Fichtenbauer – Anwalt des deutschen Volkes?

Peter Ficht­en­bauer wurde von der FPÖ für die Volk­san­waltschaft nominiert. Der Anwalt und Nation­al­ratsab­ge­ord­nete der FPÖ ist tief im deutschna­tionalen Lager ver­wurzelt, wird aber als das lib­erale Aushängeschild der FPÖ gehan­delt und beschreibt sich auch selb­st gerne so: „Man möge beacht­en, dass ich als Repräsen­tant eines bürg­er­lich-lib­eralen Seg­ments eine nicht unbe­deu­tende Rolle in der FPÖ spiele.“

Ist das so? Eine Spurensuche.

Walter Nowotny, der Fliegerheld der Nazis – ein anständiger Mensch?

Ficht­en­bauer ist Mit­glied im Vere­in zur Pflege des Grabes von Wal­ter Nowot­ny. Er war dort auch schon stel­lvertre­tender Obmann. Heute sitzen im Vere­insvor­stand alte Bekan­nte wie etwa Ger­hard Pendl, Wal­ter Seledec, Hans-Jörg Jenewein und Ger­hard Staudinger. An Nowot­nys Grab am Zen­tral­fried­hof marschierten in den ver­gan­genen Jahren Frei­heitliche, Recht­sex­treme und Neon­azis auf.


Nowot­ny-Gedenken: Im Vorder­grund ste­ht Gre­gor T.; in der Mitte in Hin­ter­grund Markus P.; rechts im Hin­ter­grund (fotografierend): Got­tfried Küs­sel; ganz rechts: Felix B., zwei der drei (nicht recht­skräftig) verurteil­ten im Alpen-Donau-Prozess

Wal­ter Nowot­ny war der Fliegerheld der Nazis, der 1944 abgeschossen wurde. Er war schon vor der Okku­pa­tion Öster­re­ichs Mit­glied der (damals ver­bote­nen) Hitler­ju­gend und deutschna­tionaler Kor­pori­ert­er. Im Mai 1938, also wenige Wochen nach dem „Anschluss“ trat Nowot­ny der NSDAP bei – ein Fak­tum, das von der FPÖ noch 2011 in einem Inser­at zur Vertei­di­gung Nowot­nys bestrit­ten wurde.

Von Ficht­en­bauer, dem Mit­glied des Nowot­ny-Vere­ins, gibt es ein sehr ein­deutiges State­ment zu Wal­ter Nowot­ny: „Weil es ein­er links-grü­nen Mehrheit gelun­gen ist, dage­gen Front zu machen, deswe­gen wird Novot­ny nicht zu einem unanständi­gen Men­schen.“ (Stan­dard, 14.7.2007) Dem „Fal­ter“ (24.4.2013) gegenüber for­muliert er etwas ver­rät­selt: “Ich will nicht, dass aus poli­tis­chen All­t­ags­befind­lichkeit­en Ehren­gräber beseit­igt wer­den. Das ist unanständig.“

Die Aberken­nung des Ehren­grabs für den Nazi-Helden Nowot­ny – eine unanständi­ge Alltagsbefindlichkeit?

Die „Waldmark“: deutschnationaler Sumpf!

Ficht­en­bauer ist auch Mit­glied („Alter Herr“) der deutschna­tionalen Feri­alverbindung „Wald­mark“, über die es bis­lang kaum doku­men­tiertes Wis­sen gegeben hat, weil diese Verbindung auf Öffentlichkeit nicht so großen Wert legt. Eine Feri­alverbindung ist der Zusam­men­schluss von Kor­pori­erten an ihren Wohnorten. Dass Feri­alverbindun­gen ger­ade in jenen Regio­nen des öster­re­ichis­chen Teils der Monar­chie gegrün­det wur­den, die eine gemis­chte Besied­lung aufwiesen (Böh­men, Mähren Schle­sien), war kein Zufall, son­dern ele­mentar­er Bestandteil eines deutschna­tionalen Selb­stver­ständ­niss­es, das anderen Nation­al­itäten und Sprachen die gle­ichen Rechte ver­wehren wollte (siehe weit­er unten!). Stolz ver­weisen die Wald­märk­er in ihrer Festschrift auf den beson­deren Stel­len­wert, den das „völkische“ Bewusst­sein in den öster­re­ichis­chen Kor­po­ra­tio­nen erlangt hat: „Ergänzen­der­weise muß erwäh­nt wer­den, dass die im Deutschen Reich gegrün­de­ten Feri­alverbindun­gen naturgemäß nie diese völkische Bedeu­tung erlangten wie jene in Österreich.“

Zu ihrem 100-jähri­gen Beste­hen im Jahr 2005 hat die Wald­mark eine Festschrift her­aus­gegeben: „100 Jahre Feri­alverbindung deutsch­er Hochschüler Wald­mark 1905–2005. Festschrift“

Festschriften wie diese, die weit­ge­hend für Insid­er gedacht sind, ermöglichen einen weit­ge­hend unver­fälscht­en Blick und damit auch Ein­sicht­en in die poli­tisch-ide­ol­o­gis­che Orientierung.

Der Deutschnationalismus

Die „Wald­mark“ verortete sich bei ihrer Grün­dung als Teil jenes Deutsch­tums, das sich im Gren­z­land (Waldmark=Waldviertel) „dem Kampf der Slawen um die Vor­ma­cht­stel­lung in der Monar­chie“ entgegenstellt:

Das Deutsch­tum stand damals (…) in einem harten Abwehrkampf, der, was man damals freilich noch nicht in dem Maße erken­nen kon­nte oder wollte, ein Kampf auf Leben und Tod sein sollte, ger­ade hier im Wald­vier­tel verknüpft sich mit diesem Abwehrkampf der Name des Vorkämpfers Georg Rit­ter von Schöner­er, den wir in dieser Zeit nicht überse­hen dür­fen. (zitiert aus der Festschrift, S.18, Fes­trede zum 60. Stiftungsfest)

Der Deutschna­tion­al­is­mus und rabi­ate Anti­semitismus von Schöner­er waren wichtige Bezugspunk­te für die „Wald­mark“, was auch in ihrem Wahlspruch („Ehre-Frei­heit-Vater­land – Pflege echt deutsch­er fro­her Kam­er­ad­schaft, Hebung des deutschen Bewußt­seins“) und im Wald­mark-Lied („Deutsche Treue, Kampf für Ehre schwören wir in engem Bund (…),trotzig wie des Waldgaus Eichen, hält die Wald­mark fest im Sturm,Will nie wanken und nicht weichen deutsch­er Art ein schützend Turm“) und der Über­nahme des Waid­hofen­er Prinzips zum Aus­druck kommt.

Der Antisemitismus

Bei den deutschna­tionalen Verbindun­gen ist ein Ori­en­tierungspunkt der Umgang mit dem „Waid­hofen­er Prinzip“ , das sind jene Beschlüsse aus den 90er-Jahren des 19. Jahrhun­derts, mit denen von Burschen­schaften und anderen deutschna­tionalen Verbindun­gen der Anti­semitismus zum Pro­gramm erk­lärt und Juden jede Ehre abge­sprochen wurde (und die von den aller­meis­ten Verbindun­gen nie formell zurückgenom­men wurden).

In der Festschrift heißt es völ­lig lei­den­schafts- und kri­tik­los über die „ide­ale Weltanschauung“:

Man nahm die Grund­sätze des ‚Waid­hofen­er (Ybbs) Prinzips‘ bezüglich der Genug­tu­ung auf Säbel an, arbeit­ete die Satzun­gen und die Hau­sor­d­nung nach dem Muster der Wiener akad. B! Mol­davia (…) aus, nahm aber die Pflicht­men­sur nicht auf.
Man wollte einen kam­er­ad­schaftlichen Zusam­men­schluß aller jen­er Hochschüler des Wald­vier­tels in die Wege leit­en, die die gle­iche ide­ale Weltan­schau­ung in ihrem Herzen tru­gen.“
(S.19)

In der Festschrift von 2005 kein Wort der Kri­tik, der Dis­tanz zum Waid­hofen­er Prinzip, das bei Arthur Schnit­zler wiedergegeben wird:

Jed­er Sohn ein­er jüdis­chen Mut­ter, jed­er Men­sch, in dessen Adern jüdis­ches Blut rollt, ist von Geburt aus ehr­los, jed­er feineren Regung bar. Er kann nicht unter­schei­den zwis­chen Schmutzigem und Reinem. Er ist ein ethisch tief­ste­hen­des Sub­jekt. Der Verkehr mit einem Juden ist daher entehrend; man muss jede Gemein­schaft mit Juden ver­mei­den. Einen Juden kann man nicht belei­di­gen, ein Jude kann daher keine Genug­tu­ung für erlit­tene Belei­di­gun­gen verlangen.“

Die Haltung zum Nationalsozialismus

Große Teile des deutschna­tionalen Lagers sind in den 30er-Jahren des 20. Jahrhun­derts umstand­s­los in das nation­al­sozial­is­tis­che Lager übergewech­selt. Das ist ger­ade bei Burschen­schaften und anderen deutschna­tionalen Verbindun­gen deut­lich sichtbar.

Auch bei der „Wald­mark“: Hans Heinz Dum (gest. 1986) war NS-Kreisleit­er in Horn, zuvor schon „Ille­galer“ ab 1923 und 1948 in einem Volks­gericht­sprozess zu 10 Jahren Gefäng­nis verurteilt. Dum beschreibt die Festschrift 2005 als einen der „vie­len bedeu­ten­den Män­ner“, die „das schwarz-rot-gold­ene Wald­märker­band getra­gen haben“, “aus der Poli­tik kom­mend, dann zum Dichter gewor­den“ (S.12). Als junger „Wald­märk­er“ durfte Ficht­en­bauer 1968 gemein­sam mit Dum beim Dichter­stein Offen­hausen (dessen Vere­in wurde 1999 wegen NS-Wieder­betä­ti­gung behördlich aufgelöst) feiern und der Fes­trede von Dum lauschen.

Ein weit­er­er ille­galer Nazi wird von ein­er His­torik­erin eben­falls als „Wald­märk­er“ aus­gewiesen: Eduard Pernkopf, der Schöpfer des „Anatomie-Atlas“, für den die Leichen hin­gerichteter Nazi-Opfer Vor­lage waren. In der Festschrift scheint Pernkopf allerd­ings nicht auf. Absicht der Ver­fass­er oder Irrtum?

Deut­lich wird in der Festschrift die mehr als ambiva­lente Ein­stel­lung zum Nation­al­sozial­is­mus an ein­er anderen Stelle:

Als Öster­re­ich 1938 an das Deutsche Reich angeschlossen wurde und die poli­tis­che Umkehr ein­set­ze, sahen viele nationale Vere­ine endlich das Ziel ihrer langjähri­gen völkischen Arbeit gekom­men, auf seine Volk­szuge­hörigkeit stolz sein zu dür­fen, was bei anderen Natio­nen damals und heute (!) selb­stver­ständlich und unan­tast­bar war und ist. (S. 16)

Was hier in schlechtem Deutsch beschrieben wird, ist die dem NS-Regime vorherge­hende Peri­ode des Aus­tro­faschis­mus, in der die „Wald­mark“ so wie andere deutschna­tionale und pron­azis­tis­che Verbindun­gen aufgelöst wur­den und deren „poli­tis­che Umkehr“ durch den Nationalsozialismus.

Die Zeit nach 1945

Auch in der Beschrei­bung der Jahrzehnte nach dem NS-Regime weisen einige Beschrei­bun­gen auf klammheim­liche Sym­pa­thien hin. Mit ein­er Statutenän­derung 1955 wurde das hinzuge­fügte Beken­nt­nis zur Repub­lik Öster­re­ich so beschrieben und begründet:

Auf Antrag wur­den dem § 2 der Satzun­gen ein weit­er­er Punkt angefügt:
‚Die akad. Verbindung Wald­mark beken­nt sich zu ein­er freien und unab­hängi­gen demokratis­chen Repub­lik Öster­re­ich‘ (son­st wäre die Durch­führung der Heldenehrung zum bevorste­hen­den 50. Stf. unmöglich gewor­den).
 (S. 44)

Wohlge­merkt: die augen­zwinkernde Begrün­dung für das Beken­nt­nis zur Repub­lik Öster­re­ich stammt aus der Festschrift im Jahr 2005!

Die „Wald­mark“ küm­merte sich in den 60er-Jahren um die Unter­stützung der „let­zten deutschen Kriegs­ge­fan­genen“ (das waren zu dieser Zeit nur mehr einige schw­er­st­be­lastete Nazis wie Wal­ter Red­er), betrieb die Unter­stützung „deutsch­er Kul­turvere­ine“ wie z.B. des Dichter­steins Offen­hausen und nahm laut Festschrift in den 90er-Jahren dann des öfteren an den Son­nwend­feiern der recht­sex­tremen Öster­re­ichis­chen Lands­man­nschaft teil.

In der gesamten Festschrift der „Wald­mark“ find­et sich nicht der leis­es­te Hauch von kri­tis­ch­er Reflex­ion – ganz zu schweigen von ein­er Dis­tanzierung von den Nazi-Mitgliedern.

Teil des Problems FPÖ

Peter Ficht­en­bauer, der sich gerne als „Lib­eraler“ in der FPÖ feiern lässt, ist nicht für die Festschrift der „Wald­mark“ ver­ant­wortlich. Er ist ihr derzeit promi­nen­testes Mit­glied, ein­fach ‚dabei‘ in dieser Verbindung, so wie er ein­fach dabei ist im Vere­in zur Pflege des Grabes von Wal­ter Nowot­ny. Auch in der Stra­che-FPÖ ist er ein­fach dabei – und bis­lang nie durch deut­lichen Wider­spruch zu bes­timmten Entwick­lun­gen und Ten­den­zen in dieser Partei aufge­fall­en. Im Gegen­teil – er ist ihr Aushängeschild und damit Teil des Prob­lems FPÖ.

Ficht­en­bauer ist sich­er kein Neon­azi. Ver­mut­lich würde er sich heute nicht ein­mal mehr als „Deutschna­tionaler“ beze­ich­nen. Anti­semitismus wird er weit von sich weisen. Aber er hat kein Prob­lem damit, seinen Namen für Vere­ini­gun­gen herzugeben, denen es nicht in den Sinn kom­men will, sich vom Nation­al­sozial­is­mus klar abzu­gren­zen und ihre eigene Geschichte kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. Er ist Teil eines Hin­ter­lan­des der FPÖ, das ihn stützt und das er – wenn notwendig – auch durch markige Erk­lärun­gen unterstützt.