Paris: Ein junger Antifaschist von Rechtsextremen getötet

Der Stu­dent Clement Mer­ic (19) ist am Mittwoch, 5.6. in einem belebten Vier­tel von Paris auf offen­er Straße von Recht­sex­tremen zu Tode geprügelt wor­den. Der Aktivist der Action Antifaciste, wurde mit einem Schla­gring niedergeschla­gen und stürzte auf einen Poller. Die Todesur­sache, aber auch die Reak­tion der poli­tis­chen Parteien erin­nert in eini­gen Details an den Totschlag von Ernst Kirch­weger im Jahr 1965.

Ernst Kirch­weger (67), das erste poli­tis­che Todes­opfer der Zweit­en Repub­lik, kam im Jahr 1965 zu Tode, nach­dem ihn der Neon­azi Gun­ther Kümel mit einem Box­hieb niedergeschla­gen hat­te. Kirch­weger schlug mit dem Kopf auf dem Gehsteig auf und starb drei Tage später an den Fol­gen dieses Sturzes (Kümel wurde übri­gens nur wegen Notwehrüber­schre­itung zu skan­dalösen zehn Monat­en Haft verurteilt).

Nicht nur die Todesur­sache, son­dern auch die Reak­tion der poli­tis­chen Klasse ist ähn­lich. Der Tod von Ernst Kirch­weger führte erst­mals — wenn auch nur kurzfristig — in der Zweit­en Repub­lik zu ein­er bre­it­en antifaschis­tis­chen Sol­i­darisierung und Sen­si­bil­isierung über recht­sex­trem­istis­che Gewalt .

Der Totschlag des jun­gen Antifaschis­ten in Paris hat jet­zt Frankre­ich aufgerüt­telt. Recht­sex­treme Gewal­tak­te gegen poli­tis­che Geg­n­er und Migran­tInnen sind zwar auch in Frankre­ich All­t­ag, doch ereigneten sie sich zumeist in der „Prov­inz“, in Städten wie Toulouse, Bor­deaux oder Greno­ble. Nach ein­er Über­sicht der Tageszeitung „Le Monde“ wur­den in den let­zten drei Jahren 40 Über­fälle von Recht­sex­tremen registriert.

Erst in den let­zten Wochen, bei den gewalt­täti­gen Demon­stra­tio­nen der Recht­en gegen die „Homo-Ehe“, wurde recht­sex­treme Gewalt auch wieder in der Haupt­stadt sichtbar.

Nach dem gewalt­samen Tod von Clement Mer­ic häufen sich die Erk­lärun­gen aus allen poli­tis­chen Lagern, in denen nicht nur der Totschlag als „abscheuliche Tat“ (Präsi­dent Fran­coise Hol­lande) verurteilt wird, son­dern auch Kon­se­quen­zen für das recht­sex­treme Lager bis hin zu dessen „Zer­legung“ einge­fordert werden.

Auch die Chefin des recht­sex­tremen Front Nation­al (FN), Marine Le Pen, wies jede Verbindung ihrer Partei zu den Tätern zurück. Die FN habe „über­haupt keine Verbindung” zu diesen „unerträglichen Tat­en”, sagte Le Pen dem Sender RTL. Zuvor hat­te ein Augen­zeuge Medi­en gesagt, ein­er der Skin­heads habe ein FN-T-Shirt getragen.

Aber so ein­fach ist die Sache für den Front Nation­al nicht – unab­hängig vom T‑Shirt. Die Nation­al­is­tis­che Rev­o­lu­tionäre Jugend (JNR), aus deren Umkreis die mut­maßlichen Täter kom­men, ist eine recht­sex­treme Organ­i­sa­tion, die den Drit­ten Weg propagiert (anti­bolschewis­tisch, antikap­i­tal­is­tisch) und bei den öffentlich aus­ge­tra­ge­nen Schar­mützeln um die Führung des FN immer wieder mal auf der Seite der partei­in­ter­nen Kri­tik­er von Marine Le Pen gesichtet wurde. Die JNR organ­isiert seit Jahren auch die Märsche zum Gedenken an Sebas­t­ian Deyzieu, der als Mär­tyr­er der recht­sex­tremen Szene gilt, seit­dem er im Mai 1994 bei ein­er Demon­stra­tion gegen den US-Impe­ri­al­is­mus zu Tode stürzte. Die extreme Rechte hat aus seinem Tod eine Leg­ende gestrickt und macht die Polizei – ohne jeden Beweis – für die Ermor­dung ver­ant­wortlich. Deyzieu war Mit­glied der Jugen­dor­gan­i­sa­tion des Front National.

Marine Le Pen, die den Front Nation­al von ihrem Vater über­nom­men hat, ver­sucht zwar einen Kurs für die Partei, bei dem offen­er Ras­sis­mus und Anti­semitismus ver­pönt sind, aber die alten Kad­er – darunter auch ihr Vater – hal­ten oft genug dage­gen und suchen die Kon­tak­te mit der außer­par­la­men­tarischen extremen Recht­en (auch da gibt es Par­al­le­len zu Öster­re­ich und der FPÖ).

Offen ist, welche poli­tis­che Antwort die par­la­men­tarischen Recht­skon­ser­v­a­tiv­en von der UMP, die bei den Demon­stra­tio­nen gegen die Ein­führung der Ehe für Gle­ichgeschlechtliche noch gemein­same Sache mit dem FN und der außer­par­la­men­tarischen extremen Recht­en macht­en, auf die durch den Totschlag von Clement Mer­ic aufge­broch­ene Debat­te über den Recht­sex­trem­is­mus in Frankre­ich find­en wollen.

Mit­tler­weile ist es zu ersten Ver­haf­tun­gen gekom­men. Unter den Ver­hafteten befind­en sich AktivistIn­nen des JNR und der mut­maßliche Täter. Der Anführer des JNR, Serge Ayoub, hat­te zuvor bestrit­ten, dass die Täter aus dem Umfeld sein­er Organ­i­sa­tion kämen, wollte aber gle­ichzeit­ig wis­sen, dass die Gewalt von den linken AktivistIn­nen provoziert wor­den sei.