Sendung „Dreiländereck: Die Antifa – Schattenarmee der Linken“
Teil 1 zu „Kontrafunk“ beschäftigt sich mit Strukturen, Personalien und politischer Ausrichtung des Webradios. Teil 2 schaut anhand der Analyse einer Sendung auf das, was Kontrafunk tatsächlich liefert: Deutungsmacht per Unfug.
Die Sendung „Dreiländereck: Die Antifa – Schattenarmee der Linken“ (22.10.25) wird von Florian Machl moderiert. Zu Gast: Der deutsche Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen, der Schweizer Journalist Ronnie Grob und der Kärntner Ex-FPÖ-Gemeinderat Heinrich Sickl. Machl rahmt das Thema gleich so, wie man es im rechten Diskurs gerne hat: Die „Antifa“ als Helfertruppe aller Linken, die „zunehmend Gewalt“ anwende. Maaßen spielt den Adjutanten und bezeichnet die „Antifa“ durchgehend als „Terror- und Knüppeltruppe“ der politisch Linken. Die Runde kippt damit ab Beginn in ihr eigentliches Metier: Verdacht und Anschuldigungen ohne Beleg.
„Standard-Journalist:innen“ als Feindbild: Sickls frei erfundene „Verknüpfung“
Irgendwann meint Machl, nun müsse man auch über die Medien reden und übergibt an Sickl, der in gebrochenem Deutsch fabuliert: „Da gibt es ja mehrere Journalisten, der Fabian Schmid und Colette Schmidt, die fast ausschließlich da arbeiten in der Recherche. Es hat ja auch diesen Verdacht gegeben, der sich mir erhärtet hat, dass also Standard-Journalisten auch hier bei ‚Stoppt die Rechten‘ und überall dort schreiben. Man kann fast davon ausgehen, dass hier die Verknüpfung da ist. Die sind ja auch immer bei diesen Demonstrationen dabei, an vorderster Front.“
Das ist schlicht erfunden und als Methode durchsichtig: Wer Inhalte nicht widerlegen kann, markiert die Absender. Aus Recherche wird „Verknüpfung“, aus Quellenarbeit „Zusammenarbeit“, aus Journalismus „vorderste Front“. Der „Standard“ dient als Feindbild, „Stoppt die Rechten“ als Etikett.
Sickls „Verdacht“, der sich ihm „erhärtet hat“ (wie eigentlich?), ist Selbstentlarvung: Er zeigt, wie rasch der rechte Diskurs in eine Fantasiewelt flüchtet, sobald journalistische Arbeit am eigenen Milieu unangenehm wird. Wer überall „Schattenarmeen“ halluziniert, muss irgendwann auch Journalist:innen zu Schattenkämpfern erklären.
Sporrer und Peršmanhof als Kulisse für rechte Narrative
„Kontrafunk“ braucht Österreich-Beispiele, um die „Schattenarmee“-These zu erden. Geboten wird jedes Mal dasselbe Prinzip: Realität wird umetikettiert.
Die Justizministerin Anna Sporrer sagte auf eine Frage zur „Antifa“ sinngemäß, sie kenne die Organisation Antifa als solche nicht, wie solle man etwas verbieten, das es nicht gibt. Das ist eine juristische Banalität: „Antifa“ ist kein Vereinsregistereintrag. Machl dichtet daraus (im Verbund mit der FPÖ) eine Verhöhnung der Bevölkerung – die klassische Übersetzung von Rechtsstaat in Empörungsäußerungen.
In der Sendung dient das antifaschistische Camp Peršmanhof als Beleg für linke Strukturen, „Anwohner fühlten sich bedroht, zeigten das an“ – Welche „Anwohner“ sich wodurch bedroht fühlten, bleibt Machl genauso schuldig wie einen Beleg für die Behauptung, dass zur „Antifa“ viel Geld fließen müsse. Sein Beweisstück zum Peršmanhof könnte absurder nicht ausfallen: „Aber auf Fotos sah man zum Beispiel eine riesige moderne Bühne.“ Wie die „riesige moderne Bühne“ aussieht, ist anlässlich einer Gedenkfeier am Peršmanhof hier gut zu sehen. In der Realität war der Skandal der Polizeieinsatz. „Kontrafunk“ dreht das Ergebnis um: Nicht die staatliche Übergriffigkeit wird Thema, sondern das Camp wird zum Verdachtsgenerator.
Borodajkewycz 1965: Geschichtspolitik als „Antifa-Kontinuität“
Den perfiden Tiefpunkt erreicht Sickl, wenn er die Borodajkewycz-Affäre 1965 als „Beginn“ der „Antifa“ in Österreich erzählt, mit „Straßenschlachten“ gegen Polizei und „freiheitliche Studenten“. Das ist billige (und dumme) Geschichtsklitterung. Der zentrale Fakt dieser Affäre, den Sickl nicht einmal erwähnt, lautet: Ernst Kirchweger wurde bei einer antifaschistischen Demonstration vom Neonazi Gunther Kümel niedergeschlagen und starb kurz darauf – ein markierender Moment, weil rechte Gewalt das erste politische Todesopfer der Zweiten Republik forderte. Wer daraus eine „Antifa-Straßenschlacht“-Erzählung strickt, betreibt schlicht Täter-Opfer-Umkehr.

Der vielleicht absurdeste österreichische Teil folgt allerdings bei Machls Selbstentlastung nach rechts: Er hantiert unentwegt mit „Ich glaube, ich habe das Gefühl, in meiner Wahrnehmung“, was in zwei Aussagen gipfelt: „Also extremistische, gewalttätige rechte Ausschreitungen kenne ich persönlich überhaupt nicht“ und „Meiner Wahrnehmung nach hat sich zum Beispiel die Identitäre Bewegung nie strafrechtlich etwas zu Schulden kommen lassen.“ Obwohl beides multipel widerlegbar ist, wird rechte Gewalt als nicht existent erklärt, linke Gewalt hingegen zur allgegenwärtigen Regel. Schon alleine die Zahlen aus dem letzten Verfassungsschutzbericht belegen das Gegenteil.
Heinrich Sickl, „Experte“ für die „Antifa”
Die Sendung bekommt durch Heinrich Sickl einen unfreiwillig komischen Touch: Der Mann, der am lautesten „linke Gewalt“ herbeiredet, kommt aus einem Milieu, in dem Gewalt nie nur Theorie war. In der Sendung dient er als moralischer Schiedsrichter, der anderen „Gewaltbereitschaft“ attestiert, während seine eigene Biografie genau in jener Szene andockt, wo Gewaltbereitschaft strukturell dazugehört.
„Mit Ausdauer am rechten Rand“, titelte die „Kleine Zeitung“ (13.6.22) einen Artikel über Heinrich Sickl, der 2018 als Grazer Gemeinderat für die FPÖ angelobt worden war, obwohl – oder weil? – damals seine Vergangenheit in der Neonazi-Szene durchaus bekannt war. „Eine Jugendsünde“ sei das gewesen, lautete der Freispruch des damaligen Grazer FPÖ-Chefs Mario Eustacchio. Sickl selbst bezeichnete sich als einen, der „auf der Suche war“. „Mit dem Wahnsinn“ von damals wollte er 2018 nichts mehr zu tun haben.
Ende 2015 wurde Sickl Obmann des „Freiheitlichen Akademikerverbandes“ (FAV) Steiermark, der bis zum Ende 2018 Mehrheitseigentümer der in Teilen neonazistischen „Aula“ war. Zudem war der Alte Herr der rechtsextremen Burschenschaft Arminia Graz als Vermieter von Räumlichkeiten für die Identitären in Graz und als Teilnehmer an einer Identitären-Demo aufgefallen.
Als Nachschlag gab es 2018 für Sickl noch so etwas wie einen Todeskuss durch den standhaften Neonazi Franz Radl, der Sickl in einem Facebook-Eintrag „für sein vorbildhaftes Verhalten und sein humanitäres Engagement“ lobte.

Gemeint war eine Kundgebung am 5. Oktober 1991 vor dem Landesgericht Graz für die Freilassung von Franz Radl, der sich wegen des Verdachts der NS-Wiederbetätigung in Untersuchungshaft befunden hatte. An der von Gerd Honsik angemeldeten Demo nahmen neben Sickl und Honsik auch Gottfried Küssel und einige Dutzend weitere Neonazis teil. Deren Solidarität galt auch den von Radl damals verbreiteten Behauptungen, wonach die Gaskammern in den KZ nur nachträglich eingebaute Attrappen gewesen seien. Bei der Kundgebung wurde das Lied der Hitlerjugend „Es zittern die morschen Knochen“ gesungen – angestimmt von Küssel und Heinrich Sickl, wie der Polizeibericht vermerkte.
Sickl war damals im Umkreis der „Volkstreuen Jugendoffensive“ tätig, die als Österreich-Ableger der neonazistischen „Nationalistischen Front“ (NF) des Meinolf Schönborn fungierte. Die „Nationalistische Front“ wurde in Deutschland 1992 verboten. Auslöser war ein massiver Polizeieinsatz im Jahr davor, bei der „Gästewoche“ der „Deutschen Kulturgemeinschaft Österreich“ im steirischen Pichl. Schon 1990 war ein Dutzend NF-Aktivisten bei diesem jährlich stattfindenden Vernetzungstreffen der diversen Neonazi-Gruppen präsent. 1991 waren es noch mehr, aber auch die Staatspolizei hatte sich für eine Razzia versammelt.

Die Verhaftung des NF-Vorsitzenden Meinolf Schönborn konnten die Versammlungsteilnehmer:innen verhindern, nicht aber die Beschlagnahmung von NF-Schriften, in denen die Bildung eines konspirativen „Nationalen Einsatzkommandos“ der NF beschrieben und die Waffen-SS als Vorbild angepriesen wurde. 1988 hatte ein NF-Mitglied einen Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim verübt, bei dem vier Menschen starben.

Beitragsregelung)
- (die SS ist auch nicht mit 5,-DM monatlich ausgekommen! )” (internes NF-Papier)
Als sich im Februar 2000 Sickls Mutter, Elisabeth Sickl, als FPÖ-Sozialministerin vorstellte, wurde sie auch zur politischen Orientierung ihres Sohnes befragt: Mit seinen Neonazi-Aktivitäten sei sie unglücklich gewesen, aber mittlerweile habe ihr Sohn den Absprung geschafft und sei „nur mehr Mitglied einer schlagenden Verbindung“. Eigentlich bei zwei: neben der Arminia in Graz auch noch bei der „wehrhaften pennalen Burschenschaft Tigurina“ im Kärntner Feldkirchen, deren Website mit widerlichen SS-Witzen und sexistischen Sprüchen aufwartete. Als Medien darauf aufmerksam wurden, ging die Seite offline und fiel 2019 mit einem Video auf, dem das DÖW „NS-Koketterie“ attestierte.

„Heil Ostmark”
Vom Arminen Sickl ist aus dem Jahr 2001 – da war er bereits 28 Jahre alt – eine bezeichnende Aussage überliefert. Im Zuge eines Richtungsstreits in seinem Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB), weil ein wegen versuchten Mordes gesuchter Neonazi auf der Bude der Münchner Burschenschaft Danubia Unterschlupf gefunden hatte, kommentierte Sickl die Distanzierungsversuche so: „Die DB muss sich nicht überallhin abgrenzen – Sie kann stolz sein auf ihre Grundsätze Ehre, Freiheit, Vaterland und braucht sich nicht verstecken.“ (zit. nach recherchegraz.noblogs.org, 15.10.16) Die dauernde Abgrenzung gegen Rechts gehe ihm schon auf die Nerven. Rechts sei weder gewalttätig noch rassistisch, zitiert ihn „Recherche Graz“.
Heinrich Sickl war als Obmann des FAV Steiermark nicht nur mit der „Aula“ verbunden, sondern auch FAV-Verbindungsmann in die offen rechtsextreme Szene mit Veranstaltungen wie der FAV-Seminarserie „Sturm auf Europa“ und der „Herbstakademie“ gemeinsam mit dem „Institut für Staatspolitik“ des Götz Kubitschek.
Sickl löste als Geschäftsführer der Eigentümerin des Aula-Nachfolgemagazins „Freilich“, die „Freilich Medien GmbH“ wenige Tage vor Beginn des Prozesses gegen die „Aula“ auf und gründete die „Edition Kontext GmbH, in der er nun selbst als Alleingesellschafter und Geschäftsführer fungiert.
Maaßen: Unsinn, sauber verpackt
Hans-Georg Maaßen liefert die große deutsche Legende und versucht, seine Behauptungen mit vermeintlicher Distanz zum Gesprächsobjekt „Antifa“ sauber zu verpacken: Er kramt in der Geschichte, landet komplett daneben, als er etwa sagt, der Schöpfer des Antifa-Logos sei „ein linker Bauhaus-Künstler, nämlich Max Gerhard“, gewesen, wobei ihm zu genügen scheint, dass „Gerhard“ irgendwie so klingt wie der reale Name des Grafikers, der Gebhard hieß; dann die in der Weimarer Republik gegründete Antifa, für Maaßen die KPD-„Terrortruppe“ mit Arm zur SPD (wobei ihm das Wort „Terror“ für das Nazi-Regime nie über die Lippen kommt) plus verdrehte Personalgeschichten als politische Keule.
Und weil Machl Maaßen in der Sendung zum Opfer des „Systems“ stilisiert („Nachdem er eine Meinung äußerte, welche von jener der ehemaligen Kanzlerin Angela Merkel abwich, geriet er im etablierten System in Ungnade“), lohnt ein Realitätsabgleich: Die Kontroversen um Maaßen als Verfassungsschutzpräsident drehten sich nicht um eine harmlose abweichende Meinung, wie Machl behauptet, sondern u.a. um seine öffentlichen Skandalaussagen zu Chemnitz („Hetzjagd“-Debatte) und die politische Vertrauensfrage, die daraus wurde.
Fazit und ein Rat
Nur wenige der Unfug-Beispiele aus der„Dreiländereck“-„Antifa”-Sendung sind hier angeführt. Sie liefert keine Analyse, sondern ein Handbuch rechter Diskurstechnik: Journalismus wird zur „Verknüpfung“ mit der „Antifa“ umgelogen, Rechtsstaat zur „Verhöhnung“ umetikettiert, antifaschistische Bildungs- und Aufklärungsarbeit werden zur Bedrohung umgedeutet, und die eigene Szene wird biografisch wie historisch aus der Gewaltgeschichte herausretuschiert.
Einen Rat hat Sickl noch zum Schluss als Rezept gegen die „Antifa“ parat: Man müsse „diese Strukturen [der Antifa] noch mehr öffentlich machen“. Mit dermaßen wenig Sachkenntnis gerüstet muss er allerdings gut aufpassen, nicht in die Verleumdungsschiene zu geraten. Denn die könnte für ihn teuer werden.
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