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Lesezeit: 3 Minuten

Herwig Nachtmann: Nachrufe für einen neonazistischen Kader

Her­wig Nacht­mann ist am 18. Juni 2026 gestor­ben. Rechts­extre­me und deutsch­na­tio­na­le Kanä­le wür­di­gen ihn als „Frei­heits­kämp­fer“, „Bur­schen­schaf­ter“ und „Patrio­ten“. Der kri­ti­sche Blick auf sei­nen Lebens­lauf führt hin­ge­gen durch zen­tra­le Milieus des öster­rei­chi­schen Rechts­extre­mis­mus: Süd­ti­rol-Ter­ror, NDP, Aula-Ver­lag und NS-Apologie.

29. Juni 2026
Nachrufe auf Herwig Nachtmann
Nachrufe auf Herwig Nachtmann

Die Szene trauert um Herwig Nachtmann

Die rechts­extre­me „Jun­ge Akti­on“ aus Süd­ti­rol ver­öf­fent­lich­te ein Schwarz­weiß-Sujet mit Nacht­manns Por­trät und dem Text: „In stil­lem Geden­ken an Her­wig Nacht­mann: Frei­heits­kämp­fer, Bur­schen­schaf­ter und Tiro­ler Patri­ot.“ Nor­bert Weid­ner, wie Nacht­mann ehe­ma­li­ger Schrift­lei­ter der „Bur­schen­schaft­li­chen Blät­ter“, schrieb auf X, die Deut­sche Bur­schen­schaft ver­lie­re einen „geschätz­ten Ver­bands­bru­der, Kame­ra­den, Publi­zis­ten und enga­gier­ten Ver­fech­ter für ein eini­ges Tirol“.

Die aus Süd­ti­rol stam­men­de FPÖ-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Gud­run Kof­ler füg­te hin­zu: „Für sei­ne Über­zeu­gung nahm er Ver­fol­gung, Haft und per­sön­li­che Opfer auf sich, doch sei­ner Hei­mat und sei­nen Idea­len blieb er stets treu.“ Mit „Haft“ meint Kof­ler einen ein­mo­na­ti­gen Auf­ent­halt in einem „öster­rei­chi­schen Ker­ker“, wie es der Obmann des Süd­ti­ro­ler Hei­mat­bunds bezeichnet.

Die­se Nach­ru­fe zei­gen bei­spiel­haft, wel­ches Per­so­nal in der extre­men Rech­ten erin­ne­rungs­po­li­tisch ver­wend­bar bleibt. Die „Jun­ge Akti­on“ steht laut Süd­ti­rol News (17.4.25) unter Ermitt­lun­gen der Digos, der Staats­schutz­ab­tei­lung der Quäs­tur Bozen. Rai Süd­ti­rol (17.4.25) berich­te­te, die Grup­pe nen­ne sich selbst „Speer­spit­ze der volks­treu­en Jugend in Süd­ti­rol“ und ver­wen­de in Vide­os eine Bild­spra­che, die ein Exper­te mit Wehr­sport-Tra­di­tio­nen verknüpft.

Der Süd­ti­ro­ler Hei­mat­bund (SHB) ver­ab­schie­de­te Nacht­mann als „Frei­heits­kämp­fer“ und ver­wies auf sei­ne Rol­le in den Süd­ti­rol­pro­zes­sen der 1960er-Jah­re. Nacht­mann wur­de wie auch Nor­bert Bur­ger in Graz 1965 zwar frei­ge­spro­chen, aber bei einem Pro­zess 1970 in Flo­renz in Abwe­sen­heit ver­ur­teilt. Aus­ge­lie­fert wur­de er jedoch nicht. Zugleich erklär­te SHB-Obmann Roland Lang, es ste­he sei­nem Ver­ein nicht zu, über Nacht­manns spä­te­res poli­ti­sches Leben zu urtei­len. Die­se galan­te Aus­las­sung betrifft die Fort­set­zung einer poli­ti­schen Sozia­li­sa­ti­on im deutsch­na­tio­na­len und rechts­extre­men bzw. neo­na­zis­ti­schen Milieu.

Korporationen, NDP und Aula

Her­wig Nacht­mann, gebo­ren 1940, war Alter Herr der aka­de­mi­schen Bur­schen­schaft Bri­xia Inns­bruck, laut Par­te Mit­glied in sechs wei­te­ren Kor­po­ra­tio­nen und „Ehren­band­trä­ger” des Öster­rei­chi­schen Pennälerrings.

Das DÖW doku­men­tier­te frü­he Akti­vi­tä­ten im Umfeld der neo­na­zis­ti­schen Natio­nal­de­mo­kra­ti­schen Par­tei: 1972 wur­de in den „Natio­nal­de­mo­kra­ti­schen Nach­rich­ten“ berich­tet, Nacht­mann sei wei­ter mit der Füh­rung des NDP-Lan­des­ver­bands Tirol beauf­tragt, 1975 wur­de er als Kon­takt­per­son der Tiro­ler Jun­gen Natio­nal­de­mo­kra­ten angegeben.

1978 unter­zeich­ne­te Nacht­mann einen Auf­ruf für eine Gene­ral­am­nes­tie für NS-Ver­bre­chen, 1980 refe­rier­te er bei der Poli­ti­schen Aka­de­mie der AFP, 1981 nahm er als Ange­hö­ri­ger der „Kame­rad­schaft der ehe­ma­li­gen Süd­ti­ro­ler Frei­heits­kämp­fer“ am Begräb­nis von Karl Dönitz teil, dem von Hit­ler ein­ge­setz­ten Nach­fol­ger. Von 1982 bis 1995 war er Geschäfts­füh­rer des Aula-Ver­lags, von 1992 bis 1995 Schrift­lei­ter der „Aula“.

Verbotsgesetz-Verurteilung mit Folgen

Die zen­tra­le juris­ti­sche Mar­ke in Nacht­manns Bio­gra­fie ist eine Ver­ur­tei­lung nach dem Ver­bots­ge­setz. Nacht­mann wur­de als dama­li­gem Aula-Schrift­lei­ter vor­ge­wor­fen, mit dem Abdruck des Arti­kels „Natur­ge­set­ze gel­ten für Nazis und Anti­fa­schis­ten“ gegen § 3h Ver­bots­ge­setz ver­sto­ßen zu haben. Der Text stell­te Wal­ter Lüftls holo­caust­leug­nen­de Schrift, den soge­nann­ten „Lüftl-Report“, apo­lo­ge­tisch dar: Lüftls Gas­kam­mer­leug­nung wur­de in der „Aula“ als „Mei­len­stein auf dem Weg zur Wahr­heit“ bezeich­net. Nacht­mann wur­de 1996 in zwei­ter Instanz rechts­kräf­tig zu 192.000 Schil­ling (fast 14.000 Euro) Geld­stra­fe und zu einer Frei­heits­stra­fe von acht Mona­ten bedingt verurteilt.

Nach Nacht­manns Ver­ur­tei­lung stell­ten das Land Stei­er­mark und die loka­le FPÖ ihre Unter­stüt­zungs­zah­lun­gen für die Aula ein, und meh­re­re Autoren kehr­ten der Zeit­schrift den Rücken. Die Blatt­li­nie ver­eng­te sich wei­ter in Rich­tung rechts­extre­me Sze­ne. Sein Nach­nach­fol­ger Mar­tin Pfeif­fer erhielt auf­grund die­ser Linie im letz­ten Dezem­ber mit einer (noch nicht rechts­kräf­ti­gen) Ver­ur­tei­lung zu vier Jah­ren unbe­ding­ter Haft eine saf­ti­ge juris­ti­sche Quittung.

Nach der „Aula“ blieb Nacht­mann dem Milieu treu: Von 2005 bis 2008 agier­te er als „Schrift­lei­ter“ der „Bur­schen­schaft­li­chen Blät­ter“, dem Ver­bands­or­gan der Deut­schen Bur­schen­schaft. 2006 trat er als Red­ner beim „Palm-Geden­ken” in Brau­nau auf und ern­te­te für sei­ne Wor­te Applaus aus dem neo­na­zis­ti­schen Milieu. Sein letz­ter von uns nach­voll­zieh­ba­rer Auf­tritt fand bei sei­ner Ver­bin­dung, der Inns­bru­cker Bri­xia, im Jahr 2022 statt. Dort rede­te er als „Zeit­zeu­ge” mit ande­ren Sze­ne­grö­ßen über die „Süd­ti­ro­ler Feu­er­nacht“.

Die FPÖ Salzburg bezeichnet Herwig Nachtmann als "freiheitliches Urgestein" (Screenshot FB 30.4.26)
Die FPÖ Salz­burg bezeich­net Her­wig Nacht­mann als „frei­heit­li­ches Urge­stein” (Screen­shot FB 30.4.26)

Damit erklä­ren sich auch die aktu­el­len Trau­er­be­kun­dun­gen. Der Süd­ti­rol-Mythos – rea­li­ter der Süd­ti­rol-Ter­ror – wird betont, von NDP, Aula, Holo­caust­leug­nung und Ver­ur­tei­lung ist nicht die Rede. Die extre­me Rech­te erin­nert an das, was sie ver­wer­ten kann: Opfer­po­se, „Hei­mat­kampf“, Män­ner­bund und publi­zis­ti­sche Aus­dau­er. Der Rest wird ausgespart.

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Schlagwörter: AFP/BfJ | Burschen-/Mädelschaften/Korporationen | FPÖ | Freilich/AULA | Neonazismus/Neofaschismus | Rechtsextremismus | Südtirol | Tirol | Verbotsgesetz | Wiederbetätigung

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