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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 5 Minuten

Der Gunther und der Günther

Heu­te geht’s um Kümel, nicht um Küs­sel. Gun­ther Kümel ist etwas älter als Küs­sel. Sei­ne aktivs­te Pha­se in der Neo­na­zi-Sze­ne liegt schon Jahr­zehn­te zurück: in den 60er-Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts. Bei einer Demons­tra­ti­on gegen den anti­se­mi­ti­schen Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor Taras Boro­da­jke­wy­cz am 31.3.1965 schlug er den Pen­sio­nis­ten Ernst Kirch­we­ger mit einem Box­hieb so nie­der, dass der an den Fol­gen starb: der ers­te poli­ti­sche Tote der Zwei­ten Repu­blik. Nach einem skan­da­lö­sen Pro­zess ver­schwand Kümel rasch aus der Öffent­lich­keit. Jahr­zehn­te spä­ter tauch­te er in Deutsch­land als Rechts­extre­mer wie­der auf, zuletzt, als er beim Neo­na­zi Mein­olf Schön­born einen Vor­trag hielt.

2. Apr. 2019
Gunther Kümel bei "Recht und Wahrheit" (Screenshot Video)
Gunther Kümel bei "Recht und Wahrheit" (Screenshot Video)

Am 8. Febru­ar 2019 durf­te Kümel beim Stamm­tisch der Neo­na­zi-Zeit­schrift „Recht & Wahr­heit“ des Mein­olf Schön­born über „Selbst­be­haup­tung, die Idee des Natio­na­lis­mus“ refe­rie­ren. Der läh­mend lang­wei­li­ge Vor­trag ist sogar im Netz als Schlaf­ta­blet­ten­vi­deo abruf­bar. Erwäh­nens­wert ist die Ver­an­stal­tung nur des­halb, weil Kümel hier – so wie zuvor nur bei einer Neo­na­zi-Ver­an­stal­tung 2017 – sein Gesicht zeigt. Da bleibt auch kein opti­scher Zwei­fel mehr: Der Gunter/Gunther Kümel bzw. „Küm­mel“, der auf Vide­os aus den Jah­ren 2017 und 2019 zu sehen ist, ist Gun­ther Kümel aus dem Jahr 1965.

Im Vor­trag bei Neo­na­zi Schön­born erwähnt Kümel, der sich selbst als „Gun­ther Kümel“ vor­stellt, sei­ne Jah­re in Öster­reich nur mit der Bemer­kung, dass er dort auf­ge­wach­sen sei und stu­diert habe, wäh­rend er sei­ne Geburt in Tehe­ran 1941 aus­führ­lich bejam­mert, weil ihn sei­ne Mut­ter nach der Beset­zung des Irans durch eng­li­sche und sowje­ti­sche Trup­pen in einem „KZ“ zur Welt gebracht habe.

Anders als die in deut­schen KZ Inhaf­tier­ten kam der klei­ne Gun­ther aber zurück in sei­ne „deut­sche“ Hei­mat nach Öster­reich, wo er zu einem rabia­ten Rechts­extre­men her­an­wuchs, der mit dem 2018 ver­stor­be­nen Neo­na­zi und Holo­caust­leug­ner Gerd Hon­sik 1961 unter ande­rem an einem Anschlag mit Molo­tow-Cock­tail auf die ita­lie­ni­sche Bot­schaft und einer skur­ri­len Pis­to­len­at­ta­cke auf das Par­la­ment betei­ligt war.

Nach sei­ner Ver­ur­tei­lung wegen des Todes des alten Anti­fa­schis­ten Ernst Kirch­we­ger zu zehn Mona­ten beding­ter Haft wegen „puta­ti­ver Not­wehr­über­schrei­tung“ wur­de der Stu­dent Kümel von der Uni­ver­si­tät in Wien rele­giert (die Ent­las­sung aus dis­zi­pli­nä­ren Grün­den war damals die übli­che uni­ver­si­tä­re Maß­nah­me nach einer straf­recht­li­chen Ver­ur­tei­lung), fand aber in der Fol­ge an der Inns­bru­cker Uni­ver­si­tät wie­der eine freund­li­che Auf­nah­me und dis­ser­tier­te schließ­lich an der Uni­ver­si­tät Würzburg.

der von Kümel niedergeschlagene Ernst Kirchweger (Foto: Alfred Klahr Gesellschaft)
Der von Kümel nie­der­ge­schla­ge­ne Ernst Kirch­we­ger (Foto: Alfred Klahr Gesellschaft)

Sei­ne poli­ti­schen Spu­ren ver­lo­ren sich in den Jah­ren bzw. Jahr­zehn­ten danach. Zu Beginn der 2000er-Jah­re, mög­li­cher­wei­se auch, weil das Inter­net bzw. Goog­le alle Infos sam­mel­te, tauch­te ein Gun­ter bzw. Gun­ther Kümel wie­der auf – fast aus­schließ­lich in rechts­extre­men, anti­se­mi­ti­schen Kontexten.

Gunther Kümel 2011
Gun­ther Kümel 2011
Kümel als Referent beim rechtsextremen "Volkslehrer" (2018)
Kümel als Refe­rent beim rechts­extre­men „Volks­leh­rer” (2018)

Obwohl es nahe­lie­gend war, dass der rechts­extre­me Gun­ter oder Gün­ther oder Gun­ther Kümel aus Hes­sen ident mit dem Gün­ther Kümel aus Wien ist, konn­te Kümel so über län­ge­re Zeit Nach­for­schun­gen über sei­ne Ver­gan­gen­heit ver­mei­den. Gegen­über einem Jour­na­lis­ten, den wir auf sei­ne Iden­ti­tät auf­merk­sam mach­ten, stritt er ab, jener Gun­ther Kümel aus Wien zu sein.

Fotos des alten Gun­ther Kümel, die Ver­glei­che mit dem jun­gen ermög­licht hät­ten, gab es bis zur Rede Kümels aus 2017 über die „Befrei­ung von der Befrei­ungs­lü­ge“ nicht. Mit sei­nen Video-Auf­trit­ten 2017 und 2019 ist die Iden­ti­tät Kümels geklärt.

Günther Kümel 1965
Gun­ther Kümel 1965 (Foto Alfred Klahr Gesell­schaft)
Kümel keilte für Honsik
Kümel keil­te für Honsik
Gunther Kümel auf rechstextremer Website BRD-Schwindel
Gun­ther Kümel auf rechs­t­ex­tre­mer Web­site BRD-Schwindel
Kümel auf "Radio Ostmark"
Kümel auf „Radio Ostmark”

Aber es gibt auch Erfreu­li­ches zu berich­ten: Eine Initia­ti­ve des KZ-Ver­band­s/V­dA Wien, die von Bir­git Hebe­in in der Wie­ner Stadt­re­gie­rung ver­tre­ten wur­de, hat dazu geführt, dass Ernst Kirch­we­ger ein Ehren­hal­ber gewid­me­tes Grab am Hiet­zin­ger Fried­hof, wo Kirch­we­ger begra­ben ist, erhal­ten wird. Die Presseaussendung:

Ludwig/Hebein: Ernst Kirch­we­ger bekommt Ehren­hal­ber gewid­me­tes Grab der Stadt Wien
Gewid­me­tes Grab als kla­res Zei­chen gegen Rechts­extre­mis­mus und Neonazismus

Wien (OTS) — Der Wider­stands­kämp­fer und Anti­fa­schist Ernst Kirch­we­ger bekommt ein Ehren­hal­ber gewid­me­tes Grab der Stadt Wien. Kirch­we­ger wur­de bei einer Demons­tra­ti­on gegen den anti­se­mi­ti­schen Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor Taras Boro­da­jke­wy­cz 1965 vom Rechts­extre­mis­ten Gun­ther Kümel mit einem Box­hieb so schwer ver­letzt, dass er wenig spä­ter sei­nen schwe­ren Ver­let­zun­gen erlag. Kirch­we­ger, der sich dem Aus­tro­fa­schis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus enga­giert ent­ge­gen­stell­te, war der ers­te poli­ti­sche Tote in der Zwei­ten Republik.

„Wir freu­en uns, dass es uns in der Wie­ner Stadt­re­gie­rung gelun­gen ist, eine Initia­ti­ve des KZ-Ver­bands zu unter­stüt­zen und Ernst Kirch­we­ger ein Ehren­hal­ber gewid­me­tes Grab der Stadt Wien für sei­ne letz­te Ruhe­stät­te am Hiet­zin­ger Fried­hof zu wid­men“, so die Spit­zen­kan­di­da­tin der Grü­nen Wien, Bir­git Hebe­in. „Mit die­sem Akt ehren wir nicht nur den Anti­fa­schis­ten Ernst Kirch­we­ger, son­dern set­zen auch ein kla­res poli­ti­sches Zei­chen gegen Neo­na­zis­mus und Rechts­extre­mis­mus im All­ge­mei­nen“, beto­nen Bür­ger­meis­ter Lud­wig und Hebein.

An der ursprüng­li­chen Begräb­nis­stät­te Kirch­we­gers am Wie­ner Zen­tral­fried­hof (Urnen­hain) wird heu­te vor­mit­tag im Rah­men eines Fest­ak­tes eine Gedenk­stät­te enthüllt.

Umso betrof­fe­ner ist Hebe­in über ein Recher­che­er­geb­nis der Watch­dog-Platt­form „Stoppt die Rech­ten“, die auf­deck­te, dass Kümel in Deutsch­land, wohin er nach sei­nem Pro­zess, der mit einem Skan­dal­ur­teil von zehn Mona­ten beding­ter Haft ende­te, ver­schwand, offen­bar unter Ver­wen­dung von Pseud­ony­men nach wie vor im rechts­extre­men und neo­na­zis­ti­schen Kon­text tätig ist. „Wir set­zen daher mit die­ser post­hu­men Aner­ken­nung von Kirch­we­gers poli­ti­schem Enga­ge­ment zugleich auch einen Kon­tra­punkt zur offen­bar bruch­lo­sen poli­ti­schen Gesin­nung sei­nes Tot­schlä­gers“, unter­streicht Hebe­in. „Ich dan­ke allen, die die­se Initia­ti­ve für Kirch­we­gers Ehren­hal­ber gewid­me­tes Grab unter­stützt haben, allen vor­an Bür­ger­meis­ter Micha­el Ludwig.“

Wei­ter­füh­ren­de Beiträge:

Der Tod des Ernst Kirchweger
Atten­tat auf das Parlament
Gerd Hon­sik und sei­ne Freunde
Die Affä­re Borodajkewycz
Taras Boro­da­jke­wy­cz (I): als Natio­nal­so­zia­list bekannt
Taras Boro­da­jke­wy­cz (II): als Natio­nal­so­zia­list bekannt

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