Attentat auf das Parlament

Auf das „Reich­stags­ge­bäude“ in Berlin, in dem der Deutsche Bun­destag unterge­bracht ist, wurde am Mon­tag, 29.9., ein Bran­dan­schlag durch einen Molo­tow-Cock­tail verübt, der allerd­ings kaum Schaden verur­sachte. Der unbekan­nte Täter hat­te aus­län­der­feindliche Flug­blät­ter hin­ter­lassen. Einen recht­sex­tremen Anschlag gab es auch auf das öster­re­ichis­che Par­la­ment – allerd­ings schon im Jahr1961! Zumin­d­est zwei der dama­li­gen Täter sind nach wie vor ein­schlägig aktiv.

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Bran­dan­schlag auf das Reich­stags­ge­bäude: Der Molo­tow-Cock­tail ging von alleine wieder aus

Eigentlich waren es zwei Anschläge auf das Par­la­ment, die im Jahr 1961 verübt wur­den. Am 17. August detonierte ein Sprengkör­p­er vor dem Par­la­ment und ein weit­er­er vor der US-Botschaft in der Boltz­man­ngasse. War es die zuge­spitzte poli­tis­che Sit­u­a­tion um die neu errichtete Berlin­er Mauer, die Anschläge in Südtirol oder eine bewusste Nachricht­ensperre – jeden­falls war damals nichts in den Medi­en über diese bei­den Anschläge zu lesen.

Erst nach dem 28. Novem­ber 1961, als auf das Par­la­ment kurz nach Mit­ter­nacht mehrere Schüsse aus einem fahren­den Auto abge­feuert wur­den, durch die etliche Anrain­er aufgeschreckt wur­den, gab es Öffentlichkeit. Weil am Tatort auch ein Kar­ton mit der Auf­schrift „Die deutschen Burschen­schaften wer­den kämpfen“ mit einem Stoff­band in den Far­ben Schwarz-Rot-Gold (die Far­ben der „Olympia“) gefun­den wurde, beschle­u­nigte dieser Fund auch das Ver­bot der Burschen­schaft „Olympia“, die wegen der Beteili­gung etlich­er ihrer Burschen an den Südtirol-Atten­tat­en und an einem Marsch mit Nazi-Gegröle über die Ringstraße ins Zen­trum polizeilich­er Ermit­tlun­gen gekom­men war.

Die all­ge­meine Stim­mung gegenüber Neon­azis war damals erschreck­end ver­harm­losend – als „Nazi­laus­buben“ oder „Radaubrüder“ wur­den sie sog­ar von der Parteizeitung der SPÖ , der „AZ“ bezeichnet.

Als dann Ende Dezem­ber 1961 die ersten zwei Ver­haf­tun­gen wegen der Schüsse auf das Par­la­ments­ge­bäude stat­tfan­den, wurde rasch klar, dass wesentlich mehr Anschläge auf das Kon­to der bei­den ver­hafteten Neon­azis, Gerd Hon­sik und Gün­ter P., gingen:

  • Am 28. Mai bracht­en sie vor der ital­ienis­chen Botschaft einen Sprengkör­p­er zur Explosion.
  • Am 14. Juni schleppten sie einen (sow­jetis­chen) Kranz vom Helden­denkmal weg.
  • Am 25. Juli wurde ein Sprengkör­p­er vor dem Büro der ital­ienis­chen Flugge­sellschaft zur Det­o­na­tion gebracht.
  • Am 17. August erfol­gten dann die Sprengkör­p­er-Det­o­na­tio­nen vor dem Par­la­ment und der US-Botschaft.
  • Am 8. Okto­ber wur­den Schüsse auf die ital­ienis­che Botschaft und
  • am 28. Novem­ber auf das Par­la­ment abgefeuert.

Die „Illus­tri­erte Kro­nen­Zeitung“ schaffte es den­noch in ihrem Bericht am 29.12.1961, den sie noch reißerisch mit „‘Hitlers Nach­fol­ger‘ schoß auf das Wiener Par­la­ment“ titelte, die Ver­hafteten als „Wirrköpfe“ abzu­tun und dem all­ge­meinen Tenor, dass die Gefahr nicht unter­schätzt wer­den dürfe, entsch­ieden zu widersprechen:

„Wie sich nun zeigt, hat die Affäre keine echt­en poli­tis­chen Akzente. Es han­delt sich lediglich um die Aktio­nen krankhaft gel­tungs­bedürftiger junger Leute.“ (Kro­nen­zeitung, 29.12.1961)

Über die poli­tis­che Sozial­i­sa­tion der bei­den ver­hafteten Atten­täter wurde zunächst sehr wenig bekan­nt, nur deren Mit­glied­schaft in der pen­nalen (deutschna­tionalen) Verbindung Marko­man­nia. Mit der Fes­t­nahme von zwei weit­eren, am Schus­sat­ten­tat auf das Par­la­ment beteiligten Per­so­n­en, Gun­ther Kümel und Rain­er B., änderte sich das. Gunter Kümel, der dann 1965 wegen „Notwehrüber­schre­itung“ gegenüber dem Antifaschis­ten und Kom­mu­nis­ten Ernst Kirch­weger zu skan­dalösen zehn Monat­en Haft verurteilt wurde, war schon – so wie Gerd Hon­sik – einige Jahre in der recht­sex­tremen Szene aktiv gewe­sen. Kümel hat­te sich bere­its als Mit­telschüler an Aktio­nen des neon­azis­tis­chen „Bun­des heimat­treuer Jugend“ von Kon­rad Windisch beteiligt. Wegen ein­er Stinkbombe­nak­tion beim sozial­is­tis­chen Maiauf­marsch war er auch schon vor Gericht, aber wegen man­gel­nder geistiger Reife“ nicht verurteilt wor­den. Sowohl Gerd Hon­sik als auch Gun­ther bzw. Gün­ther Kümel sind auch heute noch in der recht­sex­tremen Szene aktiv.

Die Schüsse der Recht­sex­tremen auf das Par­la­ment wur­den am Rande auch im „Hohen Haus“ debat­tiert. Die „Kro­nen Zeitung“ berichtete am 30.11. 1961, dass es am Vortag zu hefti­gen Debat­ten gekom­men sei:

„Es hätte nicht viel gefehlt und einige Abge­ord­nete wären hand­grei­flich gewor­den. Den Startschuß zu dem Wirbel gab ein ÖVP-Abge­ord­neter, der in einem hin­ter­gründi­gen Zwis­chen­ruf der Frei­heitlichen Partei (FPÖ) eine Verbindung mit jenen unbekan­nten Pis­tolen­helden unter­stellte, die in der Nacht auf Dien­stag neun Schüsse gegen das Par­la­ment abge­feuert hat­ten. Einem ÖVP- und einem FPÖ-Abge­ord­neten wur­den später Ord­nungsrufe erteilt.“

Zu diesem Zeit­punkt war die Ein­schätzung des ÖVP-Abge­ord­neten vielle­icht gewagt, aber mit­tler­weile wis­sen wir es besser.