Die Szene trauert um Herwig Nachtmann
Die rechtsextreme „Junge Aktion“ aus Südtirol veröffentlichte ein Schwarzweiß-Sujet mit Nachtmanns Porträt und dem Text: „In stillem Gedenken an Herwig Nachtmann: Freiheitskämpfer, Burschenschafter und Tiroler Patriot.“ Norbert Weidner, wie Nachtmann ehemaliger Schriftleiter der „Burschenschaftlichen Blätter“, schrieb auf X, die Deutsche Burschenschaft verliere einen „geschätzten Verbandsbruder, Kameraden, Publizisten und engagierten Verfechter für ein einiges Tirol“.
Die aus Südtirol stammende FPÖ-Landtagsabgeordnete Gudrun Kofler fügte hinzu: „Für seine Überzeugung nahm er Verfolgung, Haft und persönliche Opfer auf sich, doch seiner Heimat und seinen Idealen blieb er stets treu.“ Mit „Haft“ meint Kofler einen einmonatigen Aufenthalt in einem „österreichischen Kerker“, wie es der Obmann des Südtiroler Heimatbunds bezeichnet.
Diese Nachrufe zeigen beispielhaft, welches Personal in der extremen Rechten erinnerungspolitisch verwendbar bleibt. Die „Junge Aktion“ steht laut Südtirol News (17.4.25) unter Ermittlungen der Digos, der Staatsschutzabteilung der Quästur Bozen. Rai Südtirol (17.4.25) berichtete, die Gruppe nenne sich selbst „Speerspitze der volkstreuen Jugend in Südtirol“ und verwende in Videos eine Bildsprache, die ein Experte mit Wehrsport-Traditionen verknüpft.
Der Südtiroler Heimatbund (SHB) verabschiedete Nachtmann als „Freiheitskämpfer“ und verwies auf seine Rolle in den Südtirolprozessen der 1960er-Jahre. Nachtmann wurde wie auch Norbert Burger in Graz 1965 zwar freigesprochen, aber bei einem Prozess 1970 in Florenz in Abwesenheit verurteilt. Ausgeliefert wurde er jedoch nicht. Zugleich erklärte SHB-Obmann Roland Lang, es stehe seinem Verein nicht zu, über Nachtmanns späteres politisches Leben zu urteilen. Diese galante Auslassung betrifft die Fortsetzung einer politischen Sozialisation im deutschnationalen und rechtsextremen bzw. neonazistischen Milieu.
Korporationen, NDP und Aula
Herwig Nachtmann, geboren 1940, war Alter Herr der akademischen Burschenschaft Brixia Innsbruck, laut Parte Mitglied in sechs weiteren Korporationen und „Ehrenbandträger” des Österreichischen Pennälerrings.
Das DÖW dokumentierte frühe Aktivitäten im Umfeld der neonazistischen Nationaldemokratischen Partei: 1972 wurde in den „Nationaldemokratischen Nachrichten“ berichtet, Nachtmann sei weiter mit der Führung des NDP-Landesverbands Tirol beauftragt, 1975 wurde er als Kontaktperson der Tiroler Jungen Nationaldemokraten angegeben.
1978 unterzeichnete Nachtmann einen Aufruf für eine Generalamnestie für NS-Verbrechen, 1980 referierte er bei der Politischen Akademie der AFP, 1981 nahm er als Angehöriger der „Kameradschaft der ehemaligen Südtiroler Freiheitskämpfer“ am Begräbnis von Karl Dönitz teil, dem von Hitler eingesetzten Nachfolger. Von 1982 bis 1995 war er Geschäftsführer des Aula-Verlags, von 1992 bis 1995 Schriftleiter der „Aula“.
Verbotsgesetz-Verurteilung mit Folgen
Die zentrale juristische Marke in Nachtmanns Biografie ist eine Verurteilung nach dem Verbotsgesetz. Nachtmann wurde als damaligem Aula-Schriftleiter vorgeworfen, mit dem Abdruck des Artikels „Naturgesetze gelten für Nazis und Antifaschisten“ gegen § 3h Verbotsgesetz verstoßen zu haben. Der Text stellte Walter Lüftls holocaustleugnende Schrift, den sogenannten „Lüftl-Report“, apologetisch dar: Lüftls Gaskammerleugnung wurde in der „Aula“ als „Meilenstein auf dem Weg zur Wahrheit“ bezeichnet. Nachtmann wurde 1996 in zweiter Instanz rechtskräftig zu 192.000 Schilling (fast 14.000 Euro) Geldstrafe und zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten bedingt verurteilt.
Nach Nachtmanns Verurteilung stellten das Land Steiermark und die lokale FPÖ ihre Unterstützungszahlungen für die Aula ein, und mehrere Autoren kehrten der Zeitschrift den Rücken. Die Blattlinie verengte sich weiter in Richtung rechtsextreme Szene. Sein Nachnachfolger Martin Pfeiffer erhielt aufgrund dieser Linie im letzten Dezember mit einer (noch nicht rechtskräftigen) Verurteilung zu vier Jahren unbedingter Haft eine saftige juristische Quittung.
Nach der „Aula“ blieb Nachtmann dem Milieu treu: Von 2005 bis 2008 agierte er als „Schriftleiter“ der „Burschenschaftlichen Blätter“, dem Verbandsorgan der Deutschen Burschenschaft. 2006 trat er als Redner beim „Palm-Gedenken” in Braunau auf und erntete für seine Worte Applaus aus dem neonazistischen Milieu. Sein letzter von uns nachvollziehbarer Auftritt fand bei seiner Verbindung, der Innsbrucker Brixia, im Jahr 2022 statt. Dort redete er als „Zeitzeuge” mit anderen Szenegrößen über die „Südtiroler Feuernacht“.

Damit erklären sich auch die aktuellen Trauerbekundungen. Der Südtirol-Mythos – realiter der Südtirol-Terror – wird betont, von NDP, Aula, Holocaustleugnung und Verurteilung ist nicht die Rede. Die extreme Rechte erinnert an das, was sie verwerten kann: Opferpose, „Heimatkampf“, Männerbund und publizistische Ausdauer. Der Rest wird ausgespart.
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