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Lesezeit: 6 Minuten

Nach Gewaltattacke beim Leder-Stiftungsfest: Staatsschutz ermittelt gegen Burschenschafter

Die Bur­schen­schaft Leder fei­er­te ihr 140. Stif­tungs­fest mit AfD-Rechts­au­ßen Mat­thi­as Hel­fe­rich. Nach „Sieg Heil“-Rufen und einer Gewalt­at­ta­cke auf einen Taxi­fah­rer ermit­teln Poli­zei und Staats­schutz. Stadt und Bur­schen­schaft schwei­gen bislang.

22. Juni 2026
Leder-Burschenschafter auf dem Weg in den "Live Congress Leoben" (20.6.26; Foto: Theo Winkler)
Leder-Burschenschafter auf dem Weg in den "Live Congress Leoben" (20.6.26; Foto: Theo Winkler)

„Wohin wol­len wir?“, frag­te die Leob­ner Bur­schen­schaft Leder im Pro­gramm zu ihrem 140. Stif­tungs­fest. Die Ant­wort fiel an die­sem Wochen­en­de bit­ter kon­kret aus: ein deut­scher AfD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter vom äußers­ten rech­ten Rand als Fest­red­ner, ein städ­ti­sches Ver­an­stal­tungs­zen­trum als Büh­ne, mut­maß­li­che Hit­ler­grü­ßer und „Sieg Heil“-Rufe, ras­sis­ti­sche Beschimp­fun­gen und ein ver­letz­ter Taxi­fah­rer, der in der Nacht von Frei­tag auf Sams­tag von meh­re­ren Bur­schen­schaf­tern atta­ckiert wurde.

Bereits vor dem Fest hat­te Stoppt die Rech­ten auf den gela­de­nen Kom­mers­red­ner Mat­thi­as Hel­fe­rich hin­ge­wie­sen. Die „Klei­ne Zei­tung“ (17.6.26) berich­te­te, die Mon­tan­uni­ver­si­tät Leo­ben distan­zier­te sich dar­auf­hin scharf vom avi­sier­ten Auf­tritt. Die Ver­an­stal­tung fän­de in kei­nen Räu­men der Uni­ver­si­tät statt, beton­te das Rek­to­rat. Man distan­zie­re sich „aufs Schärfs­te“ von den Äuße­run­gen des ange­kün­dig­ten Red­ners und von Extre­mis­mus, Dis­kri­mi­nie­rung und Hass.

Hel­fe­rich wur­de vor allem 2021 bekannt, weil ein Chat von ihm ver­öf­fent­lich wur­de, in dem er sich 2017 als „freund­li­ches Gesicht des NS“ bezeich­ne­te – er erklär­te das spä­ter als Iro­nie. Wei­te­re mehr als ungus­tiö­se Chats ver­öf­fent­lich­te 2025 der „Spie­gel“.

Die AfD Nord­rhein-West­fa­len betrieb gegen ihn ein Par­tei­aus­schluss­ver­fah­ren – nach dem Aus­schluss durch das Lan­des­schieds­ge­richt leg­te Hel­fe­rich Beru­fung ein. Selbst in einer Par­tei, die vom deut­schen Ver­fas­sungs­schutz als rechts­extre­mer Ver­dachts­fall geführt wird, galt Hel­fe­rich zeit­wei­se als Pro­blem­fall. Für die Leder war der Rechts­au­ßen-Abge­ord­ne­te offen­bar pas­send genug, um beim Fest­kom­mers auf­zu­tre­ten. Bereits 2024 hat­te Hel­fe­rich in Wien für einen veri­ta­blen Skan­dal gesorgt: Damals war er von der Bur­schen­schaft Ald­ania als Fest­red­ner geladen.

Fest am Ehgartner-Gelände

Am Frei­tag wur­de zunächst auf dem Werks­ge­län­de der Fir­ma Ehgart­ner im Leob­ner Stadt­teil Dona­witz ein „Begrü­ßungs­abend” gefei­ert. Aus­ge­rech­net dort: Han­nes Hundeg­ger aus der Geschäfts­füh­rung von Ehgart­ner ist Alter Herr der Bur­schen­schaft Lederund hielt 2020 die Fest­re­de beim Wie­ner Akademikerball.

In der Nacht wur­de ein 57-jäh­ri­ger Taxi­fah­rer zu die­sem Gelän­de geru­fen. Nach sei­ner Dar­stel­lung stie­gen eine Frau und ein Mann in sein Taxi, bald dar­auf sol­len „Sieg Heil“-Rufe gefal­len sein. Der Fah­rer for­der­te die bei­den auf, aus­zu­stei­gen, und rief die Polizei.

Was dann geschah, schil­der­te der Taxi­fah­rer dem Stan­dard (20.6.26): Als er ver­hin­dern woll­te, dass der Mann zurück in die Hal­le geht, sol­len drei Bur­schen­schaf­ter auf ihn ein­ge­schla­gen haben.

„Dann haben sie mir noch in den Ober­kör­per und in den Kopf getre­ten, auch in mei­nem Kehl­kopf. Ich habe kei­ne Luft mehr bekom­men und habe ihnen das auch gesagt. Sie beschimpf­ten mich, als ich am Boden gele­gen bin, als Aus­län­der­schwein und Hurensohn.”

Die Poli­zei bestä­tig­te Ermitt­lun­gen wegen des Ver­dachts der Kör­per­ver­let­zung und natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Wie­der­be­tä­ti­gung gegen meh­re­re unbe­kann­te Täter. Das Opfer erlitt Prel­lun­gen und Häma­to­me am gan­zen Kör­per und muss­te sich vor­über­ge­hend in Spi­tals­be­hand­lung begeben.

Der Staatsschutz ermittelt

Beson­ders erklä­rungs­be­dürf­tig ist der Ablauf auch des­halb, weil laut Lan­des­po­li­zei­di­rek­ti­on zum „Stan­dard” (21.6.26) bereits am 17. Juni nach einer Gefähr­dungs­ein­schät­zung des Lan­des­amts Staats­schutz und Extre­mis­mus­be­kämp­fung eine ver­stärk­te Über­wa­chung des Stif­tungs­fes­tes ange­ord­net wor­den war. Der ver­letz­te Taxi­fah­rer gab jedoch an, rund eine Vier­tel­stun­de auf die Poli­zei gewar­tet zu haben. In die­ser Zeit sei er atta­ckiert wor­den. Auch Foto­gra­fen, die die Ver­an­stal­tung am Sams­tag doku­men­tier­ten, berich­te­ten, sie hät­ten vor Ort kei­ne Poli­zis­ten gefun­den. Die LPD konn­te die­sen Umstand dem „Stan­dard“ gegen­über zunächst nicht erklären.

Am Sams­tag ging das Stif­tungs­fest im Live Con­gress Leo­ben wei­ter. Damit rückt auch die Stadt Leo­ben in den Blick. Die Live Con­gress Leo­ben Betriebs­gmbH gehört laut Fir­men­buch der Leo­ben Hol­ding GmbH; die Leo­ben Hol­ding ist wie­der­um eine hun­dert­pro­zen­ti­ge Toch­ter der Stadt Leo­ben. Mit ande­ren Wor­ten: Der Kom­mers einer deutsch­na­tio­na­len Bur­schen­schaft mit einem AfD-Rechts­au­ßen als Fest­red­ner fand in einem städ­tisch kon­trol­lier­ten Ver­an­stal­tungs­zen­trum statt.

Die Wie­ner Foto­gra­fen Theo Wink­ler und Samu­el Win­ter doku­men­tier­ten am Sams­tag zudem Kor­po­rier­te mit Korn­blu­men auf den Deckeln. Es han­del­te sich dabei zwei­fels­frei um Leder-Mit­glie­der. Die Korn­blu­me war in den 1930er-Jah­ren Erken­nungs­zei­chen ille­ga­ler Natio­nal­so­zia­lis­ten in Öster­reich. Min­des­tens ein Bur­schen­schaf­ter zeig­te laut Auf­nah­men die ras­sis­ti­sche White-Power-Ges­te. Die Foto­gra­fen spra­chen vor Ort zudem mit einer Kell­ne­rin, die angab, am Frei­tag drei Bur­schen­schaf­ter beim Hit­ler­gruß gese­hen zu haben. Die­se Aus­sa­ge wäre eben­so zu prü­fen wie die Fra­ge, wel­che Per­so­nen am Frei­tag­abend am Ehgart­ner-Gelän­de anwe­send waren.

Alte Spuren, neue Eskalation und das große Schweigen

Die Leder ist kei­ne unbe­schrie­be­ne Ver­bin­dung. 2018 wur­de gegen meh­re­re Mit­glie­der wegen eines homo­pho­ben Fly­ers mit einem Bild des NS-Malers Wolf­gang Will­rich ermit­telt. Bei einer Haus­durch­su­chung wur­den unter ande­rem zwei Lie­der­bü­cher „Schlacht­ruf“ sowie Schrif­ten mit natio­nal­so­zia­lis­ti­schem Bezug sicher­ge­stellt, dar­un­ter ein Mit­tei­lungs­blatt mit Reichs­ad­ler, Haken­kreuz und SS-Rune. Das Ver­fah­ren wur­de den­noch eingestellt.

Aber auf poli­ti­schem Ter­rain gab es Fol­gen. 2018 muss­te der dama­li­ge Schrift­wart und aktu­el­le Säckel­wart der Leder als FPÖ-Gemein­de­rat in See­kir­chen am Wal­ler­see wegen ein­schlä­gi­ger Pos­tings zurück­tre­ten – er hat­te auf sei­ner Face­book-Time­line u.a. Hul­di­gungs­su­jets für Rit­ter­kreuz­trä­ger der Wehr­macht ver­öf­fent­licht. Auch gegen ihn wur­den die Ermitt­lun­gen eingestellt.

Die Mon­tan­uni­ver­si­tät woll­te unter Rek­tor Peter Moser Bur­schen­schaf­ter-Auf­trie­be an der Uni­ver­si­tät unter­sa­gen. Moser stieß auf Wider­stand und muss­te einen – fau­len – Kom­pro­miss hin­neh­men: „Cou­leur­stu­den­ten dür­fen wei­ter­hin an den aka­de­mi­schen Fei­ern teil­neh­men, aller­dings nicht mehr in der pro­mi­nen­ten Posi­ti­on hin­ter den Pro­fes­so­ren und dem Rek­tor der Uni.” (kleinezeitung.at, 10.2.24)

Der Fall der Bur­schen­schaft Cru­xia Leo­ben, über den Stoppt die Rech­ten im März berich­tet hat und der aktu­ells­te Fall zei­gen deut­lich, war­um halb­her­zi­ge Distan­zie­run­gen nicht rei­chen. Bis­lang schwei­gen die Bur­schen­schaft Leder und die Stadt Leo­ben zum Vor­fall. Die­ses Schwei­gen ist Teil des Pro­blems. Eine Stadt, deren Gesell­schaft einem sol­chen Kom­mers Raum gibt, muss erklä­ren, wer die­se Ver­an­stal­tung geneh­migt hat, wel­che Sicher­heits­auf­la­gen gal­ten und wel­che Kon­se­quen­zen aus den Ermitt­lun­gen gezo­gen wer­den. Die Bur­schen­schaft wie­der­um muss sagen, wer in jener Nacht am Ehgart­ner-Gelän­de betei­ligt war und ob sie mit den Behör­den kooperiert.

Eine Frage beantwortet, eine andere nicht

Die Fra­ge „Wohin wol­len wir?“ hat die­ses Wochen­en­de beant­wor­tet. Für Leo­ben steht nun eine ande­re Fra­ge im Raum: Wie lan­ge dür­fen rechts­extre­me Netz­wer­ke kom­mu­na­le Infra­struk­tur nut­zen, wäh­rend Betrof­fe­ne ras­sis­ti­scher Gewalt mit den Fol­gen allein gelas­sen werden?

Update: Laut meinbezirk.at (22.6.26) habe nun der Leob­ner SPÖ-Bür­ger­meis­ter „die Vor­wür­fe rund um NS-Paro­len, Wie­der­be­tä­ti­gung und Gewalt auf das Schärfs­te” ver­ur­teilt. „Die Stadt­ge­mein­de zieht daher kla­re Kon­se­quen­zen: ‚Es wird künf­tig kei­ne Ver­mie­tung städ­ti­scher Räum­lich­kei­ten an die Bur­schen­schaft Leder und auch nicht an ande­re poli­tisch extre­mis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen geben.’ ”

Die ÖH Leo­ben ver­öf­fent­lich­te auf Face­book ein aus­führ­li­ches State­ment. „Als direk­te Kon­se­quenz been­det die ÖH Leo­ben bis auf Wei­te­res jede mög­li­che Form der Zusam­men­ar­beit mit der Bur­schen­schaft Leder. Es wer­den kei­ne gemein­sa­men Ver­an­stal­tun­gen mehr durch­ge­führt oder unter­stützt, bei denen die Ver­bin­dung eine Rol­le spielt.” (meinbezirk.at)

„Mein Bezirk” zitiert auch den aus Leo­ben stam­men­den FPÖ-Klub­ob­mann Mar­co Tril­ler: „Selbst­ver­ständ­lich leh­ne ich per­sön­lich eben­so wie die gesam­te Frei­heit­li­che Par­tei jeg­li­che Form von Gewalt sowie sämt­li­che Hand­lun­gen, die im Zusam­men­hang mit einem Ver­dacht der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Wie­der­be­tä­ti­gung ste­hen, ent­schie­den ab.“ Tril­ler kann sei­ne Mis­si­on der Gewalt­lo­sig­keit zumin­dest ein­mal jenen FPÖ-Mit­glie­dern, die sich in der Bur­schen­schaft Leder tum­meln, nahe­brin­gen und die Bur­schen­schaft zur Koope­ra­ti­on auf­for­dern, um die Gewalt­at­ta­cke aufzuklären.

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