Was am Dienstag passiert ist
Am Morgen des 9. September führte der Staatsschutz eine koordinierte Aktion im Rahmen eines „Joint Action Day“ gegen die Neonazi-Szene durch: 25 Hausdurchsuchungen in Wien, Niederösterreich, Oberösterreich, Steiermark und Salzburg, 17 Beschuldigte (16 Männer, 1 Frau im Alter von 18 bis 67 Jahren) stehen wegen des Verdachts auf Wiederbetätigung im Fokus. Sicherstellungen sollen teils funktionsfähige Waffen (darunter mehr als ein Dutzend im Haus in der Leopoldstadt), Munition, Datenträger und NS-Propagandamaterial umfasst haben. Es sei „ein gezielter Schlag gegen die organisierte rechtsextreme Szene” (ots.at, 9.9.25) gewesen. Festnahmen gab es vorerst keine. Nicht klar ist, ob alle 17 Beschuldigten miteinander in Verbindung stehen – wir vermuten eher nicht.

Wien-Leopoldstadt: Razzia an einer bekannten Adresse
Eine der Razzien betraf das Haus in der Lichtenauergasse/Czerninviertel.
Gemäß der Hausdurchsuchungsanordnung werde Küssel vorgeworfen, das SS-Treuelied – „Wenn alle untreu werden” – in Gegenwart von anderen gesungen zu haben, berichtet Ö1. Außerdem soll er einen Mann beim Betreten des Vereinslokals mit „Heil” begrüßt haben. Zugeschrieben werde ihm auch folgendes Zitat über die SS: „Das ist ja keine Tötungsmaschinerie gewesen, das war ein Konzern. Ein Wirtschaftsbetrieb war die SS.”
Überdies soll ein unbekannter Tatverdächtiger nach einer tätlichen Auseinandersetzung mit einem Juden Ende November vor Küssel und weiteren 15 Anwesenden gesagt haben: „Aber es war saugeil, Oida, wirklich. Du hättest dem Juden sein Scheißg’sicht sehen müssen, Oida, wirklich, Oida. Wie wenn er vor Mauthausen, Oida, neben einem Heizofen steht. Wirklich, so hat er geschaut. Hurensjude, Oida.”
In einem anderen Gespräch mit Vereinskollegen soll Küssel laut Hausdurchsuchungsanordnung gesagt haben, dass es das „Judenproblem” selbstverständlich gebe. Mitte März habe er die in großer Runde Anwesenden, die „wir sind Adolf-Hitler-Hooligans” gerufen hätten, aufgefordert, „sich mit NS-Gschichtln ein bissl zurückzuhalten. Weil das fällt alles am Kopf.” (derstandard.at, 10.9.25)
Durchsucht wurde u. a. das Erdgeschoßlokal der Ferialverbindung „Imperia“, das seit Jahrzehnten als Treffpunkt von Szeneakteure gilt – mittlerweile ebenfalls des gewaltbereiten Neonazi-Nachwuchses von „Tanzbrigade Wien“ und „Division Wien“. Es sind in der Nähe der Immobilie mehrere gewalttätige Übergriffe der „Jungnazis“ dokumentiert – zuletzt nach der Identitären-Demo auf zwei junge Männer.
Der Anfang: Der Hauskauf und der Einstieg der Szene
Der braune Knotenpunkt entstand Ende der 1990er. Laut Recherchen von News (7/2007, 15.2.07, S. 32) habe der Neonazi Wilhelm E. 1997 mit einem Kredit der Immo-Bank das Haus erworben. Das „profil“ (19/2009, 4.5.09, S. 36 ) schrieb, die Immobilie sein von E.s Vater ersteigert worden. Fakt ist: Ab 2001 verkaufte E. Wohnungen an Akteure aus der Szene der damals bereits zerschlagenen „Volkstreue außerparlamentarische Opposition“ (VAPO): Gottfried Küssel kaufte vier Wohnungen zum auch damals günstigen Kaufpreis von 1.153.720 Schilling (bar bezahlt), zwei davon blieben bis jetzt in seinem Besitz. 2002 folgte Felix B. mit einer Wohnung, im selben Jahr erwarb Stefan T. ebenfalls vier Wohnungen. T. betrieb an der Adresse eine Kommanditgesellschaft, Kommanditist war Wilhelm E.. Mit den Transfers verfestigte sich das Haus als Besitz- und Infrastrukturcluster der Szene.
Vom „Bioladen“ zum „Reichskeller“ und Neonazis als Liftwarte
Im Erdgeschoß betrieb Küssels Frau den „Nationalen Bioladen Naturnah“, der Gewerbeschein lief auf Küssels Schwiegermutter. Parallel dazu hatte sich über eine Vereinskonstruktion die „Wiener akademische Ferialverbindung Reich“ gebildet. In den auch gestern durchsuchten Parterreräumlichkeiten war der „Reichskeller“ untergebracht.
Wie stark die Szene in der Liegenschaft verankert war, zeigte ein jahrelanger Konflikt um die Hausverwaltung, den profil (19/09) detailliert dokumentierte. Wilhelm E. und sein früherer Weggefährte Elmar D. (Magnum Immobilien) lieferten sich einen erbitterten Zivilstreit. Im Verfahren traten Küssel und B. als „Liftwarte“ auf. Neue Wohnungseigentümer*innen, die sich im Zuge eines Dachausbaus eingekauft hatten, sprachen laut „profil“ von „Geiseln“ der alten Seilschaften.

Vom „Reich“ zur „Imperia“ – Kontinuitäten bis heute
Nach den Alpen-Donau-Ermittlungen verschwand Küssels „Reich“. 2013 trat an derselben Adresse die Ferialverbindung „Imperia Wien“ auf – mit personellen Überschneidungen im Küssel-Umfeld. Ebenfalls an Küssels Wohnungsadresse gemeldet: der knapp nach Küssels letzter Haftentlassung eingetragene „Verein für Kultur und Kunstschaffende“.


Akteure der alten Garde haben sich öffentlich sichtbar während der Pandemie als „Corona-Querfront“ wieder auf der Straße getroffen. Hinzugestoßen waren jüngere Neonazis, wie „Österreich Rechtsaußen“ 2022 ausführlich dokumentierte.
Nun bleibt abzuwarten, wer für welche Delikte konkret angeklagt wird und vor allem, ob die Liegenschaft weiterhin als Szenetreffpunkt existieren wird – bis irgendwann wieder der Staatsschutz vor der Türe stehen und erneut ein bedeutender Schlag gegen die Neonazi-Szene verkündet werden wird.
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