Taras Borodajkewycz (II): „Mit Neonazismus nichts zu tun“?

Für Taras Borodajkewycz, den Professor für Sozial-und Wirtschaftsgeschichte an der Hochschule für Welthandel, gab es in seinem Leben zwei größte Tage: die Krönung von Papst Pius XII. und Hitlers Rede auf dem Heldenplatz. Durch die Mitschriften des sozialistischen Studenten Ferdinand Lacina Anfang der 60er Jahre wurde das Gedankengut, das der Professor in seinen Vorlesungen verbreitete, allmählich publik, aus dem von Studierenden Bejubelten allmählich eine Affäre.

Die Entnazifizierung schafft Borodajkewycz, obwohl illegaler Nazi, mühelos als „Minderbelasteter“. ‚Boro‘, wie ihn später seine Studenten nennen werden, kehrt wieder in das christlich-soziale Lager zurück. 1949 stellt ihm der damalige Landesparteiobmann der ÖVP-NÖ und spätere Bundeskanzler Julius Raab einen umfassenden ‚Persilschein‘ aus:

„Ich kenne Herrn Dr. Taras Borodajkewycz, Univ.Prof.a.D. (…) aus monatelanger loyaler Zusammenarbeit. Seine Bemühungen haben mit Neonazismus nichts zu tun, sondern bewegen sich durchaus im Rahmen der Gesetze und geschehen mit Wissen und Billigung der Bundesparteileitung der Österreichischen Volkspartei.“


Julius Raab verteidigt Taras Borodajkewycz

Es war die Zeit, in der ÖVP und SPÖ um die Stimmen der erstmals wahlberechtigten Altnazis warben. In Oberweis bei Gmunden trafen sich Ende Mai 1949 Spitzenfunktionäre der ÖVP mit mehr oder minder prominenten Nazis zur „Oberweiser Konferenz“. Borodajkewycz forderte dabei die Entlassung des parteiunabhängigen Justizministers Gerö und einen Präsidentschaftskandidaten der ÖVP, der auch für die ‚Nationalen‘ verträglich sei.

Es dauerte noch bis 1955, dann erhielt Borodajkewycz auch wieder eine Professur: eine außerordentliche an der Welthandel.

1956 schrieb Borodajkewycz in der Zeitschrift „Die Aktion“:

„Zu den unerfreulichsten Überresten des an Gesinnungs- und Würdelosigkeit reichen Jahres 1945 gehört das Geflunker von der ‚österreichischen‘ Nation. (…) Nur als tiefe Tragik, nicht als ein Segen für Österreich, für Deutschland und für Europa muß die Entwicklung bezeichnet werden, die unsere Verklammerung mit dem deutschen Volks- und Reichskörperlockerte und politisch schließlich ganz löste.“

Aus den Jahren 1961 und 1962 stammen schließlich die Vorlesungsmitschriften von Ferdinand Lacina, die dann in den Beitrag von Heinz Fischer für die SPÖ-Zeitschrift „Die Zukunft“, später dann für die „Arbeiter-Zeitung“ Eingang fanden und zu der Klage von Borodajkewycz gegen Fischer führten.

Vor Gericht schluckte Borodajkewycz jede Menge Kreide: Die Demokratie sei ihm von allen Staatsformen die liebste, erklärt er. Auf die Frage des Fischer-Anwaltes Rosenzweig, ob er ein Antisemit sei, antwortet er laut Gerichtsprotokoll: Es ist nicht meine Art gewesen, mich nach 1945 mit Loorbeeren (sic!) zu schmücken“ und weiter Der Einfluß der Juden war zu groß. Ich habe aber abgelehnt, was nach 1938 mit den Juden geschehen ist.“

Heinz Fischer wurde wegen Ehrenbeleidigung zu einer Geldstrafe verurteilt – das Gericht war an einer tatsächlichen Klärung der Vorwürfe nicht sonderlich interessiert. Zur gleichen Zeit schrieb Borodajkewycz wütende Pamphlete gegen die „Umerziehung“ in Deutschland und die „Entdeutschung“ der Geschichte in Österreich:

„Hier brachten die Nachkriegsjahre das makabre Erlebnis der Umerziehung, bei uns in Österreich den charakterlosen Versuch der Entdeutschung seiner Geschichte…..die Auswirkungen dieser Sünde wider die Natur im Unterricht waren und sind verheerend.“ (Beiträge des Witikobundes zu Fragen der Zeit, Band 10. 1962)

Und zu Demokratie, Revolution und Reich äußerte er sich in der rechtsextremen Zeitschrift „Neue Ordnung“ (1962) auch anders als vor Gericht:

„Die französische Revolution hat die Demokratie in einem Meer von Blut ertränkt. (…) Dennoch ist das Wort Demokratie in der Welt absolut salonfähig geworden. Daß das Dritte Reich seinen Reichsgedanken mißbrauchte, entwürdigte und mit Untaten belud, darf das Urteil über die Erhabenheit des Ersten Reiches der Deutschen nicht trüben, soll uns die berechtigte Freude an dieser Hoch-Zeit im Werden Europas nicht mindern, kann unsere gemüthafte Verbundenheit mit einer langen Sternstunde im Leben unseres Volkes nicht lockern.“

Erst als er 1964 in der deutschen Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ ein weiteres Mal vom größeren Vaterland schwärmte („Es ist nur ein Teil der gesamtdeutschen Katastrophe, daß wir deutschen Österreicher zum zweiten Male innerhalb einer Generation das größere Vaterland verloren haben.“), kam Bewegung in die Causa Borodajkewycz. Die SPÖ-Abgeordneten Karl Mark und Stella Klein-Löw stellten Anfang 1965 eine parlamentarische Anfrage an den zuständigen Minister Piffl-Percevic (ÖVP), ob er Borodajkewycznicht wegen dessen zahlreichen Verfehlungen nicht suspendieren wolle.

Piffl-Percevic reagierte – in absoluter Überheblichkeit – mit einem Klagsbegehren gegen die beiden Abgeordneten wegen Ehrenbeleidigung. Der Immunitätsausschuss des Nationalrats lehnte am 30. März 1965 die „Auslieferung“ an das Bezirksgericht ab – eine Anfrage ist der Kern parlamentarischer Immunität – und diskutierte am 31. März im Plenum des Nationalrats über Borodajkewycz, währenddessen einen Kilometer entfernt Demonstration und Gegendemonstration aufeinanderprallen und der Antifaschist Ernst Kirchweger vom Neonazi Kümel niedergeschlagen wurde.

Noch vor der parlamentarischen Behandlung der Causa wird aber das junge österreichische Fernsehen der eigentliche Treibsatz. In der Kabarettschiene „Das Zeitventil“ von Gerhard Bronner und Peter Wehle werden Zitate von Borodajkewycz in ein fiktives Interview montiert: Ein breiteres Publikum als bisher erfährt zum ersten Mal, welch Geisteskind der Professor war. Der klagt gleich wieder wegen Ehrenbeleidigung.

Wenige Tage später fandet auf der Hochschule für Welthandel eine Pressekonferenz statt. Hauptdarsteller waren der Professor Borodajkewycz, ein ÖH-Vorsitzender, der die Pressekonferenz „leitete“ und hunderte Studenten, die bei den antisemitischen Bemerkungen des Professors johlten und applaudierten. Am Abend folgte ein ausführlicher Bericht in den Fernsehnachrichten über die skandalösen Szenen. Aus der Causa Borodajkewycz wird jetzt endgültig die Affäre, die am 31. März mit der Demonstration und dem Totschlag von Ernst Kirchweger vorläufig kulminierte und mit der zwangsweisen Pensionierung des Professors im Jahr 1966 (die der Unterrichtsminister zuvor vehement ablehnte) ihren Abschluss fand.

Literatur:

  • Rafael Kropiunigg, Eine österreichische Affäre. Der Fall Borodajkewycz. Wien, Czernin-Verlag 2015
  • Erich Schmidt/Albrecht K. Konecny, „Heil Borodajkewycz!“. Österreichs Demokraten im Kampf gegen Professor Borodajkewycz und seine Hintermänner. Wien, Verlag für Jugend und Volk, 1966.

zu Teil 1: „Als Nationalsozialist bekannt“