Zum völkischen Eiertanz des Andreas Mölzer (Teil 2): Identitäres in Mölzers „Zur Zeit”

Wie glaub­haft Mölz­ers inhaltliche Dis­tanzierun­gen von den Iden­titären sind, haben wir in Teil 1 dieses Beitrags aus­führlich besprochen. Im zweit­en Teil geht es um das von ihm her­aus­gegebe­nen Wochen­blatt „Zur Zeit“, wo sich zumin­d­est ein Iden­titär­er und viel Iden­titäres find­et. Auch hier zeigt sich, dass eine inhaltlich plau­si­ble Tren­nung zwis­chen iden­titär und frei­heitlich aller Dis­tanzierun­gen zum Trotz nicht möglich ist. Zumin­d­est nicht, solange sich die FPÖ nicht klar von Mölz­er und „Zur Zeit“ distanziert.

Ein iden­titär­er Kapitän und Has­s­poster in Mölz­ers Wochen­blatt 

In Mölz­ers recht­sex­tremer Wochen­zeitschrift „Zur Zeit“ gibt es einen Vielschreiber aus dem Umfeld der Iden­titären: Alexan­der Schley­er, der seit Jahres­be­ginn in beina­he jed­er Aus­gabe vorkommt. Schley­er ist bere­its vor Jahren durch beson­ders wider­liche Has­s­post­ings auf­fäl­lig gewor­den, damals war er par­la­men­tarisch­er Mitar­beit­er von Chris­t­ian Höbart (FPÖ). In diesen Post­ings war etwa von „prim­i­tiv­en Eselfick­erkul­turen“ und von homo­sex­uellen Flüchtlin­gen als „warme Brüder“ und „Zer­set­zer“ die Rede (wom­it klar der völkisch-biol­o­gis­tis­che Wahn anklingt, der eine Zer­set­zung des „Volk­skör­pers“ imag­iniert); zu einem Bon­ner Stadt­teil, in dem es ange­blich extrem­istis­che Mus­lime geben soll, schreibt Schley­er: „Aus­räuch­ern“; zudem posiert er lachend auf einem Foto vor der Reich­skriegs­flagge und tauscht Face­books-Likes mit dem NPD-Vor­sitzen­den Frank Franz aus. Im Jahr 2010 hat Schley­er noch an Neon­azi-Demon­stra­tio­nen im Bonn teilgenom­men. Die Web­site „Antifa-Recherche Wien“ veröf­fentlichte bere­its 2014 Post­ings, in denen Schley­er Schuss­waf­fen ver­her­rlicht und unverblümt ras­sis­tisch gegen „Bim­bos“ het­zt. Auch sein Auftreten als Iden­titär­er war damals bere­its bekan­nt. Beina­he unnötig zu erwäh­nen: Selb­stver­ständlich ist Schley­er auch schla­gen­der Burschen­schafter und nach seinem Ortswech­sel von Bonn nach Wien beim „Corps Hansea zu Wien“ gelandet, ein­er Burschen­schaft, die durch enge Verbindun­gen zur IB aufge­fall­en ist.

Im Früh­jahr 2017 löste Höbart das Dien­stver­hält­nis mit Schley­er nach ein­er Par­la­men­tarischen Anfrage ange­blich „ein­vernehm­lich“ auf. Was man als gutes Tim­ing beze­ich­nen kön­nte, denn im Som­mer des­sel­ben Jahres tritt Schley­er erneut medi­en­wirk­sam in Erschei­n­ung, und zwar als Schiff­skapitän bei der iden­titären „Defend Europe“-Aktion, dem wohl promi­nen­testen Unternehmen der IB über­haupt. Trotz des kläglichen Scheit­erns der men­schen­ver­ach­t­en­den und pein­lichen Aktion gab es eine Menge medi­ale Aufmerk­samkeit für die selb­ster­nan­nten Abend­lan­dret­ter. Schley­er, der in Nordzypern kurzzeit­ig festgenom­men wurde, hat sog­ar ein Buch zu seinem Aben­teuer ver­fasst, das in Kubitscheks „neurechtem“ Ver­lag „Antaios“ erschienen ist, wo auch die Büch­er von Sell­ner erscheinen. In einem auf Youtube veröf­fentlicht­en Inter­view mit der Orts­gruppe „Iden­titäre Bewe­gung Bonn“ (1) sagt Schley­er, dass er bei ein­er zweit­en Boot­sak­tion „selb­stver­ständlich wieder dabei“ wäre. 

„Zur Zeit“ – ein iden­titär­er Redak­teur und viele iden­titäre Inhalte

Kann es sein, dass Mölz­er von all­dem nichts weiß? Kaum. Die Causa erzeugte nicht nur viel Medi­en­res­o­nanz, sie wird sog­ar in „Zur Zeit“ selb­st ange­führt: In ein­er aktuellen Aus­gabe (2) – also bere­its nach dem Neusee­land-Atten­tat – ste­ht bei einem Kom­men­tar von Schley­er, in dem er gegen NGOs het­zt, unten ange­führt, dass er „Nav­i­ga­tion­sof­fizier bei ‚Defend Europe’“ war.

In diesem Kom­men­tar unter dem Titel „Schiffe versenken“ spricht er von den „Zer­set­zern in Behör­den und Par­la­menten“, von NGOs als „Ver­brech­er“ und davon, dass deren „wahn­hafter Selb­sthass die eth­nis­che Zer­störung Europas“ befördere.

Alexander Schleyer in "Zur Zeit": Schiffe versenken

Alexan­der Schley­er in „Zur Zeit”: Schiffe versenken

Mölz­er selb­st stellt in der­sel­ben Aus­gabe die Behaup­tung auf, es gäbe eine „Asylin­dus­trie“, die sich „in der Folge der Mass­en­in­va­sion des Jahres 2015 auch hierzu­lande etabliert“ habe (3). Lediglich diese bei­den Artikel zusam­men betra­chtet ergeben bere­its eine sehr iden­titär klin­gende Pro­pa­gan­da-Melange: Die völkische Angst vor „Zer­set­zung“, Flüchtlinge als „Inva­soren,“ Europa wird „eth­nisch“ zer­stört, eine „Asylin­dus­trie“ zieht die Fäden und bedi­ent ihre Geschäftsin­ter­essen. Man muss es wieder­holen: Das ist nach dem Mas­sak­er von Christchurch und nach der ver­balen Abgren­zung der FPÖ gegen die IB geschrieben worden.

Schley­ers Texte in „Zur Zeit“ zeich­nen sich all­ge­mein durch eine beson­dere Vul­gar­ität und Niveaulosigkeit aus. So musste er etwa in der­sel­ben Aus­gabe einen Wider­ruf schal­ten: Er hat­te in der Nr. 3/2019 über die Jour­nal­istin Nina Horaczek behauptet, die „einst für den RAF-fre­undlichen ‚Fal­ter’ schreibende ‚Chefre­por­terin’“ hätte poli­tis­che Geg­n­er „durch Pri­vatk­la­gen (…) sys­tem­a­tisch wirtschaftlich ver­nichtet“.

Schleyer muss in "Zur Zeit" widerrufen

Schley­er muss in „Zur Zeit” widerrufen

Schley­er dis­tanziert sich freilich nur von dieser einen konkreten Aus­sage, obwohl der gesamte Artikel (4) infam und gren­züber­schre­i­t­end und ein wahres Muster­beispiel für die bei recht­sex­tremen Het­zern beliebte Opfer­pose ist: Schley­er imag­iniert sich und seine Gesin­nungsgenossen als ver­fol­gte Rebellen, spricht von „DDR-Poten­tial“ und „stal­in­is­tis­chen Meth­o­d­en der psy­chol­o­gis­chen Kriegs­führung“, und hal­luziniert die „gezielte Ein­schleusung offenkundig asozialer Ele­mente auf recht­en Kundge­bun­gen“ (wom­it die Neon­azis in den eige­nen Rei­hen als von Außen eingeschleust stil­isiert wer­den, freilich, ohne dafür auch nur einen einzi­gen Beleg vor­brin­gen zu kön­nen). Die Grü­nen seien „reif für ein Ver­botsver­fahren“. Der wider­sprüch­liche Schwenk von ein­er solchen autoritären Forderung zurück zu weit­eren wehlei­di­gen Anwürfe gegen ser­iöse Jour­nal­istIn­nen gelingt Schley­er erstaunlich schnell: „Medi­en­leute wie Michael Bon­va­l­ot oder Colette Schmitt vom rosaroten ‚Stan­dard’ sehen ihre einzige Auf­gabe darin, Mißliebi­gen aufzu­lauern und sie zu denun­zieren, in der Hoff­nung, ihnen größt­möglichen Schaden zuzufü­gen.“ Er schreibt vom „Konzept der sozialen Ver­nich­tung“, das ein „Teil der psy­chol­o­gis­chen Kriegs­führung der Linken“ sei. Auch der Staat hängt da mit drin: Die AfD etwa werde „durch For­men der sozialen Ein­schüchterung [geschwächt], die man son­st eher aus südamerikanis­chen Dik­taturen ken­nt“. Dann vertei­digt er „besorgte Eltern“, die „gegen den staatlich verord­neten Gen­der-Wahnsinn protestiert“ hät­ten, weil sie nicht woll­ten, „dass ihre Kinder in der Volkschule mit Dil­dos spie­len und Schwu­len­sex üben“. Der Text schließt mit ein­er bizarren Anspielung gegen die Weimar­er Repub­lik, also jene par­la­men­tarische Demokratie, die von den Nazis zer­stört wurde; Schley­er par­al­lelisiert seinen poli­tis­chen Kampf damit unver­hüllt mit der faschis­tis­chen Rebel­lion gegen die Weimar­er Republik:

Der Linken und ihrer offe­nen Kriegs­führung mit den härtesten Ban­da­gen zu begeg­nen, ist zwar dur­chaus legit­im, nicht aber zielführend, so lange wie einst in Weimar, Staat, ‚Jus­tiz’ und Ver­wal­tung in ihren Hän­den liegen.       

Apro­pos gegen die Demokratie …

„Zur Zeit“ zeigt sich auch abseits von Schley­er in mul­ti­pler Hin­sicht anschlussfähig an iden­titäre Ide­olo­gie (die recht­sex­treme Nor­mal­ität des Blatts haben wir auch in Teil 2 unser­er Recherche zu „Zur Zeit” von Dezem­ber 2018 besprochen). Beson­ders deut­lich wird das, wenn es um die autoritäre Umgestal­tung der Gesellschaft geht.

So plädiert der ehe­mals lei­t­ende Funk­tionär des Frei­heitlichen Akademik­erver­bands Salzburg Wolf­gang Cas­part in einem „Zur Zeit“-Artikel von 2018 offen für die kon­ter­rev­o­lu­tionäre Abschaf­fung der Demokratie (siehe auch Kuri­er) und ver­wen­det dabei an zen­traler Stelle identitär-„neurechtes“ Word­ing. Denn er plädiert für die Erringung der „kul­turellen Hege­monie“ im Sinne Anto­nio Gram­scis. Die Bezug­nahme auf den kom­mu­nis­tis­chen The­o­retik­er Gram­sci ist für stramme Rechte – wie Cas­part ein­er ist – keineswegs selb­stver­ständlich. Dabei han­delt es sich vielmehr um eine Aneig­nung der „neuen“ und iden­titären Recht­en, die sich über den Umweg der franzö­sis­chen Nou­velle Droite – und deren Hauptvertreter Alain de Benoist – nun auf Gram­scis Hege­monie-The­o­rie beziehen. IBÖ-Chef Mar­tin Sell­ner wird nicht müde, den Begriff der kul­turellen Hege­monie zu bemühen, um das Ziel sein­er recht­sak­tivis­tis­chen „Metapoli­tik“ zu benen­nen. Was nun Cas­part meint, wenn er im iden­titären Jar­gon vom „gegenrevolutionäre[n] Kampf um die Wieder­her­stel­lung der kulturelle[n] Hege­monie“ (5) träumt, spricht er unmissver­ständlich aus: „Alles, was europäis­che Kul­tur zer­stört und krank gemacht hat, muss selb­st ver­nichtet wer­den. 

Während Cas­part rel­a­tiv unverblümt von ein­er Art völkisch­er Dik­tatur träumt, zeigt Mölz­er im Edi­to­r­i­al der Aus­gabe 8 von 2019, wie man ähn­liche autoritäre Wun­schvorstel­lun­gen in einem Jar­gon der Demokratie trans­portieren kann (6). Er kommt Innen­min­is­ter Kickl zur Hil­fe, wenn er dessen skan­dalöse Aus­sage, wonach das Recht der Poli­tik zu fol­gen hätte, wieder­holt und bekräftigt. Mölz­er unter­schei­det dazu zwis­chen „Bürg­er­recht­en“, für die sich sein Lager ange­blich schon immer einge­set­zt habe, und „uni­versellen Men­schen­recht­en“, die „etwas ganz anderes“ seien. Näm­lich eine „Zivil­re­li­gion […] jen­seits der bürg­er­lichen Grun­drechte, die ja an eine staatlich formierte Gemein­schaft und an Bürg­erpflicht­en gebun­den sind.“ (Wom­it er klar macht, das Einzelne nicht ein­fach Rechte haben, son­dern diese an Gemein­schaft und Pflicht­en gebun­den sein sollen.) Mölz­er schreibt weit­er: „Diese uni­versellen Men­schen­rechte existieren gewis­ser­maßen abstrakt und bindungs­los und wer­den im Zeital­ter der Massen­mi­gra­tion zunehmend als Hebel gegen nation­al­staatliche Sou­veränität und demokratis­che Selb­st­bes­tim­mung (…) einge­set­zt. 

Mölz­er bedi­ent hier eine beliebte Formel von Recht­sex­tremen: In ein­er Demokratie soll doch alles Recht vom Volke aus­ge­hen, so auch Grund- und Men­schen­rechte, und wenn der Sou­verän, also das Volk, das eben anders haben möchte, dann ist das auch eine demokratis­che Entschei­dung. Grund- und Men­schen­rechte gel­ten hier nicht mehr als das, was sie sind – näm­lich Voraus­set­zung und Grundbe­din­gung von Demokratie –, son­dern wer­den einem imag­inierten „Volk­swillen“ unter­ge­ord­net und sollen dementsprechend poli­tisch ver­han­del­bar sein. Mölz­er nen­nt das den „frei­heitlichen Rechtsstaat“, der aber in Wahrheit nichts anderes als eine völkische Pseu­do­demokratie sein kann. Denn Mölz­er ver­ste­ht „Volk“ selb­stver­ständlich nicht in einem aufgek­lärten Sinn als Gesellschaft, also nicht „als poli­tis­che Wil­lens­ge­mein­schaft von ‚Gle­ichen’, son­dern als über­his­torische Schick­sals- und Abstam­mungs­ge­mein­schaft von Iden­tis­chen“ (FIPU 2019, S. 13).  

Mölz­er rückt die frei­heitliche Welt zurecht

Mit Bekan­ntwer­den der Spende des Christchurch-Atten­täters an Mar­tin Sell­ner geri­et Mölz­er in argu­men­ta­tive Tur­bu­len­zen. Ritt man noch im März aus, um den Iden­titären die Mauer zu machen und Kan­zler Kurz, der eine Dis­tanzierung seit­ens der FPÖ gefordert hat­te, in „Zur Zeit“ frontal anzu­greifen, ihn sog­ar als „schäbig“ zu tit­ulieren – was immer­hin vom fre­itlichen Nation­al­ratsab­ge­ord­neten Wen­delin Mölz­er kam, zog der Vater, Andreas, wenige Tage später jedoch die Not­bremse und schwurbelte auf seinem Blog (13) von den Irrun­gen und Ver­wirrun­gen rund um die Gruppe, „die natür­lich längst keine Bewe­gung ist, son­dern nur einen Kreis von ein, zwei Dutzend junger Leute umfasst“. 

„Zur Zeit” reit­et schwere Angriffe auf Sebas­t­ian Kurz (Quelle Twit­ter FIPU)

Mölz­er stil­isiert kooperierende Parteim­it­glieder (ent­per­son­al­isiert und dis­tanziert als „man“ beze­ich­net) zu Opfern, die im guten Glauben an die jun­gen Aktivis­ten und aus der frei­heitlich kon­stru­ierten Not­lage des Jahres 2015 her­aus Sym­pa­thien gezeigt hatten.

Da traut man sich dann – speziell im Masse­nansturm des Som­mers 2015 – zur einen oder anderen Protestver­anstal­tung. Da trat der eine oder andere poli­tis­che Vertreter dieses nation­al-frei­heitlichen Lagers selb­st als Red­ner bei Ver­anstal­tun­gen dieser neuen Jugend­gruppe auf, man räumte ihnen Platz ein im Bere­ich der Pub­lizis­tik des Drit­ten Lagers, spendete vielle­icht auch für die eine oder andere Aktiv­ität oder glaubte, sie mit der Ver­mit­tlung von Vere­in­sräum­lichkeit­en oder deren Ver­mi­etung unter­stützen zu sollen.

Nun ereilt blitze­sar­tig auch Mölz­er jene Erken­nt­nis, die der Ver­fas­sungss­chutz sin­ngemäß schon vor Jahren veröf­fentlichte und in unzäh­li­gen anderen Pub­lika­tio­nen nachzule­sen war: Die Iden­titären haben Berührungspunk­te in den Neon­azis­mus, den Mölz­er jedoch niemals so beze­ich­nen würde.

Im Zuge dieser Medi­enkam­pagne, die eben die Frei­heitlichen wegen ihren vor­ma­li­gen Kon­tak­ten zu dieser iden­titären Gruppe unter Druck set­zen sollte, wur­den allerd­ings auch Struk­turen und Details über die iden­titäre Gruppe selb­st bekan­nt, die ein neues Licht auf sie wer­fen: Nicht nur, dass der Sprech­er dieser Gruppe (…) keineswegs immer für den „mod­ernisierten Recht­sex­trem­is­mus“ stand, son­dern wohl aus der dumpf-recht­en Ecke eines Got­tfried Küs­sel kommt und dass eben der­selbe durch das Anbrin­gen von Hak­enkreuz-Aufk­le­bern auf der Baden­er Syn­a­goge straf­fäl­lig und gericht­sno­torisch wurde.

Da fällt eine Dis­tanzierung des in der Selb­st­wahrnehmung nicht dumpf-recht­en Patri­oten Mölz­er leichter:

Alles in allem ist also völ­lig richtig, was die frei­heitliche Parteispitze zum The­ma erk­lärt hat: (…) Die FPÖ aber als eine bürg­er­liche patri­o­tis­che Partei könne nicht ver­ant­wortlich gemacht wer­den für poli­tis­che Split­ter­grup­pen, auch wenn es da und dort in inhaltlich­er Hin­sicht und in per­son­eller Hin­sicht in der Ver­gan­gen­heit die eine oder andere Über­schnei­dung gegeben habe. Und hinzuge­fügt wer­den muss aus der Sicht des überzeugten Nation­al­lib­eralen, dass man sich Begriffe wie „Patri­o­tismus“ und „Iden­tität“ nicht durch eine kleine Polit-Sek­te diskred­i­tieren wird lassen!

Mölz­er ist mit sein­er Parteispitze im Reinen, seine patri­o­tis­che Welt somit wieder in Ord­nung, in stramm rechter Ord­nung. Freilich, ohne auch nur einen Mil­lime­ter vom ide­ol­o­gis­chen Paar­lauf mit den Iden­titären abzurücken.

Schluss

Zusam­menge­fasst: Andreas Mölz­er hat schon iden­titäre Ide­olo­gie ver­bre­it­et, als es noch keine Iden­titären gab (Stich­wort „Umvolkung“). Ein beson­ders vul­gär­er Het­zer in Mölz­ers „Zur Zeit“ ist eng mit den Iden­itären ver­ban­delt und war Kapitän bei deren pein­lich­er Has­sak­tion im Mit­telmehr. Die Inhalte von „Zur Zeit“ sind weit­ge­hend kom­pat­i­bel mit der iden­titären Ide­olo­gie, ins­beson­dere auch dort, wo es um eine klare Abkehr von Demokratie und Rechtsstaat geht. 

Die FPÖ inseriert bei „Zur Zeit“ und gibt der Zeitschrift regelmäßig Inter­views (Innen­min­is­ter Kickl etwa seit Dezem­ber zweimal). Außer­dem bekommt das Het­zblatt jährlich öffentliche Fördergelder. Der vor kurzem von Sebas­t­ian Kurz geforderte Inser­atestopp für extreme Medi­en müsste, so das eine ern­stzunehmende Inter­ven­tion sein soll, jeden­falls auch „Zur Zeit“ betr­e­f­fen. 

So lange sich die FPÖ nicht von Leuten wie Mölz­er – und Medi­en wie „Zur Zeit“ – dis­tanziert, bleibt das Abrück­en von der IB inhaltlich völ­lig halt­los. 

Post­skrip­tum: Die Zunei­gung zu autoritären Regimen

Was die völkische Pseu­do­demokratie konkret bedeuten kön­nte, klingt in „Zur Zeit“ immer wieder sehr deut­lich an – auch in den aktuellen Num­mern. Ange­fan­gen etwa bei der offe­nen Liebe zu Ungar­ns Min­is­ter­präsi­dent Orbán, dem eine ganze Aus­gabe mit dem Titel: „Ungarn: Vor­bild für Europa?“ gewid­met ist (7). Dort wird der autoritäre Kurs der ungarischen Fidesz-Partei durch­wegs gelobt, etwa durch Johannes Hüb­n­er (8), den ehe­ma­li­gen FPÖ-Nation­al­ratsab­ge­ord­neten und Meis­ter anti­semi­tis­ch­er Anspielun­gen. Orbáns anti­semi­tis­che Het­zte gegen George Soros, die mitunter kaum anders klingt als bei dem Neusee­land-Atten­täter, wird in „Zur Zeit“ offen­siv vertei­digt und auch repro­duziert: So behauptet Redak­teur Bern­hard Tomaschitz (9), dass sich die EU-Insti­tu­tio­nen vor allem daran stören, dass „Orbán nicht nach der Pfeife des in Brüs­sel bestens ver­net­zten US-Speku­lanten Soros tanzt“.

In ein­er anderen Aus­gabe (10) feiert Alexan­der Schley­er die repres­sive Poli­tik gegen Mus­lime in Indi­en, etwa dass der indis­che Staat let­zten Som­mer vier Mil­lio­nen Mus­lime aus­ge­bürg­ert – oder wie Schley­er schreibt, „[s]ich entledigt“  – habe. Schley­er schließt seine Depor­ta­tions­fan­tasien mit dem Satz: „Möge Shi­va seinen Zorn ent­laden und Brah­ma die Kraft des geheimen Deutsch­land erweck­en.

Auch für die massen­mörderische Anti-Dro­gen Poli­tik des philip­pinis­chen Machthabers Duterte hat „Zur Zeit“ Ver­ständ­nis. (11) Zu dem Aus­tritt des Staats aus dem Inter­na­tionalen Strafgericht­shof heißt es in einem kurzen Text: „Auch Dutertes Krieg gegen Krim­i­nal­ität empörte das legit­i­ma­tion­slose Welt­gericht.“ Dazu ein Foto von Duterte mit automa­tis­ch­er Waffe.

In der­sel­ben Aus­gabe gibt es einen weit­eren Kurzbeitrag über Weißrus­s­land (12), in dem die dort herrschende Dik­tatur abge­feiert wird, bis in die Details, dass es dort keine „Schwu­len­pa­raden“ gebe, die Ehe Mann und Frau vor­be­hal­ten sei und Straftat­en „entsprechend hart geah­n­det [wer­den,] bis zur Todesstrafe“. Der Text schließt mit: „Ein Traum.“

"Zur Zeit" huldigt dem weißrussischen Autokraten Lukaschenko

„Zur Zeit” huldigt dem weißrus­sis­chen Autokrat­en Lukaschenko

Kurzum: „Zur Zeit“ zeigt ein wahrlich glob­ales Denken, wenn es um Ver­ständ­nis und Zunei­gung für autoritäre Regime geht. Man muss sich vor Augen hal­ten: Diese Beispiele stam­men alle­samt nur aus den aktuellen Aus­gaben von März und April 2019.

Fußnoten:

1 Youtube: „Eine Aktion an der Gren­ze: Alexan­der Schley­er über Defend Europe“, zulet­zt einge­se­hen am 15.04.2019
2 „Zur Zeit“, Nr. 13, März – April 2019, S. 30
3 ebd., S. 59
4 „Zur Zeit“, Nr. 3, Jän­ner 2019, S. 31–37
5 „Zur Zeit“, Nr. 32–33, August 2018, S. 38–49
6 „Zur Zeit“, Nr. 8, Feb­ru­ar – März 2019, S. 4
7 „Zur Zeit“, Nr. 14, April 2019, S. 29–37
8 ebd., S. 28–30
9 ebd., S. 29–37
10 „Zur Zeit“, Nr. 11, März 2019, S. 16
11 „Zur Zeit“, Nr. 12, März 2019, S. 18
12 ebd., S. 5
13 Mölz­er, Andreas (10.4.2019): Aktivis­ten oder Sek­tier­er (andreasmoelzer.wordpress.com; zulet­zt einge­se­hen: 24.4.19)

Lit­er­atur:
FIPU (2019): Recht­sex­trem­is­mus. Band 3: Geschlechter­reflek­tierte Per­spek­tiv­en. Her­aus­gegeben von der Forschungs­gruppe Ide­olo­gien und Poli­tiken der Ungle­ich­heit. Wien: Mandelbaum.