Zum völkischen Eiertanz des Andreas Mölzer (Teil 1): Der „Umvolkungs“-Ideologe Mölzer distanziert sich … nicht

Die Begriffe „Umvolkung“, „Ethnomorphose“ und „großer Austausch“ meinen ein und dasselbe. FPÖ-Rechtsaußen Andreas Mölzer distanziert sich neuerdings zwar von den Identitären und deren Slogan, bleibt der eigenen Propaganda von einer „Umvolkung“ aber weiter inhaltlich treu. Seine jüngsten Medienauftritte unterstreichen einmal mehr, dass FPÖ und Identitäre nicht nur von denselben Dingen sprechen, sondern auch dieselben Dinge meinen.

Drei Begriffe, ein Inhalt

Ausgerechnet FPÖ-Ideologe und „Zur Zeit“-Herausgeber Andreas Mölzer legt einen Medienauftritt nach dem anderen hin, um die ideologischen, personellen und institutionellen Überschneidungen seiner Partei mit der „Identitären Bewegung“ (IB) zu bagatellisieren bzw. wegzuleugnen. Diese Überschneidungen – inhaltliche wie personelle – sind aber gut belegt. Und gerade Mölzer vertritt eine Ideologie, die mit der Weltanschauung der Idenitären weitgehend deckungsgleich ist. Mehr noch: Es war Mölzer, der jenes völkische Ideologem, das die Identitären nun unter dem Slogan „großer Austausch“ propagieren, bereits 1990 öffentlich vertrat. Seinerzeit war Martin Sellner noch im Kindergarten und Mölzer benutzte noch den NS-Begriff „Umvolkung“.

Die „Umvolkungs“-Fantasien des Mölzer: Ein Rückblick 

Die nationalsozialistisch besetzte Vokabel „Umvolkung“ bezeichnet jene „Germanisierung“, die gemäß dem „Generalplan Ost“ ab 1940 in den eroberten osteuropäischen Gebieten erfolgen sollte. Es handelt sich also um einen Terminus, der direkt im Rahmen von ethnischer Segmentierung und Vernichtung gemäß der NS-Rassendoktrin angewendet wurde – ausführlich nachzulesen etwa in „Vokabular des Nationalsozialismus“ von Cornelia Schmitz-Berning (1). 

In den 1990er Jahren verwendete Mölzer diesen Begriff der NS-Vernichtungspolitik, um ein Bedrohungsszenario für das „deutsche Volk“ zu konstruieren. Hierzu drei Zitate: 

– In der rechtsextremen „Aula (Nr. 5/1990) schreibt er:

„Wer nun die Landnahme fremder Völkerschaften zu Lasten der einheimischen Bevölkerung favorisiert, tritt im Grunde dafür ein, dass wir uns als Volk aus der Evolution verabschieden. (…) Wer die ‚Umvolkung‘ der Österreicher betreibt, nur um den deutschen Charakter des Landes zu tilgen, muss sich den Vorwurf des antigermanistischen [sic!] Rassismus gefallen lassen.““ (zit. nach profil, 7.4.14)

Die Bevölkerung Österreichs, die gemäß Mölzers Deutschnationalismus freilich der „deutschen Ethnie“ angehört, sei nun von „Umvolkung“ bedroht. Diese 180-Grad-Wendung des Begriffs verharmlost nicht nur grob die NS-Vernichtungspolitik, sondern behält den völkischen Gehalt – und somit den Kern der NS-Ideologie – ungebrochen bei: Das bedrohte Volk wird als ethnisch homogene Entität verstanden, dem die Auflösung droht (die Verabschiedung aus der Evolution, wie Mölzer es biologistisch zuspitzt). Mölzer verwendet zudem den Begriff Rassismus missbräuchlich: nicht zur Beschreibung und Kritik einer Weltanschauung, die Menschen in „Rassen“ einteilt, sondern um eine Absicht hinter dem halluzinierten Angriff auf die „deutsche Ethnie“ zu benennen, womit er den Rasse-Begriff implizit bejaht.

– Im Mai 1990 veröffentlicht Mölzer in den „Kärntner Nachrichten“ einen Artikel mit dem Titel „Österreich – ein Einwanderungsland?“, in dem er schreibt, dass die österreichische Bevölkerung „Teil der deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft“ sei und eine „großangelegte Umvolkung, wie sie die Propagierung einer multikulturellen Gesellschaft bedeutet, […] dem Verfassungsauftrag für unsere Politik“ widerspreche. (zit. nach DÖW 4.2014) Mölzer bedient hier bereits früh das Feindbild „Multikulturalismus“ in direktem Zusammenhang mit der „Umvolkungs“-Behauptung – eine klare Parallele zu den Identitären, die sich etwa zwei Jahrzehnte später auf genau dasselbe Feinbild festlegen.

– Im Februar 1992 berichtet der „Standardüber Mölzers Referat bei einer Veranstaltung des „Freiheitlichen Akademikerverbandes“ zum Thema „Nationale Identität und multikulturelle Gesellschaft“:

Mölzer befürchtet (…), dass die deutsche Volks- und Kulturgemeinschaft in der BRD und in Österreich ‚erstmals in seiner tausendjährigen Geschichte‘ vor einer ‚Umvolkung‘ steht. Bisher sei die ‚biologische Potenz der Deutschen‘ immer stark gewesen, ‚um assimilierender Faktor zu bleiben‘. Jetzt aber sieht Aula-Mitarbeiter Mölzer einen ‚überalterten und schwächeren Volkskörper, der dynamischeren Zuwanderern gegenübersteht‘. Daher dürfe nicht eine ‚amorphe Masse‘ Aufnahme finden, die Menschen sollten ‚bereits im Ausland‘ überprüft werden. Sonst könnte ‚eine ethnische, kulturelle Umvolkung‘ erfolgen.“ (zit. nach Austria-Forum)  

Hier knüpft Mölzer noch einmal an nationalsozialistische Mythologie an: Das „Volk“ wird unmittelbar als „Volkskörper“ imaginiert und die „biologische Potenz“ wird zum Maßstab einer vermeintlichen Gefährdung von epochalem Ausmaß („erstmals in einer tausendjährigen Geschichte“). Kurzum: Mölzers damalige Behauptungen sind offen völkisch, kokettieren mit NS-Terminologie und entsprechen in den wesentlichen Punkten vollinhaltlich der späteren Propaganda der Identitären. 

Von NS-Jargon zu NS-Jargon

Im Jahr 2011 – ein Jahr bevor die Identitären hierzulande erstmals in Erscheinung treten – veröffentlicht Mölzer in seiner „Zur Zeit“-Edition einen Sammelband mit dem Titel „Eurabia. Der Alptraum von der Islamisierung Europas“. In dem Vorwort greift er das Thema „Umvolkung“ erneut auf: Diesmal spricht er von einer „im Gange befindliche[n] Ethnomorphose“, wofür die „wachsende Zahl verschleierter Frauen ein untrügliches Zeichen“ (2011, S. 11) sei. Dass er mit diesem Begriff exakt dasselbe wie „Umvolkung“ meint, gibt Mölzer ganz offen zu – etwa wenn er in einem Standard-Interview von 2004 sagt: „Die politisch korrekte Empörung über Terminologie [gemeint ist ‚Umvolkung‘, Anmk. SdR] kann ich nicht nachvollziehen – nennen wir es ‚Ethnomorphose‘. Das, wovor ich gewarnt habe, ist ja in viel dramatischerem Maße eingetreten.“ Mit diesem terminologischen Schwenk wechselt Mölzer lediglich einen NS-Begriff gegen einen anderen völkisch konnotierten und im NS verwendeten Begriff, und behauptet ein weiteres Mal, dass das was er damit bezeichnet hat, tatsächlich stattfindet. Der Begriff „Ethnomorphose“ wurde dann übrigens auch von der IB verwendet; bei der Gerichtsverhandlung im Sommer 2017 ist explizit zur Sprache gekommen, dass es sich dabei um einen Begriff handelt, der vom NS-Regime verwendet wurde.

Und dass wiederum „Umvolkung“/„Ethnomorphose“ dasselbe Hirngespinst meint wie der identitäre Slogan vom „großen Austausch“, spricht FPÖ-Klubchef Johann Gudenus im Dezember 2017 ganz unverblümt in einem Interview mit der „Zeit“ aus: 

ZEIT: Der Begriff ‚Umvolkung‘ stammt aus dem Nationalsozialismus.
Gudenus: Ich bin leider nicht so firm im Nationalsozialismus wie mancher Journalist oder Linkspolitiker. Aber ich nenne es heute Ethnomorphose, Bevölkerungsaustausch.

Auch Gudenus bezieht sich schon seit Jahren auf dieses völkische Wahnkonstrukt, so hat er bereits 2004 in seiner Funktion als RFJ-Chef noch von einer „systematischen Umvolkung“ fantasiert. (Selbstverständlich hat die Verwendung des NS-Begriffs immer empörte Reaktionen hervorgerufen, weshalb Gudenus‘ peinliche Ausrede von 2017 – er sei „nicht so firm im Nationalsozialismus“ – lediglich ein Beleg dafür ist, dass er auch in wahrheitsgetreuen Wiedergaben nicht allzu firm ist.)

Mölzers drei Medienauftritte – Fellner, Ö1, Im Zentrum

Zurück in die Gegenwart. In dem Medien-Wirbel um die Verflechtungen der Identitären mit der FPÖ ist nun ausgerechnet der „Umvolkungs“-Fetischist Mölzer ganze drei Mal ausgerückt, um seine Partei zu verteidigen und deren evidente Verbindungen zur IB zu bagatellisieren. Dabei stellt sich aller Pseudo-Distanzierungen zum Trotz heraus, dass er weiterhin an seiner vor 30 Jahren kolportierten Behauptung festhält. 

Zuerst beim Boulevard-Format „Fellner! Live“ am 1. April 2019. Dort sagt Mölzer zum identitären Slogan vom „großen Austausch“, dass er die „These vom geplanten Bevölkerungsaustausch“ für Unsinn halte, er fügt jedoch direkt hinzu, „dass aber eine Veränderung stattgefunden hat, wo man jetzt 25 % mit Migrationshintergrund im Land haben, eine Veränderung der Bevölkerung, das ist klar“. Hier wird, trotz der verhaltenen Formulierung, bereits sein argumentatives Schema sichtbar: Er grenzt sich von der Verschwörungstheorie einer „Umvolkung nach Plan“ ab, um dennoch inhaltlich an dem Szenario einer Bedrohung der „ethnischen Substanz“ festhalten zu können. Im Ö1-Mittagsjournal vom 4. April 2019 wird Mölzer deutlicher, denn der Journalist konfrontiert ihn direkt damit, dass er aufgrund seiner „Umvolkungs“-Propaganda so etwas wie der „geistige Vater der Identitären“ sei. Darauf Mölzer:

Ich hab damals, vor dreißig Jahren, eben eine mögliche Entwicklung skizziert, die auch stattgefunden hat.“ (…) „Ich hab eine Entwicklung festgestellt, Fakten. Und der große Unterschied ist der, dass da jetzt eine Gruppe, die, wenn Sie so wollen, extremere Positionen einnimmt, da eine Verschwörungstheorie draus macht. Das ist etwas ganz anderes.

Mölzer hält hier ganz unmissverständlich am Inhalt seiner damaligen „Umvolkungs“-Behauptung fest, und betont ein weiteres Mal, dass die Identitären daraus eine Verschwörungstheorie gemacht hätten. So auch in der ORF-Sendung „Im Zentrum“ am 7. April 2019, wo er erklärt, dass „ideologische Versatzstücke [von der IB, Anmk. SdR] aus der FPÖ übernommen wurden und übersteigert wurden, überspitzt wurden und in Verschwörungstheorien eingebaut wurden“. 

Andreas Mölzer in "Im Zentrum" 7.4.19 ("Der rechte Rand und die Politik")

Andreas Mölzer in „Im Zentrum“ 7.4.19 („Der rechte Rand und die Politik“)

Das stimmt nicht. Denn auch die Identitären distanzieren sich leidenschaftlich gerne von dem Vorwurf, sie würden Verschwörungstheorien vertreten. Sellner selbst hat in einem Nachwort zu dem 2016 auf Deutsch erschienenen Buch „Revolte gegen den großen Austausch“ von Renaud Camus (dem Erfinder des „großen Austausch“) angemerkt, dass es sich dabei um keine Verschwörung handle: „Es geht hier um keine geheime Absprache, keinen sinistren Plan.“ (2016, S. 204) Dennoch weiß er die „Austauscher“ zu benennen: Konzerne, die vom „Abbau ethnokultureller Gemeinschaften“ profitieren; Parteien, die durch Migration einen „Stimmenimport“ erhoffen; Kulturproduzenten und Medien, die „im Großen Austausch einen ethnomasochistischen Wahn aus[leben], der als Schuldkult den gesamten Westen befallen hat“ (S. 206-207). Durch derartige pauschalisierende Schuldzuweisungen bleibt die Propaganda-Formel vom „großen Austausch“ freilich anschlussfähig an Verschwörungstheorien, ohne dass das immer direkt ausgesprochen werden muss.  

Die wirklich relevante inhaltliche Übereinstimmung von Mölzers „Umvolkung“ und dem identitären „großen Austausch“ liegt einerseits im völkischen (und rassistischen) Gehalt und andererseits in der Behauptung eines apokalyptischen Bedrohungsszenarios: Es geht um Volksgemeinschaftsideologie, die im Rahmen eines antiliberalen Dekadenzdiskurses in ein Angriffs- und Untergangsszenario eingebettet wird. Dieser „Angriff“ erfolgt durch Flüchtlinge, Einwanderer und Immigranten, die ebenfalls als ethnisch-homogenes Kollektiv vorgestellt und als solches (implizit oder explizit) mit unerwünschten Eigenschaften versehen werden. Das ist rassistisch. Zudem wird all das stets moralisierend und personalisierend formuliert, wodurch die völkischen Szenarien an Verschwörungstheorien anknüpfen. Dafür finden sich nicht nur bei den Identitären Beispiele, sondern auch in Mölzers „Zur Zeit“, wo das Verschwörungsphantasma etwa regelmäßig als (mal mehr, mal weniger versteckt antisemitische) Hetze gegen den jüdischen Milliardär George Soros artikuliert wird.    

In „Im Zentrum“ wird Mölzer zwar zweimal direkt mit seiner Verwendung des „Umvolkungs“-Begriffs konfrontiert, aber es kommt leider nicht zur Sprache, dass es sich dabei um eindeutig mit dem NS assoziierte Terminologie handelt. Mölzer erwidert lediglich süffisant: „Na, schaun Sie, das war vor 30 Jahren ein Terminus, der mir damals nicht als politisch korrekt unangebracht erschienen ist.“ Direkt im Anschluss an diese Pseudo-Distanzierung verteidigt er den Inhalt hinter dem Begriff erneut und unmissverständlich – „Es geht aber um Inhalte, nicht um Worte.“ Das stimmt, es geht um die Inhalte. 

1 Schmitz-Berning, Cornelia (2007): Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin: Walter de Gruyter, S. 617-618.

Quellen:
Mölzer, Andreas (2011): Schicksaljahre für Europa. In Ders. (Hg.): Eurabia. Der Alptraum von der Islamisierung Europas. „Zur Zeit“-Edition, Bd. 15. Wien: W3 Verlagsges.m.b.H. S. 9-22.
Sellner, Martin (2016): Der Große Austausch in Deutschland und Österreich: Theorie und Praxis. In: Camus, Renaud: Revolte gegen den Großen Austausch. Schnellroda: Antaios, S. 189-221.