Unwiderstehlich ist nicht unsterblich

Es war eine umfan­gre­iche Razz­ia, mit der in der Vor­woche die Exeku­tive gegen 19 Per­so­n­en aus dem Neon­azi-Milieu in 24 Haus­durch­suchun­gen vorge­gan­gen ist und – so bericht­en jeden­falls „Kuri­er“ und „Öster­re­ich“ – nicht nur ille­gale Waf­fen und den üblichen Nazi-Schrott (Hitler-Bild­chen, Orden usw.), son­dern auch ein­schlägige What­sApp-Kon­ver­sa­tio­nen gefun­den hat. Weil der „Bal­dur Wien“ und einige andere auch kurzfristig von Face­book abge­taucht sind, liegt die Ver­mu­tung nahe, dass die Razz­ia der Gruppe „Unwider­stehlich“ gegolten hat.

„Unwider­stehlich“ nen­nt sich eine Neon­azi-Gruppe, die seit 2016 mit ein­er Web­seite und auch auf Face­book präsent sein will. Ein­er ersten Ein­schätzung der Gruppe, die die „Recherche Wien“ Anfang 2017 vorgenom­men hat, ist eigentlich wenig hinzuzufü­gen. Die Ver­suche der per­son­ellen Expan­sion durch die Grün­dung von regionalen Ablegern auf Face­book sind mit­tler­weile gründlich gescheit­ert – öffentlich bespielt wer­den jet­zt nur mehr die Web­seite und eine einzige Facebook-Seite.

Die „Recherche Wien“ berichtete 2017 noch von Stammtis­chen, die via Face­book bewor­ben wur­den. Damit ist auch schon lange Schluss – die Kom­mu­nika­tion der Nazis hat sich auf What­sApp und andere Kanäle ver­lagert. „Unwider­stehlich“ knüpft nicht zufäl­lig an „Unsterblich“, die Nazi-Hooli­gans von der Wiener Aus­tria, an, die ihre Blütezeit schon einige Jahre hin­ter sich haben. „Unsterblich“ ist als „Old School Aus­tria-Unsterblich“ seit Anfang 2016 wieder mit ein­er Face­book-Seite präsent, pflegt dort in erster Lin­ie aber nur dümm­liche Anti-Rapid-Sprüche.

Ein Gut­teil der Nazis von „Unsterblich“ hat sich mit den Nazi-Hools von Rapid-Wien und den Resten der Küs­sel-Jünger in der Gruppe „Unwider­stehlich“ zusam­menge­tan. Nazi-Ide­olo­gie sticht Hooli­gan-Feind­schaft. Bei „Unwider­stehlich“ find­en sich Rapid-Nazis und Aus­tria-Nazis, die ver­suchen, über die Webpräsenz braune Ide­olo­gie zu ver­bre­it­en. Wir ver­wen­den hier den Begriff „braune Ide­olo­gie“ bewusst, weil auch die Posi­tion­ierun­gen von „Unwider­stehlich“ in ihrer medi­alen Präsenz so gehal­ten sind, dass sie zwar erkennbar an NS-Ide­olo­gie anknüpfen, sie aber nicht klar wiedergeben: Die „Unwider­stehlichen“ ken­nen das Ver­bots­ge­setz und beacht­en dessen Anforderun­gen für ihre öffentliche Webpräsenz – und in ihre Keller und What­sApp-Grup­pen hat man ja erst in der Vor­woche hineingeschaut!

Als „men­schen­rechtswidriges Recht­sungetüm“ ver­suchen die „Unsterblich“-Nazis das von ihnen so benan­nte „NSDAP-Ver­bots­ge­setz“ zu denun­zieren. Im Ver­bots­ge­setz geht’s aber nicht nur um das Ver­bot der NSDAP und ihrer Unteror­gan­i­sa­tio­nen bzw. deren Neu­bil­dung, son­dern eben auch – mit starken Ein­schränkun­gen – um Wieder­betä­ti­gung (§ 3g) und um Holo­caustleug­nung (§ 3h).

Unwiderstehlich und angebliche "Umerziehung"

Unwider­stehlich und ange­bliche „Umerziehung”

Wenn die „Unsterblichen“ über einen ange­blich „pathol­o­gis­chen Schuld­kult“ herziehen, über den „Oberzion­is­ten Stra­che“, über „arbeit­sun­willige Pseudoa­sy­lanten“, über die Demokratie als „Herzen­san­gele­gen­heit ein­er kleinen, aber fanatis­chen Min­der­heit“, dann sind zwar die zen­tralen NS-Topoi Anti­semitismus, Ras­sis­mus, Anti­demokratie ange­sprochen und als solche erkennbar, aber doch so, dass sie nicht vom Ver­bots­ge­setz erfasst sind.

Unwiderstehlich über "Oberzionist Strache"

Unwider­stehlich über „Oberzion­ist Strache”

Die „Unwider­stehlichen“ het­zen aber auch gegen „Axtmän­ner“, „Messer­män­ner“, „Lumpen“ und „Sexbestien in Kutte“. Ein kurz­er Text über ange­bliche „afghanis­che Sexbestien“ wird mit dem Foto eines lüstern imag­inierten Schwarzen illus­tri­ert, der eine – natür­lich – weiße Frau bedrängt. Wenn das nicht Ver­het­zung ist!

Unwiderstehlich: "afghanische Sexbestien"

Unwider­stehlich: „afghanis­che Sexbestien”

Zur Auflockerung zwis­chen den Het­z­tex­ten gibt es für das schüt­tere Face­book-Pub­likum von „Unwider­stehlich“ immer wieder Zitate, die man unter Nazis ver­mut­lich als „erbaulich“ ver­ste­ht. Ger­man­is­che Geis­tes­größen wie Bis­mar­ck, Spen­gler und Schopen­hauer, bevorzugt aber auch Anti­semiten wie Turn­vater Jahn, Hein­rich von Tre­itschke („Die Juden sind unser Unglück“) und Julius Lang­behn wer­den da exhumiert, damit sie in den braunen Stamm­büch­lein der Unwider­stehlichen für ihre Kinder ein schönes Plätzchen abgeben.

Unwiderstehlich: Antidemokrat Spengler

Unwider­stehlich: Anti­demokrat Spengler

Die Unwider­stehlichen sind trotz der Vere­ini­gung von Rapid- und Aus­tria-Naz­i­hools bei ihrer per­son­ellen Expan­sion gescheit­ert. Die Haus­durch­suchun­gen wur­den bis­lang wed­er auf der Face­book-Seite noch auf der Web­seite von „Unwider­stehlich“ irgend­wie kom­men­tiert. Nur am zeitweili­gen Abtauchen von „Bal­dur Wien“, der zur Kern­truppe von „Unwider­stehlich“ zählt, und einiger ander­er aus der Stamm­belegschaft auf Face­book war erkennbar, dass es Bewe­gung bei den braunen Kam­er­aden gibt.

Bierseliges Treffen im Alten AKH bei Küssels Freigang Juni 2016: Küssel, Paul B., Thomas C.-K. (© recherchewien.nordost.mobi)

Unwider­stehlich­es Tre­f­fen im Alten AKH bei Küs­sels Freigang im Juni 2016: Küs­sel, Paul B., Thomas C.alias Bal­dur Wien (© recherchewien.nordost.mobi)

„Bal­dur Wien“ ist mit­tler­weile wieder aufge­taucht. Der ist zulet­zt unan­genehm aufge­fall­en, weil er 2018 im Par­la­ment als Secu­ri­ty-Mitar­beit­er aus­gerech­net im Unter­suchungsauss­chuss zum Ver­fas­sungss­chutz tätig war. Als vor­läu­figes Ergeb­nis der Haus­durch­suchun­gen von let­zter Woche kann übri­gens auch fest­ge­hal­ten wer­den, dass gle­ich mehrere der Haus­be­sucht­en als Secu­ri­ty-Per­son­al tätig sind. Dass sich in diesem Bere­ich selb­st vorbe­strafte Neon­azis ohne Prob­lem (wieder)betätigen kön­nen, haben wir 2019 in ein­er Serie beschrieben.

Unwiderstehlich: Auslaufmodell Demokratie

Unwider­stehlich: Aus­lauf­mod­ell Demokratie