorgängerin, Eva Blimlinger, ist schon deshalb suspekt, weil sie Rektorin war, „ohne zuvor ein Doktorat und oder gar eine Habilitation erlangt zu haben“. (Spannend, das ausgerechnet in einem Medium zu lesen, das von den zwei Studienabbrechern Mölzer Vater & Mölzer Sohn geführt wird!) Schlussendlich kommt auch noch der „linsklinke“ Standard dran, weil der einen Artikel mit „Rechtsextreme zerstören Kunstintervention am Karl-Lueger-Denkmal“ getitelt hatte.

Das Identitären-Onlinemedium „Tagesstimme“ stilisiert die Diskussionen und Aktionen rund um das Lueger-Denkmal als Kampf zwischen „linksgerichteten Vandalen“ und „patriotischen Bürgern“. Mitten im Artikel wird eine Anzeige der FPÖ Wien eingeblendet, was zeigt, dass die seinerzeitige verbale Distanzierung der FPÖ von den Identitären reine Makulatur ist. Man tut nicht einmal mehr so, als ob …

FPÖ schaltet in identitärer "Tagesstimme" ein Inserat

FPÖ schaltet in identitärer „Tagesstimme“ ein Inserat

Das Identitären-nahe oberösterreichische Magazin „Info-Direkt“ macht’s kurz und bündig: Wiener Lueger-Denkmal erneut von Antifa beschädigt“ und bezeichnet die Kunstaktion als „Terror gegen den hochverdienten Bürgermeister aus Zeiten der Monarchie“, gegen den „Patrioten um Martin Sellner“ in einer „mutigen Aktion“ eingeschritten seien.

Ein Herr Alfons Kluibenschädl bringt in einem längeren Kommentar im „Wochenblick“ seine Ängste zum Ausdruck, denn „Rot-grüner Umgang mit Gedenkkultur macht Sorgen“, und er ahnt – nach einem Lob für die stramme Haltung der FPÖ in Person von Ursula Stenzel und Leo Kohlbauer – Böses: Wie es mit dem Lueger-Denkmal enden wird, steht in den Sternen. Aber, dass der Aufruf zu einer Debatte zur Umgestaltung nichts gutes [sic!] heißen kann, zeigte bereits der Siegfriedskopf, ein Gefallenendenkmal, das früher in der Aula der Uni Wien stand.“ (1)

Eines hat der „Wochenblick“ gegenüber den anderen Medien voraus: Er erwähnt Luegers „Tiraden gegen die Wiener Juden“, die „damals aber (leider) durchaus salonfähig“ gewesen seien. Ganz abgesehen davon, dass der Autor die korrekte Bezeichnung für Luegers Geisteshaltung „Antisemitismus“ tunlichst vermeidet, wird mit „aber“ gleichzeitig relativiert: Lueger war ein Taktgeber für den Antisemitismus in Wien und nicht nur einer, der mit dem Zeitgeist geschwommen ist, denn Lueger hat den antisemitischen Diskurs wesentlich in die Salons hineingetragen.

Während Kluibenschädel noch einen offenen Ausgang im Umgang mit dem Denkmal sieht, weiß „unzensuriert“ bereits, was damit geschehen wird: Damit [weil die AktivistInnen der Kunstaktion „offiziell und mit medialer Begleitung“ agiert hätten] dürfte klar sein, dass die rot-grüne Stadtregierung angesichts ihres Nichteinschreitens jetzt spätestens nach der Wien-Wahl das Denkmal entfernen lässt.“ Auch für „unszensuriert“ geht das Ungemach von der Akademie der Bildenden Künste aus: „Generell dürfte die Akademie Ausgangsort der linken Bilderstürmer sein.“

1 Der „Siegfriedskopf“ in der Wiener Universität

Positionen der Wiener Parteien zum Lueger-Denkmal (Wahlkabine)

Positionen der Wiener Parteien zum Lueger-Denkmal (Wahlkabine)